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26. August 2015

Ausgeboomt

Ein Trend, der eigentlich nie einer war. Von Tom Borg

Wenn man es recht bedenkt, dann war die Web 2.0 Idee von "Mach eine Webseite und die Besucher bringen Dir haufenweise Inhalte" ein echter Reinfall. Profitiert haben davon eigentlich nur wikipedia und einige soziale Netzwerke, die wie Pilze hervorschossen und genauso schnell auch wieder verdorrten. Für Trittbrettfahrer hat es sich erst mal ausgeboomt.

Ein Trend ist etwas, dem jeder hinterher hechelt, obwohl keiner ihn wirklich braucht. Denn bis alle den Trend erkannt haben, ist er längst keiner mehr. In diesem Sinne kam ein vielbeschworener Trend eigentlich nie wirklich in Deutschland an: Web 2.0.

Doch unter den Webmastern war es vor einigen Jahren der Tipp schlechthin: Mach auf Web 2.0 - und du hebst ab ohne Ende. Begrenzt waren die Erfolge letztlich dann aber doch. Denn zum einen wusste eigentlich keiner so recht, was Web 2.0 eigentlich meint. Und zum anderen brauchte keiner Web 2.0, denn Daten direkt auf der Seite editieren, war sowieso in, und Blogs wie auch Kommentare fluteten das Web, ohne dass es den Webseiten nennenswert viel gebracht hätte.

Im Gegenteil: Kommentare wurden schnell zum Bumerang. Webmaster hatten Kommentierungen zu kontrollieren, moderieren und überhaupt - als Webmaster ist man eh verantwortlich für jeden Blödsinn, den Anwender auf der Seite machen. Inzwischen gehen viele Seiten dazu über, die Möglichkeit des Kommentierens drastisch einzuschränken oder ganz einzustellen. Der Wartungsaufwand ist einfach zu hoch im Vergleich zum Nutzen - und das Risiko einer Abmahnung lauert überall.

Wenn man es recht bedenkt, dann war die Idee von "Mach eine Webseite und die Besucher bringen Dir haufenweise Inhalte" ein echter Reinfall. Profitiert haben davon eigentlich nur wikipedia und einige soziale Netzwerke, die wie Pilze hervorschossen und genauso schnell auch wieder verdorrten.

Und dann kam Facebook und fegte alles weg. Ein Account musste her, ein LIKE-Button war Pflicht und eine Support-Seite auf Facebook sowieso. Doch dann mehrten sich die Abmahnungen rund um das Geschwisterpärchen LIKE und SHARE - und den Webmastern verging die Lust auf Facebook. Aber Dabeisein war noch immer Pflicht, denn schließlich vermutete man auf Facebook all die Millionen an Kunden, die bisher noch nicht zur Vergrößerung des Kontostandes beitrugen.


Facebook macht das schon


Inzwischen kommt jedoch Ernüchterung auf. Facebook wächst zwar immer noch, die Reinkarnation Instagram sowieso, aber dafür geht der Nutzen für normale Unternehmen in den Keller. Facebook schottet sich immer weiter ab und übernimmt immer mehr selbst. Wirklich interessant ist Facebook nur noch für Markenfirmen und vor allem Personen, denen es einzig darum geht, im Gespräch zu bleiben. Nur verkauft hat man deshalb noch lange nichts.

Auch das Negativimage scheint Facebook nicht zu schaden. Der Konzern wächst und wächst - und walzt alles platt, das im Wege steht. Derzeit bekommt sogar Googles Vorzeigeprojekt Youtube kalte Füße. War es bisher gern gesehen, dass Mitglieder auf Facebook Videos von Youtube teilen, zieht Facebook nun seinen eigenen Service auf und sperrt Youtube indirekt aus. Teilen darf man die Videos nach wie vor. Nur tauchen sie immer seltener in den Timelines auf - und schon gar nicht ganz oben. Facebook bevorzugt eigene Videos. Youtuber haben inzwischen nachgerechnet: Wird das gleiche Video von Youtube geteilt und auf Facebook direkt hochgeladen, dann wird der Upload derzeit gute 25% häufiger angezeigt und dementsprechend auch häufiger geliked und weiter geteilt. Das dumme daran ist: Auf Facebook gibt es (derzeit) keine Werbebeteiligung für die Videoproduzenten.

Ähnlich sieht es auch für Firmen aus. Eine Zeitlang war es die Hauptbeschäftigung der PR-Abteilung, täglich mehrere Artikel oder Webseiten auf Facebook zu teilen, damit sie sich dort verbreiten und für Werbung sorgen. Es ging darum, "die Menschen" zu erreichen. Facebook möchte aber, dass man nur noch Freunde erreicht - oder für Werbeaktionen bezahlt. Somit muss man also Geld auf den Tisch legen oder die Kampagne verpufft in den Timelines von Leuten, die das Produkt eh schon kennen sofern Facebook es nicht gleich ganz weit unten einsortiert.

Denn wenn Facebook etwas sehr gut kann, dann das Erkennen und Reagieren auf Vorlieben seiner Mitglieder. Wer mag schon eine Timeline voll mit Werbe-Posts? Also weg damit…! Und damit verabschiedete sich gleichzeitig auch das Web 2.0 Vorzeige-Projekt von den Webmastern, die zwar weiter auf Facebook teilen, doch immer weniger Resonanz ernten. Besucher, die Facebook erst einmal hat, gibt das Netzwerk ungern wieder her. Es werden immer weniger Inhalte angezeigt, die auf externe Webseiten verweisen. Instragram ist da noch restriktiver.


Content Creation a la Facebook


Was bleibt vom einstigen Hype Web 2.0? Nicht viel. Das typische Web 2.0 Werkzeug gilt inzwischen als so selbstverständlich, dass es keinem mehr auffällt. Und die wahren Content-Fänger bleiben die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook und Instagram. Für alle anderen hat es sich ausgeboomt..!

Nein, man müsste es eigentlich noch drastischer formulieren: Normale Webseiten verlieren nicht nur eine PR-Plattform, sondern gleich ihre ganze Existenzberechtigung mit. Inzwischen haben sich zu allen Themen Communities und Pages auf Facebook gebildet. Und mag partout keiner etwas tun, dann erzeugt Facebook seine Seiten eben selbst. Städte, VIPs, Lokalitäten - Facebook hat sie fast alle. Aber in den wenigsten Fällen wurden sie von den Betroffenen eingerichtet. Nein, Facebook erzeugt solche Seiten selbst. Angefangen hatte es mit Städten, zu denen kurze Texte aus Wikipedia eingeblendet wurden, bis aus den Profilen und Post der Mitglieder genügend andere Informationen extrahiert wurden. Inzwischen legt Facebook immer schneller eigene Seiten an, wenn ein Mitglied in seinem Profil eine Firma einträgt oder einen Post a la "Essen mit ## in Mampfbude, Hamburg". Dann macht es klick: Essen? Da muss eine Gaststädte oder zumindest ein Imbiss sein. Ergo kommt eine Seite "Mampfbude - lokales Geschäft" hinzu und das ganze wird zudem unter Hamburg gelistet. Ob es die Mampfbude überhaupt gibt, das wird erst gar nicht nachgeprüft. Und möchte der Inhaber von Mampfbude eine Facebook-Seite anlegen, dann ist der Name schon vergeben. Er wird von FB dazu eingeladen, Informationen und Bilder bereitzustellen, aber die Kontrolle über die Seite bekommt er nicht. Facebook saugt alternativ Informationen aus den Posts der Mitglieder und nimmt mit seiner puren Traffic-Macht jedem Webseitenbetreiber die Motivation, überhaupt noch ein neues Projekt zu starten.

Nun könnte man meinen, dass es das Anliegen des Autors ist, über Facebook herzuziehen, doch dem ist nicht so. Im Gegenteil: Ob man Mark Zuckerberg mag oder nicht - er scheint ein cleveres Kerlchen zu sein. Seine Firma wildert systematisch in fremden Gefilden aber bleibt sich ihrer eigenen Philosophie treu. Alle, die jetzt jammern, dass ihnen Facebook das Geschäft vermasselt, die geben indirekt zu, dass sie eigentlich nie ein Geschäft hatten, keine eigene durchsetzungsfähige Idee. Sie haben eine Webseite online gestellt und Facebook mit Posts geflutet in der Hoffnung, dass Besucher auf die Webseite kommen. Jetzt wachen all jene auf und erkennen, dass sie mehr leisten müssen: sie brauchen ein eigenes Produkt, das sich selbständig vermarkten lässt - abseits von Facebook.

Damit befreit sich das Web selbständig von Ramschseiten, nachdem Google bereits zuvor SPAM-Seiten aussortiert hatte. Übrig bleiben Firmen, die mit solider Wertarbeit online oder abseits des Webs mit guter Qualität ihren Weg gehen. Selbst Google gibt immer weniger auf die sogenannten Keywords, sondern auf den Nutzen, den die Seite dem Besucher bringt. Für Trittbrettfahrer hat es sich erst mal ausgeboomt. Aber nach dem Boom ist bekanntlich vor dem Boom...