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08. August 2015

Verschenkte Freiheit

Ein gefährlicher Luxus meint Tom Borg

Wir sind gerade dabei, nichts weniger als die Informationsfreiheit zu verschenken. Die Informationsfreiheit nimmt ab bis wir sie irgendwann gar nicht mehr vermissen, weil die große Masse der Menschen meint, dass die sozialen Netzwerke alle relevanten Informationen präsentieren.

Es ist verwunderlich. In einer Zeit, wo uns gefühlt 10 Petitionen pro Tag um die Ohren fliegen, die für dieses und jenes kämpfen, geben wir kampflos etwas auf, das uns eigentlich das wichtigste sein sollte: die Freiheit, genauer die Informationsfreiheit.

Schuld daran sind vermutlich in erster Linie Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen für die Zukunft. Doch diese werden erheblich sein. Wir können sie bereits heute spüren. Doch bisher nehmen wir sie nur dann wahr, wenn sie uns wehtun, was derzeit noch nicht so stark empfunden wird, da die Schmerzpuffer hierzulande ziemlich groß sind. Größer als in anderen Gegenden dieses Planeten.

Im Februar 2015 machte eine Studie aus Indonesien von sich hören, die belegte, dass immer mehr Menschen gar nicht wissen, dass sie das Internet benutzen, wenn sie Facebook verwenden. Vor allem in den Entwicklungsländern gaben Menschen in Umfragen an, dass sie zwar Facebook genutzt haben, nicht aber das Internet. Diese Menschen haben erst gar nicht mehr gelernt, dass Facebook eigentlich nur ein Teil des Internets ist. Für sie ist Facebook die eine real existierende digitale Welt. Und das muss man immer öfter wörtlich nehmen, denn eine zweite Komponente verstärkt den Trend, oder sollte ich sagen: das Unheil.

Entwicklungsländer verfügen aufgrund ihrer vielfältigen technischen Probleme nur über schwache oder gar keine Zugänge zum Internet. Wohl aber existiert in diesen Ländern ein Mobilfunknetz für die elementare Kommunikation. Es läge nahe, die Kapazitäten dieser Netze auszubauen und Mobilfunk und das freie Internet zu einem Service zu kombinieren. Tatsächlich findet jedoch eine andere Entwicklung statt.

In armen Entwicklungsländern investieren diverse Organisationen in den Ausbau der Internetkapazitäten. Allen voran Mark Zuckerberg. Sowohl direkt als auch über sein Lieblingsprojekt internet.org investiert Zuckerberg in digitale Infrastruktur - allerdings bevorzugt aus Eigeninteresse. Denn wo Facebook draufsteht ist selten mehr drin als Facebook. Internet.org steht inzwischen massiv in der Kritik, weil neben Facebook selbst nur ganz wenige ausgewählte Dienste im Internet zu erreichen sind. Freier Zugang zum Internet? Pustekuchen. Für alles andere müssen die Anwender separate Datenpakete kaufen.

Prinzipiell könnte man mit der Kombination leben, wenn sie denn in der Praxis nutzbar wäre. Doch gerade die Ärmsten der Armen können sich diese Datenpakete nicht leisten. Das Geld reicht oftmals nur für das Handy und die Basistarife - und das darin enthaltene Facebook, denn das bekommt man gratis dazu, weil Facebook direkt einen Scheck an den Netzprovider schickt. Facebook hat inzwischen in vielen Ländern Kooperationen mit Telekommunikationsfirmen mit dem Ziel, den Kunden das Internet kostenlos bereitzustellen - und unter Internet versteht Mark Zuckerberg: Facebook, Instagram und WhatsUp. Folglich setzen viele Menschen Internet und Facebook einfach gleich.

Auf den Philippinen beispielsweise, die für ihr großes Interesse an Kommunikation und soziale Netzwerke bekannt sind, nutzen inzwischen rund 75% aller Menschen die freien Facebook-Zugänge, die aber eben primär auch nur Facebook liefern. Möchte man auf einen geteilten Link klicken, bekommt man einen Hinweis, dass man doch bittschön ein Datenpaket erwerben möchte. Wer sich das nicht leisten kann, der bleibt eben auf Facebook - und bekommt die große weite Welt so dargestellt, wie Facebook sie sieht.


Andere Länder andere Sorgen


Technische Probleme mit dem Zugang zum Internet wie sie in Entwicklungsländer an der Tagesordnung sind, kennen wir in Europa nicht. Wir sind kreativ und schaffen uns unsere eigenen Untergangsszenarien - mit freundlicher Unterstützung durch Facebooks hilfsbereite Daumenschrauben. Doch gerade letzte bemerkt man im ersten Moment gar nicht. Sie fallen erst dann auf, wenn man selbst gegen eine Wand rennt, was bei Facebook immer öfter passiert. Denn Facebook ist ein Gigant geworden, mit dem sich nicht einmal mehr Regierungen freiwillig anlegen. Und das nicht, weil sie Zuckerbergs Milliarden fürchten, sondern Facebooks Meinungsmacht.

Wir Menschen haben uns selbst so weitgehend in die Abhängigkeit von Facebook begeben, dass selbst Regierungen große Teile ihrer Bevölkerung nur noch über Facebook gezielt ansprechen können. Die Gründe dafür liegen aber nun ausnahmsweise nicht bei Facebook, sondern bei uns selbst. Das soziale Netzwerk hilft uns lediglich, unsere Bequemlichkeit effizient umzusetzen.

Primäre Ursache des globalen Übels ist unsere ureigene Sucht nach Unterhaltung, unsere "ich auch" Mentalität in Sachen soziale Netzwerke. Wir wollen einfach mit dabei sein - und gehen rein in die Netzwerke. Jahrelang dominierte Facebook die Szene. Inzwischen lässt das Interesse an Facebook vor allem bei den Jüngeren etwas nach, sie bevorzugen Instagram und WhatsUp, was aber nur dem Namen nach einen Unterschied macht, denn beide Dienste gehören zu Zuckerbergs Imperium.

Man kann nun über Mark Zuckerberg denken, was man will, aber der Mann hat Visionen für die er nicht zum Doktor muss sondern an die Börse. Als Zuckerberg anfing, für Milliarden Dollar Startsups wie Instagram und WhatsUp zu kaufen, zweifelte mancher am Sinn des Geschäfts oder gar an Zuckerbergs Geisteszustand. Doch inzwischen ist klar: es waren wohlgeplante und erfolgreiche Deals. Denn Zuckerberg wollte immer nur eines: mehr Nutzer. Sein Problem war nie die Frage wie und womit verdiene ich mein Geld, sondern wie bekomme ich noch mehr Nutzer, um noch mehr zu verdienen…

Wo die Nutzer sich tummeln, das ist Mark Zuckerberg wohl ziemlich egal, solange sie sich auf einer seiner Plattformen bewegen. Ist Facebook nicht mehr IN, dann sollen die Leute halt nach Instagram gehen, bleibt ja alles in der Familie. Und vermutlich ist es sogar noch förderlich, wenn die etwas älteren Semester auf Facebook bleiben und die jüngeren nach Instagram abwandern, denn dann lassen sich beide Plattformen noch besser auf die jeweilige Zielgruppe maßschneidern.


Informationssteuerung


Das eigentliche Drama jedoch ist die Informationssteuerung auf den sozialen Netzwerken; egal in welchem man sich auch befindet, sie alle verwenden inzwischen ähnliche Algorithmen. Erste Auswirkungen bekommen unabhängige Webseiten bereits heute zu spüren. War es früher ein allgemeines Interesse, mit möglichst vielen Likes und Shares auf Facebook Besucher auf die eigene Webseite zu bekommen, so stellt sich dies immer stärker als Sackgasse heraus. Facebook, und mehr noch Instagram, denken gar nicht daran, immer mehr Besucher zu uns schicken, sondern tun genau das Gegenteil: sie unterdrücken externe Links.

Wird ein Artikel aus einem Blog oder einer Webseite auf Facebook geteilt, so ist die Freude mehr und mehr nur noch von kurzer Dauer. Man bekommt immer weniger Likes und immer weniger Besucher von Facebook - und schon gar nicht von Instagram. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Facebook zeigt externe Inhalte deutlich seltener und weiter unten an als eigene Inhalte. Eine geile Seite machen die tausendfach geliked und geteilt wird und dann auf Besucher hoffen - das war einmal … und wird wohl nie wieder so sein… Facebook schickt seine Besucher freiwillig nirgendwo hin.

Zu spüren bekommen das inzwischen auch Youtuber, denen in Form von Facebook eine mächtige Konkurrenz entsteht, die nicht selten einfach Videos von Youtube "übernimmt". Analysen ergaben, dass man inzwischen mindestens 25% weniger Likes bekommt, wenn ein Video von extern durch Teilen eingebunden wird. Facebook bevorzugt einfach eigene Video, zeigt sie deutlich öfter und prominenter an. Ja, Facebook macht nicht einmal ein Geheimnis daraus und fordert inzwischen unverfroren dazu auf, Bilder und Videos nicht zu teilen sondern direkt hochzuladen.

Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Bei geteilten Inhalten verbleiben sämtliche Nutzungsrechte beim Urheber, sprich der verlinkten Quelle. Beim Hochladen eigener Inhalte greifen jedoch die Allgemeinen Nutzungsbedingungen mit denen jeder Facebook-Nutzer dem Netzwerk die Nutzung der Inhalte erlaubt hat. Selbst wenn ein Post auf der eigenen Wall gelöscht wird, kann Facebook diesen weiterhin benutzen. Formal solange bis die letzte Referenz erloschen ist, d.h. der letzte Nutzer, der den Inhalt geteilt oder gelikt hat entweder seinen eignen Post gelöscht oder Facebook verlassen hat. Vorausgesetzt natürlich, dieser "Fan"-Post wurde nicht selbst auch gelikt oder geteilt, denn dann geht die Kette weiter…


Meinung und Mainstream


Eigene Inhalte zu besitzen ist für Facebook ein elementares Interesse, denn eigene Inhalte, sprich alles was Nutzer auf Facebook hochladen, kann Facbook in gewinnberingende Werbeflächen umwandeln. Wie geschickt Facebook dazu die Nutzerdaten ausnutzt, zeigt sich beispielsweise auf den "Sonderseiten". Schaut man sich Profile von Nutzern an, so geben diese gerne ihre Schule, Universität oder Arbeitsstelle an, oder auch nur ihre Heimatstadt. Facebook greift diese gerne auf und legt automatisch entsprechende Seiten an. War mein letzter Arbeitgeber beispielsweise "Knast & Co. Vollzugs GmbH", dann gibt es spätestens eine Woche nach Eingabe der Daten eine FB-Seite über diesen Arbeitgeber, sofern Facebook den Fakeeintrag nicht sofort als solchen erkennt. Manche Kreationen schlüpfen (noch) durch alle Kontrollen und stellen Facebooks unkontrollierte Übernahme bloß.

Gleiches gilt für sämtliche Städte, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Wer sich nicht beeilt, selbst eine Seite anzulegen, kann sich später als Gast bei seinem eigenen Betrieb melden. Sobald jemand einen Post absetzt a la "war mit X in Y essen", weiß Facebook, dass da ein Restaurant sein muss - und legt eine Seite an. Und was noch schlimmer wirkt: Facebook verlinkt auch nicht mehr direkt auf eine eventuell existierende Webseite, sondern zuerst auf die Facebook eigene Seite, wo dann ggfs. ein Hinweise auf eine Webseite klein angezeigt wird.

Spätestens die Summe dieser Gebaren macht es für Webseiten zunehmend unattraktiver, Facebook als Werbetrommel für eine Webseite einzusetzen. Im Gegenteil: Facebook wird zur ärgsten Konkurrenz des eigenen Webauftritts, der ja schließlich auch entwickelt und gepflegt werden will, was Kosten verursacht, die je nach Art der Seiteninhalte mit deutlich weniger Besucher nicht mehr finanziert werden können. Eine gute Webseite verschwindet somit, weil sie sich kaum noch bemerkbar machen kann. Denn neben der generellen Konkurrenz besitzt Facebook, wie auch alle anderen sozialen Netzwerke, eine gewaltige Meinungsmacht, auch wenn die als solche kaum wahrgenommen wird.


Ich sehe was ich sehen wollte


Facebook selbst verbreitet keine eigenen Nachrichten im Sinne von Inhalten, die durch Facebook-Mitarbeiter erstellt werden, also jedenfalls nicht offiziell. Facebook verbreitet lediglich die Posts seiner Mitglieder, die ja zu diesem Zweck auf Facebook sind. Doch dies macht Facebook so effizient, dass dadurch recht schnell Meinungsströme entstehen.

Dass Facebook absichtlich unliebsame Inhalte ausblendet oder bewusst Meinungen bevorzugt, glaube ich persönlich nicht. Mark Zuckerberge interessiert sich primär für Macht und Geld; was die Leute denken ist ihm vermutlich total egal. Nicht jedoch, ob die Nutzer auf seinen Plattformen sich wohl fühlen. Denn nur Besucher, die ein angenehmes Surferlebnis hatten, kommen gerne wieder.

Die Folge ist: Facebook versucht, es jedem möglichst recht zu machen. Du klickst auf ein Profilbild? Moment, ich hab noch mehr davon. Ach, Männer interessieren Dich nicht? Kein Problem, wir zeigen die Frauen zuerst. Das ist keine bewusste Meinungsmache, sondern einfach nur ein intelligentes Eingehen auf unsere eigenen Vorlieben. Facebook zeigt uns was wir sehen wollen. Aber das so intelligent, dass bereits wenige Klicks genügen, um Facebook Hinweise zu geben, was wir am liebsten anschauen mögen.

Und was wir lieben, das bekommen wir. Immer mehr und immer schneller. Selbst wenn wir dem zu entkommen versuchen, geben wir einen Hinweis, weil wir auf irgendetwas klicken müssen um dem Informationsstrom eine andere Richtung zu geben. Auch der Klick wird gewertet.

Und weil unsere Freunde unsere Aktionen in ihren Timelines sehen, reagieren sie mit, d.h. ein Freundeskreis beeinflusst sich gegenseitig - und es entsteht ein Meinungsstrom, der den Interessen der Masse entspricht. Man ist plötzlich "mitten drin" und schaut was die Freunde schauen - und bekommt deshalb noch mehr davon.

Je mehr Bilder man liked, desto weniger Text bekommt man vorgesetzt - und umgekehrt. Und spätestens da wird die ganz große Gefahr sichtbar: Teilweise stumpfen unsere Sinne unbewusst ab, weil wir zu viel Zeit für Inhalte aufwenden, die wir eigentlich gar nicht mögen, bis wir sie irgendwann dann doch mögen oder zumindest akzeptieren.

Viel schlimmer ist jedoch, dass auf Facebook, Instagram & Co. kein Platz für Individualisten ist. Nur was geteilt und geliked wird, wird verbreitet. Das führt zu einer Fokusierung auf Mainstream-Meiningen zu Lasten der individuellen Beiträge aus Randthemen. Die Bandbreite der Themen reduziert sich. Gleichzeitig kann man sich als Einzelkämpfer deutlich schlechter etablieren. Denn wenn die Netzwerke weniger auf Webseiten verlinken und selbst die Posts weniger anzeigen, hat man deutlich weniger Sichtbarkeit.

Ist man auf externe Plattformen angewiesen, die wiederum auf Einnahmen angewiesen sind, so brechen auch diese nach und nach weg, weil die dicken Werbegelder dahin fließen, wo die Nutzer sind: in die sozialen Netzwerke.


Das Ende der großen Freiheit?


Dieser ganze Komplex ist eine Spirale die sich immer schneller dreht und verjüngt. So mancher interessanten Webseite geht mit den Besuchern auch die finanzielle Luft aus. Die Informationsfreiheit nimmt ab bis wir sie irgendwann gar nicht mehr vermissen, weil die große Masse der Menschen meint, dass die sozialen Netzwerke alle relevanten Informationen präsentieren.

Sarkastischerweise liefert ausgerechnet der für seine Restriktionen bekannte Iran einen Beleg für die politische Irrelevanz der modernen sozialen Netzwerke: Instagram wird derzeit weder blockiert noch überproportional überwacht. Was so viel heißt wie: wer sich da rumtreibt, der ist sowieso keine politische Gefahr. Deutlicher kann man einen Mangel an Informationsvielfalt nicht dokumentieren.

Kombiniert man diese individuellen Faktoren mit den technischen Problemen der Entwicklungsländer, dann wird schnell klar, dass schätzungsweise ein Drittel der Menschheit das freie Internet, so wie wir es gewohnt sind, erst gar nicht kennenlernen werden. Sie wachsen auf mit Facebook, Instagram und WhatsUp. Sie lernen weder die andere(n) Seite(n) der Wahrheit kennen, noch die Arbeitsweise des Recherchierens im großen Infomationshaufen des Internets. Und das schlimmste daran: sie werden es nicht einmal vermissen. Sie verlieren die Neugier, die Lust des Entdeckens in der großen weiten Welt der digitalen Informationen.

Wir sind gerade dabei, nichts weniger als die Informationsfreiheit zu verschenken. Und das wird auch uns in Europa treffen, weil die individuelle Welt der Informationsfreiheit jenseits der fetten sozialen Netzwerke immer kleiner wird. Die Kopplung von Inhalt und Distributionswege ist eine tödliche Kombination für die Freiheit von Meinung und Information. Wir lassen uns gerade darauf ein, die freie Internetnutzung gegen ein kommerziell moderiertes Unterhaltungsprogramm einzutauschen. Es wird schwer werden, das noch einmal zurückzudrehen…

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.