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20. Dezember 2015

Weihnachten in die Kirche?

Die Menschen bleiben der Kirche fern. Von Tom Borg

Es ist eine von vielen Umfragen, die tagtäglich gemacht werden. Und dennoch eine, die aufrüttelt: Mit 61 Prozent wollen fast zwei Drittel der Bevölkerung zu Weihnachten nicht in die Kirche gehen. Lediglich etwa jeder Vierte in Deutschland plant, dieses Jahr zu Weihnachten in die Kirche zu gehen.

Es ist eine von vielen Umfragen, die tagtäglich gemacht werden. Und dennoch eine, die aufrüttelt: Mit 61 Prozent wollen fast zwei Drittel der Bevölkerung zu Weihnachten nicht in die Kirche gehen. Lediglich etwa jeder Vierte in Deutschland plant, dieses Jahr zu Weihnachten in die Kirche zu gehen.

Eigentlich ist dies keine Zahl über die man sich wundern oder gar aufregen muss. Aber etwas verstörend ist es schon, wenn ausgerechnet zu Weihnachten, dem zutiefst christlich-religiösen Fest zur Feier der Ankunft Christi kein Besuch der Kirche vorgesehen ist.

Der Umfragewert liefert uns zwei grundlegende Erkenntnisse, die weder zwangsläufig zusammen gehören noch ein Widerspruch sein müssen.

Zum einen nimmt der Zuspruch der christlichen Kirchen generell ab. Da macht auch das Weihnachtsfest keinen Unterschied. Laut Umfrage besuchten nur 2 Prozent der Befragten in 2015 mindestens einmal die Woche eine Kirche, deren Bedeutung seit Jahren abnimmt. Beiden großen christlichen Konfessionen laufen die Gläubigen in Scharen davon.

Waren früher zumindest an einem christlichen Fest wie Ostern oder eben Weihnachten deutlich mehr Besucher in den Kirchen festzustellen, so lässt selbst dies inzwischen nach. Nicht einmal mehr zu Weihnachten zieht es die Mehrheit der Christen unseres Landes in die Kirche.

Interessant ist auch die Aufschlüsselung nach Altersgruppen. Speziell die jüngeren und die älteren Erwachsenen gehen häufiger in die Kirche, während die mittleren Jahrgänge eher weniger Drang nach organisiertem Glauben verspüren.

Aber auch die Religionszugehörigkeit macht einen Unterschied. Jeweils rund 40 Prozent Mitglieder der Mitglieder der Römisch-Katholischen und Evangelischen Kirche geben an, über Weihnachten einen Kirchenbesuch zu planen. Bei den Anhängern anderer christlicher Glaubensrichtungen sind es mit rund 27 Prozent deutlich weniger.

62 Prozent der Befragten gaben an, dass sie 2015 noch gar nicht in der Kirche gewesen seien.


Glauben ohne Kirche


Dabei gilt es jedoch festzuhalten: Wer aus der offiziellen Kirche, egal welcher Konfession, austritt, der gibt nicht zwangsläufig auch den Glauben auf. Im Gegenteil, oft sind es gerade die intensiv Gläubigen, die sich mit den eingefahrenen Kirchenritualen und -praktiken nicht mehr abfinden wollen.

Manche konservative Rituale lassen sich heutzutage nur noch schwer in unser modernes Leben integrieren. Dazu zählen beispielsweise lateinische Gebete und Riten. Der moderne Mensch von heute möchte verstehen, er möchte teilhaben und eingebunden sein. Unverständliche, lateinisch gemurmelte Gebete stammen jedoch aus Jahrhunderten in denen die Kirche erwartete, dass die Gläubigen einfach ergriffen glauben, spenden und wieder nach Hause gehen. Ora et labora.

Doch mit der Bildung kam auch die Neugier. Das Verlangen zu verstehen, um was es geht. Menschen, die nicht verstehen, wenden sich ab. Das ist in der Kirche nicht anders als in der Politik, wo die etablierten Parteien ebenfalls massiv Mitglieder verlieren.

Der aufgeklärte Mensch verlangt Transparenz, nicht nur in der Politik, sondern auch im Glauben. Priester, die Kinder missbrauchen, und eine Kirche, die zur Rettung ihres Ansehens versucht, solche Fälle zu vertuschen, passen nicht mehr in unsere Zeit, die es jedem einzelnen freistellt, teilzuhaben oder fernzubleiben.

Fernbleiben bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass man den Glauben aufgibt. Weder den an Gott noch den an die Demokratie. Doch während in früheren Jahrhunderten widerspruchslos hingenommen wurde, dass man etwas nicht versteht und trotzdem tut, erwartet der aufgeschlossene Mensch von heute, dass Politik und Kirche Widersprüche erklären und in letzter Konsequenz Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit auflösen. Erst wenn dies konsequent erfolgt, können Kirchen wieder mit vollen Gottesdiensten und politische Parteien mit Unterstützung rechnen. Und das gilt leider auch für das christliche Weihnachtsfest. Die Menschen werden es feiern, aber sie brauchen nicht unbedingt einen kirchlichen Segen dazu.