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05. März 2012

5,3

Keine Zahl wie jede andere. Von Tom Borg

Der sprichwörtliche feste Boden unter den Füßen eine der sichersten Annahmen in unserem ansonsten wenig vorhersagbaren Leben ist. Und wenn der plötzlich wackelt, dann erschüttert er ein Grundvertrauen und zeigt uns Menschen, wie schnell unsere als sicher empfundene Umwelt in sich zusammenfallen kann und wie schnell, alles unwichtig wird, wenn es um das nackte Überleben geht.

Es gibt im Leben eines Menschen manche Zahlen, die mit einschneidenden Folgen oder markanten Erinnerungen verbunden sind. Mit 6 Jahren kommt man beispielsweise in die Schule. Mit 18 darf man den Führerschein machen bzw. alleine Auto fahren. Den 25. Hochzeitstag sollte man tunlichst wie die 24 davor nicht vergessen. Und der 50. Geburtstag ist allemal eine Feier wert.

Für mich kam vor wenigen Wochen eine weitere Zahl hinzu: 5,3. Eine Zahl, die mich als mathematisch begeisterten Computerprogrammierer eigentlich kalt lässt. Zumal ich mit dieser und verwandten Zahlen bereits Bekanntschaft gemacht hatte. Jedoch mit einem eklatanten Unterschied: Die komplette Verwandtschaft jener 5,3 wurden immer auf der sogenannten "Richter-Skala" abgelesen. Doch diesmal hatte ich 5,3 im wahrsten Sinne des Wortes unter meinen eigenen Füssen. Und ich gebe zu, dass war ein Erlebnis, das ich nie ganz vergessen werde und mit dem ich nicht im geringsten gerechnet hatte.

Klar, mir ist bewusst, dass der philippinische Archipel auf einer tektonischen sehr unruhigen Spalte liegt und ein Großteil der 7.108 Inseln vulkanischen Ursprungs ist. Aber schwerere Erdbeben kommen trotzdem nicht allzu oft vor. Das letzte nennenswerte war letzten Sommer, einige Meilen westlich der Insel Negros, wo ich seit einem halben Jahr zuhause bin. Also sollte eigentlich für einige Jahre erst mal wieder Ruhe sein, dachte ich zumindest. Die Tektonik unter der Inselgruppe der Visayas war aber offenbar anderer Meinung und wollte mich wohl persönlich begrüßen - ganz kurzentschlossen, denn es gab keinerlei Vorwarnungen oder gar Vorbeben.

Ich saß an jenem Vormittag in einem ziemlich engen Internetcafe und war gerade fertig mit dem Kopieren von Daten, als es plötzlich leicht um mich herum wackelte. Ich dachte mir in dem Moment noch nichts Schlimmes und schaute zu meiner Nichte, die auch ganz erstaunt aufschaute. Sie murmelte etwas das wie die ungläubige Frage "Ein Erdbeben?" klang. Die Antwort kam prompt. Die Computer auf den Regalen und Tischen fingen an zu klappern und dann mit einem Mal wackelte der Boden unter den Füssen - aber richtig. Es war, als würde Mutter Natur wie mit einem Kochlöffel in einer Teigschüssel herumrühren - und wir Menschen waren leider mittendrin.

Meine Nichte rief mir zu: raus. Aber das war nicht nötig. Alles im Internetcafe war längst von den Stühlen aufgesprungen und drängte Richtung Tür. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so hautnah miterleben konnte, wie Menschen in Panik geraten. 13- oder 14-jährige Schuljungen schubsten andere zur Seite und wollten nur noch raus. Ein Wunder, das keiner hingefallen ist; über den wären tatsächlich alle hinweg gelaufen, weil es nur diese eine enge Tür gab.


Wenn die Erde bebt


Ich schnappte mir noch schnell meinen USB-Stick aus dem Rechner und lief auch zur Tür, meine Nichte im Schlepptau. Auf halben Weg fiel mir ein, dass ich meine Geldbörse, in die der USB-Stick sollte, vor der Computer-Tastatur liegen gelassen hatte. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich tun sollte. Noch mal zurück und die Geldbörse holen - oder lieber raus...? Es war verdammt ungemütlich in dem engen Gebäude, das auf meiner Seite vielleicht gerade mal gute 1,5 Meter breit war; man kam kaum an den Stühlen der sitzenden Leute vorbei. Und der Boden wackelte ganz schön heftig. Ich hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Und die philippinische Bauweise besitzt auch nicht gerade mein vollstes Vertrauen. Aber meine ganzen Ausweise waren in dem Geldbeutel. Von meiner Frau bekäme ich bestimmt einen Anschiss, wenn meine Ausweise und Bankkarte unter Schutt und Asche begraben würden... Also noch Mal zurück, Geldbörse schnappen - und dann nix wie raus.

Draußen hatte sich schon die ganze Nachbarschaft angesammelt; sie alle waren panikartig aus den Häusern gelaufen und standen da nun auf der Straße - und ich mittendrin. Wohin? Ich schaute mich um, ob irgendwo ein Haus eingestürzt war. Dabei fiel mein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite - und mir schoss durch den Kopf: Ach, du Sch... dort drüben stand die größte Tankstelle der 170.000 Einwohner Stadt, gerade mal 50 Meter entfernt. Also, nix wie weg. Aber wohin? Mein Blick ging in die andere Richtung - und der Schatten auf der Straße ließ mich nach oben schauen: Haufenweise Stromleitungen, die lässig zusammengeknüpft von einer Straßenseite zur anderen laufen. Alle 50-100 Meter... Nein, die Philippinen sind trotz ihres wackeligen Untergrunds nicht wirklich erdbebentauglich. Mit meinem Handy konnte ich auch niemanden zuhause erreichen. Also fuhr ich erst mal nach Hause. Dort angekommen stellte ich erleichtert fest, dass nichts kaputt war, alles heil und gesund, aber genauso geschockt wie all die Leute auf der Straße vor dem Internetcafe.

Da nach den gefühlt 20 Sekunden Wackeln alles wieder vorbei war, kehrte nach und nach wieder Ruhe ein. Und, seien wir ehrlich: Eine echte Lebensgefahr hatte zu keinem Zeitpunkt bestanden. Auch wenn ich einen Tag später erfuhr, dass einen Kilometer vom Internetcafe entfernt, im größten Einkaufszentrum der Stadt, wo auch wir alle paar Tage einkaufen gehen, vier Menschen durch herabfallende Teile getötet wurden, und in den Nachrichten mitgeteilt wurde, dass 120 Kilometer weiter südöstlich, an der Küste, das Beben eine Stärke von 6,9 bis 7,0 hatte. Dort gingen Brücken zu Bruch und auf Straßen klafften Risse, die locker eine Kuh verschlungen hätten. Aber irgendwie war das schon wieder so weit entfernt, dass es mich nicht mehr wirklich schockierte.

Doch, als wollte Mutter Natur mich lehren, was es heißt, Respekt zu zeigen, ging es ganz plötzlich wieder los. Nicht so heftig wie am Vormittag, aber dafür war ich diesmal in einem noch engeren Kellerraum - und der Weg nach draußen ziemlich weit. Ich wartete zwei oder drei Sekunden - und als das Wackeln nicht aufhörte, da wurde es mir doch mulmig und ich hetzte nach oben, wo Frau und Kind mit dem Rest der Familie vor dem Fernseher gesessen hatten.


Eine Mahnung der Natur


Inzwischen sind 4 oder 5 Wochen vergangen; ich weiß es schon nicht mehr so ganz genau. Über das Erdbeben wird nichts mehr berichtet und ich habe es auch vergessen oder zumindest die Erinnerung daran verdrängt. Denn mein Unterbewusstsein scheint sich schon noch daran zu erinnern. Just vor zwei Tagen saß ich wieder in einem Internetcafe, ein größeres diesmal, als es wieder für eine, oder waren es zwei?, Sekunde wackelte. Ich schaute irritiert auf und bemerkte, dass alle anderen auch verschreckt aufschauten. Für eine kurze Schrecksekunde dachten wir wohl alle das gleiche ... aber es war wohl nur ein vorbeifahrender schwer beladener LKW gewesen - und ich nicht der einzige Angsthase unter all den Einheimischen.

Und ja, ich gebe es freimütig zu, immer wenn auf der Straße vor unserem Haus ein mit Zuckerrohr vollbeladener LKW vorbei fährt und der Boden dadurch leicht vibriert, dann schrecke ich auf und schaue hoch und frage mich: kommt noch mehr? Das habe ich früher nie gemacht. Ich habe auch in Deutschland mehrfach in Straßennähe gewohnt, wo der Boden teilweise leicht vibrierte, wenn schwerbeladene Fahrzeuge passierten. Aber ich wäre nie auf solche dumme Gedanken gekommen. Bin ich jetzt ein Angsthase?

Ich meine, 5,3 sind auf der Richter-Skala nun wirklich nicht allzu viel. Aber sie fühlen sich nach verdammt viel an, wenn man sie unter den eigenen Füßen verspürt. Vermutlich auch deshalb, weil der sprichwörtliche feste Boden unter den Füßen eine der sichersten Annahmen in unserem ansonsten doch wenig vorhersagbaren Leben ist. Und wenn der plötzlich wackelt, dann erschüttert er ein Grundvertrauen und zeigt uns Menschen, wie schnell unsere vertraute, als sicher empfundene Umwelt in sich zusammenfallen kann und wie schnell, alles plötzlich unwichtig wird, wenn es um das nackte Überleben geht.

Vielleicht braucht es gelegentlich solch einen Hinweis der Natur um zu erkennen, dass es wichtigeres im Leben gibt, als Geld, Ruhm und Erfolg. Denn zumindest meine wichtigsten Wertsachen inklusive der gesamten unversicherten Büro- und Computerausstattung und aller Festplatten mit teilweise Jahrzehnte alten Datenbestände hätte ich alle verloren, wenn unser Haus tatsächlich eingestürzt wäre. Lediglich Frau, Kind und Familie - und das nackte Leben wären mir geblieben. Aber sind das nicht doch die größten Werte im Leben...