Anzeige

02. März 2012

Lieben heißt Vertrauen

Aber Vertrauen ist ein Risiko, meint Tom Borg

Wieweit soll Liebe vertrauen? Zwischen Ehevertrag und blindem Vertrauen gibt es nicht nur himmelhoch jauchzend sondern auch zwischenmenschliche Abgründe aller Art. Und starb nicht auch der siegverwöhnte Cäsar durch die Hand seines eigenen Sohnes...? Wie weit kann oder darf Liebe vertrauen?

Ich traf einmal einen reichen Mann, einen sehr reichen, einen von der Sorte, die "unsereins" sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Ein Geschäftspartner hatte mich vorgestellt, weil ich als Software-Entwickler für ein gemeinsames Projekt zuständig war. Es wurde ein denkwürdiges Gespräch. Nicht nur, weil es mein erstes Treffen mit einem "Großen" war und ich, der ich als Byte-jonglierender Computer-Mensch gerne gleich zur Sache komme, ungeduldig anhören musste, wie die Herrschaften über Golf, Urlaub und ein neu eröffnetes Hotel in Las Vegas sprachen, statt über "mein" Projekt, weshalb wir ja eigentlich zusammen kamen. Nein, das ganze Gespräch verlief merkwürdig. Ich erlebte unseren Gesprächspartner als einen sehr dominanten Mann, der es offensichtlich gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen, und der sehr genau wusste, was er wollte. Um so mehr erstaunte es mich, dass ausgerechnet dieser Mann plötzlich einem Wink seiner Bodyguards folgte, die ihn dezent von der Fensterfront zu einer anderen Seite des Saales dirigierten. Während wir mit einem Glas in der Hand gemächlich durch den Saal schlenderten als wüssten wir nicht, wohin, , muss ich wohl etwas verdutzt dreingeschaut haben, denn unser Geschäftspartner sprach mich darauf an und ich sagte gradheraus dass es mich wunderte, dass er ohne jede Rückfrage oder irgendeiner Erklärung seiner Leibwächter über das Warum und Wieso des plötzlichen Platzwechsels deren Wink folgte; schließlich war er doch der Boss. Er lachte und meinte, dass seine Bodyguards ganz klare Vorgaben hätten, welche Risiken er zu gehen habe oder wolle und bei welchen er ihren Anweisungen folgt. Auf meinen vermutlich leicht verwirrt fragenden Blick fügte er hinzu: "Meine Leibwächter lieben mich; sie würden für mich in den Tod gehen. Und ich liebe sie dafür, dass sie es tun würden. Da muss man sich gegenseitig vertrauen."

Wow, ja, Lieben heißt Vertrauen. Aber springt man dafür gleich aus dem Fenster? Ich weiß bis heute nicht, ob der Geschäftsmann wirklich im Ernstfall jede nur erdenkliche Anweisung seiner Leibwache befolgt hätte, aber mich beschäftigt die Frage bis heute: Wieweit soll Liebe vertrauen? Klar, wenn man einen Menschen liebt, so vertraut man ihm. Mit einem Ehepartner geht man gemeinsam durch's Leben - von den Flitterwochen bis zum Scheidungsrichter... Ja, und just dieser letzte Gang gibt Anlass zu den wildesten Spekulationen. Was, wenn ein Ehepartner sich diesen Gang zum Scheidungsrichter sparen möchte und eher die "bis dass der Tod uns scheidet" Variante bevorzugt? Zwischen Ehevertrag und blindem Vertrauen gibt es nicht nur himmelhoch jauchzend sondern auch zwischenmenschliche Abgründe aller Art. Und starb nicht auch der siegverwöhnte Cäsar durch die Hand seines eigenen Sohnes...? Wie weit kann oder darf Liebe vertrauen?

Seit meinem Gespräch mit jenem Geschäftsmann weiß ich, dass nicht nur Queen Elizabeth mit ihrer Handtasche ihren Bediensteten Signale gibt, auch Bodyguards geben ihren Schutzbefohlenen unscheinbare Signale, die im Ernstfall ohne Rückfrage befolgt werden sollen - bis zum sprichwörtlichen aus dem Fenster springen, weil die Bodyguards sichergestellt, haben, dass man unten gut landet, während man oben eine Kugel in den Kopf bekäme... Aber wie sicher ist jenes "sichergestellt"...? Kann es da überhaupt eine absolute Sicherheit geben? Sehr oft im Leben vertrauen wir selbst ohne "echte" Liebe nur unseren Freunden oder gar Fremden - beispielsweise wenn wir in ein Flugzeug steigen und darauf vertrauen, dass die Piloten nüchtern und bei bester Gesundheit und ausgeschlafen sind, wenn wir am Wochenende in das Auto eines Freunds steigen, um von der Disco nach Hause zu fahren, vertrauen wir darauf, dass er noch fahrtüchtig ist, ebenso bei Freunden, die uns beraten in Fragen mit denen sie sich eigentlich bestens auskennen sollten... Und wie oft wird das Vertrauen auf's Schändliste missbraucht und verraten?

Aber ohne Vertrauen stirbt die Liebe, sagt der Volksmund. Man kann nicht mit anderen Menschen zusammenleben, ohne diesen in einem gewissen Maß zu vertrauen. Aber wo zieht man die Grenze? Was sagt beispielsweise die Ehefrau eines Musikproduzenten, wenn eine sexy, leger bekleidete junge Frau leicht verschwitzt aus dem Büro des Ehemannes kommt und der kurz danach mit geöffnetem Hemdkragen und ebenfalls etwas abgehetzt und mit dem Spruch auf den Lippen: Sie hat mir einen neuen Song vorgestellt und wir haben eine passende Choreografie dazu gesucht...? Bedeutet Lieben auch dann Vertrauen? Ein Hinterfragen der Choreografie-Story könnte einen treuen Ehemann ob des mangelnden Vertrauens verletzten, kein Hinterfragen könnte hingegen auch eine bodenlose Dummheit sein...

Vertrauen ist eine notwendige Basis einer jeden Partnerschaft und Liebe. Aber wann wird aus dem beruhigenden Fundament eine gefährliche Falltür? Oder müssen wir uns damit abfinden und damit leben, dass Lieben eben Vertrauen heißt - und dies zwei Gefühle sind, die einander bedingen und doch gleichzeitig auch Stoff für unzählige Dramen und Tragödien lieferten..?