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21. März 2012

Nationalstolz

Überflüssiger Ballast?, fragt Tom Borg

Im Vergleich zu anderen Länder ist der Nationalstolz in Deutschland kaum ausgeprägt. Aber warum eigentlich? Ist das Land in dem wir leben nichts zu dessen Symbolen wir uns bekennen möchten? Ist die Nation als "große Familie" aller Bürger eines Landes nichts zu dem man gehören möchte?

Dass wir eine Nation sind, ist nicht selbstverständlich. Unsere Vorfahren haben lange dafür kämpfen müssen; viele verloren dabei ihr Leben, und diejenigen die am Ende die Fahnen schwenkten, waren von Stolz erfüllt und der Hoffnung, dass alles besser wird.

Ob es besser wurde, mag ein jeder selbst urteilen. Aber vom Stolz der Vorfahren ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ja, es ist geradezu peinlich geworden, so etwas wie Nationalstolz zu empfinden. Pfui! Man wird schon schief angesehen, wenn man beim Abspielen der Nationalhymne aufsteht. In anderen Ländern ist das teilweise radikal anders, selbst in sogenannten freiheitlichen Demokratien. In Ländern wie USA oder auch einer als Bananenrepublik belächelten Nation wie den Philippinen ist es normal, dass die Menschen beim Ertönen der Nationalhymne nicht nur aufstehen, sondern auch die rechte Hand aufs Herz legen. Undenkbar in Deutschland, wo man schon Mühe aufwenden muss, bei solch einem Anblick nicht gleich laut loszulachen. Aber warum eigentlich? Ist das Land in dem wir leben nichts zu dessen Symbolen wir uns bekennen möchten? Ist die Nation als "große Familie" aller Bürger eines Landes nichts zu dem man gehören möchte?

Schaut man auf die kleine Familie, der mit der man täglich zu tun hat, dann dämmert es einem dass es vielleicht gar nicht an der Nation liegt, sondern an unserer generellen Einstellung zum Thema Zusammenhalt und Zugehörigkeit. In anderen Ländern ist man stolz, Teil einer angesehenen Familie zu sein, wobei das Ansehen sich nicht zwangsläufig auf Ruhm und Reichtum begründet, sondern auf Ehre, Zuverlässigkeit und sozialer Kompetenz. In ländlichen Gegenden trifft man solche Werte auch hierzulande noch an. Aber es fällt auf, dass sowohl in unserem Land wie in anderen Nationen und Kulturen der Wert des Begriffs "Stolz" sich drastisch verschiebt bzw. generell verblasst.

In einer modernen Informationsgesellschaft, wo ein jeder als kleines Rädchen im großen System funktioniert, sind Werte wie Stolz auf das was man ist oder leistet kaum gefragt; es genügt, dass man zuverlässig seine Arbeit verrichtet. Aber kann man darauf stolz sein? Wohl kaum, da man nicht einmal zum Abend erkennen kann, was man denn nun im Laufe des Tages geleistet hat. Vielleicht ist der Stapel auf dem Schreibtisch vorübergehend kleiner geworden, aber was hat das bewirkt? Die Arbeitsteilung verdeckt den Blick auf das Ganze dessen Teil man ist oder das man mit erschafft. Der Bauarbeiter sieht wenigstens noch ein Haus fertig werden und manche Handwerker sehen auch das Resultat ihrer Arbeitsleistung. Aber eine Verkäuferin im Laden – worin sieht sie das Ergebnis ihres Einsatzes? Oder der Sachbearbeiter, der von morgens bis abends Akten bearbeitet und fleißig Daten in einem Computer erfasst oder bearbeitet… kann er wirklich zum Feierabend auf etwas blicken, auf das er stolz sein kann?


Der verlorene Gemeinschaftssinn


Es fehlt einfach das sichtbare Ergebnis der Leistung, das für viele Menschen nicht mehr zu erkennen ist. So wie der Staat sich kaum noch als Servicebetrieb der Gesellschaft zu erkennen gibt. Wo ist der Nutzen einer Nation? Wer fühlt sich eigentlich noch als Teil einer Nation, die man so direkt gar nicht fassen kann? Freilich, im Fußballstadion oder während einer Weltmeisterschaft da gibt es noch das "wir" – zumindest für einen kurzen Moment. Da wird der Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft als eigenes Gefühl adoptiert – das aber genauso schnell sich wieder verflüchtigt wie es kam.

Im täglichen Leben gibt es dieses "wir" Gefühl fast gar nicht. Modernes Führungsmanagement hat dies längst als Motivationsfaktor erkannt und versucht, das "wir" zu stärken und selbst der Putzfrau zu verinnerlichen, dass ihre Arbeit den Erfolg der Firma erst möglich macht … worauf sie stolz sein könne. Aber was hat die Putzfrau vom Erfolg der Firma? Kriegt sie deshalb eine bessere Bezahlung oder darf sie beim Betriebsfest neben dem Vorstandsvorsitzenden Platz nehmen? Anspruch und Wirklichkeit klaffen selbst bei einem solch banalen Beispiel weit auseinander. Wie soll da im Großen funktionieren, was nicht einmal im Kleinen ernst genommen wird. Was hat der oft zitierte "Kleine Mann" auf der Straße von der Nation? Jeder Fußballverein hat Fans und jeder zweitklassige Popstar genießt mehr Ansehen als das eigene Land. Warum?

Liegt es wirklich daran, dass wir uns mit Fußball und Popstars identifizieren, daraus etwas positives gewinnen können, während die Nation einfach nur ein Begriff ist mit dem wir kaum noch etwas anfangen können? Zumal ein vereinigtes Europa die Grenzen der Nationen nach und nach verblassen lässt und alles das was früher eine Nation und deren Kultur ausmachte heutzutage als "uncool" gilt und im Multi-Kulti-Internationalismus langsam aber sicher in Vergessenheit gerät.

Was bleibt da noch übrig, auf das man seinen Nationalstolz gründen könnte? Ist er tatsächlich nur noch überflüssiger Ballast aus einer Zeit, wo Menschen noch den Begriff "Zugehörigkeit" kannten und schätzten? Heute ist Individualität angesagt – und die passt irgendwie nicht in den Rahmen einer Nation. Oder vielleicht doch, wenn auch eher unbewusst. Denn schon die Hippie-Generation der 1960-ziger beanspruchte für sich die zwanglose Freiheit und Individualität – und schuf gleichzeitig mit der ach so freien Jeans eine neue Uniform, die lediglich als solche nicht betrachtet wurde. Und doch waren damals lange Haare und Jeans so markant wie die Uniform eines Soldaten – oder heute die unscheinbaren dunkelblauen Anzüge der großen Bosse.

Aber woran erkennt man einen Deutschen? Fragen wir unsere Nachbarn in Frankreich oder England, so haben die spontan einige spöttische Antworten darauf parat. Aber welche Antwort geben wir…?