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27. August 2013

Friedensnobelpreis für Baschar al-Assad?

Oder haben die USA nur lange genug gewartet?, fragt sich Tom Borg

Immer wenn es in Amerika politisch schwierig wird, gibt es plötzlich irgendwo auf der Welt einen Grund für einen Krieg. Und Kriege einigen die USA innenpolitisch - und manchmal auch nach außen. Es nicht lange dauern, bis aus Washington der Ruf erschallt: Hallo, ihr beleidigten Europäer. Jetzt vergesst alles Ausgespähe. Es um die Menschlichkeit, die wir gemeinsam verteidigen müssen.

Fast scheint es als hätten die USA geradezu darauf gewartet, dass in Syrien Giftgas eingesetzt wird - und sei es notfalls auch nur durch eigene Helfershelfer. Denn die von US-Präsident Obama gezogene rote Linie war ja eigentlich schon lange überschritten.

Aber wie erklärte die amerikanische Regierung vielsagend: man habe eine Reihe von Optionen und werde den "nationalen Interessen" entsprechend handeln. Aha, es geht nicht um die zig Tausende Tote in Syrien, sondern um die "nationalen Interessen". Ok, eigentlich hätten wir ja auch nichts anderes erwartet, nachdem die Weltöffentlichkeit dem Bürgerkriegsgemetzel so lange zugeschaut hatte. Bei Muammar al-Gaddafi war das alles etwas anderes, obwohl es abstrakt betrachtet das gleiche war. Aber Gaddafi war verhasst in der westlichen Welt die nur auf einen Grund warte, den Diktator wegzubomben. Anlässe dafür hat er zweifelsohne viele gegeben. Aber erst der aufkeimende arabische Frühling taugte als Alibi für ein Zuschlagen. Ja, fast hatte man den Eindruck, Frankreich hätte diesen Frühling höchstpersönlich herbeigezaubert, so schnell waren sie mit ihrer Luftwaffe auf dem Weg nach Libyen.

Doch Assad war zu clever, sich solche Blößen zu geben, obgleich er ganz sicher nicht immer ein braver Sonntagsschüler war, so überhaupt jemals. Vielmehr positionierte er sich strategisch geschickt in das Zentrum der brodelnden Region - getreu dem Motto: lasst mich in Ruhe oder das ganze Pulverfass fliegt in die Luft.

Nun bringt ein - erneuter - Giftgaseinsatz vermutlich das Fass zum Überlaufen, egal ob Assad der Schuldige ist oder die CIA so freundlich war, ihm die Arbeit abzunehmen, um einen Kriegsgrund zu schaffen. Denn eines muss man den USA lassen: Immer wenn es politisch eng und schwierig wird, dann gibt es plötzlich irgendwo auf der Welt einen Grund für einen Krieg. Und Kriege einigen die USA innenpolitisch - und manchmal auch nach außen. So wird es nicht lange dauern, bis aus Washington der Ruf erschallt: Hallo, ihr beleidigten Europäer. Jetzt vergesst mal PRISM, Tempora und alles Ausgespähe. Jetzt geht es um die Menschlichkeit, die wir gemeinsam verteidigen müssen.

Warum die Menschlichkeit erst jetzt so dringend verteidigt werden muss, weiß wohl keiner so genau, denn 70.000 Tote - oder waren es gar schon mehr? - sind 20 Mal mehr Tote als am 11. September 2001 ausreichend waren um einen Krieg gegen Afghanistan zu rechtfertigen. Aber das waren natürlich amerikanische Tote - und die berühren die "nationalen Interessen", die Grundlage für die Reaktion der US-Regierung in Syrien sind.

Somit hat das Regime Baschar al-Assad tatsächlich geschafft, was hunderte von Diplomaten nicht geschafft haben: Der Ausspähsumpf wird vernebelt und die Rauchschwaden der Politpolemik lassen am Horizont das Wort "Giftgas" erscheinen. Und dagegen wird eine gemeinsame Front gefordert, zusammen mit Europa und den Vereinten Nationen, die zuvor von den USA genauso frech wie illegal ausgespäht wurden. Von Vergeben und Vergessen war bis dato in Europa - außerhalb Großbritanniens jedenfalls - nicht die Rede, eher von Empörung. Sollten wir jetzt plötzlich alle an einem Strang ziehen und dabei NSA, PRISAM & Konsorten in Vergessenheit geraten, dann hat Assad den Friedensnobelpreis wirklich voll verdient. Selbst dann, wenn in Wirklichkeit ganz andere dahinter steckten. Aber das wollen wir jetzt nicht so erbenszählerisch beleuchten. Schließlich hat ja auch US-Präsident J.F. Kennedy einst den Pulitzerpreis für ein Buch erhalten, das er gar nicht selbst geschrieben hatte. Aber das stellte sich erst Jahrzehnte später heraus. Bis dahin haben sich die Verhältnisse im Nahen Osten längst den "nationalen Interessen" der USA angepasst und kein Hahn kräht mehr nach der historischen Wahrheit…