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18. Januar 2016

Pünktlichkeitswahn

Zwischen Höflichkeit und Wahn. Von Gerhard Klinkhardt

Bob Hope meinte einst: Pünktlichkeit ist die Kunst abzuschätzen, um wie viel sich andere verspäten. Doch nicht jeder sieht das so flexibel. Warum eigentlich? Was steckt eigentlich hinter dem Pünktlichkeitswahn? Gelassen läuft es allemal besser.

Wir haben es selbst in der Hand, ob wir gestresst durchs Leben gehen. Gelassen läuft es allemal besser. Wer sich daran erinnert, wird wahrscheinlich ein bisschen länger leben – sicher aber glücklicher und zufriedener. Psychologen raten dazu, rechtzeitig zu Terminen zu erscheinen. Wer ständig zu spät kommt, setzt sich selbst unter Druck. Der Heidelberger Psychologe Roland Kopp-Wichmann erklärte in der "tageszeitung" dass Menschen, die immer zu spät kommen, sich in einem chronischen Konflikt befinden. Er teilt Menschen in drei Gruppen ein: Wer immer ein paar Minuten zu spät komme, habe Angst davor, unangenehm aufzufallen. Wer hingegen immer nur ein paar Minuten zu spät komme, denen bescheinigt er "pünktliche Unpünktlichkeit". Der Grund liege in einem inneren Autonomiekonflikt, der immer auftrete, wenn einem ein Termin aufgedrängt wird. Die schlimmste Gruppe aber sind für die Mitmenschen diejenigen, die ständig eine halbe Stunde oder mehr zu spät kommen, um sich einen großen Auftritt zu verschaffen: Seht mal her, so wichtig bin ich. Das scheint vor allem ein Spiel der Mächtigen zu sein. Unternehmensberater warnen indes vor derlei Spielchen: "Das ist unwirtschaftlich, frustriert die Mitarbeiter und beeinflusst die Firmenkultur negativ."

Andererseits kann man sich auch jeck machen: Durch den ständigen Blick auf die Uhr wird ein Flugzeug auch nicht schneller und der Stau auf der Autobahn wird auch deshalb nicht kürzer. Jede Kultur geht anders mit dem um, was man als Verspätung bezeichnet. Japans Schnellzug Shinkansen kommt auf fünf Minuten Verspätung pro Tag – alle Züge zusammen. Ein Zugführer mit fünf oder mehr Minuten Verspätung muss sich schriftlich entschuldigen. In Deutschland wäre man schon zufrieden, wenn kein Zug mehr als fünf Minuten zu spät käme. Es ist aber unfair, hier beide Länder zu vergleichen: der Shinkansen hat ein eigenes Gleis, während sich hierzulande auch der ICE mit Güterzügen den Fahrweg teilen muss. Es finden allerdings Annäherungen zwischen beiden Bahnnationen statt: immerhin gab es 2013 in Japan schon 91 Verspätungen von mehr als 30 Minuten (im ganzen Jahr). Aber nicht auszudenken, wenn deutsche Zugführer wie die Japaner Entschuldigungen schreiben müssten… Die kämen vermutlich nicht mehr zum Zug führen.


Zeitempfinden ist relativ


Doch wir Menschen sind schon komische Wesen: kaum sind wir in anderen Kulturkreisen, ist es mit unserer Wut über Verspätungen nicht mehr weit her: Wer in Thailand auf ein Tuk Tuk wartet, empfindet es als Folklore, wenn man sich schwitzend die Beine in den Leib steht. Aber wenn der ICE von Berlin nach Köln nur zehn Minuten Verspätung hat, ist es mit unserer Toleranz nicht mehr so weit her. Da gilt dann plötzlich wieder "Fünf Minuten vor der Zeit…"

Aber was steckt eigentlich hinter dem Pünktlichkeitswahn? Denn nicht jeder hängt so sklavisch an der Uhr. Das könnte vielleicht auch etwas mit der Unsicherheit des Pünktlichen/Unpünktlichen zu tun haben. Denn die gesamte Industriegesellschaft brauchte schließlich eine industrielle Armee von Arbeitskräften, um die Produktion zu gewährleisten. Also ging natürlich das Verhalten am Arbeitsplatz auch auf das Privatleben über. Man kann ja schließlich nicht alle Verhaltensmuster ausknipsen, wenn man durchs Werkstor gegangen ist. Anders Akademiker. Die Studenten lernten, mit Unpünktlichkeit zu leben. In alten Zeiten stand noch in Verlesungsverzeichnissen der Vermerk "s.t." oder "c.t." - s.t. bedeutet Pünktlichkeit ist Pflicht, c.t. erlaubte eine Verspätung von 15 Minuten. Auch das ist inzwischen weitgehend Akademikerhistorie. Heute sind die Termine an den Universitäten so eng gestrickt, dass manche Studenten gar nicht mehr dorthin gehen. Sie besorgen sich Mitschriften der Vorlesungen und Seminare, nach dem Motto: Schreibst Du hier, schreib ich eine andere Vorlesung für dich mit. Ein gutes Bespiel für die positive Bewältigung von Termindruck.

Auch weltweit ist das Verhalten der Menschen gegenüber der Pünktlichkeit sehr unterschiedlich. Russen, Japaner oder auch Griechen, so heißt es, seien pünktlich, weil sie den Konflikt mit Unsicherheit scheuen, neue Gedanken machen den Angehörigen dieser Nationen eher Angst. In Regionen wie Ostafrika, Asien aber auch bemerkenswerterweise Großbritannien und Schweden werden Verspätungen weitaus weniger tragisch genommen. Hier ist man auch weitaus aufgeschlossener gegenüber neuen Ideen und toleranter gegenüber neuen Situationen.


Es lebe die Flexibilität


Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen, seit diese Untersuchung gemacht worden ist. Und ich finde in meinem Bekanntenkreis immer mehr Menschen, die es langsamer angehen lassen: Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Als Mensch, der gerne in anderen Teilen der Erde herumreist, genieße ich es inzwischen sehr viel mehr, mit dem Bus vom, sagen wir, von Chiang Mai nach Bangkok zu fahren und die Gegend zu betrachten als im Flieger das halbe Land in einer Stunde zu durchqueren. Dass man nach vielen Stunden Reisezeit Schwielen am Hintern hat, ist ein kleiner Obulus an den Entdeckergeist und ein Tribut an die Freude, die Landschaft an sich vorbeiziehen zu lassen. So gesehen graut mir schon vor dem Jahr 2020, wenn Hochgeschwindigkeitszüge in Thailand die Bimmelbahnen ersetzen werden.

Aber gerade am Beispiel der Eisenbahnen zeigt sich auch in Deutschland der Widerspruch. Einerseits stürmen wir in die Intercitys, anderseits genießen wir Fahrten mit dem Schienenbus, einem roten Dieselbähnchen, mit dem ich zur Schule gefahren bin und an den ich immer noch mit Wehmut und Sehnsucht zurückdenke. Die kleinen roten Wägelchen waren nie die schnellsten. Aber die mit Diesel betriebenen Wagen waren immer zuverlässig und das Wetter hat ihnen nie was anhaben können. Und da sie eben nicht mit Strom fuhren, gab es auch nie vereiste Oberleitungen. Aber das ist schon wieder ein Gedanke an eine Zeit, als es noch so etwas wie Langsamkeit gab.

Inzwischen ist es so, dass in Deutschland immer mehr ausgeglitten wird. Das bedeutet Abschied von der Stechuhr. Es wird nur die Zeit bezahlt, die man auch anwesend ist, gearbeitet hat. Da hat die Pünktlichkeit ausgedient. Klar: wer nicht zu spät kommen kann, wird nie unpünktlich sein.

Noch mehr Eigenverantwortung und noch weniger Kontrolle hat der, der zu Hause arbeitet. Wer aber glaubt, Heimarbeit sei das Paradies auf Erden, wird schnell eines Besseren belehrt: Da wird gerne noch mal ein bisschen mehr gearbeitet, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, man mache einen lauen Job. Da ist dann Selbstausbeutung Trumpf. Auch wenn keiner mit der Stechuhr oder Stoppuhr auf Pünktlichkeit achtet. Weil das so ist, nimmt das Interesse an Heimarbeit ab. Und auch Firmen sind dazu übergegangen, Email-freie Zeiten zu schaffen, Zeiträume, in denen der Mitarbeiter vor Firmenkram geschützt ist. Zeit also, mal wieder Frau, Familie und Freunden zu verbringen. Da sage noch mal einer, es gebe keine positiven Perspektiven in dieser hoch technisierten Zeit.

Aber der Knigge mahnt auch: Bei privaten Einladungen ist fünf Minuten vor der Zeit – wie es Sprichworte gerne sagen – nicht höflich sondern unhöflich. Wer zu früh am Ort der Einladung erscheint, sollte vielleicht noch telefonieren oder einen Spaziergang machen. Aber 20 Uhr heiße eben nicht 19.45 Uhr. Wer aber gerne auf Zitate zurückgreift, für den gibt es immerhin noch ein anderes von Bob Hope: "Pünktlichkeit ist die Kunst abzuschätzen, um wie viel sich andere verspäten."