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14. März 2015

Kopftuch und Schule

Ein überflüssiges Thema meint Tom Borg

Das Bekennen zu einem Glauben ist an sich ja keine gefährliche oder unerwünschte Sache, solange jeder die freie Wahl hat. Doch die gab es auch in meiner Schulzeit, Ende der 1960er Jahre, nicht wirklich. Die evangelischen Kinder wurden von einem evangelischen Pfarrer eingenordet und die katholischen von einem ebensolchen Kollegen. Freie Wahl? Pustekuchen!

Das Urteil des Verfassungsgerichts zum Kopftuchverbot bei muslimischen Lehrerinnen versetzt einmal mehr die Nation in Aufruhr. Dabei ist die Konsequenz jedoch eigentlich klar: wir müssen uns daran gewöhnen, dass muslimische Lehrerinnen Kopftuch tragen, jüdische Lehrer eine Kapa und christliche Lehrer ein deutlich sichtbares Kreuz.

Das wird dann eine schön geordnete Welt, wo jeder schon nach seinem Äußeren in die richtige Schublade einsortiert werden kann - und derjenige, der sich nicht klar zu erkennen gibt, vermutlich einfach aussortiert wird...

Dabei ist das Bekennen zu einem Glauben an sich ja keine gefährliche oder unerwünschte Sache, solange jeder die freie Wahl hat. Doch die gab es auch in meiner Schulzeit, Ende der 1960er Jahre, nicht wirklich. Die evangelischen Kinder wurden von einem evangelischen Pfarrer eingenordet und die katholischen von einem ebensolchen Kollegen. Freie Wahl? Pustekuchen! Grundkenntnisse über andere Religionen, die ein Wahl überhaupt ermöglicht hätten? Unerwünscht!

Insofern sollte sich jetzt eigentlich die Schülermasse entsprechend verschieben. Die christlichen gehen an Schulen mit rein christlichen Lehrern und die jüdischen und muslimischen Kinder an eben solche. Der Gedanke des positiven Multikulti geht dabei unter, denn eine freie Wahl setzt voraus, dass man nicht nachhaltig so beeinflusst wird, dass eine Wahl de facto nicht mehr erfolgen kann.

Und damit wäre der Schwarze Peter wieder bei den muslimischen Lehrerinnen, die sich sagen lassen müssten, dass sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild ein Leitbild aufbauen, gegen das sich zum einen andersgläubige Lehrer nur mit entsprechender Kennzeichnung durchsetzen können und zum anderen der Druck auf die Kinder erhöht wird, die erzieherischen Vorbilder nachzuahmen, sie verlören de facto ihre freie Wahlmöglichkeit.

Doch was ist dann mit atheistischen Lehrern? Die müssten sich dann als "glaubenslos" outen - oder wären die dann gar nicht mehr als Lehrer zu gebrauchen?

Doch, Hand aufs Herz, gibt es überhaupt eine freie Wahl des Glaubens? Schon als Kinder werden wird durch unser Elternhaus in eine Glaubensrichtung geschoben, besuchen Sonntagsschulen oder andere religiöse Veranstaltungen und wachsen in einem entsprechenden Umfeld auf. Der Religionsunterricht an einer bayrischen Grundschule lehrt auch nicht die Vorzüge des Islams sondern die 10 Gebote. Ein neutraler Religionsunterricht durch eine Kopftuch tragende Lehrerin ist ebenso undenkbar wie die Vorstellung, dass ein christlicher Pfarrer in der Schule den Kindern die positiven Züge des Islam aufzeigt und die negativen des Christentums gegenüberstellt.

Machen wir uns nichts vor: Religion ist niemals neutral, schon gar nicht der Religionsunterricht an der Schule. Aber auch das aufdringliche Präsentieren einer religiösen Ansicht sollte wie das politische Pendant an Schulen tabu sein. Das gilt nicht nur für Kopftuch und Kapa, sondern auch für das christliche Kreuz, das in bayrischen Schulen zur Grundausstattung gehört. Es sei denn, wir betreiben konfessionelle Schule, in denen Kinder von kleinster Kindheit an in einem Glauben erzogen werden. Doch dann wählt nicht das Kind den Glauben seines Herzens, sondern die Eltern legen den Glauben für das Kind fest.