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28. Juni 2014

Macht der Versuchung

Die Verlockung des Ich-auch. Von Tom Borg

Heute wüssten wir ohne Facebook vermutlich nicht einmal mehr die Geburtstage unserer Freunde und jammern darüber, dass Facebook so viel über uns weiß. Doch ist das die Schuld von Facebook? Hat Mark Zuckerberg uns eine Pistole an den Kopf gehalten und gedroht, uns zu erschießen, wenn wir unsere persönlichen Daten nicht eingeben? Nein! Nein, wir wollen dabei sein.

Es ist Mode geworden, über die großen amerikanischen Medien-Giganten wie Google zu lästern und zu schimpfen. So ganz unberechtigt ist das sicherlich nicht. Und doch - so ganz schuldlos sind wir selbst daran auch nicht. Schließlich ist Google nicht so groß geworden, weil der liebe Gott es so wollte, sondern weil wir Google nutzen.

Nicht viel anders ist es bei den Datentransfers im Flugverkehr. Spätestens seit 9/11 verlangt die USA ganz offen von den Fluggesellschaften umfangreiche Datensätze über die Passagiere, die in die USA einreisen wollen. Umgekehrt geben die USA aber nicht in gleichem Umfang Daten amerikanischer Bürger heraus. Unrecht? Nein, unsere eigene Schuld! Es zwingt uns ja keiner, in die USA zu reisen. Das ist alleine unser Wunsch - egal ob er nun private oder berufliche Ursachen hat, wir wollen in die USA. Die USA hingegen brauchen uns nicht, sie können auch bestens ohne uns auskommen und zeigen uns dies auch tagtäglich - sofern sie nicht gerade versuchen, Fußball zu spielen… ;-)

Boris Becker verdiente sich einst eine goldene Nase indem er uns allen erklärte, dass er schon drin sei - nein, nicht in der Besenkammer, sondern bei AOL. Und wir alle wollten auch rein bei AOL, das damals noch der Platzhirsch der pseudo-sozialen Netzwerke war. Und schon damals gaben wir gerne auch Daten von uns preis. Dann kam Zuckerberg und wir wollten mit dabei sein. Heute wüssten wir ohne Facebook vermutlich nicht einmal mehr die Geburtstage unserer Freunde und jammern darüber, dass Facebook so viel über uns weiß. Doch ist das die Schuld von Facebook? Hat Mark Zuckerberg uns eine Pistole an den Kopf gehalten und gedroht, uns zu erschießen, wenn wir unsere persönlichen Daten nicht eingeben? Nein! Wir gaben das alles freiwillig her, weil wir uns entweder gar keine Gedanken darüber machten oder aber die Verlockung des Mit-dabei-seins einfach zu groß war. Doch dafür Facebook verantwortlich zu machen, ist genauso unsinnig wie eine Tüte Chips dafür zu bestrafen, dass wir Übergewicht haben.

Insofern sind Google und Facebook nur die neuzeitliche Fortsetzung dessen, was wir Menschen schon immer taten: wir hechelten Versuchungen hinterher, egal was auch immer sie uns am Ende kosteten. Vor 2.000 Jahren sehnten sich die Menschen nach Gott, sie folgten den Jüngern Jesu - und sie bekamen die Inquisition. Heute sehnte sich die Menschheit nach globaler Informationsfreiheit - und wir bekamen Google. Auch wenn man die Kirche nicht unbedingt mit Google und Facebook vergleichen kann, so haben sie doch eines gemein: beides wollten wir haben. Da bleibt nur die Hoffnung, dass wir nicht wieder Jahrhunderte brauchen, um die Ketten der Selbstfesselung zu sprengen…

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.