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16. März 2014

Yes, he can

Blick zurück oder nach vorn? fragt sich Tom Borg

Irgendwann wird unser Europa brennen. Dazu muss man kein Hellseher sein. Es genügt, die Geschichtsbücher zu lesen. In den 1930er hat man auch einem bösen Buben zu lange alles durchgehen lassen - bis es dann plötzlich zu spät war und die Welt einen hohen Preis bezahlen musste.

Putins zündeln am Pulverfass Ukraine weckt nicht nur Erinnerungen, sondern weist auch einige Parallelen mit der Vergangenheit auf. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ein quasi diktatorischer Machthaber die Olympischen Spiele dazu missbraucht, sich nicht nur selbst und sein Land zu präsentieren, sondern auch seinen angeblich demokratischen Status in der Weltgemeinschaft. Und nicht zum ersten Mal in der Geschichte gab es nach Olympia Krieg - auch wenn dieser boshafte Vergleich auf den ersten Blick etwas arg weit hergeholt scheint, so ist er doch erschreckend nahe.

Was Olympia 1936 und 2014 miteinander verbindet, ist neben dem sportlichen Gedenken auch der politische Missbrauch durch die Führung des Gastgeberlandes, das sich scheinheilig friedlich präsentiert, während die geheimen Gelüste nur mühsam gezügelt werden können. Dass Russland im Ukraine-Konflikt eingreifen wird, das war im Vorfeld genauso klar wie die Tatsache, dass es erst nach Olympia geschehen wird.

Doch dann schlug Putin mit seiner ganzen Macht zu. Und die zeigt sich in seiner Intelligenz und der Fähigkeit, mit wenigen Kräften, die Krim im Handstreich zu erobern; angeblich um die dort lebenden Landsleute zu schützen. Auch diese Begründung kommt seltsam bekannt vor. Vor der Krim wurde auch schon Österreich "zurück ins Reich" geholt. Und beides funktionierte ohne großes militärisches Tamtam mit Unterstützung der Landsleute im Ausland. Damals wie auch heute gab es viel Geschrei, doch wenig Gegenmaßnahmen. Auch in Deutschland mehren sich inzwischen die Stimmen, die uns erklären wollen, dass die Krim an Russland verloren und daran nicht zu ändern ist.

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hält sowieso nichts von Sanktionen, weil sie die eigene Wirtschaft schädigen würden ohne dass sie nachhaltig etwas bewirken könnten. Damit könnte man das Thema eigentlich als historische Notiz in den Akten verzeichnen und das ganze Thema zu selbigen legen. Wenn, ja wenn da nicht ein scharfzüngiger Satz von Heiner Geißler im Raum schweben würde, der plötzlich wieder ganz aktuell ist: "Pazifismus hat Auschwitz erst möglich gemacht" sagte Geißler einmal im Bundestag und löste damals heftige Proteste aus. Und dennoch hatte er rein sachlich wohl Recht mit seiner Aussage - und die Geschichte könnte sich wiederholen.


Kontrollierte Eskalation


Nicht, dass man von Putin ein russisches Auschwitz zu erwarten hätte. Nein, vielmehr die Art und Weise des Vorgehens. Damals wie heute überwand sich niemand, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Man ließ es Schritt für Schritt geschehen, bis es den großen Knall gab. Der Polit-Zocker Putin könnte darauf setzen, dass es diesmal den großen Knall gar nicht geben wird, weil alle wissen, dass sich diesen niemand leisten kann. Doch wie soll eine Aggression enden, wenn einer stichelt und die Gegenseite Angst vor den Konsequenzen ihrer potentiellen Gegenmaßnahmen hat?

Europa, seine Politiker und alle Kommentatoren klopfen zwar kräftig Sprüche a la das Baltikum wäre etwas anderes. Aber wäre es das wirklich? Was würde denn geschehen, wenn Putin nun darauf vertraut, dass Europa eh Angst vor der eigenen Courage hat und nichts unternimmt, und kurzerhand auch die Staaten des Baltikums unterwandert und zurück ins russische Reich holt? Würde Europa da wirklich die rote Karte ziehen, auf Erdöl aus Russland verzichten und ggfs. auch europäische Firmen in Russland abschreiben? Natürlich nicht! Das weiß Putin genauso so gut wie wir selbst. Wir pfeifen aktuell auf die Menschenrechte in der Ukraine und der Krim, wobei ja eh nicht einmal vollkommen klar ist, ob es da überhaupt eine Seite mit weißer Weste gibt. Und das Baltikum? Klar, beim Sprüche klopfen wären wir an vorderster Front mit dabei; aber Soldaten Richtung Baltikum senden…? Daran glaubt doch nicht einmal die Bundeswehr selbst, die aktuell mehr Gedanken darin investiert, das Unternehmen Bundeswehr familienfreundlicher zu machen.

Und das ist erneut die Parallele zu 1936. Wir gehen sehenden Auges erneut in eine kontrollierte Eskalation. Eine Eskalation, die wir selbst immer wieder entschärfen, weil wir den großen Knall nicht möchten. Doch jedes Geräusch, jede entschärfte Eskalation ist ein kleiner Sieg für den frechen Herausforderer. Und wo ein Sieg ist, gibt es auch Niederlagen. Man kann viele schlucken, doch irgendwann kommt die eine Niederlage, die eine zu viel war. Doch was dann?


Am Ende werden die Toten gezählt


Einen Krieg a la Zweiter Weltkrieg kann es nicht mehr geben; ebenso wenig eine neue Schlacht um Moskau. In unserer hochtechnisierten Welt kann es eigentlich nur zwei Extremsituationen geben: entweder den Atomkrieg, den keiner will und keiner überleben würde, oder einer gibt klein bei. Dazwischen wäre natürlich auch noch eine Grauzone, aber genau diese schmeckt uns schon heute nicht, wo es nur um die Gedanken von eventuellen Nachteilen bei Konsequenzen geht. Wir wollen unseren Wohlstand nicht riskieren. Und wenn jemand weiß, dass wir das nicht wollen und einen Krieg nicht können, dann - ja, was dann…?

Putin macht es uns vor: Er nimmt sich einfach was er will. Nicht, weil er das Recht dazu hat, sondern weil er es kann. Wir können ihn nicht daran hindern, denn das einzige nicht militärische Mittel wären Sanktionen, die uns selbst schaden würden. Was bleibt also als Option?

Heiner Geißlers Satz vom Pazifismus bedeutet letztlich: Wehret den Anfängen. Europa müsste eine rote Linie ziehen, die inzwischen eh schon überschritten wäre. Doch dann müssten auch massive Gegenmaßnahmen folgen - egal ob sie uns selbst weh tun. Mir tut es auch oft innerlich weh, wenn ich meine kleine Tochter furchtbar weinen sehe, nachdem ich ihr etwas verboten habe. Doch Erziehung bedeutet nun einmal, dass ich Grenzen setzen muss. Genau diese braucht auch Putin und jeder andere, der sich aufführt wie ein kleines Kind, das sich alles nimmt, was es haben will und furchtbar heult, wenn es nicht nach seinem Trotzköpfchen geht. Bei Kindern ist uns das selbstverständlich, während wir bei Diktatoren zusehen, wie sie uns das Haus über dem Kopf abfackeln und als Reaktion allenfalls dem bösen Buben übers Haar streichen und ihn loben: Hast du aber schönes Feuerchen gemacht…

Irgendwann wird unser Europa brennen. Dazu muss man kein Hellseher sein. Es genügt, die Geschichtsbücher zu lesen. In den 1930er hat man auch einem bösen Buben zu lange alles durchgehen lassen - bis es dann plötzlich zu spät war und die Welt einen hohen Preis bezahlen musste. Es gibt leider viele böse Buben auf diesem Planeten - und zu viele, die immer wieder die andere Wange hinhalten… Und viele, die genau dies wissen und sich geradezu darauf verlassen und meinen sich alles erlauben zu können, weil sie wissen, dass sie am Ende mit einem hellblauen Augen davon kommen werden.

Dass dies so ist, zeigen wir gerade uns allen - und aktuell vor allem auch Vladimir Putin, der es mit einem Lächeln zu Kenntnis nimmt, so wie Assad vor ihm, den wir auch nicht wirklich gestoppt haben. Doch dessen - oder sollte ich schon sagen: deren? - Tote sind weit weg, während unsere gefährdeten Arbeitsplätze uns täglich neu daran erinnern, was uns das teuerste ist - im Moment jedenfalls…