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12. Januar 2016

Börsen-Crash

Es crasht meist nur die Hoffnung, meint Tom Borg

An den Börsen wird kein Geld verbrannt - es wird nur umverteilt! Was wirklich verbrannt wurde, ist Hoffnung. An den Realwerten ändert sich jedoch nichts. Unsere moderne Wirtschaftswelt ist eine große Seifenblase, die jederzeit platzen kann. Aber Geld verbrennt nicht, es ist ja gar nicht da.

Es ist ein beliebtes Bild in den Medien, wenn von Kursverlusten an der Börse berichtet wird. Und dennoch ist es grundverkehrt: An den Börsen wird kein Geld verbrannt - es wird nur umverteilt! Das Geld, das letztlich nur Tauschmittel für reale Werte ist, hat sich nicht einfach aufgelöst, sondern es ist in andere Taschen gewandert, die Scheinchen haben nun andere Eigentümer. Aber vorhanden ist das Geld nach wie vor.

Anders wäre es, wenn reale Werte vernichtet werden, wenn Fabriken abbrennen, Warenlager vom Hochwasser überschwemmt und die Vorräte unbrauchbar werden. Daran hat sich jedoch nichts geändert wenn Börsenkurse sinken. Lediglich der Wert, den man diesem Realeigentum zuweist, der ist geschrumpft, was aber nicht heißt, dass diese Werte real zerstört wurden.

Was wirklich verbrannt wurde, das ist die Hoffnung. Hoffnung auf mehr Geld, mehr Vermögen und allen daran hängende Vorteile. Aktienhandel ist das Geschäft mit der Hoffnung. Hoffnung darauf, dass ein Gut in der Zukunft mehr wert sein wird. Hoffnung darauf, dass ein Unternehmen in der Zukunft mehr Gewinn erwirtschaftet oder die Menschen bereit sind, für eine Ware zum Zeitpunkt X mehr Geld zu bezahlen.

An den Realwerten ändert sich jedoch nichts. Ihr gefühlter Wert lässt sich künstlich beeinflussen, indem man die Verfügbarkeit reduziert. Dazu werden auch schon mal Lebensmittel solange auf hoher See herumgefahren, bis sie verdorben sind und die verbliebenen Reste teurer verkauft werden können. Dass man die nun verdorbenen Lebensmittel auch einfach hungerleidenden Menschen in der Dritten Welt hätte schenken können, interessiert dabei keinen Börsianer. Vielmehr sollen die hilfsbereiten Mitmenschen die Lebensmittel teuer kaufen und dann verschenken. Das beinhaltet auch, dass gelegentlich aus der Dritten Welt Waren importiert und in Europa teuer verkauft werden, damit sie anschließend als Spende wieder zurück in die Dritte Welt gehen können. Der Gebrauchswert wurde dabei weder mehr noch weniger. Lediglich der zu zahlende Preis änderte sich.


Wertschätzung schrumpft, nicht reale Werte


Wenn aktuell für die erste Börsenwoche des Jahres die berichtet wird, dass an die 50 Milliardäre mehr als eine Milliarde Dollar in den Sand gesetzt hätten, so ist das Unsinn. Sie haben es weder in irgendetwas investiert, noch haben sie dieses Geld jemals besessen. Sie sitzen lediglich auf einem Haufen Aktien die mal mehr und mal weniger wert sind, aber dabei stets die gleichen Realwerte verbriefen.

Wenn plötzlich keiner mehr auf Ebay oder Amazon kauft, was sind die Unternehmen dann noch wert? Worin besteht ihr aktueller Wert? Mindestens die Hälfte des Werts ist Image und die Hoffnung der Aktionäre, zukünftig gute Dividenden zu erhalten oder die Aktien teurer an andere zu verkaufen. Würde man die Unternehmen abwickeln, bliebe außer etwas Büroausstattung und eventuell ein halbes Dutzend Immobilien nichts übrig.

Dabei muss man Ebay und Amazon zu Gute halten, dass sie tatsächlich eine produktive Serviceleistung erbringen. Doch was macht ein Mark Zuckerberg, wenn plötzlich niemand mehr sein Facebook mag und eine andere soziale Plattform ihren Siegeszug antritt? Dann schrumpft der Wert seiner Aktien auf ihren reinen Papierwert, er kann damit seinen Kamin befeuern, wenn sie denn jemals als Urkunde gedruckt wurden, denn die meisten Aktien bestehen nur noch digital als Positionen in Bilanzen. Ohne Mitglieder auf den verschiedenen Plattformen ist Zuckerbergs Vermögen wertlos. Nicht Facebook ist der Vermögenswert, sondern die Masse der Nutzer dieser Plattform, weil diese mit Werbung bombardiert wird, da andere Unternehmen die Hoffnung haben, auf diese Weise etwas verdienen zu können.

Unsere moderne Wirtschaftswelt ist eine große Seifenblase, die jederzeit platzen kann. Aber Geld verbrennt nicht, es ist ja gar nicht da. Es gibt nur Hoffnung, die sich in Form von Aktivposten in Bilanzen bemerkbar macht. Erst wenn wir diese Seifenblasen platzen lassen und uns umschauen, was an realer Wirtschaft, an produktiven Industrien, Handwerksbetrieben oder Dienstleistungen noch übrig ist, dann haben wir den realen Wert unserer Wirtschaft.


Zwischen Wert und Wertschätzung


Eine weltfremde Darstellungsweise? Nein! Was der Mensch wirklich braucht, ist Liebe und Glück, so albern das vielleicht klingen mag. Als Grundbedürfnisse gelten immer noch Gesundheit, genug zu Essen und Sicherheit. Erst danach zählen für uns andere Werte - und das übrigens über alle Kulturkreise hinweg.

Das muss nicht heißen, dass "Geschäfte machen" ein Grundübel ist. Nein, es ist in Ordnung. Wettbewerb und Herausforderung bringen die Menschheit voran. Nur sollte man sich davon verabschieden, dass alles, wofür andere Menschen Geld zu zahlen bereit sind, auch einen realen Wert haben muss. Ja, oft ist nicht einmal ein Nutzen vorhanden. Man denke sich nur ein Originalgemälde von Rubens, Dali oder anderen. Man muss Millionen zahlen, um eines dieser Werke zu erwerben. Doch wenn ein solches Bild statt 100 Millionen plötzlich nur Käufer für 20 Millionen findet, ist es dann weniger wert? Es ist immer noch das gleiche Bild. Es ist weder zerstört oder beschädigt, noch verbrannt. Es ist lediglich niemand bereit, 100 Millionen dafür zu bezahlen. Ist der Besitzer deshalb ärmer geworden? Nein, denn er hat ja immer noch das Bild. Mehr hatte er vorher ja auch nicht. Denn die 100 Millionen hat er ausgegeben, weil er das Bild haben wollte - wobei es keinen Unterschied macht, warum er das Bild unbedingt besitzen wollte. Sein Wunsch war ihm 100 Millionen wert. Anderen offensichtlich nicht, denn sonst hätten sie ihn überboten. Aus Seifenblasen-Geld wurde Seifenblasen-Bild…

Der vermeintliche Reichtum des Gemäldebesitzers ist ebenso abstrus wie der Reichtum eines Aktionärs: beide besitzen in erster Linie Hoffnung - auf was auch immer. Wobei der Besitzer des Gemäldes den Vorteil hat, dass er sich zumindest ein schönes Gemälde ansehen kann, während das Betrachten von Aktien oder deren vorübergehender Wert auf dem Bildschirm weniger erbauend ist.

In früheren Zeiten bezeichnete man so manches, das heute als Entrepreneurship bezeichnet wird, schlichtweg als Liebhaberei. Im klassischen Sinn ist der Entrepreneur eine Persönlichkeit, die bereit dazu ist, hohe Verantwortung und hohes Risiko zu tragen. Heutzutage meist nur noch Kapitalgeber, der seine Mittel und Interessen so streut, dass am Ende möglichst irgendetwas davon Früchte trägt. Sicher, Glückspiel ist es nicht direkt, aber sichere Prognosen zur Entwicklung solcher Konzepte gibt es auch nicht. Es ist Hoffnung auf Gewinn. Solange dabei auch reale Werte geschaffen werden, ist es eine echte Wertschöpfung. Steht eine Dienstleistung dahinter oder schlicht eine digitale Plattform, die genutzt werden kann, so ist der Wert nur vorhanden, solange die erbrachte Leistung auch genutzt wird. Meist ist die Hoffnung auf Gewinn dabei größer als der Nutzen der Leistung. Doch was ist dabei an Werten wirklich vorhanden, auf das man "Reichtum" begründen könnte?

Träume und Seifenblasen können platzen, die Börse mag crashen - aber Geld wird dabei nicht verbannt. Es wandert nur in anderer Leute Taschen. Und reich ist man dabei in guten Zeiten nur so viel wie eine Fußballmannschaft Weltmeister, wenn sie in der 60. Minute mit 2:0 führt…