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10. März 2013

Moderner Kolonialismus

Legale Räuberei im 21. Jahrhundert, beobachtet Tom Borg

Eigentlich ist es ja ein Gebot der christlichen Nächstenliebe, Bedürftigen zu helfen. Doch längst ist daraus ein ganzer Wirtschaftszweig entstanden; und der geht weit darüber hinaus, dass Firmen hierzulande ihren Wissensvorsprung retten und die damit geschaffenen Produkte in die Märkte der Dritten Welt drücken wollen.

Eigentlich glaubten wir, für das in den vergangenen Jahrhunderten von Europa gelebte und bewunderte Raubrittertum sei in unserer modernen Welt kein Platz mehr, zumindest nicht, seit gleichberechtigte Staaten mit den Vereinten Nationen, kurz UNO, ein Gremium geschaffen haben, dass auch schwachen Völkern den Rücken stärkt, wenn sie angegriffen werden.

Freiheit, Gleichheit und nationale Souveränität sind internationale Grundrechte, die niemand infrage stellt. Somit sollte der Kolonialismus als Relikt vergangener Jahrhunderte in seiner Ausbreitung auf die Geschichtsbücher beschränkt sein.

Soweit es militärischen Aggressionen und Angriffe auf die territoriale Unversehrtheit anbetrifft ist dem wohl auch so. Doch längst schwappte von Europa und deren nach Amerika ausgewanderter Nachkommen eine neue Form des Kolonialismus hinaus in die Welt, den Agitatoren gerne als Wirtschaftsimperialismus bezeichnen. Etwas freundlicher klingt da schon Wirtschaftshilfe - in allen ihren Variationen.

Eigentlich ist es ja ein Gebot der christlichen Nächstenliebe, Bedürftigen zu helfen. Doch längst ist daraus ein ganzer Wirtschaftszweig entstanden; und der geht weit darüber hinaus, dass Firmen hierzulande ihren Wissensvorsprung retten und die damit geschaffenen Produkte in die Märkte der Dritten Welt drücken wollen - anstatt den Menschen dort vor Ort zu zeigen, wie sie solche Produkte selbst herstellen könnten.

Die Globalisierung mit ihren Chancen und Risiken ist leider zunehmend eine Einbahnstraße geworden - oder war sie das schon immer? Hochwertige, teure Technologien werden in die Dritte Welt exportiert und von dort mit Rohstoffen und exotischen Lebensmitteln bezahlt, während gleichzeitig die dortige Bevölkerung nicht selten Hunger leidet. Doch auch dafür gab es eine Lösung: Die Industrienationen gaben der Dritten Welt Kredite, damit sie moderne Technik kaufen können. Dass man jemandem Geld leiht, mit dem er bei dem Gläubiger einkaufen soll, klingt eigentlich nach Unsinn, wenn alle wissen, dass der Schuldner das geliehene Geld nie wird zurückzahlen können. Aber auch dafür gibt es elegante Lösungen: In den Zeiten des Kalten Krieges waren Militärbasen rund um den Globus ein gerne akzeptiertes Zahlungsmittel. Heute tut es auch schon die Zustimmung und Unterstützung bei internationalen Gremien und Entscheidungen. Gekaufte Meinungen und Stimmen - Hoch lebe die Demokratie…!

Doch gerade der Demokratie verdanken wir so manches der Problemchen. Die Kosten der Staatsverwaltung explodierten seit Menschheitsgedenken, Wirtschaftsprogramme kosten Geld und bringen keines, wenn die Wirtschaftsleistung nicht exportiert werden kann. Heutzutage funktioniert die globale Weltwirtschaft nur noch dank der Exporte. Die Inlandsnachfrage könnte längst nicht mehr den Lebensstandard der Industrienationen sicher stellen.

Export von Güter ist ein wirtschaftliches Grundbedürfnis aller Industrienationen geworden. Doch wohin mit den ganzen Erzeugnissen, wenn alle liebes exportieren statt importieren? Konsumscheine, die analog zu den Lebensmittelscheinen in Notzeiten ausgegeben wurden, hat glücklicherweise noch kein Staat eingeführt, wenngleich es doch mal ein Ansatz wäre: Zwangskonsum, auf dass die Wirtschaft explodiert…

Aber glücklicherweise gibt es ja noch die Dritte und Vierte Welt, die weder hochwertige Wirtschaftsgüter noch das Geld zum Bezahlen haben. Aber sie haben Rohstoffe, sie haben Menschen(material), das billig zu bekommen ist, und sie haben Landfläche. Und letzteres ist, abgesehen von Menschen die zu Billigstlöhnen arbeiten, eine der interessantesten Zahlungsoptionen. Denn den Industrienationen gehen die bewirtschaftbaren Landflächen aus. Immer mehr Anbaufläche wird benötigt, um Biokraftstoffe zu erzeugen. Was liegt näher, als die teilweise sehr guten Böden der Entwicklungsländer zu nutzen - als Gegenleistung für gelieferte Industrieprodukte?

Das Dumme daran ist, dass gerade die besten Böden an Firmen aus den reichen Industrienationen verkauft oder langfristig verpachtet werden, die darauf jedoch vorrangig Rohstoffe produzieren, die sie selbst benötigen. Währenddessen gehen den Menschen, die früher diese Anbauflächen bewirtschafteten, die guten Böden aus; die Lebensmittel werden knapp und Hunger breitet sich aus. Und damit startet eine neue Runde im Hilfeleistungs-Kreislauf.

Was ist die Konsequenz dieses globalen Geschachers? Immer mehr Landflächen, Wohn- und Industrieanlagen gehen in das Eigentum der Industrienationen über. Völlig legal und immer schneller und umfangreicher. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und die für die Dritte Welt teilweise ungünstigen Wechselkurse tun ein übriges.

Da bleibt selbst echte, wohl- und gutgemeinte Hilfe auf der Strecke. Ein typisches Beispiel sind alte Kleidungsstücke, die von den karitativen Organisationen, und immer öfter auch von regelrechten Wirtschaftsunternehmen, eingesammelt werden. Es ist gut, dass die hierzulande nicht mehr benötigten Kleidungsstücke einer weiteren Verwertung zugeführt werden, wie es so schön formal heißt. Das zerstörerische daran ist jedoch die Wirkung auf die Produzenten in den Entwicklungsländern. Die geschenkte oder doch zumindest sehr billige Ware zerstört die Existenz der dortigen Hersteller, die selbst bei Billigstlöhnen nicht so billig produzieren können, dass sie mit diesen fast geschenkten Hilfsgütern konkurrieren könnten. Das Ergebnis: Ganze Industriezweige gehen vor die Hunde, Menschen verlieren ihre Arbeit und oft auch ihre ganze Existenz. Und das auf Dauer.

Von weiten Teilen der Bevölkerung in den Industrienationen unbemerkt oder wissentlich ignoriert entsteht eine moderne Kultur der Kolonialisierung: Wirtschafts- und Finanzkolonialisierung. Weniger militärisch, aber nichts desto weniger hochgradig wirksam mit dem gleichen Ergebnis: Die Dritte Welt, die so großzügig in die selbstbestimmte Freiheit entlassen wurde, gehört plötzlich wieder den ehemaligen Kolonialherren - wenn auch nicht formal, so doch aber faktisch, juristisch unangreifbar, denn auch die zugrunde liegenden Gesetze wurden von den ehemaligen Kolonialherren formuliert und als historisch gewachsen, der ganzen Welt aufgedrückt.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.