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04. Januar 2016

Auf Tuchfühlung

Warum Hautkontakt so wichtig ist. Von Gerhard Klinkhardt

Wenn Menschen schnurren könnten, gäbe es vielleicht weniger Trennungen. Denn dass die Katze zu Hause auf Streicheleinheiten mit einem Schnurren reagiert, verführt den Menschen dazu, weiter zu Streicheln. Mitmenschen tut die Berührung genauso gut, doch Körperkontakte werden immer weniger.

Wenn Menschen schnurren könnten, gäbe es vielleicht weniger Trennungen. Hört sich vielleicht komisch an, aber dass die Katze zu Hause auf Streicheleinheiten mit einem Schnurren reagiert, verführt den Menschen dazu, weiter zu Streicheln. Anders sieht es bei Mitmenschen aus. Denen tut die Berührung genauso gut wie dem Haustier. Aber weil der eben nicht schnurrt, wird der mit weniger Hautkontakt auskommen müssen, mal ganz zu schweigen von der Befürchtung, eine nette, freundliche Umarmung könnte in der Gesellschaft von Smartphones und anderen Abstandhaltern missverstanden werden.

Dabei sind in jedem Alter nicht nur Sozialkontakte sondern auch Hautkontakte lebenswichtig - besonders mit zunehmendem Alter. Davon kann man in keinem Alter genug bekommen. Menschen lieben es, zu berühren und berührt zu werden. Ärzte und Psychologen kennen die Bedeutung des größten Sinnesorgans des Menschen. Bei einem erwachsenen Menschen kann die Hautoberfläche schon an die zwei Quadratmeter Fläche ausmachen. Die Haut hat Millionen Sensoren, die auch die kleinste Regung und Bewegung registrieren. Ob Luftzüge, Schweiß oder auch nur kleinste Kontakte – die Haut nimmt alles wahr. Der Körper registriert alles, leitete es ans Gehirn weiter und der Körper sondert wichtiges von Unwichtigem aus. Wie das genau funktioniert, weiß man bis heute nicht. Fest steht nur, dass der Berührungssinn der erste Sinn ist, der sich beim Ungeborenen entwickelt. Mangelnde Hautkontakte führen unweigerlich zu Beeinträchtigungen beim Menschen. Andersherum wissen Masseure und Physiotherapeuten um die Bedeutung von Berührungen. Sie setzen oft auch schwierige Gefühle frei. Wo die Menschen berührt werden, ist dabei wohl ziemlich egal.

Wie wichtig Nähe für die Entwicklung von Kindern ist, zeigte Kaiser Friedrich II auf grausame Weise. Er befahl den Ammen des Hofes, die Kinder nur zu füttern und zu waschen, aber er verbot mit ihnen zu sprechen, sie zu umarmen und jeden weiteren Kontakt. Keines überlebte.

"Wenn die Haut berührt wird, reagiert das Immunsystem sehr stark. So werden Botenstoffe, wie etwa Cortisol, die das Immunsystem dämpfen und die Immunreaktion abschwächen, durch Berührung der Haut gemildert. Die Ausschüttung von das Immunsystem stärkenden Botenstoffen wird sogar deutlich gefördert und darüber auch die Heilung von vielen Krankheiten und Beschwerden. Es gibt sehr wenig, was besser zu Entspannung führt, als eine wohltuende, warme Berührung eines vertrauten Menschen", sagt Professor Ralf Nickel von den HSK-Kliniken in Wiesbaden.


Kuschel dich wohl


Dabei kommt es darauf an, dass die Körperkontakte keine Einbahnstraße sind. Wenn es kein Wechselspiel ist, dann kann es sogar gefährlich sein, warnt Nickel. Denn dann sei der Kontakt nur eine Form des Konsumierens wie eine Droge etwa. Langfristig habe das dann aber negative Auswirkungen.

Deshalb ist es bedenklich, dass die Körperkontakte immer seltener und weniger werden. Grund ist eine fragwürdige gesellschaftliche Entwicklung hier im Norden Europas. Hier ist die Grenze von 45 Zentimetern das Mindeste an Abstand, den man einhalten sollte. In den südlichen Ländern Europas wie Spanien und Italien hingegen sind Berührungen wesentlich häufiger. Psychologen sehen die Berührungslosigkeit mit Besorgnis. Denn ein Zusammenhang zwischen fehlenden Berührungen in der Kindheit und Magersucht in der Jugend gilt als ausgemacht.

Von der Zurückhaltung im Freundes- und Bekanntenkreis profitiert nun eine ganze Industrie. Nicht nur Masseure sorgen für Wohlbefinden, Yoga- und Gyrotonic-Trainer und Spa-Therapeuten sind auch auf diesen Zug aufgesprungen. Wenn wir einfach mal den Mitmenschen öfter mal in den Arm nähmen, würden also ganze Berufszweige vermutlich weniger Umsatz machen.

Auch bei Ärzten ist das Händeschütteln ein unverzichtbares Diagnoseinstrument. Kraftlosigkeit, Schüchternheit oder auch mangelnde Durchblutung sind als Diagnose beim Händeschütteln wichtige Merkmale. Angst vor der Übertragung ansteckender Krankheiten braucht keiner zu haben. Wozu gibt es denn Desinfektionsmittel. Selbst bei psychosomatischen Hauterkrankungen kann regelmäßiger Hautkontakt das Krankheitsbild verbessern.

Aber auch die Kirchen sind sich der Bedeutung von Berührungen voll bewusst. Ohne Hautkontakt und Berührungen läuft im Christentum nichts: von der Taufe bis zur Messe, immer sind Berührungen im Spiel. Ganz besonders deutlich ist der Hunger nach Berührungen, wenn der Papst auftritt. Ein aufmunterndes Klopfen auf die Schulter, ein Streicheln des Kopfes: Die Berührungen bedeuten ja auch, dass jemand dem anderen beisteht. Die Wirksamkeit von nichtsexuellen Körperkontakten ist unbestritten, nicht nur im Kindesalter.

Aber es gibt auch Grenzen. Die "Free Hugs-Aktionen", bei denen wildfremde Menschen anderen anbieten, sie zu umarmen, sind nicht für jeden geeignet. Bei introvertierten, zurückhaltenden Menschen kann das eher in Stress umschlagen.