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07. Dezember 2015

Zukunft

Wann ist das?, fragt Tom Borg

Zukunftsvisionen über Zustände, die im Jahr 2050 oder gar 2100 herrschen werden, klingen schrecklich weit. Doch meine jetzt 4-jährige Tochter wird 2050 gerade mal 39 Jahre alt sein - und sollte sie 89 Jahre werden, wird sie 2100 erleben.

Spätestens seit 1972 der Club of Rome das aufrüttelnde Werk "Grenzen des Wachstums" veröffentlichte, werden wir immer wieder von Schreckensmeldungen heimgesucht, Meldungen, die kund tun, was in Zukunft auf uns zukommen wird. Doch wann wird das sein? Wann ist diese Zukunft?

Hören wir heute Zukunftsvisionen über Zustände, die im Jahr 2050 oder gar 2100 herrschen werden, so klingt das alles schrecklich weit, so weit, dass es in einer theoretischen Diskussion versandet. Denn das werden wir ja alles nicht mehr erleben. Oder vielleicht doch…?

Wie weit ist diese Zukunft eigentlich noch entfernt? Betrachtet man die Zahlen einmal durch eine andere Brille, so klingen sie völlig anders. 2050 wird meine jetzt 4-jährige Tochter 39 Jahre alt sein, also im besten Alter wie man bei einem Mann sagen würde. Und 2100 ist in weiter, unerreichbarer Ferne? Sollte meine Tochter 89 Jahre werden, wird sie die Jahrhundertwende miterleben.

Projiziert auf das Leben meiner kleinen Tochter, deren Schicksal mir natürlich am Herzen liegt, sind diese Zeiträume plötzlich erschreckend kurz, so kurz, dass sie konkret in Betracht gezogen werden müssen. Schließlich wohne ich auf den Philippinen, einem Archipel aus 7.108 Inseln von denen einige im Jahr 2050 bereits im Meer versunken sein sollen. Da spielt es durchaus eine große Rolle, aus welchem Blickwinkel ich auf das Meer schaue, wenn ich dabei in meinem Garten sitzen möchte. Ein Häuschen am Strand mit Blick auf eine idyllische Bucht? Himmlisch jetzt, aber etwas arg feucht im Jahr 2050. Schließlich laufe ich Gefahr, dass ich dann auch noch lebe, denn das ist ja schon in 35 Jahren. Und ob ich meinen Lebensabend schwimmend verbringen möchte, ist durchaus eine bedenkenswerte Frage.

Zukunft beginnt morgen. Aber wenn es um Entscheidungen geht, die Kosten und Unbequemlichkeiten verursachen, dann ist Zukunft in weiter Ferne. Doch 2030 oder 2050, Jahreszahlen, die ich in meiner Schulzeit eher mit Raumschiff Enterprise denn mit meinem Lebensabend in Verbindung gebracht hätte, sind plötzlich zum Greifen nahe gerückt.


Der finale Countdown


So wie die Jahreszahlen der Horrorvisionen näher rücken, so verkürzt sich auch die Zeitspanne, die uns zur Verfügung steht, um Probleme zu lösen. Wir verschieben dies gerne in die Zukunft, weil es uns jetzt zu unbequem ist, zu viel kostet. Jørgen Randers, Mitautor des legendären Reports "Grenzen des Wachstums", sagte dazu:

"Es ist kostengünstiger, den globalen Klimaschutz zu verschieben. Es ist rentabler, die Welt zur Hölle gehen zu lassen."

Es ist erstaunlich, wie gelassen die Großen dieser Welt, den Katastrophen entgegensehen. Selbst wenn viele Verschwörungstheoretiker von gewollten Katastrophen sprechen, irgendeine Lösung wird am Ende benötigt. Denn was nutzt die Herrschaft über die Erde, wenn diese vor die Hunde geht und buchstäblich unbewohnbar wird.

Vielleicht hoffen viele darauf, dass uns in den nächsten Jahren noch einige Wunderwaffen gegen all unsere Probleme einfallen werden. Vielleicht gibt es die ein oder andere geheim gehaltene Lösung auch schon. Doch wenn sie in der Zukunft genutzt werden sollen, bleibt die Frage: Wann ist diese Zukunft?

Die Zeit läuft uns davon. Während wir uns mit Flüchtlings-, Finanz-, Euro- und sonstigen Krisen befassen, schreitet der Prozess der Zerstörung unseres Planeten weiter. Immer kürzer werden die Zyklen in denen Arten verschwinden oder neue Horrormarken überschritten werden. Irgendwann wird es die finale, die eine zu viel sein. Der Point of no return rückt näher, Tag für Tag. Noch glauben wir ihn in ferner Zukunft. Doch wann ist Zukunft? Wann ist dieser Zeitpunkt X gekommen, aber dem es keine Umkehr mehr gibt? Werden wir ihn noch erleben? Oder unsere Kinder?

"Morgen ist ein neuer Tag", endet Margret Mitchells Südstaatenepos "Vom Winde verweht" nach einem langen, grausamen Bürgerkrieg und einer verlorenen Liebe. Hoffen wir, dass es auch in Zukunft so bleibt.