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07. August 2013

Zukunft kommt später

Wir leben jetzt in der Gegenwart, meint Tom Borg

Der Generationenvertrag ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer weniger junge Menschen sollen immer mehr alte finanzieren? Da sorgen viele lieber erst mal für ihre eigene Gegenwart anstatt in eine solide Zukunft zu investieren.

Sorgen über morgen sind out; es lebe das Heute, die Gegenwart. Warum jetzt verzichten, sich plagen und für eine Rente sparen, wenn man gar nicht weiß, ob man die überhaupt bekommt? Und damit ist nicht die Skepsis gegenüber der staatlichen Rentenversicherung gemeint, sondern auch die individuelle Befürchtung, die Rente gar nicht erst mehr zu erleben, weil man sich - um sie zu erreichen - zu Tode geschuftet hat.

Immer mehr Menschen pfeifen auf eine private Zusatzversicherungen, mit denen der Staat seine gesellschaftliche Verantwortung auf die Bürger abwälzen möchte. Der Generationenvertrag ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern besitzt allenfalls noch den Wert griechischer Staatsanleihen. Wie sollte es auch anders sein, wenn man sieht, dass immer weniger junge Menschen immer mehr alte finanzieren sollen? Diesbezüglich macht sich auch die aktuelle Arbeitsgeneration keinerlei Illusionen mehr und sorgt lieber erst mal für sich selbst anstatt in eine solide Zukunft zu investieren.

Robert Leicht brachte es in einem Kommentar in zeit-online auf den Punkt: "Die Bürger sind längst keine weitsichtigen Nutzenmaximierer mehr, die unter gegenwärtigen punktuellen Verzichtsleistungen in die Zukunft investieren, sondern kurzsichtige Schadensminimierer, die zum Beispiel lieber für sich an der Rente mit 65 festhalten, als das Rentensystem für ihre Kinder tragbar zu bewahren."

Und ja, das kann man durchaus nachvollziehen, wenn man sich überwindet, die ganzen Krisenherde vor unserer Haustür genauer unter die Lupe zu nehmen. Und man muss sich überwinden, in diesem Polit- und Finanz-Sumpf herumzustochern. Zu offensichtlich ist, dass die Staaten - alle miteinander - bevorzugt den Bankensektor, das Großkapital, statt die Bürger, die brav ihre Schulden zahlen sollen.

Und, was noch viel schlimmer wirkt: Die Euro-Milliarden verabschieden sich in Richtung Länder, die sich nicht einmal die Mühe machen, ernsthaft Korruption und eigene Unfähigkeit zu vertuschen. Sie drohen einfach mit der Formel: Wenn ihr uns nicht helft, dann geht ihr mit in die Pleite. Schöne Aussichten sind das: Entweder mit Pleite gehen, weil andere Misswirtschaft betrieben, oder verarmen, weil man andere vor der Pleite bewahrt.

Da ist es doch normal, dass die Menschen anfangen, zunächst einmal an sich selbst zu denken. Wie soll man den Regierungen noch seine Zukunft anvertrauen können? Auch ohne drohender Analogie von Euro- und Rubel-Zone am Horizont ist das Vertrauen in die Politik weitestgehend dahin. Die einzigen, die der Politik noch vertrauen, das sind die Großkonzerne, die mit ihren eigenen Lobbys oder schlicht durch bedrohliche Fakten sicherstellen, dass alles nach (ihrem) Plan läuft.

Doch der Bürger, auf was soll der "kleine Mann auf der Straße sich noch verlassen? Mein Vater hat 30 Jahre lang in eine kleine Kapitallebensversicherung eingezahlt. Vor zwei Jahren hat sich deren Wert mal eben so halbiert. Die Finanzjongleure an den Märkten rund um diesen Globus spielen mit unser aller Ersparnisse; Börsenkurse gehen hoch und runter, Rohstoffpreise werden künstlich hoch gehalten und sogar Lebensmittel künstlich verknappt, um höhere Preise durchzudrücken.


Altersvorsorge ade


Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass man sich heute einfach nicht mehr darauf verlassen kann, dass Ersparnisse noch da sind, wenn man sie in Anspruch nehmen möchte. Das gilt für die Renten genauso wie das Sparbuch bei der Sparkasse. Aktuell sind die Zinsen darauf niedriger als die Inflationsrate - und das heißt: wer so bescheuert ist, etwas zu sparen, der kann zusehen, wie sein Erspartes täglich weniger wird. Warum also sparen? Warum in eine Zukunft investieren, von der man nicht weiß, ob man sie denn überhaupt erlebt und wenn ja, ob dann vom Ersparten überhaupt noch etwas übrig ist?

Andere Länder machen es uns vor: Was haben die Franzosen und vor allem die Südeuropäer schon über uns dumme Deutsche gespottet und gewitzelt, dass wir immer nur schuften und das Leben vergessen. Und sie alle haben Recht: Wir sind tatsächlich so bescheuert und schuften weiter, um jetzt deren Schulden zu bezahlen. Ist es nicht an der Zeit, dass wir auch anfangen zu leben … und notfalls auch auf Kosten der Zukunft, von der wir eh nicht wissen, was daraus werden wird…? Warum sollen zur Abwechslung nicht auch wir mal in Saus und Braus leben und dann später die anderen zur Kasse bitte oder denen genüsslich in Aussicht stellen, als Hilfe-Verweiger mit uns Pleite zu gehen…?

Es ist doch eigentlich immer das gleiche: Opel-Mitarbeiter haben auf vieles verzichtet - und verlieren jetzt doch ihre Jobs. Wir können machen was wir wollen, am Ende zahlen wir die Zeche. Warum also nicht einfach leben im Heute und uns später um die Sorgen von morgen kümmern…? Die anderen leben damit auch prima. Klar, die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa zieht noch schneller an als bei uns. Aber ganz ehrlich: nichts im Leben gibt es umsonst. Die hatten wenigstens ihren Spaß. Wir Deutsche gelten als Spaßbremse, hatten vielleicht weniger ausufernde Lebensfreude als andere, und jetzt - kriegen wir sie später vielleicht auch nicht mehr… Überhaupt: Später, wann ist das?

Also halten wir es doch lieber mit dem Handball-Motto: Wenn nicht jetzt, wann dann?! Sch… auf schuften und sparen… Wer weiß schon, ob er morgen noch einmal einen Tag geschenkt bekommt; vielleicht ist heute der letzte; vielleicht ist dieser Moment der letzte um unseren Nächsten zu sagen: Ich liebe Dich. Und wir sollen uns den Kopf über die Zukunft, unsere Rente und andere Dilemma zerbrechen? Wozu, die Politiker, die das alles steuern, denken ja auch nur bis zur nächsten Wahl. Warum sollten wir Bürger also weiter denken als bis zum nächsten Gehaltseingang oder der Stütze-Auszahlung? Wir leben jetzt - Zukunft, die kommt später…