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Carmen Sylva: Geflüsterte Worte

Die Frauenfrage

Die sogenannte Frauenfrage geht die Seele garnichts an. Der Frauenberuf heißt in der Natur: »Gebären« und in der geistigen Welt: »Mutter sein«. Das ist der Frauen Beruf, und wer das Gegenteil beweisen kann, beweise es.

Nun aber wollen die Frauen ihre Gehirnkraft beweisen durch andere Arbeiten und andere Geistentfaltung, als was sie sich früher begnügten, ihren Kindern mitzugeben. Es ist eine vorübergehende Zeit, in der die Männer lernen sollen, daß sie die Frauen zu sehr als ihre Sache behandelten, und nicht mit der richtigen Anteilnahme an ihren Entschlüssen und Beratungen, nicht mit der richtigen Verantwortung, die der Frau zukommt, da sie der eigentliche Hort und Hüter der Familie ist, während der Mann nur der Ernährer sein soll. Später wird sich das wieder ausgleichen, wenn die Frauen ihre sogenannten Rechte errungen haben, und ihr Brot verdient und ihre Fehler gemacht haben, und die Verhältnisse sich wieder so vereinfacht haben, daß der Mann genügt, um seiner Familie den Unterhalt zu erwerben, und der Frau die nötige Zeit zu lassen, ihre Kinder auch geistig auszubilden, nicht nur ihnen Suppe zu kochen und ihre Kleider zu flicken, obgleich auch das schon ein sehr großes Verdienst ist, und unsägliche Mühe in sich schließt. Das wirkliche Wissen der Frau braucht nicht so groß zu sein als ihr Wissenwollen, um den Kindern die geistige Stütze zu sein, die sie ihnen sein soll. Wenn die Menschen sich von Brot, Gemüse und Früchten ernährten, so würden die Männer ihnen ihren Unterhalt erwerben können; wenn die Frauen nicht prachtvolle Hüte brauchten, so würde sie nicht auch Brot verdienen müssen.

Die Männer sind daran Schuld, daß ihre Frauen so geworden sind, und die Frauen sind daran schuld, daß die Männer nicht mehr genügen und in so große Versuchungen geraten. Das ideale Leben wäre auf dem Lande, in seinem eignen Garten, der das tragen würde, dessen man zur Ernährung bedarf; einfache, gesunde Kleidung und Bücher, in denen man erlernen kann, was einem keine schablonenmäßige Schule lehrt. Wie aber sieht heute die Welt aus, wo die Menschen in große Städte und riesige Häuser eingepfercht sind, nie einen Baum sehen, nie die freie Luft atmen, und nur vor Neid vergehen, weil der Nachbar Rheinwein bat, und die Nachbarin erster Klasse gefahren ist.

Würde man einfach leben, so wäre viel mehr Geld da für Kunstgegenstände, die alle Menschen erfreuen würden, wie die schönen Kirchen, die allen offen stehen.

Es ist unrecht, daß ein Bild einem einzelnen gehört, es sollte allen Menschen gehören. Allen, warum denn Besitz? Nur damit die schönen Dinge nicht zerstört werden. Das beweist eine außerordentliche Ungleichheit der Erziehung. Denn wären alle Menschen gleich gut erzogen, so würden sie vor Natur und Kunst den gleichen Respekt und die nötige Verehrung haben, um nie etwas zu zerstören.

Die Frauen sollten dazu in der Welt sein, um in den Kinderseelen die Verehrung für alles Schöne zu wecken und zu pflegen. Das wäre ihr eigentlicher Beruf.

Ein Komponist, der in einem Bauernhause wohnte, bemerkte, daß, wenn er nachts arbeitete oder sich ans Instrument setzte und seinen Eingebungen freien Lauf ließ, in der Stille der Nacht plötzlich die Leute unten leise zu beten anfingen, im deutlichen Gefühl, daß der Geist des Herrn vorüberging und daß ihr Haus in dem Augenblicke ein heiliger Tempel sei. Und diese Leute kannten weder Bach noch Beethoven noch Wagner noch Komposition noch Harmonielehre. Sie fühlten nur wahr und einfach und kochten ihm dann ihre Suppe, die seine einzige Nahrung war und ihm Kraft genug zur Arbeit verlieh.

Das waren Italiener, deren Feingefühl groß ist bis in die untersten Schichten hinunter. Sie stammen von so hoher Bildung her, daß es ihnen atavistisch im Gehirne geblieben ist, wenn sie auch selbst nichts mehr davon haben.

Nie sollte es aussehen da, wo gesittete Frauen das wirkliche Regiment der Liebe, der Harmonie und der Aufopferung führten? Die Frauen sind im Begriffe, sich ihrer hohen Stellung und ihrer heiligsten Rechte zu begeben. Eine große Enthüllung über die Frau ist ein Wort von Nietzsche, der sagt: »Das echt männliche Gefühl der Selbstverachtung!« Das ist ein Gefühl, das der Frau fremd bleiben soll, das sie nie zu kennen braucht. Es müssen außergewöhnliche Verhältnisse sein, bis eine Frau lernt, sich selbst zu verachten. Denn sogar eine vor der Welt verpönte Liebe ist in ihren eigenen Augen geheiligt durch die Aufopferung, die sie hineinträgt. Also sollten die Frauen sich ihrer hohen Stellung immer bewußt bleiben, und anstatt den Männern gleich sein zu wollen, immer über ihnen stehen. Der Mann hat den Instinkt, die Frau zu verehren, in der Mutter, oft in seiner Gattin, und wieder in seiner Tochter, unter Umständen in seiner Schwester, oder in dem schwesterlichen Wesen, das ihm als Krankenpflegerin oder Hüterin seiner Kinder entgegentritt. Immer und unter allen Umständen ist die Frau in der Lage, vom Manne die größte Hochachtung zu erfahren. Freilich behandelt er sie oft als seine Sache, aber mehr aus Herzensrohheit und Unverstand. Kinder tyrannisieren am meisten die, welche sie am liebsten haben, und ahnen es nicht. Sie bedürfen der großen Pflege und fordern sie.

Die Männer sind in der Stunde der Müdigkeit große Kinder und wollen von dem, was sie am liebsten haben, gepflegt sein, und erquickt und gehütet. Es gibt Frauen, die das wunderbar verstehen, und die haben auch noch nie gefunden, daß ihre Stellung eine verfehlte sei. Sie verfehlen sie von vornherein, indem sie kindisch und unverständig sind, und allerhand dummes Zeug im Kopf haben über ihr Leben und über ihre Stellung zum Manne. Die so denken, sollen dann einfach unverheiratet bleiben, das ist ja viel bequemer. Man entgeht den allergrößten Leiden des Lebens, indem man nicht heiratet, aber man entbehrt allerdings auch seine allertiefsten Freuden. Daß man heiraten soll, um im Alter nicht allein zu sein, das ist eine Torheit. Denn man ist immer mehr oder weniger allein durch das, was einem der Tod entrissen hat, oder durch Verhältnisse, welche die Kinder in ein fernes Land oder einem fernen Beruf entführen. In seltenen Fällen gibt es goldene Hochzeiten, wie Kauer sie gemalt hat, wo Kinder und Urenkel da sind in hellen Haufen. Man ist auch im vollen Leben oft einsam, und zumal die Frau hat viele Stunden, in denen ihr wohl das Herz schwer wird. wenn sie an die Heimat denkt mit den fröhlichen Geschwistern und der verhältnismäßigen Sorglosigkeit.

Man sollte früh die Mädchen darauf aufmerksam machen, daß sie oft und viel allein sein werden mit ihren Gedanken, und daß sie dann ihre Zeit benutzen sollen, um dem Mann eine Gefährtin zu sein, ebenbürtig an Denkkraft und heiterer Ruhe. Dazu braucht man gar keine Gelehrsamkeit, die oft den Mann nur ermüdet, und ihm gar keine Erholung ist. Eine unverheiratete Dame, die wunderschöne Handarbeiten machte, Stickereien in den feinsten Stichen, die es geben kann, so daß sie wahre Aquarelle mit der Nadel malte, hatte die Gewohnheit, während der Arbeit ganze Bücher auswendig zu lernen, sodaß sie der Jugend endlos erzählen konnte und für Zitate nie ein Buch aufzuschlagen brauchte, sie wußte alles auswendig. Die sagte oft: »Ich habe gar kein Examen bestanden, wie die heutigen jungen Damen, weiß aber viel mehr als sie, denn ich kenne die ganze Litteratur in vier Sprachen auswendig und irre mich nie in der Geschichte. Ich habe eben immerfort gelesen, mit acht Jahren schon Shakespeare, da es zu meiner Zeit gar keine Kinderbücher gab!«

Es konnte nichts anmutigeres geben als ihre Gespräche, und waren wir Jungen nie so glücklich als in ihrer liebenswürdigen Gesellschaft. Denn solche Belesenheit macht nachsichtig und freundlich, während die harten Examina, und das furchtbare Einpfropfen von Brotwissenschaften oft den Frauen viel Lieblichkeit wegnehmen.

Was nun die einsamen Stunden betrifft, so wissen wir alle, daß sie oft dunkel und schwer sind, und daß wir selten eingestehen, was wir erduldet haben, nicht einmal oder vielleicht am allerwenigsten dem Manne, dem man bemüht ist stets ein heiteres, sorgenfreies Gesicht zu zeigen. Der Frauen einsame Stunden hören manchen schweren Seufzer und sehen manche stille Träne fließen. Es wäre gut, wenn nie ein Mensch etwas von ihnen erfahren würde. Das Mitteilen solcher Stunden, wem es auch sei, nimmt ihnen Wert und Weihe. Allerdings gehört Seelenstärke dazu, sie zu verschließen, denn man möchte wohl manchmal sein gequältes Herz ausschütten: aber besser nicht, viel besser nicht! Man hat ja seine teuern Toten, mit denen man in solchen Stunden flüstern, das Zwiegespräch halten kann, sicher, verstanden zu werden, während die lebenden Menschen selten die Zeit und das Verständnis haben, dessen in der schwachen Stunde bedürfen; und keine ist, die es nicht bereut hätte, sich mitgeteilt und ihr Herz erschlossen zu haben. Nicht Selbstverachtung ist dann das Gefühl, das einen befällt, aber doch Erniedrigung, Schwäche, Reue. Unbehagen mindestens, denn wir haben unreine Füße unser Heiligstes betreten lassen, wenigstens Füße, die nicht vorher ihre Schuhe ausgezogen, im Gefühl, daß der Boden heilig sei, sondern Menschen, die aus dem täglichen Getriebe das seine Aufschreien der gequälten Seele ganz alltäglich und trivial auffaßten. Aber wenn die Frauen doch lernen wollten, daß sie nicht dazu da sind, um verstanden zu werden, sondern um zu verstehen. Dies ist ihr heiliger Beruf, nicht der, von andern durchschaut und erkannt zu werden. Die Menschen, zumal die Männer, verstehen sehr selten die Frauen, denn der Mann ist viel einfacher in seinen Empfindungen und hat selten Zeit, ihnen zu lauschen, ihm ist's genug, wenn er seinen Herd behaglich findet, wenn er sich müde gearbeitet hat. Dann will er nicht das seine Räderwerk der Frauenseele studieren. Er hat garnicht das Bedürfnis, sie zu ergründen, sondern er denkt, das einfache Liebhaben ist genug, und sie braucht weiter nichts.

Wenn die Frau wüßte, welche heilige Kraft es ihr verleiht, das einsame Denken in sich zu verschließen und immer und immer freundlich zu sein, so würden nicht so oft unnötige Stürme entstehen, welche die klügeren Frauen vermeiden, mit denen die tugendsamen Frauen nichts zu tun haben wollen. Anstatt eifersüchtig zu weinen, sollte man nur noch viel liebenswürdiger sein, als alle andern, sodaß der Mann beständig einsehen mühte, daß sein Herd der allerbeste Ort in der Welt ist. Natürlich kann man ihm die Pein nicht fern halten, die er auch tragen soll: die Krankheiten der Kinder. die Not, die Sorge, die beiden gleich auferlegt ist, aber die kleinlichen Dinge, welche die Frau allein bewältigen kann, sollte sie ihm nicht vorhalten, wenn er müde gearbeitet ist. Er sollte zuhause stets nur Sonnenschein und Feiertage finden, und das wäre ganz leicht, wenn eben die Frau garnicht an sich dächte, sondern nur an ihren heiligen Beruf. Daß Frauen das können, beweisen die Nonnen und solche, die ein nonnenhaftes Leben und Selbstentäußerung führen. Es ist ihnen nicht gestattet, jemals von sich selbst zu sprechen. Warum befolgen sie nicht in allen Verhältnissen diese überaus weise Regel? Ihr Innenleben ist den wenigsten Menschen interessant. Sie wollen nur das Ergebnis des innerlich Erlebten sehen, nicht aber an den Kämpfen teilnehmen, die solche Reife hervorgebracht. Die Menschen möchten am liebsten Göttinnen haben, nicht schwache Frauen, die sich anlehnen wollen. Der große Irrtum besteht hier, daß die Frau, die so gut auf eignen Füßen stehen kann so lange sie unverheiratet ist, auf einmal meint, sie dürfte nun sich anlehnen, d. h. ihre Selbständigkeit aufgeben und alles von einem andern erwarten, der nebenbei ein schwacher, fehlerhafter Mensch ist, wie sie selber, den sie aber so lange zu einem Gott macht, bis sie die erste Enttäuschung erfährt. An dieser Enttäuschung ist sie allein schuld, da sie sich vorher der Täuschung hingegeben. Warum denn nicht weiter auf eignen Füßen stehen? Warum denn anlehnen, wo man oft mehr Geisteskraft hat als der bewunderte und angebetete Mann? Fest stehen und verbeißen, was quält, ein Seelenkampf, den sie am besten allein mit sich durchmacht und überwindet, wie körperliches Unbehagen, das den Frauen in überreichem Maße zugemessen ist. Der Fehler ist der erste Freund und noch schlimmer die erste Freundin, der man einen Einblick in diese Kämpfe gestattet. Wie oft bereut man später bitter, in der schwachen Stunde geklagt zu haben, da man das empfohlene bittere Wort nicht zurückrufen kann. Hierin haben die Männer mehr Würde als die Frauen. Sie haben das Gefühl, den Herd vor äußern Einblicken zu schützen und der Welt zu verbergen, was sie enttäuscht. Die Frau aber klagt und beschwert sich, und wenn ihr dann der Mann entrissen wird, mit dem sie eben garnicht leben konnte, so will sie verzweifeln, und derselbe Mann hat nur noch Eigenschaften, die man nie auserzählen kann. Warum lebt man nicht ein bißchen mehr in Gedanken an den Tod? Man würde so geduldig sein, wenn man immer Angst hätte, der Geliebte würde morgen fort sein, und man dürfte nie mehr seine Stimme hören, nie mehr über seine kleinen Schwächen lächeln, nie mehr sein Lächeln der Freude sehen bei einer kleinen Aufmerksamkeit.

Aber nein, man denkt an sich und wieder an sich und noch immer an sich, und dann findet man, daß der Mann einen nicht auf Händen trägt. Was man sich darunter gedacht, auf Händen getragen zu werden, das bleibt dunkel, denn es war immer dunkel, aber es ist solch ein schöner Ausdruck in den Büchern, und man denkt garnicht, daß man den Mann, den Haushalt, die Kinder, die Sorgen, die Mühen, nicht nur auf Händen, nicht nur auf den Schultern, sondern im Herzen tragen muß, und daß es da oftmals drückt, wer wollte es leugnen? Die Frauen verstehen sich alle unter einander, mit einem einzigen Blick, ganz gleich, welchem Stande sie angehören, während die Männer die Frauen in den seltensten Fällen verstehen. Das war auch wohl gar nicht die Absicht. Die Frauen sollten ihrem eignen Manne stets ein wenig rätselhaft bleiben, damit er immer etwas zu entdecken hat. Selbst die körperlichen Leiden, denen die Frau ausgesetzt ist, erfüllen den Mann mit Andacht, ja mit Anbetung, wenn sie mit der rechten Würde und Geduld getragen werden. Vielleicht gab es eine Zeit, da Mann und Frau ein einziges Geschöpf waren, und daß von der Zeit der Trennung her die Legende von der Rippe entstanden ist. Nun können sie nie wieder eins werden außer in der Aufopferung, in Gedanken an die kommende Generation, für welche beide gleich ernst bedacht sind in der gegenseitigen Hilfe. Die Türken, welche vier Weiber gestatten, nicht vorschreiben, sagen: »Aber nur mit derjenigen, die das ganze Leben hindurch deine Frau war, wirst du ins Paradies eingehen.«

Die Frauen sollten mehr der Schwäche der menschlichen Natur Rechnung tragen, und wenn sie glauben Grund zur Eifersucht zu haben, sollten sie dies mit kluger Philosophie verbergen. Wenn sie den Heldenmut hätten, diese Qual zu verbergen, so würden sie bald davon erlöst sein, statt durch Szenen und Vorwürfe zu reizen und den Mann noch abwendiger zu machen. Es hat schon manche kluge, selbstlose Frau ihren Mann wieder zu sich zurückgeführt und ihm geholfen, über eine unerlaubte Leidenschaft Herr zu werden. Alles und alles konzentriert sich immer wieder im Worte; Selbstlos! Das ist das einzige, das man allen Verhältnissen entgegenzubringen hat. Warum braucht man das einer Mutter nicht zu lehren? Die ist es von selbst und weiß es nicht einmal. Die zählt die schlaflosen Nächte nicht, nicht die tägliche Mühe, die unendliche Sorge, nichts, gar nichts, wenn nur ihr Kleines gesund und fröhlich ist und ihr manchmal zulächelt. Wer hat noch je der Mutter zu sagen brauchen, sich selbst zu vergessen! Aber in allen andern Verhältnissen wäre dies Selbstvergessen zu erlernen. Das wäre die einzige Hilfe, da, wo das Leben zu schwer oder scheinbar zu schwer ist. Denn es ist merkwürdig, was die Frau eigentlich auf ihre Schultern nehmen und tragen kann. Daher kommt es wohl auch, daß die Männer in dieser Hinsicht oft zu viel verlangen. Sie wissen, daß die Frau Unerhörtes zu ertragen vermag. Nun aber kam die Stunde der Empörung und des Nichtmehrtragenwollens. Wie sah die aus? Sie hilft weder den einen noch den andern, denn sie war wie alle Revolutionen falsch angefangen.

Die Frauen sagen, sie könnten noch die Untreue ihrer Männer ertragen, wenn sie nicht immer dabei noch so ungerecht würden und so viel schwerer zu haben wären, voller Launen und Vorwürfe. Aber ein wenig Geduld hätte über das alles weggeholfen. Die Männer sind ungeduldig, weil eben die berühmte Stunde der Selbstverachtung da ist, und bohrt und nagt, und ihnen ihr Leben verdunkelt; da wissen sie nicht, wie sie ihre innere Pein auslassen sollen, und weil sie im Grunde genommen große, naive Kinder sind, so lassen sie ihre Unzufriedenheit mit sich selbst an der eigenen Frau aus, deren Anblick ihnen diese Unruhe verursacht. Der Mann sagt sich, daß er ein Elender ist, daß die Frau alle die Leiden für ihn, alle die Sorgen mit ihm getragen hat, und daß er eben doch eine andere sehr schön findet, und sehr begehrenswert. Wenn die Frau in solcher Zeit geduldig wäre und vollkommen selbstlos! Das ist natürlich sehr schwer. Das Geld geht aus dem Hause, die Freude auch, ihre Einsamkeit wird unerträglich groß, denn sie hat eigentlich keinen Mann mehr. Es hat eine Frau gegeben, deren Mann ein schlimmer Geselle in der Beziehung war, und der sie oft nahe am Hungern ließ, weil er alles Geld anderwärts verbrauchte. Sie erzog ihre Kinder geduldig in der Entbehrung und im Entsagen, und hatte ihren Mann lieb und sagte: »Mein Mann kann einen Schritt tun und wird eine finden, die schöner ist als ich, und zwei Schritte und eine finden, die klüger ist und gebildeter als ich, aber in der ganzen weiten Welt wird er keine finden, die ihn so lieb hat als ich!« Liebhaben! Liebhaben! Liebhaben und immer Liebhaben!

Nicht verliebt sein, das ist ein ganz selbstsüchtiges Gefühl und führt zu keiner Aufopferung; aber Liebhaben, das ist ganz etwas anderes, das ist heilig und aller irdischen Schwäche entkleidet. Überhaupt sollte die Frau mit großer Klugheit erkennen, wann sie Geliebte sein soll, und wann Gefährte, wann begehrenswert und wann nonnenhaft; das sind solch feine Stimmungen und so zarte Nüancen, daß es der ganzen Klugheit der Frau bedarf, um sie zu erkennen.

Warum denn sich dieser unsrer größten Kunst und Kraft entkleiden, um zu sein, wie die Männer, derb und rauh und unverständig? Es kommt aber auch viel von einem Erziehungsfehler her. Denn man erzieht die Mädchen darauf, sich für geringer anzusehen, wie die Männer, und daher kommen dann alle die schrecklichen Enttäuschungen, wenn die junge Frau entdeckt, daß ihr Mann schwach ist wie sie, und Fehler hat wie sie, und in vielen Stücken wirklich unvollkommener ist als sie.

Anbetungswürdig ist nur das, was uns entrückt ist, darum haben die Männer für die Mutter diese tiefe Verehrung. Die Frauen könnten dasselbe haben, wenn sie ein wenig unnahbar blieben und geheimnisvoll, und nicht den Mann zu ihrem Gott machten, sondern zu ihrem Freunde, der oft Rat geben kann und oft beraten sein will.

Alles ist natürlich dadurch erschwert, daß hier der Körper eine Rolle spielt; aber das wäre wieder die Sache der Frau, auch hieraus das Heiligste zu machen, das Erhabenste und Höchste, ein Gebet zu zweien, eine Weihe zu zweien. Die Frau begibt sich ihrer ganzen Würde, wenn sie nicht in jedem Augenblick des Lebens die zarteste Selbstbeherrschung bewahrt. Die Natur belohnt große, tiefe Liebe durch hochbegabte, schöne Kinder. Das wissen alle und haben dann die Gewissenlosigkeit, unglückliche Kinder in die Welt zu setzen, weil sie nur vergessen haben, sich lieb zu haben; so über alles lieb, so heilig lieb, daß der Himmel ganz nahe gekommen ist, und daß das Kind, was aus dieser Verbindung hervorgeht, eben vollkommen ebenmäßig, glücklich, heiter, stark und gesund sein kann. Aber ach! Der Kinder wird nicht gedacht und meistens werden sie ungern empfangen, anstatt, daß sie die Hauptsache sind. Wofür heiratet man denn, wenn man keine Kinder will? Man bleibt ja viel besser ledig.

Man frage die Kinderlosen, was sie denken, wenn sie Familien sehen. Sie finden nie eine Familie zu groß oder einen Kindersegen zu reichlich.

Die Kinderlosigkeit ist ein anderes schweres Leid im Frauenleben, und kostet es lange Jahre des Kampfes, bis die Entsagung kommt, da die Hoffnung immer wieder täuschend aufsteht, und zu neuer bittrer Enttäuschung Anlaß gibt. Es ist schwer, das zwischen den Eheleuten nicht Bitterkeit und heimlicher Groll entsteht, und jeder dem andern vorwirft, woran beide nicht schuld sind.

Wenn nun gar das Kind entrissen wird, so geschieht es gar leicht, daß der einzige Schmerz, der über Menschenkräfte geht, und der ans Unerträgliche streift, einen Riß hervorbringt, und daß das Grab zwischen den Eheleuten immer offen steht, in das sie ihre ganze Liebe und ihre Hoffnung, und alles versenkt haben, was ihnen das Leben wert und lieb machte, und daß die große Müdigkeit von dem bitteren Leiden sie einander für immer entfremdet. Da wird von der Frau eine Kraft verlangt, deren sie sich selbst nicht für fähig halten würde.

Denn bei ihr ist es ein körperliches Zerreißen, nicht nur ein grenzenloses Seelenleid. Bei ihr bluten die Eingeweide, nicht nur das Herz, und dennoch soll sie noch liebreich dem Manne tragen helfen, dem Manne, der sich nach außen hin zerstreuen kann durch seine Arbeit, während sie allein am kalten, leeren Herde sitzt, und die Stille nicht aushalten kann, die sie umgibt.

Da kann man nur ganz geduldig sein, wie unter dem Operationsmesser, wie bei einer tiefen und schweren Wunde, die eben ihre Zeit braucht, bis eine schmerzende Narbe zurückbleibt, und man das Leben wieder aufnehmen kann. Je mehr Geduld, je besser für beide. Wissen wir, warum die Kinder unsern ungeschickten Händen entrissen werden? Vielleicht haben wir ihnen nicht die Bedingungen entgegengebracht, unter welchen sie sich zur größten Vollkommenheit entwickeln konnten. In der Ewigkeit zählen nur die Seelen, und die sollen das beste erreichen dürfen, und sobald sie nicht die günstigen Bedingungen finden, nicht den Boden, auf dem sie sich entwickeln dürfen, so werden sie wieder verpflanzt. Oder sie haben nur die Erde streifen wollen, um das hineinzutragen, was sonst gefehlt haben würde. Vielleicht sind es schon zu vollkommene Seelen, um auf der Prüfungsstätte, welche Erde heißt, zu verweilen; daher der Ausdruck »Zu gut für diese Welt« wohl ein ganz berechtigter sein mag.

Die Natur selbst hat das Weib zweimal geheiligt, als Jungfrau und als Mutter und zum dritten Mal oft als Märtyrerin. Ist das nicht genug für die elende Erde?