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Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Donnerstag, den 24. Februar 1825

»Wäre es meine Sache noch, dem Theater vorzustehen,« sagte Goethe diesen Abend, »ich würde Byrons ›Dogen von Venedig‹ auf die Bühne bringen. Freilich ist das Stück zu lang und es müßte gekürzt werden; aber man müßte nichts daran schneiden und streichen, sondern es so machen: man müßte den Inhalt jeder Szene in sich aufnehmen und ihn bloß kürzer wiedergeben. Dadurch würde das Stück zusammengehen, ohne daß man ihm durch Änderungen schadete, und es würde an kräftiger Wirkung durchaus gewinnen, ohne im wesentlichen von seinem Schönen etwas einzubüßen.«

Diese Äußerung Goethes gab mir eine neue Ansicht, wie man beim Theater in hundert ähnlichen Fällen zu verfahren habe, und ich war über diese Maxime, die freilich einen guten Kopf, ja einen Poeten voraussetzt, der seine Sache versteht, höchst erfreut.

Wir sprachen über Lord Byron weiter, und ich erwähnte, wie er in seinen Konversationen mit Medwin es als etwas höchst Schwieriges und Undankbares ausgesprochen habe, für das Theater zu schreiben. »Es kommt darauf an,« sagte Goethe, »daß der Dichter die Bahn zu treffen wisse, die der Geschmack und das Interesse des Publikums genommen hat. Fällt die Richtung des Talents mit der des Publikums zusammen, so ist alles gewonnen. Diese Bahn hat Houwald mit seinem ›Bilde‹ getroffen, daher der allgemeine Beifall. Lord Byron wäre vielleicht nicht so glücklich gewesen, insofern seine Richtungen von der des Publikums abwichen. Denn es fragt sich hiebei keineswegs, wie groß der Poet sei; vielmehr kann ein solcher, der mit seiner Persönlichkeit aus dem allgemeinen Publikum wenig hervorragt, oft eben dadurch die allgemeinste Gunst gewinnen.«

Wir setzten das Gespräch über Lord Byron fort, und Goethe bewunderte sein außerordentliches Talent. »Dasjenige, was ich die Erfindung nenne«, sagte er, »ist mir bei keinem Menschen in der Welt größer vorgekommen als bei ihm. Die Art und Weise, wie er einen dramatischen Knoten löset, ist stets über alle Erwartung und immer besser, als man es sich dachte.« – »Mir geht es mit Shakespeare so,« erwiderte ich, »namentlich mit dem Falstaff, wenn er sich festgelogen hat und ich mich frage, was ich ihn tun lassen würde, um sich wieder loszuhelfen, wo denn freilich Shakespeare alle meine Gedanken bei weitem übertrifft. Daß aber Sie ein Gleiches von Lord Byron sagen, ist wohl das höchste Lob, das diesem zuteil werden kann. Jedoch«, fügte ich hinzu, »steht der Poet, der Anfang und Ende klar übersieht, gegen den befangenen Leser bei weitem im Vorteil.«

Goethe gab mir recht und lachte dann über Lord Byron, daß er, der sich im Leben nie gefügt und der nie nach einem Gesetz gefragt, sich endlich dem dümmsten Gesetz der drei Einheiten unterworfen habe. »Er hat den Grund dieses Gesetzes so wenig verstanden,« sagte er, »als die übrige Welt. Das Faßliche ist der Grund, und die drei Einheiten sind nur insofern gut, als dieses durch sie erreicht wird. Sind sie aber dem Faßlichen hinderlich, so ist es immer unverständig, sie als Gesetz betrachten und befolgen zu wollen. Selbst die Griechen, von denen diese Regel ausging, haben sie nicht immer befolgt; im ›Phaëthon‹ des Euripides und in andern Stücken wechselt der Ort und man sieht also, daß die gute Darstellung ihres Gegenstandes ihnen mehr galt als der blinde Respekt vor einem Gesetz, das an sich nie viel zu bedeuten hatte. Die Shakespeareschen Stücke gehen über die Einheit der Zeit und des Orts so weit hinaus als nur möglich; aber sie sind faßlich, es ist nichts faßlicher als sie, und deshalb würden auch die Griechen sie untadelig finden. Die französischen Dichter haben dem Gesetz der drei Einheiten am strengsten Folge zu leisten gesucht, aber sie sündigen gegen das Faßliche, indem sie ein dramatisches Gesetz nicht dramatisch lösen, sondern durch Erzählung.«

Ich dachte hiebei an ›Die Feinde‹ von Houwald, bei welchem Drama der Verfasser sich auch sehr im Lichte stand, indem er, um die Einheit des Orts zu bewahren, im ersten Akt dem Faßlichen schadete und überhaupt eine mögliche größere Wirkung seines Stückes einer Grille opferte, die ihm niemand Dank weiß. Dagegen dachte ich auch an den ›Götz von Berlichingen‹, welches Stück über die Einheit der Zeit und des Orts so weit hinausgeht als nur immer möglich; aber auch so in der Gegenwart sich entwickelnd, alles vor die unmittelbare Anschauung bringend, und daher so echt dramatisch und faßlich ist als nur irgendein Stück in der Welt. Auch dachte ich, daß die Einheit der Zeit und des Orts dann natürlich und im Sinne der Griechen wäre, wenn ein Faktum so wenig Umfang habe, daß es sich in gehöriger Zeit vor unsern Augen im Detail entwickeln könne; daß aber bei einer großen, durch verschiedene Orte sich machenden Handlung kein Grund sei, solche auf einen Ort beschränken zu wollen, um so weniger, als bei unseren jetzigen Bühnen zu beliebiger Verwandlung der Szene durchaus kein Hindernis im Wege stehe.

Goethe fuhr über Lord Byron zu reden fort. »Seinem stets ins Unbegrenzte strebenden Naturell«, sagte er, »steht jedoch die Einschränkung, die er sich durch Beobachtung der drei Einheiten auflegte, sehr wohl. Hätte er sich doch auch im Sittlichen so zu begrenzen gewußt! Daß er dieses nicht konnte, war sein Verderben, und es läßt sich sehr wohl sagen, daß er an seiner Zügellosigkeit zugrunde gegangen ist.

Er war gar zu dunkel über sich selbst. Er lebte immer leidenschaftlich in den Tag hin und wußte und bedachte nicht, was er tat. Sich selber alles erlaubend und an andern nichts billigend, mußte er es mit sich selbst verderben und die Welt gegen sich aufregen. Mit seinen ›English Bards and Scotch Reviewers‹ verletzte er gleich anfänglich die vorzüglichsten Literatoren. Um nachher nur zu leben, mußte er einen Schritt zurücktreten. In seinen folgenden Werken ging er in Opposition und Mißbilligung fort; Staat und Kirche blieben nicht unangetastet. Dieses rücksichtslose Hinwirken trieb ihn aus England und hätte ihn mit der Zeit auch aus Europa getrieben. Es war ihm überall zu enge, und bei der grenzenlosesten persönlichen Freiheit fühlte er sich beklommen; die Welt war ihm wie ein Gefängnis. Sein Gehen nach Griechenland war kein freiwilliger Entschluß, sein Mißverhältnis mit der Welt trieb ihn dazu.

Daß er sich vom Herkömmlichen, Patriotischen lossagte, hat nicht allein einen so vorzüglichen Menschen persönlich zugrunde gerichtet, sondern sein revolutionären Sinn und die damit verbundene beständige Agitation des Gemüts hat auch sein Talent nicht zur gehörigen Entwickelung kommen lassen. Auch ist die ewige Opposition und Mißbilligung seinen vortrefflichen Werken selbst, so wie sie daliegen, höchst schädlich. Denn nicht allein, daß das Unbehagen des Dichters sich dem Leser mitteilt, sondern auch alles opponierende Wirken geht auf das Negative hinaus, und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber gar das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht bekümmern, sondern nur immer das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit reine Freude empfinde.«

Ich erquickte mich an diesen herrlichen Worten und freute mich der köstlichen Maxime.

»Lord Byron«, fuhr Goethe fort, »ist zu betrachten: als Mensch, als Engländer und als großes Talent. Seine guten Eigenschaften sind vorzüglich vom Menschen herzuleiten, seine schlimmen, daß er ein Engländer und ein Peer von England war; und sein Talent ist inkommensurabel.

Alle Engländer sind als solche ohne eigentliche Reflexion, die Zerstreuung und der Parteigeist lassen sie zu keiner ruhigen Ausbildung kommen. Aber sie sind groß als praktische Menschen.

So konnte Lord Byron nie zum Nachdenken über sich selbst gelangen; deswegen auch seine Reflexionen überhaupt ihm nicht gelingen wollen, wie sein Symbolum ›Viel Geld und keine Obrigkeit‹ beweiset, weil durchaus vieles Geld die Obrigkeit paralysiert.

Aber alles, was er produzieren mag, gelingt ihm, und man kann wirklich sagen, daß sich bei ihm die Inspiration an die Stelle der Reflexion setzt. Er mußte immer dichten; und da war denn alles, was vom Menschen, besonders vom Herzen ausging, vortrefflich. Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern; sie denken nicht daran und wissen nicht wie.

Er ist ein großes Talent, ein geborenes, und die eigentlich poetische Kraft ist mir bei niemanden größer vorgekommen als bei ihm. In Auffassung des Äußern und klarem Durchblick vergangener Zustände ist er ebenso groß als Shakespeare. Aber Shakespeare ist als reines Individuum überwiegend. Dieses fühlte Byron sehr wohl, deshalb spricht er vom Shakespeare nicht viel, obgleich er ganze Stellen von ihm auswendig weiß. Er hätte ihn gern verleugnet, denn Shakespeares Heiterkeit ist ihm im Wege; er fühlt, daß er nicht dagegen aufkann. Pope verleugnet er nicht, weil er ihn nicht zu fürchten hatte. Er nennt und achtet ihn vielmehr, wo er kann, denn er weiß sehr wohl, daß Pope nur eine Wand gegen ihn ist.«

Goethe schien über Byron unerschöpflich, und ich konnte nicht satt werden, ihm zuzuhören. Nach einigen kleinen Zwischengesprächen fuhr er fort:

»Der hohe Stand als englischer Peer war Byron sehr nachteilig; denn jedes Talent ist durch die Außenwelt geniert, geschweige eins bei so hoher Geburt und so großem Vermögen. Ein gewisser mittler Zustand ist dem Talent bei weitem zuträglicher; weshalb wir denn auch alle große Künstler und Poeten in den mittleren Ständen finden. Byrons Hang zum Unbegrenzten hätte ihm bei einer geringeren Geburt und niederem Vermögen bei weitem nicht so gefährlich werden können. So aber stand es in seiner Fracht, jede Anwandlung in Ausführung zu bringen, und das verstrickte ihn in unzählige Händel. Und wie sollte ferner dem, der selbst aus so hohem Stande war, irgendein Stand imponieren und Rücksicht einflößen? Er sprach aus, was sich in ihm regte, und das brachte ihn mit der Welt in einen unauflöslichen Konflikt.

Man bemerkt mit Verwunderung,« fuhr Goethe fort, »welcher große Teil des Lebens eines vornehmen reichen Engländers in Entführungen und Duellen zugebracht wird. Lord Byron erzählt selbst, daß sein Vater drei Frauen entführt habe. Da sei einer einmal ein vernünftiger Sohn!

Er lebte eigentlich immer im Naturzustande, und bei seiner Art zu sein, mußte ihm täglich das Bedürfnis der Notwehr vorschweben. Deswegen sein ewiges Pistolenschießen. Er mußte jeden Augenblick erwarten, herausgefordert zu werden.

Er konnte nicht allein leben. Deswegen war er trotz aller seiner Wunderlichkeiten gegen seine Gesellschaft höchst nachsichtig. Er las das herrliche Gedicht über den Tod des General Moore einen Abend vor, und seine edlen Freunde wissen nicht, was sie daraus machen sollen. Das rührt ihn nicht, und er steckt es wieder ein. Als Poet beweist er sich wirklich wie ein Lamm. Ein anderer hätte sie dem Teufel übergeben!«

 


 

Mittwoch, den 20. [Dienstag, den 19.] April 1825

Goethe zeigte mir diesen Abend einen Brief eines jungen Studierenden, der ihn um den Plan zum zweiten Teile des ›Faust‹ bittet, indem er den Vorsatz habe, dieses Werk seinerseits zu vollenden. Trocken, gutmütig und aufrichtig geht er mit seinen Wünschen und Absichten frei heraus und äußert zuletzt ganz unverhohlen, daß es zwar mit allen übrigen neuesten literarischen Bestrebungen nichts sei, daß aber in ihm eine neue Literatur frisch erblühen solle.

Wenn ich im Leben auf einen jungen Menschen stieße, der Napoleons Welteroberungen fortzusetzen sich rüstete, oder auf einen jungen Bau-Dilettanten, der den Kölner Dom zu vollenden sich anschickte, so würde ich mich über diese nicht mehr verwundern und sie nicht verrückter und lächerlicher finden, als eben diesen jungen Liebhaber der Poesie, der Wahn genug besitzt, aus bloßer Neigung den zweiten Teil des ›Faust‹ machen zu können.

Ja ich halte es für möglicher, den Kölner Dom auszubauen, als in Goethes Sinne den ›Faust‹ fortzusetzen! Denn jenem ließe sich doch allenfalls mathematisch beikommen, er steht uns doch sinnlich vor Augen und läßt sich mit Händen greifen. Mit welchen Schnüren und Maßen aber wollte man zu einem unsichtbaren geistigen Werk reichen, das durchaus auf dem Subjekt beruht, bei welchem alles auf das Aperçu ankommt, das zum Material ein großes selbstdurchlebtes Leben und zur Ausführung eine jahrelang geübte, zur Meisterschaft gesteigerte Technik erfordert?

Wer ein solches Unternehmen für leicht, ja nur für möglich hält, hat sicher nur ein sehr geringes Talent, eben weil er keine Ahndung vom Hohen und Schwierigen besitzt; und es ließe sich sehr wohl behaupten, daß, wenn Goethe seinen ›Faust‹ bis auf eine Lücke von wenigen Versen selbst vollenden wollte, ein solcher Jüngling nicht fähig sein würde, nur die wenigen Verse schicklich hineinzubringen.

Ich will nicht untersuchen, woher unserer jetzigen Jugend die Einbildung gekommen, daß sie dasjenige als etwas Angeborenes bereits mit sich bringe, was man bisher nur auf dem Wege vieljähriger Studien und Erfahrungen erlangen konnte, aber so viel glaube ich sagen zu können, daß die in Deutschland jetzt so häufig vorkommenden Äußerungen eines alle Stufen allmählicher Entwickelung keck überschreitenden Sinnes zu künftigen Meisterwerken wenige Hoffnung machen.

»Das Unglück ist«, sagte Goethe, »im Staat, daß niemand leben und genießen, sondern jeder regieren, und in der Kunst, daß niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren will.

Auch denkt niemand daran, sich von einem Werk der Poesie auf seinem eigenen Wege fördern zu lassen, sondern jeder will sogleich wieder dasselbige machen.

Es ist ferner kein Ernst da, der ins Ganze geht, kein Sinn, dem Ganzen etwas zuliebe zu tun, sondern man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichstes Evidenz bringe. Dieses falsche Bestreben zeigt sich überall, und man tut es den neuesten Virtuosen nach, die nicht sowohl solche Stücke zu ihrem Vortrage wählen, woran die Zuhörer reinen musikalischen Genuß haben, als vielmehr solche, worin der Spielende seine erlangte Fertigkeit könne bewundern lassen. Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches Streben, das dem Ganzen und der Sache zuliebe sein eigenes Selbst zurücksetzte.

Hiezu kommt sodann, daß die Menschen in ein pfuscherhaftes Produzieren hineinkommen, ohne es selbst zu wissen. Die Kinder machen schon Verse und gehen so fort und meinen als Jünglinge, sie könnten was, bis sie zuletzt als Männer zur Einsicht des Vortrefflichen gelangen, was da ist, und über die Jahre erschrecken, die sie in einer falschen, höchst unzulänglichen Bestrebung verloren haben.

Ja, viele kommen zur Erkenntnis des Vollendeten und ihrer eigenen Unzulänglichkeit nie und produzieren Halbheiten bis an ihr Ende.

Gewiß ist es, daß wenn jeder früh genug zum Bewußtsein zu bringen wäre, wie die Welt von dem Vortrefflichsten so voll ist und was dazu gehört, diesen Werken etwas Gleiches an die Seite zu setzen, daß sodann von jetzigen hundert dichtenden Jünglingen kaum ein einziger Beharren und Talent und Mut genug in sich fühlen würde, zu Erreichung einer ähnlichen Meisterschaft ruhig fortzugehen.

Viele junge Maler würden nie einen Pinsel in die Hand genommen haben; wenn sie früh genug gewußt und begriffen hätten, was denn eigentlich ein Meister wie Raffael gemacht hat.«

Das Gespräch lenkte sich auf die falschen Tendenzen im allgemeinen, und Goethe fuhr fort:

»So war meine praktische Tendenz zur bildenden Kunst eigentlich eine falsche, denn ich hatte keine Naturanlage dazu und konnte sich also dergleichen nicht aus mir entwickeln. Eine gewisse Zärtlichkeit gegen die landschaftlichen Umgebungen war mir eigen und daher meine ersten Anfänge eigentlich hoffnungsvoll. Die Reise nach Italien zerstörte dieses praktische Behagen; eine weite Aussicht trat an die Stelle, aber die liebevolle Fähigkeit ging verloren, und da sich ein künstlerisches Talent weder technisch noch ästhetisch entwickeln konnte, so zerfloß mein Bestreben zu nichts.

Man sagt mit Recht,« fuhr Goethe fort, »daß die gemeinsame Ausbildung menschlicher Kräfte zu wünschen und auch das Vorzüglichste sei. Der Mensch aber ist dazu nicht geboren, jeder muß sich eigentlich als ein besonderes Wesen bilden, aber den Begriff zu erlangen suchen, was alle zusammen sind.«

Ich dachte hiebei an den ›Wilhelm Meister‹, wo gleichfalls ausgesprochen ist, daß nur alle Menschen zusammengenommen die Menschheit ausmachen und wir nur insofern zu achten sind, als wir zu schätzen wissen.

So auch dachte ich an die ›Wanderjahre‹, wo Montan immer nur zu einem Handwerk rät und dabei ausspricht, daß jetzt die Zeit der Einseitigkeiten sei und man den glücklich zu preisen habe, der dieses begreife und für sich und andere in solchem Sinne wirke.

Nun aber fragt es sich, was jemand für ein Handwerk habe, damit er die Grenzen nicht überschreite, aber auch nicht zu wenig tue.

Wessen Sache es sein wird, viele Fächer zu übersehen, zu beurteilen, zu leiten, der soll auch eine möglichste Einsicht in viele Fächer zu erlangen suchen. So kann ein Fürst, ein künftiger Staatsmann sich nicht vielseitig genug ausbilden, denn die Vielseitigkeit gehört zu seinem Handwerk.

Gleicherweise soll der Poet nach mannigfaltiger Kenntnis streben; denn die ganze Welt ist sein Stoff, den er zu handhaben und auszusprechen verstehen muß.

Aber der Dichter soll kein Maler sein wollen, sondern sich begnügen, die Welt durch das Wort wiederzugeben; so wie er dem Schauspieler überläßt, sie durch persönliche Darstellung uns vor die Augen zu bringen.

Denn Einsicht und Lebenstätigkeit sollen wohl unterschieden werden, und man soll bedenken, daß jede Kunst, sobald es auf die Ausübung ankommt, etwas sehr Schwieriges und Großes ist, worin es zur Meisterschaft zu bringen, ein eigenes Leben verlangt wird.

So hat Goethe nach vielseitigsten Einsicht gestrebt, aber in seiner Lebenstätigkeit hat er sich nur auf eins beschränkt. Nur eine einzige Kunst hat er geübt, und zwar meisterhaft geübt, nämlich die: deutsch zu schreiben. Daß der Stoff, den er aussprach, vielseitiger Natur war, ist eine andere Sache.

Gleicherweise soll man Ausbildung von Lebenstätigkeit wohl unterscheiden.

So gehört zur Ausbildung des Dichters, daß sein Auge zur Auffassung der äußeren Gegenstände auf alle Weise geübt werde. Und wenn Goethe seine praktische Tendenz zur bildenden Kunst, insofern er sie zu seiner Lebenstätigkeit hätte machen wollen, eine falsche nennt, so war sie wiederum ganz am Orte, insofern es seine Ausbildung als Dichter galt.

»Die Gegenständlichkeit meiner Poesie«, sagte Goethe, »bin ich denn doch jener großen Aufmerksamkeit und Übung des Auges schuldig geworden; so wie ich auch die daraus gewonnene Kenntnis hoch anzuschlagen habe.«

Hüten aber soll man sich, die Grenzen seiner Ausbildung zu weit zu stecken.

»Die Naturforscher«, sagte Goethe, »werden am ersten dazu verführt, weil zur Betrachtung der Natur wirklich eine sehr harmonische allgemeine Ausbildung erfordert wird.«

Dagegen aber soll sich jeder, sobald es die Kenntnisse betrifft, die zu seinem Fache unerläßlich gehören, vor Beschränkung und Einseitigkeit zu bewahren suchen.

Ein Dichter, der für das Theater schreiben will, soll Kenntnis der Bühne haben, damit er die Mittel erwäge, die ihm zu Gebote stehen, und er überhaupt wisse, was zu tun und zu lassen sei; so wie es dem Opernkomponisten nicht an Einsicht der Poesie fehlen darf, damit er das Schlechte vom Guten unterscheiden könne und seine Kunst nicht an etwas Unzulänglichem verschwendet werde.

»Carl Maria von Weber«, sagte Goethe, »mußte die ›Euryanthe‹ nicht komponieren; er mußte gleich sehen, daß dies ein schlechter Stoff sei, woraus sich nichts machen lasse. Diese Einsicht dürfen wir bei jedem Komponisten, als zu seiner Kunst gehörig, voraussetzen.«

So soll der Maler Kenntnis in Unterscheidung der Gegenstände haben; denn es gehört zu seinem Fache, daß er wisse, was er zu malen habe und was nicht.

»Im übrigen aber«, sagte Goethe, »ist es zuletzt die größte Kunst, sich zu beschränken und zu isolieren.«

So hat er die ganze Zeit, die ich in seiner Nähe bin, mich stets vor allen ableitenden Richtungen zu bewahren und mich immer auf ein einziges Fach zu konzentrieren gesucht. Zeigte ich etwa Neigung, mich in Naturwissenschaften umzutun, so war immer sein Rat, es zu unterlassen und mich für jetzt bloß an die Poesie zu halten. Wollte ich ein Buch lesen, wovon er wußte, daß es mich auf meinem jetzigen Wege nicht weiter brächte, so widerrief er es mir stets, indem er sagte, es sei für mich von keinem praktischen Nutzen.

»Ich habe gar zu viele Zeit auf Dinge verwendet,« sagte er eines Tages, »die nicht zu meinem eigentlichen Fache gehörten. Wenn ich bedenke, was Lopez de Vega gemacht hat, so kommt mir die Zahl meiner poetischen Werke sehr klein vor. Ich hätte mich mehr an mein eigentliches Metier halten sollen.

Hätte ich mich nicht so viel mit Steinen beschäftiget«, sagte er ein andermal, »und meine Zeit zu etwas Besserem verwendet, ich könnte den schönsten Schmuck von Diamanten haben.«

Aus gleicher Ursache schätzt und rühmt er an seinem Freunde Meyer, daß dieser ausschließlich auf das Studium der Kunst sein ganzes Leben verwendet habe, wodurch man ihm denn die höchste Einsicht in diesem Fache zugestehen müsse.

»Ich bin auch in solcher Richtung frühzeitig hergekommen«, sagte Goethe, »und habe auch fast ein halbes Leben an Betrachtung und Studium von Kunstwerken gewendet, aber Meyern kann ich es denn doch in gewisser Hinsicht nicht gleichtun. Ich hüte mich daher auch wohl, ein neues Gemälde diesem Freunde sogleich zu zeigen, sondern ich sehe zuvor zu, wie weit ich ihm meinerseits beikommen kann. Glaube ich nun, über das Gelungene und Mangelhafte völlig im klaren zu sein, so zeige ich es Meyern, der denn freilich weit schärfer sieht und dem in manchem Betracht noch ganz andere Lichter dabei aufgehen. Und so sehe ich immer von neuem, was es sagen will und was dazu gehört, um in einer Sache durchaus groß zu sein. In Meyern liegt eine Kunsteinsicht von ganzen Jahrtausenden.«

Nun aber könnte man fragen, warum denn Goethe, wenn er so lebhaft durchdrungen sei, daß der Mensch nur ein Einziges tun solle, warum denn gerade er selbst sein Leben an so höchst vielseitige Richtungen verwendet habe.

Hierauf antworte ich, daß, wenn Goethe jetzt in die Welt käme und er die poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen seiner Nation bereits auf der Höhe vorfände, auf welche sie jetzt, und zwar größtenteils durch ihn, gebracht sind, er sodann sicher zu so mannigfaltigen Richtungen keine Veranlassung finden und sich gewiß auf ein einziges Fach beschränken würde.

So aber lag es nicht allein in seiner Natur, nach allen Seiten hin zu forschen und sich für die irdischen Dinge klar zu machen, sondern es lag auch im Bedürfnis der Zeit, das Wahrgenommene auszusprechen.

Er tat bei seinem Erscheinen zwei große Erbschaften: der Irrtum und die Unzulänglichkeit fielen ihm zu, daß er sie hinwegräume, und verlangten seine lebenslänglichen Bemühungen nach vielen Seiten.

Wäre die Newtonische Theorie Goethen nicht als ein großer, dem menschlichen Geiste höchst schädlicher Irrtum erschienen, glaubt man denn, daß es ihm je eingefallen sein würde, eine ›Farbenlehre‹ zu schreiben und vieljährige Bemühungen einer solchen Nebenrichtung zu widmen? Keineswegs! Sondern sein Wahrheitsgefühl im Konflikt mit dem Irrtum war es, das ihn bewog, sein reines Licht auch in diese Dunkelheiten leuchten zu lassen.

Ein Gleiches ist von seiner Metamorphosenlehre zu sagen, worin wir ihm jetzt ein Muster wissenschaftlicher Behandlung verdanken, welches Werk zu schreiben Goethen aber gewiß nie eingefallen sein würde, wenn er seine Zeitgenossen bereits auf dem Wege zu einem solchen Ziele erblickt hätte.

Ja sogar von seinen vielseitigen poetischen Bestrebungen möchte solches gelten. Denn es ist sehr die Frage, ob Goethe je einen Roman würde geschrieben haben, wenn ein Werk wie der ›Wilhelm Meister‹ bei seiner Nation bereits wäre vorhanden gewesen. Und sehr die Frage, ob er in solchem Fall sich nicht vielleicht ganz ausschließlich der dramatischen Poesie gewidmet hätte.

Was er in solchem Fall einer einseitigen Richtung alles hervorgebracht und gewirkt haben würde, ist gar nicht abzusehen; so viel ist jedoch gewiß, daß, sobald man aufs Ganze sieht, kein Verständiger wünschen wird, daß Goethe eben nicht alles dasjenige möchte hervorgebracht haben, wozu ihn zu treiben nun einmal seinem Schöpfer gefallen hat.