Anzeige
Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

1825

Dienstag, den 22. März 1825

Diese Nacht, bald nach zwölf Uhr, wurden wir durch Feuerlärm geweckt; man rief: es brenne im Theater! Ich warf mich sogleich in meine Kleider und eilte an Ort und Stelle. Die allgemeine Bestürzung war groß. Noch vor wenigen Stunden waren wir durch das treffliche Spiel von La Roche im ›Juden‹ von Cumberland entzückt worden, und Seidel hatte durch gute Laune und Späße allgemeines Lachen erregt. Und jetzt raste an dieser selbigen Stelle kaum genossener geistiger Freuden das schrecklichste Element der Vernichtung.

Das Feuer schien, durch Heizung veranlaßt, im Parterre ausgebrochen zu sein, hatte bald die Bühne und das dürre Lattenwerk der Kulissen ergriffen, und so, durch die reichlichste Nahrung brennbarer Stoffe schnell zum Ungeheuer erwachsen, dauerte es nicht lange, bis die Flamme überall zum Dache herausschlug und die Sparren zusammenkrachten.

In den Anstalten zum Löschen war kein Mangel. Das Gebäude war nach und nach ganz mit Spritzen umstellt, die eine Unmasse von Wasser in die Glut gossen. Allein es war alles ohne Erfolg. Die Flamme raste nach wie vor aufwärts und trieb unerschöpflich eine Masse glühender Funken und brennende Stücke leichter Stoffe gegen den dunkelen Himmel, die sodann mit geringem Lufthauche seitwärts über die Stadt zogen. Der Lärm und das Rufen und Schreien der an den Feuerleitern und Spritzen arbeitenden Menschenmasse war groß. Alle Kräfte waren in Aufregung, man schien mit Gewalt siegen zu wollen. Ein wenig seitwärts, so nahe die Glut es erlaubte, stand ein Mann im Mantel und Militärmütze, in der ruhigsten Fassung eine Zigarre rauchend. Er schien beim ersten Anblick ein müßiger Zuschauer zu sein; allein er war es nicht. Personen gingen von ihm aus, denen er mit wenigen Worten Befehle erteilte, die sogleich vollzogen wurden. Es war der Großherzog Carl August. Er hatte bald gesehen, daß das Gebäude selbst nicht zu retten war; er befahl daher, es in sich zusammenzustürzen und alle nur entbehrlichen Spritzen gegen die Nachbarhäuser zu wenden, die von der nahen Glut sehr zu leiden hatten. Er schien in fürstlicher Resignation zu denken:

Das brenne nieder! –
Schöner baut sichs wieder auf.

Er hatte nicht unrecht. Das Theater war alt, keineswegs schön und lange nicht geräumig genug, um ein sich mit jedem Jahre vergrößerndes Publikum zu fassen. Allein immerhin war es zu bedauern, gerade dieses Gebäude, an das sich für Weimar so viele Erinnerungen einer großen und lieben Vergangenheit knüpften, rettungslos verloren zu zu sehen.

Ich sah in schönen Augen viele Tränen, die seinem Untergange flossen. Nicht weniger rührte mich ein Mitglied der Kapelle; er weinte um seine verbrannte Geige.

Als der Tag anbrach, sah ich viele bleiche Gesichter. Ich bemerkte verschiedene junge Mädchen und Frauen der höheren Stände, die den Verlauf des Brandes die ganze Nacht abgewartet hatten und nun in der kalten Morgenluft einiges Frösteln verspürten. Ich ging nach Hause, um ein wenig zu ruhen, dann im Laufe des Vormittags zu Goethe.

Der Bediente sagte mir, er sei unwohl und im Bette. Doch ließ Goethe mich in seine Nähe rufen. Er streckte mir seine Hand entgegen. »Wir haben alle verloren,« sagte er, »allein was ist zu tun! Mein Wölfchen kam diesen Morgen früh an mein Bette; er faßte meine Hand, und indem er mich mit großen Augen ansah, sagte er: ›So gehts den Menschen!‹ Was läßt sich weiter sagen als dieses Wort meines lieben Wolf, womit er mich zu trösten suchte. Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmer. Allein, wie Wolf sagt, so gehts den Menschen. Ich habe die ganze Nacht wenig geschlafen; ich sah aus meinen vorderen Fenstern die Flamme unaufhörlich gegen den Himmel steigen. Sie mögen denken, daß mir mancher Gedanke an die alten Zeiten, an meine vieljährigen Wirkungen mit Schiller und an das Herankommen und Wachsen manches lieben Zöglings durch die Seele gegangen ist, und daß ich nicht ohne einige innere Bewegung davongekommen bin. Ich denke mich daher heute auch ganz weislich zu Bette zu halten.«

Ich lobte ihn wegen seiner Vorsicht. Doch schien er mir nicht im geringsten schwach und angegriffen, vielmehr ganz behaglich und heiterer Seele. Es schien mir vielmehr dieses im Bette liegen eine alte Kriegslist zu sein, die er bei irgendeinem außerordentlichen Ereignis anzuwenden pflegt, wo er den Zudrang vieler Besuche fürchtet.

Goethe bat mich, auf einem Stuhl vor seinem Bette Platz zu nehmen und ein wenig dazubleiben. »Ich habe viel an Euch gedacht und Euch bedauert«, sagte er. »Was wollt Ihr nun mit Euren Abenden anfangen!«

»Sie wissen,« erwiderte ich, »wie leidenschaftlich ich das Theater liebe. Als ich vor zwei Jahren hierher kam, kannte ich außer drei bis vier Stücken, die ich in Hannover gesehen, so gut wie gar nichts. Nun war mir alles neu, Personal wie Stücke; und da ich nun nach Ihrem Rat mich ganz den Eindrücken der Gegenstände hingab, ohne darüber viel denken und reflektieren zu wollen, so kann ich in Wahrheit sagen, daß ich diese beiden Winter im Theater die harmlosesten, lieblichsten Stunden verlebt habe, die mir je zuteil geworden. Auch war ich in das Theater so vernarrt, daß ich nicht allein keine Vorstellung versäumte, sondern mir auch Zutritt zu den Proben verschaffte; ja, auch damit noch nicht zufrieden, konnte ich wohl am Tage, wenn ich im Vorbeigehen zufällig die Türen offen fand, mich halbe Stunden lang auf die leeren Bänke des Parterr's setzen und mir Szenen imaginieren, die man etwa jetzt spielen könnte.«

»Ihr seid eben ein verrückter Mensch,« erwiderte Goethe lachend; »aber so hab ichs gerne. Wollte Gott, das ganze Publikum bestände aus solchen Kindern! – Und im Grunde habt Ihr recht, es ist was. Wer nicht ganz verwöhnt und hinlänglich jung ist, findet nicht leicht einen Ort, wo es ihm so wohl sein könnte als im Theater. Man macht an Euch gar keine Ansprüche, Ihr braucht den Mund nicht aufzutun, wenn Ihr nicht wollt; vielmehr sitzt Ihr im völligen Behagen wie ein König und laßt Euch alles bequem vorführen und Euch Geist und Sinne traktieren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Da ist Poesie, da ist Malerei, da ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst, und was nicht noch alles! Wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit an einem einzigen Abend, und zwar auf bedeutender Stufe zusammenwirken, so gibt es ein Fest, das mit keinem andern zu vergleichen. Wäre aber auch einiges schlecht und nur einiges gut, so ist es immer noch mehr, als ob man zum Fenster hinaussähe oder in irgendeiner geschlossenen Gesellschaft beim Dampf von Zigarren eine Partie Whist spielte. Das Weimarische Theater ist, wie Sie fühlen, noch keineswegs zu verachten; es ist immer noch ein alter Stamm aus unserer besten Zeit da, dem sich neuere frische Talente zugebildet haben, und wir können immer noch etwas produzieren, das reizt und gefällt und wenigstens den Schein eines Ganzen bietet.«

»Ich hätte es vor zwanzig, dreißig Jahren sehen mögen!« versetzte ich.

»Das war freilich eine Zeit,« erwiderte Goethe, »die uns mit großen Avantagen zu Hilfe kam. Denken Sie sich, daß die langweilige Periode des französischen Geschmacks damals noch nicht gar lange vorbei und das Publikum noch keineswegs überreizt war, daß Shakespeare noch in seiner ersten Frische wirkte, daß die Opern von Mozart jung, und endlich, daß die Schillerschen Stücke erst von Jahr zu Jahr hier entstanden und auf dem Weimarischen Theater, durch ihn selber einstudiert, in ihrer ersten Glorie gegeben wurden – und Sie können sich vorstellen, daß mit solchen Gerichten Alte und Junge zu traktieren waren und daß wir immer ein dankbares Publikum hatten.«

»Ältere Personen,« bemerkte ich, »die jene Zeit erlebt haben, können mir nicht genug rühmen, auf welcher Höhe das Weimarische Theater damals gestanden.«

»Ich will nicht leugnen,« erwiderte Goethe, »es war etwas. Die Hauptsache aber war dieses, daß der Großherzog mir die Hände durchaus frei ließ und ich schalten und machen konnte, wie ich wollte. Ich sah nicht auf prächtige Dekorationen und eine glänzende Garderobe, aber ich sah auf gute Stücke. Von der Tragödie bis zur Posse, mir war jedes Genre recht; aber ein Stück mußte etwas sein, um Gnade zu finden. Es mußte groß und tüchtig, heiter und graziös, auf alle Fälle aber gesund sein und einen gewissen Kern haben. Alles Krankhafte, Schwache, Weinerliche und Sentimentale, sowie alles Schreckliche, Greuelhafte und die gute Sitte Verletzende war ein für allemal ausgeschlossen; ich hätte gefürchtet, Schauspieler und Publikum damit zu verderben.

Durch die guten Stücke aber hob ich die Schauspieler. Denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte notwendig aus einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen. Auch war ich mit den Schauspielern in beständiger persönlicher Berührung. Ich leitete die Leseproben und machte jedem seine Rolle deutlich; ich war bei den Hauptproben gegenwärtig und besprach mit ihnen, wie etwas besser zu tun; ich fehlte nicht bei den Vorstellungen und bemerkte am andern Tage alles, was mir nicht recht erschienen.

Dadurch brachte ich sie in ihrer Kunst weiter. – Aber ich suchte auch den ganzen Stand in der äußern Achtung zu heben, indem ich die Besten und Hoffnungsvollsten in meine Kreise zog und dadurch der Welt zeigte, daß ich sie eines geselligen Verkehrs mit mir wert achtete. Hiedurch geschah aber, daß auch die übrige höhere weimarische Gesellschaft hinter mir nicht zurückblieb und daß Schauspieler und Schauspielerinnen in die besten Zirkel bald einen ehrenvollen Zutritt gewannen. Durch alles mußte für sie eine große innere wie äußere Kultur hervorgehen. Meine Schüler Wolff in Berlin sowie unser Durand sind Leute von dem feinsten geselligen Takt. Herr Oels und Graff haben hinreichende höhere Bildung, um der besten Gesellschaft Ehre zu machen.

Schiller verfuhr in demselbigen Sinne wie ich. Er verkehrte mit Schauspielern und Schauspielerinnen sehr viel. Er war gleich mir bei allen Proben gegenwärtig, und nach jeder gelungenen Vorstellung von einem seiner Stücke pflegte er sie zu sich einzuladen und sich mit ihnen einen guten Tag zu machen. Man freute sich gemeinsam an dem, was gelungen, und besprach sich über das, was etwa das nächste Mal besser zu tun sei. Aber schon als Schiller bei uns eintrat, fand er Schauspieler wie Publikum bereits im hohen Grade gebildet vor, und es ist nicht zu leugnen, daß es dem raschen Erfolg seiner Stücke zugute kam.«

Es machte mir viele Freude, Goethe so ausführlich über einen Gegenstand sprechen zu hören, der für mich immer ein großes Interesse hatte und der besonders durch das Unglück dieser Nacht bei mir obenauf war.

»Der heutige Brand des Hauses,« sagte ich, »in welchem Sie und Schiller eine lange Reihe von Jahren so viel Gutes gewirkt, beschließt gewissermaßen auch äußerlich eine große Epoche, die für Weimar so bald nicht zurückkommen dürfte. Sie müssen doch in jener Zeit bei Ihrer Leitung des Theaters und bei dem außerordentlichen Erfolg, den es hatte, viele Freude erlebt haben!«

»Auch nicht geringe Last und Not!« erwiderte Goethe mit einem Seufzer.

»Es mag schwer sein,« sagte ich, »ein so vielköpfiges Wesen in gehöriger Ordnung zu halten.«

»Sehr viel«, erwiderte Goethe, »ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehn der Person gilt.

Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten, die mir hätten gefährlich werden können. Das eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, das leicht in den Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen. Das andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. – Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte: Nicht weiter! – Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches persönliches Glück. Hätte ich mich in irgendeinen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magneten an seiner Seite hat.

Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität sehr bald dahin ist.«

Dieses Bekenntnis Goethes war mir sehr merkwürdig. Ich hatte bereits von andern etwas Ähnliches über ihn vernommen und freute mich, jetzt aus seinem eigenen Munde die Bestätigung zu hören. Ich liebte ihn mehr als je und verließ ihn mit einem herzlichen Händedruck.

Ich ging nach der Brandstelle zurück, wo aus dem großen Trümmerhaufen noch Flammen und Qualmsäulen emporstiegen. Man war noch fortwährend mit Löschen und Auseinanderzerren beschäftigt. Ich fand in der Nähe angebrannte Stücke einer geschriebenen Rolle. Es waren Stellen aus Goethes ›Tasso‹.

 


 

Donnerstag den 24. [Mittwoch, den 23.] März 1825

Bei Goethe zu Tisch. Der Verlust des Theaters bildete fast den ausschließlichen Gegenstand des Gesprächs. Frau von Goethe und Fräulein Ulrike lebten in Erinnerung glücklicher Stunden, die sie in dem alten Hause genossen. Sie hatten sich aus dem Schutt einige Reliquien gesucht, die sie für unschätzbar hielten; es war aber am Ende weiter nichts als einige Steine und angebrannte Stücke einer Tapete. Aber diese Stücke sollten gerade von der Stelle sein, wo sie auf dem Balkon ihre Plätze gehabt!

»Die Hauptsache ist,« sagte Goethe, »daß man sich schnell fasse und sich so schnell als möglich wieder einrichte. – Ich würde schon in nächster Woche wieder spielen lassen. Im Fürstenhause, oder im großen Saale des Stadthauses, gleichviel. Nur darf keine zu lange Pause eintreten, damit das Publikum für seine langweiligen Abende sich nicht erst andere Ressourcen suche.«

»Aber von Dekorationen ist ja so gut wie gar nichts gerettet!« bemerkte man.

»Es bedarf keiner vielen Dekorationen«, erwiderte Goethe. »Auch bedarf es keiner großen Stücke. Auch ist gar nicht nötig, daß man ein Ganzes gebe, noch weniger ein großes Ganze. Die Hauptsache ist, daß man Sachen wähle, bei denen kein großer Ortswechsel stattfindet. Irgendein einaktiges Lustspiel, oder eine einaktige Posse oder Operette. Dann irgendeine Arie, irgendein Duett, irgendein Finale einer beliebten Oper – und ihr werdet schon ganz passabel zufrieden sein. Es ist nur, daß der April leidlich vorübergehe, im Mai habt ihr schon die Sänger des Waldes.

Indessen«, fuhr Goethe fort, »werdet ihr das Schauspiel haben, im Laufe der Sommermonate ein neues Haus hervorsteigen zu sehen. Dieser Brand ist mir sehr merkwürdig. Ich will euch nur verraten, daß ich die langen Abendstunden des Winters mich mit Coudray beschäftigt habe, den Riß eines für Weimar passenden neuen sehr schönen Theaters zu machen. Wir hatten uns von einigen der vorzüglichsten deutschen Theater Grund- und Durchschnittsrisse kommen lassen, und indem wir daraus das Beste benutzten und das uns fehlerhaft Scheinende vermieden, haben wir einen Riß zustande gebracht, der sich wird können sehen lassen. Sobald der Großherzog ihn genehmigt, kann mit dem Bau begonnen werden, und es ist keine Kleinigkeit, daß dieses Unheil uns sehr merkwürdigerweise so durchaus vorbereitet findet.«

Wir begrüßten diese Nachricht Goethes mit großer Freude.

»In dem alten Hause«, fuhr Goethe fort, »war für den Adel gesorgt durch den Balkon, und für die dienende Klasse und jungen Handwerker durch die Galerie. Die große Zahl des wohlhabenden und vornehmen Mittelstandes aber war oft übel daran; denn wenn bei gewissen Stücken das Parterre durch die Studenten eingenommen war, so wußten jene nicht wohin. Die paar kleinen Logen hinter dem Parterre und die wenigen Bänke des Parkett waren nicht hinreichend. Jetzt haben wir besser gesorgt. Wir lassen eine ganze Reihe Logen um das Parterre laufen und bringen zwischen Balkon und Galerie noch eine Reihe Logen zweiten Ranges. Dadurch gewinnen wir sehr viel Platz, ohne das Haus sonderlich zu vergrößern.«

Wir freuten uns dieser Nachricht und lobten Goethe, daß er es so gut mit dem Theater und Publikum im Sinne habe.

Um auch meinerseits für das hübsche künftige Theater etwas zu tun, ging ich nach Tisch mit meinem Freunde Robert Doolan nach Oberweimar, wo wir in der dortigen Schenke bei einer Tasse Kaffee anfingen, nach der ›Issipile‹ des Metastasio einen Operntext zu bilden. Unser erstes war, vor allen Dingen den Komödienzettel zu schreiben und das Stück mit den beliebtesten Sängern und Sängerinnen des Weimarischen Theaters zu besetzen. Große Freude machte uns dies. Es war fast, als säßen wir schon wieder vor dem Orchester. Dann fingen wir wirklich in allem Ernste an und vollendeten einen großen Teil des ersten Aktes.

 


 

Sonntag, den 27. März 1825

Bei Goethe zu Tisch in größerer Gesellschaft. Er zeigte uns den Riß des neuen Theaters. Es war so, wie er uns vor einigen Tagen gesagt hatte; der Riß versprach sowohl für das Äußere als das Innere ein sehr schönes Haus.

Es ward bemerkt, daß ein so hübsches Theater auch schöne Dekorationen und bessere Anzüge als bisher verlange. Auch war man der Meinung, daß auch das Personal anfange, nach und nach lückenhaft zu werden, und daß sowohl für das Schauspiel als die Oper einige ausgezeichnete junge Mitglieder müßten engagiert werden. Zugleich aber verhehlte man sich nicht, daß alles dieses mit einem bedeutenden Kostenaufwande verbunden sei, wozu die bisherigen Mittel der Kasse nicht reichen dürften.

»Ich weiß recht gut,« fiel Goethe ein, »man wird, unter dem Vorwand, die Kasse zu schonen, einige Persönchen engagieren, die nicht viel kosten. Aber man denke nur nicht, mit solchen Maßregeln der Kasse zu nützen. Nichts schadet der Kasse mehr, als in solchen wesentlichen Dingen sparen zu wollen. Man muß daran denken, jeden Abend ein volles Haus zu bekommen. Und da tut ein junger Sänger, eine junge Sängerin, ein tüchtiger Held und eine tüchtige junge Heldin von ausgezeichnetem Talent und einiger Schönheit sehr viel. Ja stände ich noch an der Spitze der Leitung, ich würde jetzt zum Besten der Kasse noch einen Schritt weiter gehen, und ihr solltet erfahren, daß mir das nötige Geld nicht ausbliebe.«

Man fragte Goethe, was er zu tun im Sinne habe.

»Ein ganz einfaches Mittel würde ich anwenden«, erwiderte er. »Ich würde auch die Sonntage spielen lassen. Dadurch hätte ich die Einnahme von wenigstens vierzig Theaterabenden mehr, und es müßte schlimm sein, wenn die Kasse dabei nicht jährlich zehn- bis funfzehntausend Taler gewinnen sollte.«

Diesen Ausweg fand man sehr praktisch. Es kam zur Erwähnung, daß die große arbeitende Klasse, die an den Wochentagen gewöhnlich bis spät in die Nacht beschäftiget sei, den Sonntag als einzigen Erholungstag habe, wo sie denn das edlere Vergnügen des Schauspiels dem Tanz und Bier in einer Dorfschenke sicher vorziehen würde. Auch war man der Meinung, daß sämtliche Pächter und Gutsbesitzer, sowie die Beamten und wohlhabenden Einwohner der kleinen Städte in der Umgegend den Sonntag als einen erwünschten Tag ansehen würden, um in das Weimarische Theater zu fahren. Auch sei bisher der Sonntagabend in Weimar für jeden, der nicht an Hof gehe oder nicht Mitglied eines glücklichen Familienkreises oder einer geschlossenen Gesellschaft sei, sehr schlimm und langweilig; denn der einzelne wisse nicht wohin. Und doch mache man Ansprüche, als müsse am Abend eines Sonntags sich irgendein Ort finden lassen, wo es einem wohl sei und man die Plage der Woche vergesse.

Goethes Gedanke, auch die Sonntage spielen zu lassen, wie es in den übrigen deutschen Städten üblich, fand also die vollkommenste Zustimmung und ward als ein sehr glücklicher begrüßt. Nur erhob sich ein leiser Zweifel, ob es auch dem Hofe recht sein würde.

»Der weimarische Hof«, erwiderte Goethe, »ist zu gut und weise, als daß er eine Maßregel hindern sollte, die zum Wohl der Stadt und einer bedeutenden Anstalt gereicht. Der Hof wird gewiß gerne das kleine Opfer bringen und seine Sonntagssoireen auf einen anderen Tag verlegen. Wäre dies aber nicht annehmlich, so gäbe es ja für die Sonntage Stücke genug, die der Hof ohnedies nicht gerne sieht, die aber für das eigentliche Volk durchaus geeignet sind und ganz trefflich die Kasse füllen.«

Das Gespräch wendete sich auf die Schauspieler, und es ward über den Gebrauch und Mißbrauch ihrer Kräfte sehr viel hin und wider geredet.

»Ich habe in meiner langen Praxis«, sagte Goethe, »als Hauptsache gefunden, daß man nie ein Stück oder gar eine Oper einstudieren lassen solle, wovon man nicht einen guten Sukzeß auf Jahre hin mit einiger Bestimmtheit voraussieht. Niemand bedenkt hinreichend das Aufgebot von Kräften, die das Einstudieren eines fünfaktigen Stückes oder gar einer Oper von gleicher Länge in Anspruch nimmt. Ja, ihr Lieben, es gehört viel dazu, ehe ein Sänger eine Partie durch alle Szenen und Akte durchaus inne habe, und sehr viel, ehe die Chöre gehen, wie sie gehen müssen. Es kann mich gelegentlich ein Grauen überfallen, wenn ich höre, wie leichtsinnig man oft den Befehl zum Einstudieren einer Oper gibt, von deren Sukzeß man eigentlich durchaus nichts weiß und wovon man nur durch einige sehr unsichere Zeitungsnachrichten gehört hat. Da wir in Deutschland schon ganz leidliche Posten besitzen, ja sogar anfangen, Schnellposten zu bekommen, so würde ich bei der Nachricht von irgendeiner auswärts gegebenen und gepriesenen neuen Oper den Regisseur oder ein anderes zuverlässiges Mitglied der Bühne an Ort und Stelle schicken, damit er sich durch seine persönliche Gegenwart bei einer wirklichen Aufführung überzeuge, inwiefern die gepriesene neue Oper gut und tüchtig, und inwiefern unsere Kräfte dazu hinreichen oder nicht. Die Kosten einer solchen Reise kommen gar nicht in Betracht in Vergleich der enormen Vorteile, die dadurch erreicht, und der unseligen Mißgriffe, die dadurch verhütet werden.

Und dann, ist einmal ein gutes Stück oder eine gute Oper einstudiert, so soll man sie in kurzen Zwischenpausen so lange hintereinander geben, als sie irgend zieht und irgend das Haus füllet. Dasselbe gilt von einem guten älteren Stück oder einer guten älteren Oper, die vielleicht seit Jahr und Tag geruhet hat und nun gleichfalls eines nicht ganz geringen erneuten Studiums bedurfte, um wieder mit Sukzeß gegeben werden zu können. Eine solche Vorstellung soll man in kurzen Zwischenpausen gleichfalls so oft wiederholen, als das Publikum irgend sein Interesse daran zu erkennen gibt. Die Sucht, immer etwas Neues haben und ein mit unsäglicher Mühe einstudiertes gutes Stück oder Oper nur einmal, höchstens zweimal sehen zu wollen, oder auch zwischen solchen Wiederholungen lange Zeiträume von sechs bis acht Wochen verstreichen zu lassen, wo denn immer wieder ein neues Studium nötig wird, ist ein wahrer Verderb des Theaters und ein Mißbrauch der Kräfte des ausübenden Personals, der gar nicht zu verzeihen ist.«

Goethe schien diese Angelegenheit so wichtig zu halten und sie schien ihm so sehr am Herzen zu liegen, daß er darüber in eine Wärme geriet, wie sie ihn bei seiner großen Ruhe selten anwandelt.

»In Italien«, fuhr Goethe fort, »gibt man eine und dieselbige Oper vier bis sechs Wochen lang jeden Abend, und die italienischen großen Kinder verlangen darin keineswegs eine Änderung. Der gebildete Pariser sieht die klassischen Stücke seiner großen Dichter so oft, daß er sie auswendig weiß und für die Betonung einer jeden Silbe ein geübtes Ohr hat. Hier in Weimar hat man mir wohl die Ehre erzeigt, meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ zu geben; allein wie oft ? Kaum alle drei bis vier Jahre einmal. Das Publikum findet sie langweilig. Sehr begreiflich. Die Schauspieler sind nicht geübt, die Stücke zu spielen, und das Publikum ist nicht geübt, sie zu hören. Würden die Schauspieler durch öftere Wiederholung sich in ihre Rolle so hineinspielen, daß die Darstellung ein Leben gewönne, als wäre es nicht eingelernt, sondern als entquölle alles aus ihrem eigenen Herzen, so würde das Publikum sicher auch nicht ohne Interesse und ohne Empfindung bleiben.

Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein deutsches Theater zu bilden. Ja ich hatte den Wahn, als könne ich selber dazu beitragen und als könne ich zu einem solchen Bau einige Grundsteine legen. Ich schrieb meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ und dachte in kindischer Hoffnung, so würde es gehen. Allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb alles wie zuvor. Hätte ich Wirkung gemacht und Beifall gefunden, so würde ich euch ein ganzes Dutzend Stücke wie die ›Iphigenie‹ und den ›Tasso‹ geschrieben haben. An Stoff war kein Mangel. Allein, wie gesagt, es fehlten die Schauspieler, um dergleichen mit Geist und Leben darzustellen, und es fehlte das Publikum, dergleichen mit Empfindung zu hören und aufzunehmen.«