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Heinrich Döring: Goethes Leben

Goethes Elternhaus

Johann Wolfgang Goethe, später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, Friedrich Georg, war Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein Großvater mütterlicher Seite Johann Wolfgang Textor als Kaiserlicher Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathaus, hierauf an seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen altertümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße stieß ein teils mit Weinstöcken, teils mit Küchengewächsen und Blumen bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die Blumenzucht und das Inokulieren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Samtmütze. Die allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm eigentümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen und Träume kurz aufzuzeichnen.

Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, Johann Caspar, an allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus rechtlichen Prinzipien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studiert, und zu Gießen durch Verteidigung seiner Dissertation: < u>Electa de aditione hereditatis die juristische Doktorwürde erlangt. Seine Welt- und Menschenkenntnis hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr wert hielt und sie Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit dem Titel eines Kaiserlichen Rats führte er das Leben eines Privatmannes, das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die meisten früh gestorben, so dass zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester Cornelia übrig blieb. Er starb am 27sten Mai 1782 in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main.

Goethes Mutter, Catharina Elisabeth, eine Tochter des früher erwähnten Schultheißen Johann Wolfgang Textor, besaß keine gelehrte Bildung im eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigentümliche Scheu hatte sie vor heftigen und gewaltsamen Gemütseindrücken, die sie in allen Lagen ihres Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, dass sie, als ihr Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig sein konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmütig von Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in späteren Lebensjahren der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb sie, in ihrem eigentümlichen Frankfurter Dialekt, "recht derb ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Rätin! Hast gute Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; musst, wenn die bösen kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll das mit dir vorstellen, dass du so ungeduldig und garstig bist, wenn der liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und bist über's Ziel, bist über siebzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlass gekommen und ist besser geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den 13. September 1808.

Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei mutwilligen Streichen. Durch seine Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem oberen Stockwerk auf die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte Geräusch. Einen günstigen Einfluss auf seine früh erwachte Wissbegierde, die ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb, hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte, wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.

Goethes früher Sinn für die Schönheiten der Natur

Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur, die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste ahnungsvolle Gemütsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt, trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethes Mutter an, indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und allerlei Näschereien versprach.

Die Betrachtung von Gemälden und Prospekten, die sein Vater aus Italien mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise Goethes Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonierte. Seine an Altertümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgebung lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur Überfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das Rathaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.

Von der Außenwelt wandte sich Goethes Blick wieder nach dem elterlichen Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert worden war. Seine Wissbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über Altertumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Klassikern, größtenteils italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u.A., von denen der Knabe, bei seiner Unkenntnis der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte. Einen immer neuen Genuss gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese Gemälde, früher hier und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten zerstreut, waren von Goethes Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem besonderen Zimmer vereinigt worden. Goethes Sinn für die Kunst ward zuerst geweckt durch die Betrachtung jener Werke.

Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethes Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er das angeborene Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe und ein treffliches Gedächtnis bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern ihm erteilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen. Überdies beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.

Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in späteren Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewut." In dem Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.

Goethes Wissensdrang

Reiche Nahrung für seine Wissbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten. Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine wohltätige Wirkung auf sein Gemüt verdankte er den moralischen Schilderungen in Fenelons Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die anziehenden Schilderungen in Antons Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder, die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche Volksbücher.

Dieser anmutigen Lektüre musste Goethe, als sie kaum begonnen, wieder entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Äußerung einer seiner Tanten: "Ach, Wolfgang, wie hässlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch Gelegenheit, sich im Stoizismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, dass er auf seinem Krankenlager an seinem jüngeren Bruder Jacob, der in der Blüte seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.

Seines Vaters Strenge nötigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lektionen zu entziehen. Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante, Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und Konsistorialrat Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer geistiger Genuss sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten Mannes fand Goethe eine prosaische Übersetzung des Homer. Dieser Dichter und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf das poetisch gestimmte Gemüt des Knaben.

Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher erteilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und anderer Sekten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu errichten. Dazu benutzte er ein rot lackiertes, mit goldenen Blumen verziertes Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das Andachtsopfer stieg empor, misslang jedoch bei der Wiederholung durch einen unglücklichen Zufall so gänzlich, dass die damit verbundene Feuersgefahr ihn warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern.