Anzeige
Rudolph Genée: Heinrich von Kleist

Es war am Mittage des 20. November 1811, als Kleist und Henriette Vogel in einem dazu gemieteten Fuhrwerk Berlin verließen, und bis zum Wannsee, auf der Straße noch Potsdam, fuhren. In der Nähe des Sees stiegen sie in einem Wirtshaus »zum Stimming« ab und baten um ein Mittagessen, indem sie dabei bemerkten, sie wollten sich nur ein paar Stunden aufhalten, um ein paar Freunde aus Potsdam zu erwarten. Im obern Stockwerk des Wirtshauses ließen sie sich aber ein paar Zimmer geben, und fragten dann, ob sie nicht einen Kahn bekommen könnten, um über den See nach der andern Seite, zu fahren. Da ihnen erwidert wurde, daß die Beschaffung eines Kahnes viele Umstände machen werde, daß sie aber leicht zu Fuß über den Damm nach der andern Seite des Sees gelangen könnten, machten sie denn auch den Spaziergang, kehrten aber wieder zurück und begaben sich in ihre Zimmer, um dort Verschiedenes zu schreiben. Zu dem Abendessen, welches die Dienerin ihnen verabfolgte, hatten sie den Wein mit sich gebracht. Nach dem Essen schrieben sie wieder und blieben die Nacht oben. Der Hausdiener, der die Nacht über wachte, bemerkte an den Fenstern, daß sie beständig Licht brannten, und man hörte beide auf und nieder gehen.

Schon sehr zeitig am andern Morgen kam Frau Vogel herunter und verlangte Kaffee; danach blieben sie den Vormittag über wieder still auf ihren Zimmern.

Als es gegen Mittag geworden war, verlangten sie einen Boten, der einen Brief nach Berlin bringen könne; der Brief war an den Kriegsrat Peguilhen gerichtet. Später, als der Bote längst auf dem Wege war, fragten sie wiederholt, was es an der Zeit sei und wann der Bote wohl in Berlin sein könnte?

Als die Zeit nach ihrer Berechnung gekommen war, gingen sie hinaus, plauderten ganz heiter über gleichgültige Dinge und trieben Scherze, so daß kein Mensch auf den Verdacht ihres schrecklichen Vorhabens hätte kommen können. Sie wollten sich jetzt nach einem bestimmten grünen Platz jenseits des Sees begeben und baten die Wirtin, ob sie ihnen nicht dorthin den Kaffee schicken könnte. Die Frau meinte zwar, daß dies doch zu weit sei, aber sie drangen so sehr darauf, daß sie einwilligte, und nachdem Kleist zu dem Kaffee noch eine Portion Rum verlangt hatte, machten beide sich auf den Weg, indem Henriette ein mit dem Tuche bedecktes Körbchen trug, in welchem jedenfalls die Pistolen lagen. Am bestimmten Platze angelangt, fand die Aufwärterin beide wieder in heiterster Stimmung. Sie hatten noch nach einem Bleistift verlangt, und dann hatte Henriette die Aufwärterin gebeten, die eine Tasse auszuwaschen und ihr wiederzubringen. Kurz nachdem das Mädchen sich entfernt hatte, hörte sie einen Schuß und gleich darauf einen zweiten. Da sie aber meinte, daß die Fremden wohl zu ihrem Vergnügen schießen, setzte sie ihren Weg fort. Als sie aber die eine mitgenommene Tasse wieder zurückbrachte, fand sie die beiden tot in ihrem Blute liegen. Wie von den später Herbeieilenden berichtet wurde, lag Henriettens Leiche in einer kleinen Bodenvertiefung, mitten durchs Herz geschossen und die Hände auf der Brust gefaltet. Kleist selber, der sich durch den Kopf geschossen hatte, befand sich vor ihr in kniender Lage. Sie waren beide durchaus nicht entstellt, sondern hatten im Tode die Miene heiterer Zufriedenheit.

Im Zimmer des Hauses fand man noch ein versiegeltes Päckchen, in welchem sich ein Brief von Kleist an Adam Müllers Frau befand. Mit einer heitern Ruhe, welche in bezug auf die Situation um so erschütternder klingt, schreibt er darin der Freundin u. a.: »... Es hat seine Richtigkeit, daß wir uns, Jettchen und ich, wie zwei trübsinnige, trübselige Menschen, die sich immer wegen ihrer Kälte angeklagt haben, von ganzem Herzen lieb gewonnen haben, und der beste Beweis davon ist wohl, daß wir jetzt miteinander sterben. Leben Sie wohl, unsre liebe, liebe Freundin, und seien Sie auf Erden, wie es gar wohl möglich ist, glücklich! Wir unsererseits wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden...« Darunter hatte auch Henriette noch einige Zeilen geschrieben, in denen sie ihre Freunde in heiterstem Tone bittet, sie möchten sich zuweilen »der zwei wunderlichen Menschen erinnern, die bald ihre große Entdeckungsreise antreten werden.«

So endete Heinrich von Kleist, erst vierunddreißig Jahre alt, sein Leben. Bei der Anzeige seines Todes in der Zeitung hatte Peguilhen eine besondere Schrift über das Ereignis angekündigt und das Publikum gebeten, bis dahin sein Urteil aufzuschieben. Da die Veröffentlichung auf Befehl des Königs unterblieb, so ist das von dem Freunde zur Rechtfertigung des Unglücklichen gesammelte Material erst in neuerer Zeit (in der »Gegenwart« 1873) in die Öffentlichkeit gekommen und das Wichtigste daraus ist in unserer Lebensskizze mit benutzt worden. Seine Vaterstadt Frankfurt a. O. errichtete dem Dichter ein Denkmal, das am 25. Juni 1910 enthüllt wurde; es ist eine eindrucksvolle Schöpfung des Bildhauers Gottlieb Elster-Berlin. Professor Erich Schmidt entrollte in seiner Festrede ein tiefergreifendes Lebensbild des Verewigten, dem erst die Nachwelt den unverwelklichen Ruhmeskranz flicht.

Ein einfacher Gedenkstein am östlichen Ufer des Wannsees bezeichnet die Stelle, wo der Unglückliche seine Tat vollbrachte.

Wer in die Geisteswerke des Dichters blickt und das unerbittliche Schicksal erwägt, dem er verfallen sollte, der wird nicht nur dem Dichter die ihm zukommende Bewunderung zollen, sondern auch dem edeln und unglücklichen Menschen das tiefste Mitgefühl zuwenden.

 

Ehrengrab Heinrich von Kleist, Henriette Vogel
Das Ehrengrab von Heinrich von Kleists und Henriette Vogels
nach der Neugestaltung am 21. November 2011