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Walther Harich: Jean Paul

Vorrede

Nach unfaßbaren Gesetzen tauchen von Zeit zu Zeit die Großen der Geschichte aus Dunkel und Vergessenheit wieder ans Licht. Das vorliegende Buch steht unter dem gleichen Gesetz, das Jean Paul jetzt, hundert Jahre nach seinem Tode, wieder in unser Gesichtsfeld rückt. Hundert Jahre würde es dauern, prophezeite der glühende Börne, bis »sein schleichend Volk« ihm nachgekommen ist. Heut ist es so weit. Die Erschütterungen des Weltkriegs und der Nachkriegsjahre haben den Boden gelockert. Wir sind bereit, Jean Paul zu empfangen.

Nachträglich ist es leicht erklärt, wie dieser große Dichter uns so lange entschwinden konnte. Von der größten Epoche deutscher Dichtung – viel größer als heute unsre Zünftigen ahnen – nahmen wir bisher nur auf, was durch Fleiß oder Intellekt überliefert werden kann. Untersank alles, zu dessen Aufnahme es eines aufgelockerten Menschentums bedarf. Untersank die seit Klopstock, in Hamann, Herder, Jean Paul nach einer deutschen Form suchende Bewegung. Das Feld beherrscht Goethe als Repräsentant einer im Persönlichkeitskultus hängenden Gesellschaftsschicht, und Kant, der den Mythos tötete. Persönlichkeit als Repräsentant formaler Bildung, Wissenschaft als logische Durchdringung der Welt. Der Zusammenbruch offenbarte, was uns fehlt: nicht Tüchtigkeit und Wissen, sondern Totalität und Herz. Jean Paul ist nur nachzuleben, nicht auf eine Formel zu bringen. So mußte er, wie die Träger des Mythos jener Zeiten, uns entschwinden. Die Formel vererbte sich auf Kind und Kindeskinder, das Wesen entzog sich uns. Es ist nicht lehr- und lernbar, durch keine Tüchtigkeit, nur durch umfassendes Menschentum zu umgreifen.

Jean Paul ist eine Welt. Wer ihr Zentrum nicht erfaßt, dem muß er überladen, zerstreut, barock erscheinen. Wer ihn begriffen hat, für den hat er den Formenreichtum der Gotik und das Allumfassende der Liebe. Er dient nicht seinem Werk, sondern seiner Sendung. Deshalb ist es schwerer, ihn zu lesen als einen Dichter, der nichts als sein Werk will. Er aber drückt sich selbst und sein Wesen, und damit das Wesen aller Dinge, im Werk aus. Es ist nur der Mittler zu seiner Welt voller Liebe und Geist. Aus unberührtem Neuland aufsteigend, durchdringt er die verschiedenen Schichten alten und neuen Bildungsgutes, die über Europa lagern. Wie ein Schwimmer stößt er ruckweise vorwärts, durch den Rationalismus, den Pietismus, durch Goethe und Schiller und die junge Romantik hindurch, um an allen diesen Stationen sich selbst zu verwirklichen. In ihm antwortet gewissermaßen die ewige Natur auf alle Fragen und Probleme des Geistes, und antwortet in unübersehbaren Bänden. Er ist nicht irgendein großer Dichter, sondern wie eine Naturkraft, und er hat die Weite einer Welt. Was uns heute aus der Exotik kommt und uns müde und überladene Europäer wie eine Offenbarung erschüttert, auch das liegt schon alles in ihm. Wie die Erde scheint er durch die Weisheit Laotses und die Stärke der Inder hindurchgegangen zu sein. Der Waldzauber Wolfram von Eschenbachs, seines Landsmanns, schwingt in ihm fort, und er lebt wie einer der Jünglinge der neuesten Jugendbewegung. Er hat die Kuriosa des Menschengeschlechts aus allen nur möglichen verschollenen Büchern und Urkunden aufgelesen; das Schrifttum aller Zeiten und Völker ist ihm vertraut, am vertrautesten aber die Urtatsachen des Lebens, Geburt und Tod, Liebe und Freundschaft. Er malt die Erschütterungen des ungeheuren Schmerzes und die Entzückungen sich umklammernder Seelen. Er führt die Beladenen und Verstoßenen an die auch für sie gedeckten Tafeln der kleinen Freuden. Er löst die Landschaft in kosmische Gewalten auf, und sieht die Menschheit wie einen Salpeter, der an verschimmelte Wände anschießt. Der Blickwinkel eines Käfers und die Weltschau eines Gottes sind ihm gleich vertraut.

Wie stellt sich das Werk Jean Pauls dar? Wenn man die Elemente dieses Werks auseinanderlegte, müßte man glauben, die Rudimente eines großen Lyrikers vor sich zu haben. Von solcher Intensität ist seine Sprache, von solcher Losgelöstheit sind seine Bilder, so gedrängt, »gedichtet« das Leben. Und doch entlädt er seine Gesichte in sechs gigantischen Romanen und ihrem Bände erfüllenden Beiwerk. In zwei theoretischen Werken, über Dichtkunst und Erziehung, die beiden Leitpunkte seines Daseins. Und in unüberschaubaren Schriften satirischen, philosophischen, politischen Inhalts. Aber dies alles ist nur der empirische Leib seiner metaphysischen Schau, wie der Kandidat und spätere Legationsrat Richter nur die empirische Gestalt des metaphysischen Menschen Jean Paul ist. Dahinter steht die Welt und das Wesen, zur reinsten Form geläutert, unbelastet von bloßem Stoff und Ungeformtem. Eine Welt wie die empirische, aber notwendig und Geist geworden, verwandelt durch ein Herz, das durch Liebe und Kraft schöpferisch ward. Und doch wieder in den Leib der Sprache und der Gestalten eingegangen, daß man den metaphysischen Jean Paul nur begreift, wenn man den empirischen erfaßt hat.

Unaufhaltsam wälzt sich der Strom seines Schaffens vorwärts, aber schließlich doch zu Einzelwerken gerinnend. Nicht ganz kann alles von den großen Abschnitten, als die seine einzelnen Werke sich darstellen, erfaßt werden. Unendliches Beiwerk säumt die Ufer. Aber das Werk ist die Form der dichterischen und geistigen Manifestation. Die einzelnen großen Werke werden deshalb im Vordergrund unsrer Darstellung stehen, und sie dürfen es, wenn wir wissen, daß sie das Letzte und Größte bei ihm, aber nicht alles sind.

Ein unendlich mühsamer Prozeß ging voraus, ehe die Welt Jean Pauls sich zu ihrer Form, zum Werk, verdichtete. Den gleichen Weg muß die nachschaffende Darstellung zurückverfolgen. Es wäre leichter, wenn man allgemeine Kenntnis des Materials wenigstens in den Grundzügen voraussetzen dürfte. Wer aber weiß heute etwas von Jean Paul? Wer hat auch nur seine Hauptwerke gelesen, ja kennt auch nur ihre Titel? Sind doch sogar die meisten seiner Schriften nicht einmal im Buchhandel zu haben. Wir durften also nichts voraussetzen und müssen, unsre Darstellung belastend, Stoff sogar als Selbstzweck herantragen. Schon einmal, bei E. T. A. Hoffmann, leistete ich diese Kärrnerarbeit. Eine undankbare Aufgabe!

Und allem widerstrebend, was unsre hoch entwickelte literarästhetische Methode endlich erobert hat. Fort von der Empirie zur Deutung des metaphysischen Phänomens! Aber die empirische Gestalt muß vorliegen, wenn man über sie hinaus will. Hier aber ist erst die Gestalt zu erobern, noch lange nicht »Literaturgeschichte als Problemgeschichte« zu schreiben. Der diese Forderung erhob, beschenkte uns mit dem ersten bedeutenden und tiefen Werk über Hamann, aber mit dem Ergebnis, daß Hamann heute genau so wenig im Bewußtsein der Zeit vorhanden ist wie vordem. Gundolf, Unger, Walzel, Korff und andere haben eine Höhe der reinen Anschauung erklommen, die sie den schöpferischen Geistern nähert. Sie sind in die Tiefe der Persönlichkeiten und der Dinge gedrungen und haben letzte Erkenntnis des Schöpferischen gegeben. Aber eines scheint dabei in Gefahr: das einmalige und ganz persönliche Erlebnis der einzelnen Dichter, ihre Gestalt. Das Schöpferische wird ins Typische projiziert, die bestimmten Umrisse verdämmern.

Diltheys Typenlehre und Wölfflins Prinzipien stehen an den Toren der neuen Literaturgeschichtsschreibung. Nach der langweiligen Empirie der Scherer-Schmidtschen Schule eine ungeheure Bereicherung, Vordringen zum gesetzmäßig notwendigen Ablauf des Geschehens. Aber die unerhörte Einmaligkeit der Gestalt darf darüber nicht vergessen werden. Mag noch so Feines über den Wechsel der Stile, die Kategorien des Ästhetischen ermittelt werden, der Mensch bleibt dennoch Träger aller Stile und allen Erlebens. Nicht der empirische Mensch, aber doch der, dessen empirische Erscheinung Sinnbild metaphysischen Geschehens ist. Jedenfalls, wo Neuland angepflügt wird, mag die Gestalt in die erste Linie gerückt werden, die Gestalt des Menschen und seines Werkes.

Aber Mensch und Werk stehen nicht für sich, sondern in einer Umwelt, die ihrer Erscheinung erst Sinn gibt. Die Methode der neueren Literaturgeschichtsschreibung ist von der Philosophie und der bildenden Kunst her beeinflußt worden. So wird der Dichter vorzugsweise in Stil- und Geistzusammenhänge hineingehoben. Das hat nicht nur Berechtigung, sondern auch Notwendigkeit, aber man scheint mir damit noch immer nicht seine Einmaligkeit erfassen zu können, sondern auch hier dem Typischen zuzudrängen. Stammeszugehörigkeit, Blut und Geschichte erst ordnen die einzelne Erscheinung in einen überpersönlichen Zusammenhang ein. Es ist Josef Nadler, der zuerst auf diese Dinge hinwies. Auf dieser Ebene, von Blut, Landschaft, Lage, geistiger und politischer Situation bestimmt, entfaltet sich erst die Persönlichkeit in ihrer Begrenzung und Weite. Die geschichtlichen Zusammenhänge, nicht die ästhetischen Kategorien geben der Gestalt Relief. Dichtung ist Kunst: Erst vom übergeordneten Begriff her empfängt jedes Ding seine Wertung. Kunst von Leben, Leben von Gott. Wir haben daher Jean Paul in seine historische, ja politische Situation hineingestellt, aber nur, weil jede empirische Situation Ausdruck einer metaphysischen ist.

Es ist also mehr der »Roman« Jean Pauls, dem ich zudränge, als einer Auflösung seines Wesens in Stilgeschichte und Typenlehre. Er soll leben, mit seiner magern Blondheit durch seine ersten Bücher stürmen, in Hemdärmeln vor der Tasse Kaffee als kleiner Schulmeister am bekramten Tisch sitzen, behäbig geworden und beruhigt seines Innern Widersprüche in Valt und Wult (»Flegeljahre«) nachzeichnen. Und er soll es unbeschadet tun, weil wir in ihm immer das Walten eines drängenden Geistes spüren, das Ringen der Sehnsucht, die am Ausgang des 18. Jahrhunderts die Welt in Revolutionen und Kriegen durcheinanderwirbelte.

Man weiß nichts von Jean Paul, oder die wenigen, die etwas von ihm wissen, könnten bequem mit Namen genannt werden. Und dennoch gibt es über ihn eine beträchtliche Literatur. An der Hand seiner Tagebücher könnte Tag für Tag seines Lebens verfolgt werden. Von seinem Neffen Richard Otto Spazier stammt eine Biographie, die in ihrer Art ein Meisterstück ist, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts sind immer wieder Jean Paul-Biographien geschrieben worden, die es allerdings weniger sind. Niemand hat sich um diese Literatur bekümmert. Heute würde Spaziers Darstellung vielleicht manchen interessierten Leser finden. Aber naturgemäß enthält sie Unrichtigkeiten und unüberwindliche Längen, von der mangelhaften Wertung der Werke ganz zu schweigen. Dennoch kommt man um diese Biographie nicht herum, sie liegt auch unsrer Darstellung zugrunde wie allen späteren Arbeiten über den Dichter. In neuerer Zeit hat sich Eduard Berend mit Jean Paul beschäftigt, und in seinen Arbeiten wächst nun in der Tat ein Standardwerk heran, wie es fast allen Dichtern sonst längst beschieden ist. Von den vier dicken Bänden seiner »Briefe Jean Pauls« sind zwei erschienen, der dritte war mir durch die Liebenswürdigkeit des Verlages Georg Müller wenigstens in den Druckfahnen zugänglich. Diese Ausgabe der Briefe, mit aufschlußreichen Anmerkungen versehen, soll den Grundstock einer Gesamtausgabe der Werke bilden. Weder die erste Reimersche Ausgabe noch die zweite enthält sämtliche Schriften, geschweige denn die verschiedenen Fassungen und Lesarten. Nur der mit Jean Paul Vertraute vermag die Schwierigkeit eines Unternehmens zu ahnen, an das Berend herangegangen ist. Eduard Berend besorgte auch die erste größere Auswahl von den Werken Jean Pauls. Lange nicht alles Wichtige ist in ihr enthalten, aber wenigstens so viel, daß man sich auch von seiner Vielseitigkeit wieder ein Bild machen kann. Diese Berendsche Ausgabe muß heute in die Hand nehmen, wer sich mit Jean Paul zu beschäftigen gedenkt. Die stille Hoffnung, mit der ich meine Darstellung in die Welt sende, ist die, daß sich das Interesse an Jean Paul so steigert, daß sich endlich ein Verleger findet, der dem hervorragenden Forscher Berend bei seinem Plan einer Gesamtausgabe mit allen Mitteln hilft. Zur Ergänzung der Berendschen Auswahl wird man am besten die von Richard Benz unter dem Titel »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke« in erlesener Auswahl herausgegebenen kleinen Dichtungen Jean Pauls heranziehen. Eine ausführliche Bibliographie befindet sich am Schluß meiner Darstellung.

Neben der Biographie Spaziers waren es in erster Linie die Hinweise Berends, die mich nennenswert unterstützten. In meiner Wertung Jean Pauls glaube ich durchaus eigne Wege gegangen zu sein. Ich bin mir bewußt, daß die vorliegende Arbeit nur einen ersten Versuch darstellt. Jean Paul bedarf einer nicht minder großen Literatur als Goethe. Eine unendliche Fülle von Problemen muß noch durchgearbeitet werden, ehe er endgültig bezwungen ist. Aber es ist ja nicht einmal so wichtig, daß die Philologen Arbeit bekommen, als daß das deutsche Volk endlich einen seiner ganz großen Dichter in sich aufnimmt. Zur Lektüre Jean Pauls hinzuleiten, durch die Fülle seines Schaffens einige Richtwege festzulegen, ist mein Hauptbestreben gewesen.

Königsberg in Preußen, im Januar 1925

Dr. Walther Harich.