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Stefan Zweig: Marie Antoinette

Nachbemerkung

Es ist üblich, am Ende eines historischen Buches die benützten Quellen aufzuzählen; in dem besonderen Falle Marie Antoinettes scheint es mir beinahe wichtiger, festzustellen, welche Quellen nicht benützt wurden und aus welchen Gründen. Denn schon die sonst sichersten Dokumente, nämlich die eigenhändigen Briefe, erweisen sich hier als unzuverlässig. Marie Antoinette war, es ist mehrfach in diesem Buche erwähnt worden, ihrem ungeduldigen Charakter gemäß, eine lässige Briefschreiberin; beinahe nie setzte sie sich aus freien Stücken, wenn nicht durch wirklichen Zwang gedrängt, an jenen wundervollen zarten Schreibtisch, der heute noch in Trianon zu sehen ist. So war es keineswegs erstaunlich, daß noch zehn, noch zwanzig Jahre nach ihrem Tode soviel wie gar keine Briefe von ihrer Hand bekannt waren, außer jenen unzähligen Rechnungszetteln mit dem unvermeidlichen »Payez, Marie Antoinette«. Die beiden wirklich ausführlichen Korrespondenzen, die sie geführt hat, die mit ihrer Mutter und dem Wiener Hof, und die andere intime mit dem Grafen von Fersen, lagen damals und noch ein halbes Jahrhundert verschlossen in den Archiven, die wenigen veröffentlichten Briefe an die Gräfin Polignac waren gleichfalls in den Originalen unzugänglich. Um so größer darum die Überraschung, als in den vierziger, den fünfziger, den sechziger Jahren in beinahe jeder Pariser Autographenauktion handschriftliche Briefe auftauchten, die merkwürdigerweise sogar alle die Unterschrift der Königin trugen, während die Königin in Wirklichkeit nur in ganz seltenen Fällen unterzeichnete. Dann kamen Schlag auf Schlag großzügige Veröffentlichungen, eine des Grafen Hunolstein und die (heute noch umfangreichste) Sammlung ihrer Briefe, die Baron Feuillet de Conches besorgte, und als dritte diejenige Klinkowströms, welche – freilich in keusch verstümmelter Auslese – die Briefe Marie Antoinettes an Fersen enthielt. Die Freude der strengen Historiker über diese großartige Bereicherung des Materials war allerdings keine ungetrübte; schon wenige Monate nach ihrer Herausgabe wird eine ganze Reihe der von Hunolstein und Feuillet de Conches veröffentlichten Briefe angezweifelt, eine langwierige Polemik entspinnt sich, und bald war für die redlich Gesinnten kein Zweifel mehr möglich, daß irgendein sehr geschickter, ja genialer Fälscher Echtes mit Falschem auf die verwegenste Art gemischt und gleichzeitig als Unterlagen sogar die falschen Autographen in den Handel gebracht hatte.

Den Namen jenes großartigen Fälschers, eines der geschicktesten, die man kennt, haben die Gelehrten aus einer merkwürdigen Rücksicht nicht genannt. Zwar ließen Flammermont und Rocheterie, die besten Forscher, zwischen den Zeilen deutlich durchblicken, gegen wen sie Verdacht hegten. Heute besteht kein Grund mehr, jenen Namen zu verschweigen und dadurch die Geschichte der Fälschungskunde um einen psychologisch ungemein interessanten Fall zu bereichern. Der übereifrige Vermehrer des Briefschatzes Marie Antoinettes war kein anderer als der Herausgeber ihrer Briefe, Baron Feuillet de Conches; höherer Diplomat, ein Mann von außergewöhnlicher Bildung, ein ausgezeichneter, amüsanter Schriftsteller und vortrefflicher Kenner der französischen Kulturgeschichte, hatte zehn oder zwanzig Jahre lang allen Briefen Marie Antoinettes in allen Archiven und privaten Sammlungen nachgespürt und mit wirklich anerkennenswertem Fleiß und großer Kenntnis jenes Werk zusammengestellt – eine Leistung, die heute noch Respekt verdient.

Aber dieser achtenswerte und fleißige Mann hatte eine Leidenschaft, und Leidenschaften sind immer gefährlich: er sammelte Autographen mit wirklicher Passion, galt als der wissenschaftliche Papst auf diesem Gebiet, und wir verdanken ihm in seinen »Causeries d'un curieux« über dieses Sammeln einen ausgezeichneten Aufsatz. Seine Kollektion oder, wie er stolz sagte, sein »cabinet« war das größte in Frankreich, aber welchem Sammler genügt seine Sammlung? Wahrscheinlich weil seine eigenen Mittel nicht ausreichten, seine Mappen so zu vermehren, wie er wünschte, fertigte er eine Anzahl von Autographen Lafontaines, Boileaus und Racines eigenhändig an, die sogar noch heute manchmal im Handel auftauchen, und verkaufte sie durch Pariser und englische Händler. Aber seine eigentlichen Meisterstücke bleiben unstreitig die gefälschten Briefe Marie Antoinettes. Hier kannte er wie kein zweiter Lebender die Materie, die Schrift und alle Begleitumstände. So war es für ihn nicht allzu schwer, nach sieben wirklich echten Briefen an die Herzogin von Polignac, deren Originale er als erster eingesehen hatte, noch ebensoviel falsche hinzu zu dichten oder kleine Billette der Königin an jene ihrer Verwandten zu verfassen, von denen er wußte, daß sie zu ihr in näherer Beziehung standen. Dank seiner besonderen Kenntnis sowohl der graphischen wie der stilistischen Schreibform der Königin zu diesem sonderbaren Geschäft wie kein zweiter befähigt, war er leider auch entschlossen, Fälschungen zu vollführen, deren Meisterlichkeit tatsächlich verwirrend ist, so genau ist hier der Schriftcharakter, mit solcher Einfühlung der Stil nachgeahmt, mit solcher historischen Kenntnis jede Einzelheit ersonnen. So vermag man mit bestem Willen gestehen wir es ehrlich ein – bei einzelnen Briefen heute überhaupt nicht mehr zu unterscheiden, ob sie echt oder falsch, ob sie von der Königin Marie Antoinette gedacht und geschrieben oder von Baron Feuillet de Conches ersonnen und gefälscht sind. Um ein Beispiel anzuführen, wüßte ich selber nicht von jenem Brief an den Baron Flachslanden, der sich in der Preußischen Staatsbibliothek befindet, mit Sicherheit auszusagen, ob er Original oder Falsifikat ist. Für die Echtheit würde der Text sprechen, für die Fälschung die etwas zu ruhige und runde Schrift, und vor allem der Umstand, daß der frühere Besitzer ihn von Feuillet de Conches erworben hatte. Aus all diesen Gründen ist um der höheren historischen Sicherheit willen in diesem Buche unbarmherzig jedes Dokument unberücksichtigt gelassen worden, dessen Urniederschrift keine andere Herkunftsangabe hat als die verdächtige aus dem »cabinet« des Baron Feuillet de Conches; lieber weniger und echt, als mehr und zweifelhaft, war das psychologische Grundgesetz für die Briefverwertungen in diesem Buch.

Nicht viel besser im Hinblick auf Verläßlichkeit als mit den Briefen steht es mit den mündlichen Zeugnissen über Marie Antoinette. Beklagen wir bei andern Zeitläuften das Zuwenig an Memoiren und Augenzeugenberichten, so stöhnt man bei der Epoche der Französischen Revolution eher über ein Zuviel. In zyklonischen Jahrzehnten, wo eine Generation ohne Innehalten von einer politischen Welle in die nächste geschleudert wird, bleibt selten Zeit für Besinnung und Übersicht; innerhalb von fünfundzwanzig Jahren erlebt damals ein einzelnes Geschlecht die unerwartetsten Verwandlungen, es erlebt fast pausenlos die letzte Blüte, die Agonie des Königtums, die ersten seligen Tage der Revolution, die grauenhaften des Terrors, das Direktorium, den Aufstieg Napoleons, sein Konsulat, seine Diktatur, das Kaiserreich, das Weltreich, tausend Siege und die entscheidende Niederlage, wiederum einen König und wieder, hundert Tage lang, Napoleon. Endlich, nach Waterloo, kommt die große Ruhepause, nach einem Vierteljahrhundert hat sich ein Weltsturm ohnegleichen ausgetobt. Nun wachen die Menschen auf aus ihrer Angst und reiben sich die Augen. Sie staunen erst, daß sie überhaupt noch leben, dann darüber, wieviel sie in dieser Zeitspanne erlebt haben – uns selber wird es nicht anders ergehen, wenn die Sturzflut, die seit 1914 uns unablässig aufwühlt, wieder einmal abgeebbt sein wird, – und jetzt am sichern Ufer möchten sie alles ruhig und folgerichtig überblicken, was sie wirr und erregt mit angeschaut und miterlebt haben. Jeder will damals Geschichte in Erinnerungen von Augenzeugen lesen, um sich selber das ungeordnete Erlebnis zu rekonstruieren; so entsteht nach 1815 eine genau so hitzige Konjunktur für Memoiren wie bei uns nach dem Weltkrieg für Kriegsbücher. Das wittern bald die Berufsschreiber und Verleger und fabrizieren rasch, ehe das Interesse abklingt auch dies haben wir erlebt –, für den plötzlich ausgebrochenen Neugierbedarf serienweise Erinnerungen, Erinnerungen, Erinnerungen an die große Zeit. Von jedem, der einmal den inzwischen historisch gewordenen Personen den Ärmel gestreift, fordert das Publikum, er solle seine Erlebnisse erzählen. Da sich aber die armen kleinen Leute, die meist ganz dumpf durch die großen Geschehnisse gestolpert waren, nur an wenig Einzelheiten erinnern und überdies das, woran sie sich noch erinnern, nicht amüsant darzustellen verstehen, so backen findige Journalisten unter ihrem Namen um diese wenigen Rosinen einen dicken Teig, zuckern ihn mit Süßlichkeit und wälzen ihn so lange in sentimentalen Erfindungen, bis daraus ein Buch wird. Jeder, der jemals in den Tuilerien oder in den Gefängnissen oder im Revolutionstribunal ein Stündchen Weltgeschichte miterlebt, kommt jetzt als Autor an die Reihe: die Schneiderin, die Kammerfrau, die erste, zweite, dritte Zofe, der Friseur, der Gefängniswärter Marie Antoinettes, die erste, die zweite Gouvernante der Kinder, jeder ihrer Freunde. Last not least muß sogar der Henker, Herr Samson, jetzt Memoiren schreiben oder zumindest seinen Namen für irgendein Buch, das ein anderer zusammenklittert, gegen Geld herborgen.

Selbstverständlich widersprechen diese geschwindelten Berichte einer dem andern in jeder Einzelheit, und gerade über die entscheidendsten Vorgänge am 5. und 6. Oktober 1789, über das Verhalten der Königin beim Tuileriensturm oder über ihre letzten Stunden besitzen wir sieben, acht, zehn, fünfzehn, zwanzig voneinander weit abweichende Fassungen der sogenannten Augenzeugen. Einhellig sind alle nur in der politischen Gesinnung, nämlich in unbedingter, rührender und unerschütterter Königstreue, und dies versteht man, wenn man sich erinnert, daß sie sämtlich mit bourbonischem Privilegium gedruckt sind. Dieselben Diener und Gefängniswärter, die während der Revolution die entschlossensten Revolutionäre waren, können unter Ludwig XVIII. gar nicht genug versichern, wie sehr sie die gütige, edle, reine und tugendhafte Königin heimlich geehrt und geliebt haben: wäre nur ein Bruchteil dieser nachträglich Getreuen 1792 wirklich so getreu und hingebungsvoll gewesen, wie sie 1820 zu erzählen wissen, nie hätte Marie Antoinette die Conciergerie, nie das Schafott betreten. Neun Zehntel der Memoiren jener Zeit entstammen also grober Sensationsmacherei oder byzantinischem Speichelleckertum; und wer historische Wahrheit sucht, tut (im Gegensatz zu den früheren Darstellungen) am besten, alle diese vorgeschobenen Kammerfrauen, Friseure, Gendarmen, Pagen wegen ihres allzu gefälligen Gedächtnisses von vornherein als unglaubhafte Zeugen von der Schranke zu weisen; dies ist hier grundsätzlich geschehen.

Daraus erklärt sich, warum in dieser meiner Darstellung Marie Antoinettes eine ganze Anzahl von Dokumenten, Briefen und Gesprächen als nicht verwertet erscheint, die in allen früheren Büchern unbedenklich benutzt wurden. Manche Anekdote wird der Leser vermissen, die ihn in jenen Biographieen entzückte oder erheiterte, angefangen von jener ersten, da der kleine Mozart in Schönbrunn Marie Antoinette einen Heiratsantrag machte, und so unentwegt weiter bis zur letzten, da die Königin bei der Hinrichtung, dem Henker versehentlich auf den Fuß tretend, höflich »Pardon, Monsieur« gesagt haben soll (zu ausdrücklich geistreich erfunden, um wahr zu sein). Vermissen wird man ferner zahlreiche Briefe, vor allem die rührenden an das »cher cœur«, an die Prinzessin von Lamballe, und zwar höchst einfach deshalb, weil sie von Baron Feuillet de Conches geschwindelt und nicht von Marie Antoinette geschrieben sind, ebenso eine ganze Reihe mündlich überlieferter, gefühlvoller und geistreicher Aussprüche, und dies einzig, weil sie mir gerade als zu geistreich und zu gefühlvoll nicht zu dem mehr durchschnittlichen Charakter Marie Antoinettes gehörig erscheint.

Diesem Verlust im Sinne der Empfindsamkeit, nicht in jenem der historischen Wahrhaftigkeit, steht als Gewinn neues und wesentliches Material gegenüber. Vor allem hat eine genaue Durchsicht im Wiener Staatsarchiv ergeben, daß in dem angeblich vollständig veröffentlichten Briefwechsel zwischen Maria Theresia und Marie Antoinette sehr wichtige Briefstellen, und sogar die wichtigsten, um ihrer Intimität willen unterdrückt wurden. Sie sind hier rückhaltlos ausgewertet, weil die eheliche Beziehung Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes psychologisch unverständlich ist ohne Kenntnis des lange verschwiegenen physiologischen Geheimnisses. Äußerst bedeutsam war ferner die endliche Säuberung, welche die ausgezeichnete Forscherin Alma Söderhjelm im Archiv der Nachkommen Fersens vorgenommen hat, wobei zahlreiche moralische Übertünchungen auf das glücklichste abgedeckt wurden: die »pia fraus«, die fromme Legende von der troubadourhaften Liebe Fersens zur unnahbaren Marie Antoinette ist dank dieser durch ihre Verstümmelung nur noch überzeugenderen Dokumente nicht länger aufrecht zu erhalten: auch sonst ließen sich viele dunkle oder verdunkelte Einzelheiten erhellen. Weil freier in unserer Auffassung von den menschlichen und sittlichen Rechten einer Frau, sei sie zufällig auch Königin, haben wir heute den Weg zur Aufrichtigkeit näher und weniger Furcht vor der seelischen Wahrheit, denn wir glauben nicht mehr, wie das frühere Geschlecht, daß es nötig sei, um Anteil für eine historische Gestalt zu gewinnen, ihren Charakter à tout prix idealisieren, sentimentalisieren oder heroisieren zu müssen, also wichtige Wesenszüge zu verschatten und dafür andere tragödienhaft zu übersteigern. Nicht zu vergöttlichen, sondern zu vermenschlichen, ist das oberste Gesetz aller schöpferischen Seelenkunde; nicht zu entschuldigen mit künstlichen Argumenten, sondern zu erklären, ihre gebotene Aufgabe. Sie ist hier versucht an einem mittleren Charakter, der seine überzeitliche Wirkung einzig einem unvergleichlichen Schicksal und seine innere Größe nur seinem übermäßigen Unglück dankt und der, ich hoffe es zumindest, auch ohne jede Übersteigerung gerade um seiner irdischen Bedingtheit willen Anteil und Verständnis der Gegenwart zu verdienen vermag.

1932.
St. Z.