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Stefan Zweig: Montaigne

9. Kapitel

Montaigne hat das schwerste Ding auf Erden versucht: sich selbst zu leben, frei zu sein und immer freier zu werden. Und da das fünfzigste Jahr erreicht ist, meint er sich diesem Ziele nah. Aber etwas Sonderbares ereignet sich: gerade jetzt, da er sich von der Welt weg und einzig sich selber zugewandt, sucht ihn die Welt. Als junger Mensch hat er öffentliche Tätigkeit und Würden gesucht: man hat sie ihm nicht gegeben. Nun zwingt man sie ihm auf. Er hat sich vergebens den Königen angeboten und am Hofe bemüht: nun fordert man ihn zu immer neuen und immer höheren Geschäften. Gerade jetzt, da er nur den Menschen in sich zu erkennen sucht, erkennen die anderen seinen Wert.

Als jener Brief am 7. September 1581 ihn erreicht, der ihm mitteilt, daß er ohne sein Zutun »unter allgemeiner Zustimmung« zum Bürgermeister von Bordeaux ernannt sei und ihn bittet, diese »charge« – wahrhaftig eine Last für Montaigne – »aus Liebe zum Vaterland« anzunehmen, scheint Montaigne noch nicht entschlossen, seine Freiheit aufzugeben. Er fühlt sich als kranker Mann und so gepeinigt von seinem Steinleiden, daß er manchmal sogar an Selbstmord denkt. »Wenn man diese Leiden nicht beseitigen kann, dann muß man mutig und rasch ein Ende machen, das ist die einzige Medizin, die einzige Richtlinie und Wissenschaft.« Wozu noch ein Amt annehmen, da er seine eigene innere Aufgabe erkannt hat, ein Amt überdies, das nur Mühe, aber weder Geld noch sonderliche Ehren einbringt? Jedoch als Montaigne in seinem Schlosse eintrifft, findet er einen Brief des Königs, der vom 25. November datiert ist und ziemlich deutlich den bloßen Wunsch der Bürger von Bordeaux in einen Befehl verwandelt. Der König beginnt höflich, wie er sich freue, eine Wahl zu bestätigen, die ohne Montaignes Zutun in seiner Abwesenheit – also ganz spontan – erfolgt sei. Aber er trägt ihm auf, »ohne Verzug noch Ausrede« den Dienst zu übernehmen. Und der letzte Satz schneidet jeden Rückzug ausdrücklich ab: »und damit werdet Ihr einen Schritt tun, der mir sehr willkommen ist, und das Gegenteil würde mir höchlichst mißfallen.« Gegen einen solchen königlichen Befehl gibt es keine Widerrede. Ebenso ungern, wie er von seinem Vater das Steinleiden übernommen hat, tritt er nun dies sein anderes Erbe, die Bürgermeisterschaft, an.

Sein Erstes ist, entsprechend seiner außerordentlichen Ehrlichkeit, seine Wähler zu warnen, daß sie nicht eine ähnliche restlose Hingabe von ihm erwarten sollen wie von seinem Vater, dessen Seele er »von diesen öffentlichen Lasten grausam verstört« sah und der seine besten Jahre, seine Gesundheit und seinen Haushalt restlos seiner Pflicht aufgeopfert. Er wisse sich zwar ohne Haß, ohne Ehrgeiz, ohne Geldgier und ohne Gewalttätigkeit, aber er kenne auch seine Defekte: daß es ihm an Gedächtnis fehle, an »vigilance«, an ständiger Wachsamkeit, an Erfahrung und an Tatkraft. Wie stets ist Montaigne entschlossen, sein Letztes, sein Bestes, sein Kostbarstes, »son essence«, für sich zu behalten, alles zu tun, was von ihm verlangt wird und ihm auferlegt ist, mit größter Sorgsamkeit und Treue, aber nicht mehr. Um es äußerlich schon kundzugeben, daß er nicht von sich selbst weggehe, schlägt er seine Wohnung nicht in Bordeaux auf, sondern bleibt in seinem Schlosse in Montaigne. Aber es scheint, daß, wo Montaigne, ebenso wie in seinen Schriften, nur die Hälfte der Mühe, der Plage, der Zeit einsetzt, er noch immer mehr leistet als jeder andere, dank seines rapiden Blicks und seiner profunden Weltkenntnis. Daß man nicht unzufrieden mit ihm war, beweist, daß er im Juli 1583 nach Ablauf seiner Funktionszeit abermals auf zwei Jahre von der Bürgerschaft gewählt wird.

Aber nicht genug an diesem einem Amt, an dieser einen Pflicht: kaum, daß ihn die Stadt gefordert, fordert ihn auch der Hof, der Staat, die große Politik. Jahrelang hatten die Mächtigen Montaigne mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet, das die Parteimenschen und professionellen Politiker immer für den freien und unabhängigen Menschen haben. Man hat ihm Passivität in einer Zeit vorgeworfen, in der, wie er sagt, »die ganze Welt nur allzu tätig war«. Er hatte sich nicht einem einzelnen König, einer einzelnen Partei, einer einzelnen Gruppe angeschlossen, seine Freunde nicht nach den Parteiabzeichen, nicht nach der Religion gewählt, sondern nach ihrem Verdienst. Ein solcher Mann war unbrauchbar gewesen in einer Zeit des Entweder-Oder, in einer Zeit des drohenden Sieges oder einer drohenden Ausrottung des Hugenottentums in Frankreich. Aber nun, nach den grauenhaften Verwüstungen des Bürgerkriegs, nachdem der Fanatismus sich selbst ad absurdum geführt, wird plötzlich in der Politik der bisherige Defekt der Unparteilichkeit zum Vorzug und ein Mann, der immer freigeblieben ist von Vorurteil und Urteil, der unbestechlich durch Vorteil und Ruhm zwischen den Parteien gestanden, zum idealen Vermittler. Die Situation in Frankreich hat sich merkwürdig geändert. Nach dem Tode des Duc d'Anjou ist nach dem Salischen Gesetz Heinrich von Navarra (der spätere Heinrich IV.) als Gatte der Tochter Katharinas von Medici der rechtmäßige Thronerbe Heinrichs III. Aber Heinrich von Navarra ist Hugenotte und Führer der hugenottischen Partei. Er steht damit in schroffem Gegensatz zu dem Hof, der die Hugenotten zu unterdrücken sucht, zu dem königlichen Schloß, von dessen Fenstern vor einem Jahrzehnt der Befehl zur Bartholomäusnacht gegeben worden war, und die Gegenpartei der Guisen sucht die rechtmäßige Thronfolge zu verhindern. Da nun Heinrich von Navarra auf sein Recht nicht zu verzichten gedenkt, scheint der neue Bürgerkrieg unvermeidlich, wenn nicht zwischen ihm und dem regierenden König Heinrich III. eine Verständigung gelingt. Für diese große, diese welthistorische Mission, die den Frieden Frankreichs sichern muß, ist ein Mann wie Montaigne der ideale Vermittler, nicht nur gemäß seiner an sich toleranten Gesinnung, sondern weil er auch persönlich der Vertrauensmann sowohl des Königs Heinrich III. als des Kronprätendenten Heinrich von Navarra ist. Eine Art Freundschaft verbindet ihn mit diesem jungen Herrscher, und Montaigne bewahrt sie ihm sogar in einer Zeit, da Heinrich von Navarra von der Kirche exkommuniziert ist und Montaigne, wie er später schreibt, bei seinem Pfarrer es als eine Sünde beichten muß, mit ihm Umgang bewahrt zu haben.

Heinrich von Navarra besucht Montaigne mit einem Gefolge von vierzig Edelleuten und ihrer ganzen Dienerschaft 1584 im Schlosse Montaigne, schläft in seinem eigenen Bett. Er betraut ihn mit den geheimsten Aufträgen, und wie redlich, wie verläßlich Montaigne sie ausgeführt hat, ist erwiesen dadurch, daß, als es einige Jahre später abermals zur Krise und zwar zur allerschwersten zwischen Heinrich III. und dem künftigen Heinrich IV. kommt, abermals beide gerade ihn zum Vermittler berufen.

Im Jahre 1585 wäre die zweite Amtsperiode Montaignes als Bürgermeister von Bordeaux zu Ende gewesen und ihm ein ruhmreicher Abschied gegönnt worden mit Reden und Ehren. Aber das Schicksal will keinen so schönen Abgang für ihn. Er hat tapfer und energisch standgehalten, solange die Stadt in dem neuentfachten Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und Liguisten bedroht war. Er hat die Bewaffnung durchgeführt, Tag und sogar Nacht mit den Soldaten gewacht und die Verteidigung vorbereitet. Aber vor einem anderen Feind, vor der Pest, die in diesem Jahre in Bordeaux ausbricht, ergreift er panisch die Flucht und läßt seine Stadt im Stiche. Seiner egozentrischen Natur ist die Gesundheit immer das Wichtigste gewesen. Er ist kein Held und hat sich auch nie als Held drapiert.

Wir können uns keine Vorstellung mehr davon machen, was die Pest zu jener Zeit bedeutete. Wir wissen nur, daß sie überall das Signal zu einer Flucht war, bei Erasmus und so vielen anderen. In der Stadt Bordeaux sterben in weniger als sechs Monaten siebzehntausend Menschen, die Hälfte der Bevölkerung. Wer sich einen Wagen, ein Pferd leisten kann, ergreift die Flucht; nur »le menu peuple« bleibt zurück. Auch in Montaignes Hause zeigt sich die Pest. So entschließt er sich, es zu verlassen. Sie machen sich alle auf den Weg, die alte Mutter Antonietta de Louppes, seine Frau, seine Tochter. Jetzt hätte er Gelegenheit, seine Seelenstärke zu zeigen, denn »tausend verschiedene Arten von Krankheiten fanden sich plötzlich in unablässiger Folge ein«. Er erleidet schwere Vermögensverluste, er muß sein Haus leer und ungeschützt zurücklassen, so daß jeder sich nehmen kann und wohl auch genommen hat, was er wollte. Ohne Mantel, gerade wie er gekleidet ist, flieht er aus dem Hause und weiß nicht wohin, denn niemand nimmt die Familie auf, die aus einer Peststadt flieht. »Die Freunde fürchteten sich vor ihr, man fürchtete sich selber, Angst ergriff die Leute, bei denen man Quartier suchte, und man hatte plötzlich den Aufenthalt zu wechseln, wenn einer der Gesellschaft nur begann, sich über einen Schmerz in der Fingerspitze zu beklagen.« Es ist eine grauenhafte Reise; auf dem Weg sehen sie die unbestellten Felder, die verlassenen Dörfer, die unbegrabenen Leichen der Kranken. Sechs Monate muß er »trübselig als Führer dieser Karawane« dienen, und inzwischen schreiben die »jurats«, denen er die ganze Verwaltung der Stadt überlassen, Brief auf Brief. Anscheinend erbittert über Montaignes Flucht, fordern sie seine Rückkehr, teilen ihm schließlich mit, daß seine Bürgermeisterschaft zu Ende sei. Aber auch zu dem vorgeschriebenen Abschied kehrt Montaigne nicht zurück.

Etwas Ruhm, etwas Ehre, etwas Würde ist bei dieser panischen Flucht vor der Pest verlorengegangen. Aber die »essence« ist gerettet. Im Dezember, nachdem die Pest erloschen ist, kehrt nach sechs Monaten Herumirrens Montaigne wieder in sein Schloß zurück und nimmt den alten Dienst auf: sich selbst zu suchen, sich selbst zu erkennen. Er beginnt ein neues Buch von Essais, das dritte. Er hat wieder den Frieden, er ist frei von den Trakasserien außer dem Steinleiden. Nun stillsitzen, bis der Tod kommt, der ihn schon mehrmals »mit der Hand berührt hat«. Es scheint, daß er Frieden haben soll, nachdem er so vieles erlebt, Krieg und Frieden, Welt, Hof und Einsamkeit, Armut und Reichtum, Geschäft und Muße, Gesundheit und Krankheit, Reise und Heim, Ruhm und Anonymität, Liebe und Ehe, Freundschaft und Einsamkeit.

Aber noch fehlt ihm ein Letztes, noch hat er nicht alles durchgeprobt. Noch einmal ruft ihn die Welt. Die Situation zwischen Heinrich von Navarra und Heinrich III. hat sich gefährlich zugespitzt. Der König hat gegen den Thronfolger eine Armee unter Joyeuce gesandt, und Heinrich von Navarra hat bei Coutras am 23. Oktober 1587 diese Armee völlig vernichtet. Heinrich von Navarra könnte nun als Sieger gegen Paris marschieren, mit Gewalt sich sein Thronrecht oder sogar den Thron erzwingen. Aber seine Klugheit warnt ihn, seinen Erfolg aufs Spiel zu setzen. Er will es noch einmal mit Verhandlungen versuchen. Drei Tage nach dieser Schlacht reitet ein Trupp auf das Schloß Montaigne zu. Der Führer verlangt Einlaß, der ihm sofort gewährt wird. Es ist Heinrich von Navarra, der nach seinem Sieg bei Montaigne Rat sucht, wie dieser Sieg diplomatisch und zugleich friedlich am besten auszunützen ist. Es ist ein geheimer Auftrag. Montaigne soll als Vermittler nach Paris reisen und dem König seine Vorschläge machen. Anscheinend hat es sich um nichts Geringeres gehandelt als um den entscheidenden Punkt, der dann den Frieden Frankreichs und seine Größe für Jahrhunderte verbürgt hat: die Konversion Heinrichs von Navarra zum Katholizismus.

Montaigne macht sich sofort mitten im Winter auf den Weg. In seinem Koffer nimmt er ein korrigiertes Exemplar der Essais mit und das Manuskript des neuen dritten Buches. Aber es wird keine friedliche Reise. Unterwegs wird er von einer Truppe überfallen und geplündert. Zum zweitenmal erfährt er den Bürgerkrieg am eigenen Leibe, und kaum in Paris angekommen, wo sich der König zur Zeit nicht aufhält, wird er verhaftet und in die Bastille gebracht. Es ist zwar nur ein Tag, daß er dort verbleibt, weil Katharina von Medici ihn sofort befreien läßt. Aber wieder einmal hat der Mann, der überall Freiheit sucht, auch in dieser Form erfahren müssen, was es heißt, der Freiheit beraubt zu sein. Er reist dann noch nach Chartres, Rouen und Blois, um die Besprechung mit dem König durchzuführen. Damit ist sein Amt zu Ende, und er kehrt wieder in sein Schloß zurück.

Auf dem alten Schloß sitzt nun der kleine Mann in seinem Turmzimmer. Er ist alt geworden, das Haar ist ihm ausgefallen, ein runder Kahlkopf, den schönen kastanienbraunen Bart hat er sich abgenommen, seit er zu ergrauen begann. Es ist leer geworden um ihn; die alte Mutter geht noch durch die Räume wie ein Schatten, fast neunzigjährig. Die Brüder sind fort, die Tochter verheiratet sich und zieht zu einem Schwiegersohn. Er hat ein Haus und weiß nicht, an wen es fallen wird nach seinem Tode. Er hat sein Wappen und ist der Letzte. Alles scheint vorbei. Aber gerade in dieser letzten Stunde kommt noch alles heran; jetzt, da es zu spät ist, bieten die Dinge dem Verächter der Dinge sich dar. 1590 ist Heinrich von Navarra, dem er Freund und Berater gewesen, als Heinrich VI. König von Frankreich geworden. Montaigne braucht jetzt nur an den Hof zu eilen, den alle umschwärmen, und die größte Stellung wäre ihm sicher bei dem, den er beraten und so gut beraten. Er könnte werden, was Michel Hôpital unter Katharina gewesen, der weise Ratgeber, der zur Milde führt, der große Kanzler. Aber Montaigne will nicht mehr. Er begnügt sich, den König in einem Briefe zu begrüßen, und entschuldigt sich, daß er nicht gekommen sei. Er mahnt ihn zur Milde und schreibt das schöne Wort: »Ein großer Eroberer der Vergangenheit konnte sich rühmen, er habe seinen unterworfenen Feinden ebensoviel Anlaß gegeben, ihn zu lieben, wie seinen Freunden.« Aber die Könige mögen nicht die, die ihre Gunst suchen, und noch weniger diejenigen, die sie nicht suchen. Einige Monate später schreibt der König seinem einstigen Ratgeber in schärferem Ton, um ihn für seinen Dienst zu gewinnen, und macht ihm anscheinend ein finanzielles Anerbieten. Aber wenn schon unwillig zu dienen, ist Montaigne noch unwilliger, in den Verdacht zu geraten, sich zu verkaufen. Stolz antwortet er dem König: »Ich habe niemals von der Gunst der Herrscher irgendwelche materiellen Vorteile erlangt, habe sie auch weder begehrt noch verdient ... Ich bin, Sire, so reich, wie ich es mir nur wünsche.« Er weiß, daß ihm gelungen ist, was Plato einmal als das Schwerste auf Erden bezeichnet: mit reinen Händen aus dem öffentlichen Leben zu treten. Mit Stolz schreibt er die Worte des Rückblickes auf sein Leben: wenn man ihm bis auf den Grund der Seele blicken wolle, dann würde man finden, er sei unfähig gewesen, jemand zu nahe zu treten oder ihn zu schädigen, unfähig der Rache oder des Neides, öffentlich Ärgernis zu erregen oder nicht zu seinem Worte zu stehen. »Und obwohl unsere Zeit mir wie jedem dazu wohl Gelegenheit gab, habe ich meine Hand nie durch Zugriff an den Besitz oder Vermögen eines anderen Franzosen belastet. Nur vom Eigenen habe ich gelebt, in Krieg und Frieden, und nie habe ich jemand für mich in Anspruch genommen, ohne ihn gebührend zu entlohnen. Ich habe meine Gesetze und meinen Gerichtshof, der über mich urteilt.«

Eine Spanne vor dem Tod haben die höchsten Würdenträger ihn gerufen, der sie längst nicht mehr will und erwartet. Eine Spanne vor dem Tod kommt für den Mann, der sich alt fühlt, nur mehr als ein Teil und Schatten seines Ichs, noch etwas, was er längst nicht mehr erhofft, ein Glanz von Zärtlichkeit und Liebe. Wehmütig hat er gesagt, vielleicht die Liebe allein könnte ihn noch erwecken.

Und nun geschieht das Unglaubliche. Ein junges Mädchen aus einer der ersten Familien Frankreichs, Marie de Gournay, kaum älter als die jüngste seiner Töchter, die er eben verheiratet hat, faßt eine Leidenschaft für die Bücher Montaignes. Sie liebt sie, sie vergöttert sie, sie sucht ihr Ideal in diesem Manne. Wie weit auch die Liebe dann nicht bloß dem Autor, dem Schriftsteller, sondern auch dem Menschen gegolten, ist wie immer in solchen Fällen schwer festzustellen. Aber er reist öfters zu ihr, bleibt einige Monate dort, auf dem Sitz der Familie in der Nähe von Paris, und sie wird seine »fille d'alliance«, er vertraut ihr von seinem Erbe das kostbarste an: die Herausgabe seiner Essais nach dem Tode.

Und dann hat er nur eines mehr zu wissen, der das Leben studierte und jede Erfahrung darin, noch die letzte des Lebens: den Tod. Er ist weise gestorben, wie er weise gelebt. Sein Freund Pierre de Brach schreibt, sein Tod sei sanft gewesen »nach einem glücklichen Leben« und man müsse es ein Glück nennen, daß er ihn von einer lähmenden Gicht und seinem schmerzhaften Steinleiden erlöste. Die Früchte seines Geistes aber würden der Zeit zum Trotz nie aufhören, die Menschen von Geist und gutem Geschmack zu erfreuen.

Er empfängt die letzte Ölung am 13. September 1592; kurz darauf ist er verschieden. Mit ihm erlischt das Geschlecht der Eyquems und der Paçagons. Er ruht nicht bei seinen Vorfahren wie sein Vater, er liegt für sich, in der Kirche der Feuillants zu Bordeaux, der erste und der letzte der Montaignes und der einzige, der diesen Namen über die Zeiten getragen.