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Rabindranath Tagore: Nationalismus

Nationalismus in Indien

Indiens wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Gebiete der Politik; sie ist sozialer Art. Und dies ist nicht nur in Indien, sondern in überwiegendem Maße bei allen Völkern der Fall. Ich glaube nicht an ein ausschließlich politisches Interesse. Im Westen hat die Politik auf die Ideale beherrschenden Einfluß gehabt, und wir Inder versuchen, eurem Beispiel zu folgen. Wir müssen bedenken, daß in Europa, wo die Völker von Anfang an ihre Rasseneinheit hatten und wo die Natur den Bewohnern nicht genug bot, um ihr Bedürfnis zu befriedigen, die Kultur ganz von selbst den Charakter politischer und kommerzieller Aggressivität annehmen mußte. Denn einerseits hatten sie keine innern Schwierigkeiten, und andererseits hatten sie es mit Nachbarn zu tun, die stark und raublustig waren. So schien ihre einzige Aufgabe zu sein, nach innen fest zusammenzuhalten und nach außen eine wachsame und feindselige Haltung zu wahren. In früheren Zeiten organisierten sie sich, um zu plündern, heute ist der Geist, der bei ihnen herrscht, derselbe – sie organisieren, um die ganze Welt auszubeuten.

Aber seit den ersten Anfängen unserer Geschichte hat Indien beständig sein Problem vor Augen gehabt – das Rassenproblem. Jedes Volk muß sich seiner Mission bewußt sein, und wir Inder müssen uns klarmachen, daß wir eine armselige Rolle spielen, wenn wir versuchen, Politik zu treiben, nur weil wir es noch nicht fertig gebracht haben, das zu leisten, was die Vorsehung uns aufgegeben hat.

Vor dies Problem der Rasseneinheit, das wir so viele Jahre lang zu lösen versucht haben, seid auch ihr hier in Amerika gestellt. Viele Leute in diesem Lande fragen mich, wie es mit den Kastenunterschieden in Indien sei. Aber wenn sie diese Frage an mich richten, so tun sie es gewöhnlich mit überlegener Miene. Und ich fühle mich versucht, unseren amerikanischen Kritikern dieselbe Frage zu stellen, nur mit einer kleinen Abänderung: »Was habt ihr eigentlich mit dem Indianer und dem Neger gemacht?« Denn ihnen gegenüber seid ihr über euren Kastengeist noch nicht hinausgekommen. Ihr habt gewaltsame Methoden angewandt, um andere Rassen von euch fernzuhalten, aber solange ihr hier in Amerika nicht die Frage gelöst habt, habt ihr kein Recht, Indien zu fragen.

Jedoch trotz der großen Schwierigkeit hat Indien etwas getan. Es hat versucht, die Rassen einander anzupassen, die wirklichen Unterschiede, da wo sie existieren, bestehen zu lassen und doch eine gemeinsame Basis zu finden. Diese Basis haben unsere heiligen Männer wie Nanak, Kabir, Tschaitanja und andere gefunden, die allen Rassen Indiens den einen Gott predigten.

Wenn wir die Lösung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit zugleich geholfen, das Weltproblem zu lösen. Denn was Indien gewesen ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis für eure Einheit suchen müßt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelöst hat, so hat es dies für die ganze Menschheit getan. Es gibt überhaupt nur eine Geschichte – die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der Völker sind nur einzelne Kapitel dieser großen Geschichte. Und wir Inder wollen gern für eine so große Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen mit andern zu kämpfen. Aber der Mensch hat auch seine höheren Instinkte: Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser höheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu einer Gemeinschaft verbinden können, müssen umkommen oder in einem Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Völker haben fortgelebt und es zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig ist. So finden wir, daß vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu wählen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frühen Geschichte, als die geographischen Grenzen des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmöglichkeiten gering waren, hatte auch dies Problem nur verhältnismäßig geringen Umfang. Es genügte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefühl nur innerhalb der Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten schlossen sie sich zusammen und kämpften gegen andere. Aber es war dies sittliche Gefühl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Größe wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten. In jenen frühen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch sich bewußt sein mußte, daß er in einer engeren Rassengemeinschaft lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewußtsein eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, daß die verschiedenen Menschenrassen in nahe Berührung miteinander gekommen sind. Und wieder haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die verschiedenen Völkergruppen fortfahren sollen einander zu bekämpfen, oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage für Versöhnung und gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten die Losung sein soll.

Ich bin gewiß, daß die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem Ideal einer geistigen Einheit unter den Völkern begnadet sind, die am wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenüber wissen und Verständnis und Mitgefühl genug haben, um sich in die Lage der andern zu versetzen, ich glaube, daß diese die Geeignetsten sein werden, ihren Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, während die, die beständig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen, untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt, und wir müssen unser höheres Menschentum dadurch beweisen, daß wir es auf sittlichem Wege lösen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen, andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem man andere beiseite stößt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil, durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre ertötende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft in dem großzügigeren Leben einer höheren Kultur ernstlich gefährden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die sittliche Kultur der Brüderlichkeit in geographische Grenzen eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren. Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren geben muß. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstände war, daß die niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Haß, jäh emporschäumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die Kriegsrüstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhäuser mit ihrem Rauch und Schmutz und mit all ihrer Scheußlichkeit diese schöne Erde einhüllen, so wird sie in einem Weltbrand ein selbstmörderisches Ende nehmen. Daher muß der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die ganze Menschheit umfaßt und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich und seine Umgebung vorzubereiten für die Morgendämmerung einer neuen Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es überhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrüpp der tieferen Abhänge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas, diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfüllen. Ihr seid das Land der Erwartung, das über das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich weiß die Neigung zum Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schätzen. Amerikas Ruhm und Größe gründet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit, und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben müssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenüber die westliche Kultur zu rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist mißtrauisch und kränklich geworden. Amerika dagegen ist weder pessimistisch noch blasiert. Ihr wißt als Volk, daß, wenn man das Gute hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und daß man um so mehr zu wissen strebt, je mehr man weiß. Traditionen aber und Gewohnheiten bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch träges Beharren hemmen, sondern anmaßend und aggressiv sind. Sie sind nicht bloße Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang diese Hecken von Gewohnheiten großgezogen, bis sie es dicht und stark und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, daß dieser Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schließlich blind. Wie bei allen künstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine Erhöhung des Lebensgefühls, aber bei vermehrter Dosis wird das Bewußtsein getrübt und ein Rausch erzeugt, der es irreführt. Europas Herz hat sich allmählich verhärtet in dem Stolz auf seine Traditionen. Es kann nicht nur nicht vergessen, daß es der kultivierte Westen ist, sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht zu schleudern, um sie zu demütigen. Dadurch macht es sich unfähig, sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt beständig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Größe so wirkungsvoll vom Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in dieser gegenwärtigen Übergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur seinen Trompetenruf erschallen läßt an alle Völker der Welt in eine unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch befähigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es ließ sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten, sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die sie hätten beflecken können, macht euch fähig, die Bannerträger der künftigen Kultur zu sein. Alle großen Nationen Europas haben irgendwo in der Welt ihre Opfer. Dies ertötet nicht nur ihre seelische, sondern auch ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verständnis fremder Rassen so nötig ist. Die Engländer können Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigennützigem Interesse ist. Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet man, daß es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von Verständnis und Gründlichkeit studiert haben. Diese Haltung von Gleichgültigkeit und Verachtung ist natürlich, wo das Verhältnis unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegründet ist. Aber eure Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen können, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China in seiner gegenwärtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung für eine große Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen Vergangenheit zurückgehalten werdet. Daher muß von allen Völkern der Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen Blick nicht trüben lassen, und sein Glaube an die Menschheit muß jugendlich stark bleiben.

Eine Ähnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide müssen verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.

In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit gründen läßt. Eine Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche Basis zu gründen sucht, wird finden, daß diese Basis nicht genügt. Denkende und einflußreiche Männer werden entdecken, worin diese geistige Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es ihrem Volk verkünden.

Indien hat nie den wirklichen Sinn für Nationalismus gehabt. Obgleich man mich von klein auf gelehrt hat, daß der Götzendienst der Nation fast noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin überzeugt, daß meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, daß sie gegen eine Lehre kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stände höher als die Ideale der Menschheit.

Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mächtig zu werden, daß es europäische Methoden übernimmt, aber nachdem es sein eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der äußeren Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus entwickelt.

Europa hat seine Vergangenheit. Europas Stärke liegt daher in seiner Geschichte. Wir in Indien müssen uns klarmachen, daß wir nicht die Geschichte eines andern Volkes übernehmen können und daß wir Selbstmord begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben künstlich etwas Fremdes aufsetzt, der erdrückt es.

Und daher glaube ich, daß es nicht gut für Indien ist, wenn es sich mit der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle Schmähungen, mit denen man uns überhäufen mag, reichlich vergütet werden.

Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tüchtig machen. Diese sind einfach und können mit Nutzen erworben und angewandt werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berühren und unsere Lebensrichtung ändern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem eigenen Erbe bezahlen, müssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken. Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Stärke und Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber laßt uns durch ihre Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen wegzuwerfen. Laßt uns geduldig den gegenwärtigen Schimpf ertragen und bedenken, daß diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben wegen ihrer großen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Stärke, aber auch zugleich die ihres schnellen Erlöschens ist. Sie verbrauchen ein verhängnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhältnis zu dem, was sie leisten und einbringen.

Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so würde es doch nur kläglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure, wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen, unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfüllung des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der englischen aufnehmen könnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, daß wir glauben, es gäbe nur einen Weg zu menschlicher Größe – den, den wir heute zu unserem Schmerz als breite Straße über die Welt des Westens laufen sehen und auf dem freche Anmaßung die Führerin ist.

Wir müssen die Gewißheit haben, daß eine Zukunft vor uns liegt und daß diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und nicht an bloßen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, für Früchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit, sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere höchsten Ideale in sich birgt.

Wir müssen erkennen, daß die göttliche Vorsehung selbst den Westen nach Indien führte. Und doch muß jemand kommen, der dem Westen den Osten deutet und ihm klarmacht, daß der Osten sein Teil beizusteuern hat zur Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, daß wir die westliche Kultur verschmähen und uns in stolzer Unabhängigkeit absondern. Nein, laßt uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die Vorsehung England dazu ausersehen hat, daß es diesen Bund, diesen inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut beugen. Ich habe einen großen Glauben an die menschliche Natur, und so glaube ich auch, daß der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie das ihr Anvertraute verrät und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der Westen darf sich nicht zu einem Fluch für die Welt machen, indem er seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, daß er die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der Gefahr schützen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen stark genug werden läßt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch muß er seinen Materialismus nicht als das Höchste und Letzte predigen, sondern er muß erkennen, daß er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.

Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Es ist die Erscheinung eines ganzen Volkes als organisierte Macht. Diese Organisation zielt beständig dahin, daß die Bevölkerung stark und leistungsfähig werde. Aber dies rastlose Streben nach Stärke und Leistungsfähigkeit entzieht der höheren Natur des Menschen, die ihn aufopfernd und schöpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfähigkeit wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation. Und doch fühlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit äußerst gefährlich. Er fühlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit auf diese Maschine schieben kann, die eine Schöpfung seines Intellekts und nicht seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ist. So kommt es, daß das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem großen Teil der Welt die Sklaverei fortbestehen läßt mit dem wohltuenden Gefühl des Stolzes, seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind, können sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei das Gefühl haben, daß sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, können, ohne zu wissen, was sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf höhere Entwicklung rauben und dabei die Beraubten schmähen, daß sie keine bessere Behandlung verdient hätten. Wir haben im täglichen Leben gesehen, wie sogar kleine Geschäfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht schlecht sind, gefühllos machen, und wir können uns wohl vorstellen, welch eine Zerstörung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn ganze Völker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum zu gewinnen.

Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschließlich politisch ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den Glauben in uns zu entwickeln, daß wir auch vielleicht eine politische Aufgabe haben.

Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale haben. Einige streben nach politischer Unabhängigkeit. Andere glauben, daß die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie möglich Selbstregierung.

Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer Kongreß nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige Mißstände hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behörden. Sie wünschte eine größere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich für ihr Vorgehen nicht begeistern. Es war meine Überzeugung, daß das, was Indien am meisten braucht, schöpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit ist. Und bei dieser Arbeit müssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, unsere uns vom Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mißerfolg bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir müssen denen über uns zeigen, daß wir sittliche Kraft und Stärke haben, für die Wahrheit zu leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so können wir nur betteln. Es würde verderblich für uns sein, wenn uns die Gaben, um die wir bitten, sogleich gewährt würden, und ich habe meinen Landsleuten immer wieder gesagt, daß sie sich zusammenschließen sollen, nicht um zu betteln, sondern um Möglichkeiten zu schaffen, daß unser Geist der Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.

Der Indische Kongreß verlor jedoch an Einfluß, da das Volk bald sah, wie nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige Methode des Bittens – die leichteste Methode, sich der Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen – verwarfen und für absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale gründeten sich auf die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefühl für die besonderen Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, daß unsere Gesellschaftsordnung uns unfähig macht, es mit den fremden Völkern aufzunehmen. Denn was würde aus uns werden, wenn England irgendwie aus Indien vertrieben würde? Wir würden nur andern Nationen zum Opfer fallen. Dieselben sozialen Übel würden bestehen bleiben. Was wir in Indien erstreben müssen, ist dies: wir müssen suchen, mit den sozialen Sitten und Idealen aufzuräumen, die uns unsere Selbstachtung genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhängig gemacht haben – mit dem Kastensystem und mit der blinden und trägen Gewohnheit, uns auf die Autorität von Traditionen zu verlassen, die heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.

Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin, mit denen Indien zu kämpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem im kleinen. Indien hat eine zu große Ausdehnung und beherbergt zu verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Länder in einen geographischen Behälter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Länder zerteilt ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten Vorteil gehabt: es hatte die Stärke der Vielheit und die Stärke der Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der ersteren und unter der Schwäche der letzteren gelitten. Wahre Einheit ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trägt ihr Gewicht mit Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten, das man mit aller Kraft ziehen und vorwärtsstoßen muß. Es muß zu Indiens Rechtfertigung gesagt werden, daß es diese Vielheit nicht selbst geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine Tatsache hinnehmen müssen. In Amerika und Australien hat Europa sich sein Problem dadurch vereinfacht, daß es die Urbevölkerung fast ganz ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den Europäern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschließen, sie, die selbst als Fremde kamen in die Länder, die sie nun beherrschen. Aber Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.

In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die verschiedenen Völker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit ließ, die bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie möglich, und doch so fest, wie die Umstände es gestatteten. So ist etwas wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen gemeinsamer Name Hinduismus ist.

Indien hat gefühlt, daß Rassenunterschiede sein müssen und sollen, was auch ihre Nachteile sein mögen, und daß wir nie die Natur in enge, uns bequeme Grenzen zwingen können, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu müssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, daß die Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind, die für immer bestehen, sondern fließend mit des Lebens Fluß und Lauf, Gestalt und Größe wechseln.

Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es versuchte, Zusammenstöße zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Möglichkeit der freien Bewegung und Ausbreitung. Es ließ die Natur gelten, wo sie Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schöpferischen Tätigkeit neu zu wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versündigte sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prächtigen Käfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.

Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenstöße der verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, daß der endlose Neid und Haß des Wettstreits für immer beseitigt war – dieses Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze Atmosphäre mit Lügen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte Indien, das Gesetz der Wandlung außer acht lassend, den ganzen Nachdruck auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmählich Kunst auf Kunstfertigkeit, und schöpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.

Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, daß Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu lösen, daß alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer Grenzen Freiheit gewährt wurde. Wir wollen zugeben, daß Indien dies nicht in vollem Maße gelungen ist. Aber eines müßt ihr auch einräumen: daß der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer viel günstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, und daß er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lösung zu suchen. So macht er es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Küsten dieses Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien laßt ihr sie nur unter der Bedingung zu, daß sie die niedern Dienste von Holzhauern und Wasserträgern auf sich nehmen. Entweder verschließt ihr den Fremden eure Türen, oder ihr würdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lösen. Welche Vorzüge diese Art auch haben mag, ihr werdet zugeben müssen, daß sie nicht höheren sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, daß die menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern daß ihre Wahrheit in ihren unendlichen Möglichkeiten liegt. Und wenn wir in unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes schmähen, so läßt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, daß wir die Gottheit geschmäht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz oder Eigennutz andern antun, fällt auf unsere eigene Menschheit – und dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spüren sie erst, wenn es zu spät ist.

Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Völkern, sondern auch in der Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr keine versöhnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und Wettstreits darf ungezügelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprößling von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedürfnisse. Im Westen ist Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum für die Einzelnen ihr Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher läuft sie ewig suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlängerung andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer dünn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollständigkeit nicht erreichen.

Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir wissen, daß, wenn wir darüber hinausgehen, es auf Kosten unserer Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist? Verbrauchen die westlichen Völker bei diesen nationalen Karnevalfesten des Materialismus nicht den größten Teil ihrer Lebenskraft dabei, daß sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit außer acht läßt und dadurch, daß sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich hineinschlingt, zu scheußlicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zügeln und den höheren Zwecken seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen unsere Begierden keine anderen Schranken als die von »Angebot und Nachfrage«, und diese können künstlich verrückt werden, so daß der Einzelne seinen ausschweifenden Gelüsten, soviel er will, sich hingeben kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zügel an – vielleicht unterdrückten sie sie gänzlich –, im Westen jedoch treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches Ziel kennt, die Menschen zum fortwährenden Jagen nach Reichtum; aber ist dem keine heilsame Grenze gesetzt?

Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere Leidenschaften und Begierden zügeln und dadurch unsere harmonische Entwicklung möglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in selbstloser Liebe für unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das zur höheren Natur des Menschen gehört.

Unsere Nahrung ist schöpferisch, sie baut unseren Körper auf; aber der Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung geben, weil es eine bloße Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.

Wir dürfen in der gegenwärtigen Zeit nicht vergessen, daß die Menschen, die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein brauchen, sie sind nur mächtig. Die Leidenschaften, die ungezügelt in ihnen wirken können, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei, die sich für Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als höchstes Ziel gesetzt haben, verkaufen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, ihre Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer Herrschaft über fremde Rassen weiden, liefern allmählich ihre eigene Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die nötig sind, um andere Völker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Ländern ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur dadurch möglich, daß die Menschen die sittliche und geistige Freiheit nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften riesige Strudel, und wenn sie von der bloßen Geschwindigkeit ihrer wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie dies für Freiheit. Aber das Verhängnis, das ihrer wartet, ist so gewiß wie der Tod, – denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit, und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.

Die große Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung, daß wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale endgültig fertig sind, daß diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und daß wir jetzt unsere ganze Schaffenskraft in politischer Richtung betätigen können. Wir denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwärtige Hilflosigkeit auf soziale Unzulänglichkeit zurückzuführen, denn unser Nationalismus hat den Glauben, daß dies System schon für alle Zukunft zur Vollendung gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die übermenschliche Gabe prophetischen Schauens und die übernatürliche Kraft der Fürsorge für unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir für alles Elend und für alle Unzulänglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich, die plötzlich von außen über uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde glauben wir, daß es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdämmen und aus den Quellen der Geschichte anderer Völker Macht borgen.

Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, daß politische Freiheit uns frei machen würde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir müssen bedenken, daß jede soziale Schwäche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivität, die uns bei unseren sozialen Einrichtungen an toten Formen hängen läßt, wird in der Politik starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es möglich macht, daß wir einem großen Teil der Menschheit das drückende Joch der Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und Ungerechtigkeit behaupten.

Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie, daß bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die Konservativsten. Die Nationalisten sagen z. B.: »Seht die Schweiz, wo sich trotz der Rassenunterschiede die Völker zu einer Nation zusammengeschlossen haben.« Aber ihr müßt bedenken, daß sich in der Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten können, weil sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir von den verschiedenen Nationalitäten Europas sprechen, so denken wir nicht daran, daß dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in der Welt ein Beispiel dafür, daß Glieder eines Volkes, die ihr Blut nicht mischen dürfen, doch ihr Blut für einander vergießen, es sei denn gezwungen oder um Sold? Und können wir jemals hoffen, daß diese moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege stehen, nicht auch ein Hindernis für unsere politische Einheit sein werden?

Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß unsere sozialen Beschränkungen noch immer so tyrannisch sind, daß sie die Menschen zu Feiglingen machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich geächtet würde, so verzeihe ich es ihm, daß er ein unwahres Leben führt, um überhaupt leben zu können. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in unserer politischen Organisation behaupten und schließlich Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemäßen Unterschied und damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die unvermeidliche Lüge und Heuchelei im politischen Leben nur noch schlimmer machen. Ist denn der bloße Name Freiheit so wertvoll, daß wir um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?

Die Wirkung unserer ausschweifenden Gewohnheiten zeigt sich noch nicht gleich, wenn wir noch in der vollen Kraft unserer Jugend sind. Aber sie zehrt allmählich diese Kraft auf, und wenn die Zeit des Abstiegs beginnt, da haben wir unsere Rechnungen zu begleichen und unsere Schulden zu bezahlen und stehen bald vor dem Bankrott. Noch könnt ihr im Westen den Kopf hoch tragen, obgleich eure Menschlichkeit aus dem Rausch organisierender Macht nicht mehr herauskommt. Auch Indien konnte auf der Höhe seiner Jugend die Last seiner sozialen Organisationen, die auf seine Lebensorgane drückten, tragen und hielt sich tadellos gerade dabei, aber es ist ihm zum Verhängnis geworden und hat seine lebendige Natur allmählich gelähmt. Und so ist es gekommen, daß die gebildeten Schichten Indiens kein Gefühl haben für seine sozialen Nöte. Sie sind gerade stolz auf die Steifheit unseres sozialen Rückgrats, – und weil das gesunde Schmerzgefühl in den Gliedern unseres sozialen Organismus abgestorben ist, so lassen sie sich zu dem Glauben verleiten, daß alles in Ordnung sei. Daher glauben sie, daß das politische Feld jetzt der einzige Spielraum für alle ihre Kräfte ist. Sie machen es wie jemand, dessen Beine eingeschrumpft und unbrauchbar geworden sind und der sich einzureden versucht, er fühle diese Glieder nicht, weil sie ganz wiederhergestellt seien, nur die Krücken seien nicht in Ordnung.

Dies ist es, was ich über die soziale und politische Wiedergeburt Indiens sagen wollte. Nun ein Wort über seine Industrie. Man hat mich oft gefragt, ob seit dem Beginn der britischen Herrschaft die Industrie in Indien sich gehoben habe. Ich muß daran erinnern, daß die britische Regierung gleich am Anfang unsere Industrie unterdrückt hat und daß wir seit der Zeit keinerlei wirkliche Hilfe oder Ermutigung gefunden haben, uns den ungeheuren Handelsorganisationen der modernen Welt gegenüber zu behaupten. Die Nationen haben entschieden, daß wir ein lediglich ackerbautreibendes Volk bleiben und sogar den Gebrauch der Waffen für alle Zeiten verlernen sollen. So wird Indien in eine Reihe leicht verdaulicher Bissen verwandelt, die jede Nation, auch wenn sie ein noch so unentwickeltes Gebiß hat, zu jeder Zeit verschlucken kann.

Indien hat daher wenig Gelegenheit, seine Originalität auf dem Gebiete der Industrie zu zeigen. Ich meinesteils glaube nicht an die plumpen Riesenorganisationen unserer heutigen Zeit. Schon die Tatsache ihrer Häßlichkeit zeigt, daß sie in Disharmonie mit der ganzen Schöpfung sind. Die großen Kräfte der Natur offenbaren ihre Wahrheit nicht in Häßlichkeit, sondern in Schönheit. Schönheit ist das Siegel, das der Schöpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist. Alle unsere Erzeugnisse, die die Gesetze der Vollkommenheit frech verletzen und sich schamlos in ihrer häßlichen Plumpheit zeigen, sind beständig unter dem Gewicht von Gottes Zorn. Wenn euer Handel nicht die Würde der Schönheit hat, ist er unwahr. Die Schönheit und ihre Zwillingsschwester, die Wahrheit, brauchen zu ihrer Entfaltung Muße und Selbstbeherrschung. Aber die Gewinnsucht kennt keine Schranken, wenn sie sich nur ausdehnen kann. Ihr einziges Ziel ist Hervorbringen und Verschlingen. Sie hat weder Mitleid mit der schönen Natur noch mit lebendigen menschlichen Wesen. Sie ist unbarmherzig bereit, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, Schönheit und Leben zu zermalmen und sie zu Geld zu machen. Diese häßliche Roheit im Handel stand in Verachtung bei unseren Vorfahren, die noch Muße hatten, das Idealbild der Menschheit ruhigen, ungetrübten Blickes zu schauen. Die Menschen jener Zeiten schämten sich mit Recht des niederen Triebes, der nur auf Gewinn geht. Aber in unserem Zeitalter der Naturwissenschaften hat das Geld durch das Gewicht seiner Masse sich den Thron erworben. Und wenn es nun vom Gipfel seiner aufgehäuften Schätze aus die höheren Instinkte des Menschen verhöhnt und die Schönheit und alle edlen Gefühle aus seiner Nähe verbannt, so unterwerfen wir uns ihm. Denn wir haben uns in unserer Armseligkeit von ihm bestechen lassen, und unsere Einbildungskraft, von seinem Riesenumfang überwältigt, kriecht vor ihm im Staube.

Aber gerade dieser Riesenumfang und seine endlose Kompliziertheit sind sichere Zeichen seines Versagens und seiner inneren Schwäche. Ein geübter Schwimmer zeigt seine Muskelkraft nicht durch heftige Bewegungen; seine Kraft ist unsichtbar und äußert sich in vollkommener Anmut und Ruhe. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine innere Kraft und sein innerer Wert, die beide nicht von außen sichtbar sind. Aber die heutige Handelskultur braucht nicht nur zuviel Zeit und Raum, sondern tötet Zeit und Raum. Ihre Bewegungen sind heftig, ihre Stimme laut und mißtönend. Sie trägt ihren Fluch in sich, weil sie die Menschheit, auf der sie steht, zu einer unförmlichen Masse zertrampelt. Sie ist rastlos bemüht, Glück in Geld umzuwandeln. Der Mensch sucht seine Menschlichkeit in die kleinste Ecke zusammenzudrücken, um für ihre Organisation ausgiebigen Raum zu schaffen. Er spottet seine menschlichen Gefühle zuschanden, weil sie seinen Maschinen im Wege sein könnten.

In unserer Mythologie haben wir die Sage, daß der, der sich Kasteiungen auferlegt, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, Versuchungen zu bestehen hat, die ihm von Indra, dem Herrn der Unsterblichen, geschickt werden. Wenn er sich von ihnen verlocken läßt, ist er verloren. Der Westen hat seit Jahrhunderten nach Unsterblichkeit gestrebt. Indra hat ihm die Versuchung geschickt, um ihn zu prüfen. Diese ungeheure Versuchung heißt Reichtum. Der Westen hat nicht widerstanden, und seine menschliche Kultur hat sich in der Wüste des Maschinenwesens verirrt.

Dieser Handelsgeist mit seinem barbarisch häßlichen Schmuck ist eine furchtbare Gefahr für die ganze Menschheit, weil er das Ideal der Macht über das der Vollkommenheit stellt. Er läßt den Kultus der Selbstsucht in schamloser Nacktheit triumphieren. Unsere Nerven sind zarter als unsere Muskeln. Das Feinste und Wertvollste in uns wird hilflos und schwach, wenn wir ihm den Schutz nehmen, den es gerade wegen seiner Feinheit braucht. Wenn daher die gefühllose, rohe Macht in blinder Wut über die Straße der Menschheit hinstürmt, so verscheucht sie durch ihre Roheit die Ideale, die wir in jahrhundertelangem Martyrium gehegt haben.

Die Versuchung, die schon dem Starken verhängnisvoll ist, wird es dem Schwachen noch mehr. Und daher kann ich sie bei uns in Indien nicht willkommen heißen, wenn auch der Herr der Unsterblichen sie gesandt hat. Laßt unser Leben einfach in seiner äußeren Erscheinung und reich an innerem Gewinn sein. Laßt unsere Kultur sich auf die feste Basis sozialen Zusammenwirkens gründen, und nicht auf Kampf und wirtschaftliche Ausbeutung. Wie wir dies heute können, wo wir in den Zähnen des wirtschaftlichen Drachen sind, der unser Lebensblut aussaugt, dies zu finden, ist die Aufgabe der Denker aller östlichen Völker, die an die menschliche Seele glauben. Es ist ein Zeichen von Ohnmacht und Trägheit, wenn wir Lebensbedingungen annehmen, die andere mit andern Idealen uns auferlegen. Wir sollten uns aufraffen und die Kräfte der Welt uns dazu dienstbar machen, unsere Geschichte zu ihrem eigenen Ziel, der Vollkommenheit, zu führen.

Aus dem Gesagten wird man sehen, daß ich kein Volkswirtschaftler bin. Ich will zugeben, daß es ein Gesetz von Angebot und Nachfrage gibt und daß der Trieb des Menschen immer dahin geht, mehr haben zu wollen, als gut für ihn ist. Und doch halte ich an meinem Glauben fest, daß es so etwas gibt wie die Harmonie vollen Menschentums. Wer sie hat, der ist reich bei aller Armut, er ist Sieger, wenn er auch besiegt wird, ihn führt der Tod zur Unsterblichkeit, wo die ewige Gerechtigkeit seine Schmach in strahlenden Triumph wandelt.