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Rabindranath Tagore: Nationalismus

II.

Ich bin in vielen Ländern gereist und Menschen von allen Klassen begegnet, aber nirgends auf meinen Reisen fühlte ich die Gegenwart des Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In andern großen Ländern waren die Zeichen der Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich sah ungeheure Organisationen, die sich nach allen Seiten wirksam zeigten. Die Pracht und Üppigkeit, die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung und kostspieliger Unterhaltung, ist erschreckend. Man fühlt sich bei ihnen in die Ecke gedrückt wie ein ungebetener Gast beim Festmahl; halb ist man von Neid erfüllt, halb atemlos vor Staunen. Bei ihnen hat man nicht das Gefühl, daß der Mensch das Höchste ist, sondern man wird immer gegen einen Haufen erstaunlicher Dinge geschleudert, die uns von den Menschen trennen. Aber in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht und Reichtum das herrschende Lebenselement. Man sieht überall Zeichen von Liebe und Bewunderung und nicht überwiegend von Ehrgeiz und Habsucht. Man sieht ein Volk, dessen Herz sich erschlossen hat und sich verschwenderisch ausgibt in den einfachsten Geräten des täglichen Lebens, in seinen sozialen Einrichtungen, in seinen sorgsam gepflegten und zur Vollkommenheit ausgebildeten Lebensformen und in seiner Art mit den Dingen umzugehen, die nicht nur geschickt, sondern zugleich in jeder Bewegung anmutig ist.

Was in diesem Lande den größten Eindruck auf mich gemacht hat, ist die Erkenntnis, daß ihr die Geheimnisse der Natur nicht durch methodisches Zergliedern, sondern unmittelbar durch Anempfinden erfaßt habt. Ihr habt die Sprache ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt, das Ebenmaß in ihren Ungleichmäßigkeiten und den Rhythmus in der Freiheit ihrer Bewegungen; ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen ihrer Wesen führt und doch alle Reibungen vermeidet, wie selbst die Widerstreite in ihren Schöpfungen in Tanz und Musik sich lösen, wie ihr Überfluß die Fülle der selbstlosen Hingabe ist, nicht prahlerische Verschwendung. Ihr habt erkannt, daß die Natur ihre Kraft in Formen der Schönheit aufbewahrt, und diese Schönheit ist es, welche wie eine Mutter alle Riesenkräfte an ihrer Brust nährt, indem sie sie in tätiger Wirksamkeit, und doch in Ruhe hält. Ihr habt erkannt, daß die Lebenskräfte der Natur sich vor Erschöpfung bewahren durch den Rhythmus vollkommener Anmut, und daß sie durch die Zartheit ihrer geschwungenen Linien die Müdigkeit von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe gefühlt, daß ihr es vermocht habt, diesen Geheimnissen euer Leben anzugleichen, und daß ihr die Wahrheit, die in der Schönheit aller Dinge liegt, in eure Seele aufgenommen habt. Ein bloßes Wissen von Dingen kann man in kurzer Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben werden durch jahrhundertelange Erziehung und Selbstbeherrschung. Die Natur von außen beherrschen ist viel einfacher als sie in Liebe sich zu eigen machen, denn dies kann nur ein wahrhaft schöpferischer Geist. Euer Volk hat diese schöpferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern es schuf; es stellte nicht Dinge zur Schau, sondern offenbarte sein eigenes inneres Wesen. Dieser schöpferische Geist ist allen Völkern eigen; er bemächtigt sich der Menschennaturen und formt sie nach seinen Idealen. Aber hier in Japan scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem er in den Geist des ganzen Volkes einging und seine Muskeln und Nerven durchdrang. Eure Instinkte sind zuverlässig geworden, eure Sinne scharf, und eure Hände haben natürliche Geschicklichkeit erlangt. Der Schöpfergeist Europas hat seinen Völkern die Kraft zur Organisation gegeben, die sich besonders in der Politik, im Handel und in den wissenschaftlichen Betrieben gezeigt hat. Der Schöpfergeist Japans hat euch die Schönheit in der Natur gezeigt und euch die Kraft gegeben, sie im Leben zu verwirklichen.

In jeder besonderen Zivilisation drückt sich eine besondere menschliche Erfahrung aus. Europa scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge im Weltall empfunden zu haben, dessen man nur Herr wird, indem man sie erobert. Daher ist es immer zum Kampf gerüstet und richtet seine ganze Aufmerksamkeit darauf, Kräfte zu organisieren. Japan dagegen hat in seiner Welt die Berührung mit einem Wesen gespürt, vor dem seine Seele sich in Ehrfurcht beugt. Daher rühmt es sich nicht, die Natur zu beherrschen, sondern bringt ihr mit unendlichem und freudigem Bemühen die Opfer seiner Liebe dar. Seine Verwandtschaft mit der Welt ist die tiefere Verwandschaft der Seele. Dieses geistige Liebesband verknüpft es mit den Hügeln seines Landes, mit dem Meer und den Strömen, mit den Wäldern und ihrem ganzen Reichtum an Schönheit und Stimmung; es hat das Rauschen und Flüstern und Seufzen der Wälder und das Schluchzen der Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in stillem, staunendem Schauen die Sonne des Tags auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des Nachts, und es ist froh, wenn es seine Werkstätten und Läden schließen darf, um draußen in den Obstgärten und Kornfeldern die Jahreszeiten zu begrüßen. – Und so sein Herz der Seele der Welt öffnen, ist nicht das Vorrecht eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nicht künstlich erworbenes exotisches Kulturprodukt, sondern es ist allen eigen, allen Männern und Frauen aller Stände. Diese Erfahrung eurer Seele, daß ihr ein persönliches Wesen im Innersten der Welt gespürt habt, ist in eurer Kultur verkörpert. Es ist die Kultur der Brüderlichkeit. So hat eure Pflicht gegen den Staat den Charakter der Kindespflicht angenommen, und euer Volk ist eine Familie geworden, deren Haupt der Kaiser ist. Eure nationale Einheit gründet sich nicht auf Waffenbrüderschaft zu Verteidigung und Angriff, oder auf Spießgesellenschaft zu räuberischen Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil an Gefahr und Beute hat. Sie ergibt sich nicht aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem über diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren, sondern sie ist nur die Ausdehnung des Familiengefühls und der Verpflichtungen des Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres Feld. Eure Kultur gründet sich auf das Ideal der »maitri«[1], – maitri gegenüber den Menschen und maitri gegenüber der Natur. Und der wahre Ausdruck dieser Liebe ist die Sprache der Schönheit, die die allgemeine Sprache dieses Landes ist. Sie macht es, daß ein Fremder wie ich nicht mit einem Gefühl des Neides oder der Demütigung all diesen Offenbarungen von Schönheit und Liebe gegenübersteht, sondern mit Freude und Frohlocken die Herrlichkeit und Größe des Menschenherzens preist, die sich in ihnen kundgibt.

Und aus diesem Grunde fürchte ich die Veränderung, die die japanische Kultur bedroht, wie eine Gefahr für mich selbst. Denn die ungeheure Andersartigkeit des modernen Zeitalters, wo der Nutzen das einzige Band ist, das die Menschen verbindet, sticht nirgends so kläglich ab von der Würde und verborgenen Kraft stiller Schönheit wie in Japan.

Aber die Gefahr liegt darin, daß die organisierte Häßlichkeit den Geist bestürmt und den Sieg davonträgt durch die Wucht ihrer Masse, durch die Hartnäckigkeit ihres Angriffs, durch die Macht des Spottes, den sie gegen die tieferen Gefühle des Herzens richtet. Ihre grobe Aufdringlichkeit zieht gewaltsam unseren Blick auf sich und übermannt unsere Sinne, – und wir opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem Fetisch opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften Häßlichkeit mächtig erscheint. Daher ist ihre Nebenbuhlerschaft den Dingen, die still und tief und zart sind, so gefährlich.

Ich bin sicher, daß es bei euch Menschen gibt, die kein Gefühl für eure Ideale haben; die nur gewinnen wollen, nicht wachsen. Sie prahlen laut, daß sie Japan modernisiert haben. Wenn ich ihnen auch zugebe, daß der Geist eines Volkes mit dem Geist seiner Zeit übereinstimmen muß, so muß ich ihnen doch zu bedenken geben, daß das Modernisierte ebensowenig das wahrhaft Moderne ist, wie Versmacherei wahre Dichtkunst. Es ist nichts als Nachahmung, nur ist die Nachahmung lauter als das Original und folgt ihm zu sklavisch. Wir müssen bedenken, daß die wahrhaft vom modernen Geist Beseelten es nicht nötig haben, zu modernisieren, ebensowenig wie die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne besteht nicht in europäischer Kleidung oder in den häßlichen Gebäuden, worin man die Kinder beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen, von parallelen Fensterreihen durchlöcherten Häuserkästen, worin die Menschen zeitlebens eingekerkert sind. Und sicher zeigt sich der moderne Geist nicht in den mit allen möglichen Widersinnigkeiten beladenen Damenhüten. Diese Dinge sind nicht modern, sondern nur europäisch. Das wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes, nicht Sklaverei des Geschmacks. Es ist Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, nicht Unmündigkeit unter der Vormundschaft europäischer Schulmeister. Es ist Wissenschaft, aber nicht ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloße Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft, die sie zum törichten Aberglauben herabwürdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen möglichen und unmöglichen Zwecken anrufen.

Das Leben, das sich auf bloße Wissenschaft gründet, hat für manche einen Reiz, weil es das Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und ist im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf die Jagd geht, muß möglichst wenig von Mitleid wissen, denn sein einziges Ziel ist, das Wild zu jagen und zu töten, zu fühlen, daß er das stärkere Tier ist, daß seine Vernichtungsmethode gründlich und wissenschaftlich ist. Und ein Leben, das in der Wissenschaft aufgeht, ist solch ein oberflächliches Sportsleben. Es strebt mit Geschick und Gründlichkeit nach Erfolg und kümmert sich nicht um die höhere Natur des Menschen. Aber die, die roh genug sind, wirklich glauben zu können, daß der Mensch nichts weiter als ein Jäger und sein Paradies ein Paradies für Sportsleute ist, und die danach ihr Leben einrichten, werden eines Tages mitten unter ihren Jagdtrophäen von Schädeln und Skeletten mit rauher Hand aus ihrem Wahn herausgerissen.

Ich will damit durchaus nicht sagen, daß Japan nicht darauf bedacht sein sollte, sich moderne Waffen zu seiner Verteidigung zu verschaffen. Aber dies sollte nie über das, was der Selbsterhaltungstrieb verlangt, hinausgehen. Japan muß bedenken, daß die wahre Macht nicht in den Waffen selbst liegt, sondern in dem Mann, der diese Waffen schwingt; und wenn er in seinem eifrigen Streben nach Macht seine Waffen auf Kosten seiner Seele vervielfältigt, so ist er selbst in größerer Gefahr als seine Feinde.

Lebendiges ist so leicht zu verletzen, daher bedarf es des Schutzes. In der Natur schützt das Leben sich durch Hüllen, die selbst aus lebendigem Stoff gebaut sind. Daher halten sie mit dem Wachstum des Lebens Schritt, oder sie lösen sich leicht ab, wenn die Zeit kommt, und werden vergessen. Der wahre Schutz des Menschen sind seine Ideale, die in lebendigem Zusammenhang mit seinem Leben stehen und mit ihm wachsen. Aber zu seinem Unglück sind nicht alle seine Schutzhüllen lebendig, einige sind aus trägem und totem Stahl gemacht. Daher muß der Mensch, während er sie gebraucht, achtgeben, daß sie ihm nicht zu Tyrannen werden. Wenn er so schwach ist, daß er sich kleiner macht, um sich seiner Schutzhülle anzupassen, dann wird es ein langsamer Selbstmord, indem die Seele nach und nach zusammenschrumpft. Wenn Japan diese Gefahr vermeiden will, muß es den festen Glauben an das sittliche Lebensgesetz haben und überzeugt sein, daß die Völker des Westens diesen Pfad zum Selbstmord gehen, indem sie ihr Menschentum ersticken unter dem ungeheuren Gewicht ihrer Organisationen, um sich selbst in der Macht und andere in Sklaverei zu halten.

Das Gefährliche für Japan ist nicht die Nachahmung der äußeren Erscheinungen der westlichen Kultur, sondern die Übernahme ihrer inneren Triebkräfte. Seine sozialen Ideale fangen schon an zurückzuweichen im Kampf gegen die Politik, und es zeigt schon Neigung zum politischen Hazardspiel, bei dem die Beteiligten ihre Seele einsetzen, um das Spiel zu gewinnen. Ich sehe ihr Motto, das sie von der Naturwissenschaft übernommen haben: »Das Überleben des Passendsten« – ich sehe es in großen Buchstaben über dem Eingang ihrer gegenwärtigen Geschichte, das Motto, dessen Sinn ist: »Hilf dir, und kümmere dich nicht darum, was es andere kostet« – das Motto des Blinden, der nur an das glaubt, was er berührt, weil er nicht sehen kann. Aber die, die sehen können, wissen sich so eng mit den Menschen verbunden, daß, wenn sie andere schlagen, der Schlag auf sie zurückfällt. Die größte Entdeckung, die der Mensch je gemacht hat, ist die Entdeckung des sittlichen Gesetzes, daß der Mensch der Wahrheit um so näher kommt, je mehr er sich in andern erkennt und empfindet. Diese Wahrheit hat nicht nur subjektiven Wert, sondern sie offenbart sich in jeder Lebenssphäre. Und Völker, die eifrig sittliche Blindheit als Vaterlandsliebe kultivieren, werden jäh und gewaltsam zugrunde gehen. In früheren Zeiten hatten wir die Einfälle fremder Eroberer zu erdulden, es gab Grausamkeit und Blutvergießen, Eifersuchtsintrigen und Habgier. Aber die Seele des Volkes wurde von alledem nicht in ihrer Tiefe berührt, denn das Volk als Ganzes war an diesem Treiben nicht aktiv beteiligt. Diese Dinge gingen nur aus dem Ehrgeiz einzelner hervor. Das Volk selbst, da es frei war von der Verantwortlichkeit für die niedrige und verbrecherische Seite jener Abenteuer, hatte davon nur den sittlichen Gewinn, daß seine Anlagen zum Heldentum und zur Menschlichkeit dadurch entwickelt wurden: seine nicht wankende Untertanentreue, seine unbedingte Hingabe an die Pflichten der Ehre, seine Fähigkeit, sich ganz aufzuopfern, und seine Furchtlosigkeit gegenüber Tod und Gefahr. Daher wurden die Ideale, die im Herzen des Volkes ihren Sitz hatten, nicht ernstlich gefährdet durch die wechselnde Politik der Könige und Heerführer. Aber jetzt, wo der Geist der westlichen Zivilisation zur Herrschaft gekommen ist, wird in dem ganzen Volk von Kindheit an Haß und Ehrgeiz genährt durch alle möglichen Mittel: dadurch, daß man die Geschichte halb wahr oder unwahr darstellt, daß man falsche Vorstellungen von andern Völkern erweckt und unfreundliche Gefühle gegen sie großzieht, daß man Ereignisse, die um der Menschlichkeit willen möglichst schnell vergessen werden sollten, in Denkschriften festhält, häufig auf Kosten der Wahrheit, und so beständig schlimme Bedrohungen gegen Nachbarn und fremde Völker schafft. Dies heißt die Menschlichkeit an ihrer Quelle vergiften. Es heißt die Ideale entwerten, die aus dem Leben unserer Größten und Besten geboren sind. Es heißt die Selbstsucht als riesiges Götzenbild aufstellen für alle Völker der Erde. Wir können alles andere aus den Händen der Naturwissenschaft annehmen, nur nicht dieses Elixir sittlichen Todes. Glaubt doch keinen Augenblick, daß das Übel, das ihr andern Völkern zufügt, euch nicht anstecken wird, und daß die Feindschaft, die ihr rings um euch sät, für alle Zukunft eine Schutzmauer für euch werden könnte! Wenn man den Geist eines ganzen Volkes mit maßloser Eitelkeit auf seine Überlegenheit erfüllt, wenn man es lehrt, stolz zu sein auf sittliche Stumpfheit und auf seinen durch Unrecht erworbenen Reichtum, wenn man die Demütigung besiegter Völker dauernd macht, indem man Siegestrophäen zur Schau stellt und sie in den Schulen benutzt, um im Herzen der Kinder Verachtung für andere großzuziehen, so ahmt man dem Westen da nach, wo er ein eiterndes Geschwür hat, das immer weiter um sich frißt, bis in seinen Lebenskern.

Unsere Nährpflanzen, die zu unserem Lebensunterhalt nötig sind, sind Produkte jahrhundertelanger sorgfältiger Auslese und Pflege. Aber die Pflanzen, die wir nicht zu Lebenssaft in uns umschaffen, bedürfen nicht der geduldigen Pflege ganzer Menschenalter. Es ist nicht leicht, Unkraut loszuwerden, aber es ist leicht, durch dauernde Vernachlässigung die Nährpflanzen wieder verwildern zu lassen. So verlangte auch die Kultur, die sich so gütig eurem Boden angepaßt hat und so mit eurem Leben und eurer Menschlichkeit verwachsen ist, nicht nur in früheren Zeiten fleißiges Umgraben und Jäten, sondern sie bedarf noch jetzt sorgfältiger Arbeit und Wachsamkeit. Das, was nur modern ist, wie die Naturwissenschaft und die Organisation, läßt sich verpflanzen; aber das, was zum Wesen des Menschen gehört, hat so zarte Fasern und so zahlreiche und weitgreifende Wurzeln, daß es stirbt, wenn es aus seinem Boden gerissen wird. Daher macht es mich besorgt, wenn ihr mit rauher Hand die politischen Ideale des Westens euren eigenen aufdrückt. In der westlichen Politik ist der Staat ein abstrakter Begriff und eine Verbindung der Menschen auf Grund des Nützlichkeitsprinzips. Weil solche Zivilisation nicht im Gefühl wurzelt, ist sie so gefährlich leicht zu handhaben. Ein halbes Jahrhundert hat für euch genügt, um diese Maschine zu meistern, und es gibt Menschen unter euch, die sie lieber haben als die lebendigen Ideale, die mit eurem Volk geboren und jahrhundertelang von euch gepflegt wurden. Sie sind wie Kinder, die in der Begeisterung des Spiels glauben, ihre Spielsachen mehr zu lieben als ihre Mutter.

Wo der Mensch am größten ist, ist er unbewußt. Eure Kultur, die aus eurem Gemeinschaftsgefühl entsprungen ist, wurzelt in der Tiefe eines gesunden Lebens, wohin der Späherblick der Selbstbeobachtung nicht reicht. Aber eine rein politische Zusammengehörigkeit ist durchaus bewußt, sie äußert sich als ein plötzlich ausbrechendes Fieber der Angriffslust, wie es sich jetzt gewaltsam eurer Seele bemächtigt hat. Und die Zeit ist gekommen, wo ihr zu vollem Bewußtsein aufgerüttelt werden müßt, damit ihr eure wahre Lebensquelle noch rechtzeitig erkennt, ehe es zu spät ist. Die Vergangenheit wurde euch von Gott geschenkt, für die Gegenwart müßt ihr selbst die Wahl treffen.

Daher müßt ihr diese Fragen an euch stellen: Haben wir die Welt falsch verstanden und unsere Beziehung zu ihr auf Unkenntnis der menschlichen Natur gegründet? Hat der Instinkt des Westens recht, der sein nationales Wohl aufbauen will hinter einer Mauer von Mißtrauen gegen die ganze Menschheit?

Ihr müßt immer einen starken Unterton von Furcht gespürt haben, wenn der Westen von der Möglichkeit sprach, daß ein östliches Volk emporkommen könnte. Der Grund dafür ist, daß die Macht, wodurch der Westen herrscht, eine böse Macht ist. Solange er sie allein auf seiner Seite hat, ist er sicher, während die übrige Welt zittert. Die gegenwärtige Zivilisation Europas muß, wenn sie leben soll, trachten, den Satan und seine Mächte ausschließlich in ihrem Dienst zu haben. Ihre ganze Kriegsausrüstung und Diplomatie richten sich auf dies eine Ziel. Aber all diese kostspieligen Riten zur Beschwörung des bösen Geistes führen auf einem Weg äußeren Gedeihens zum Rand eines Abgrunds. Die Schreckensfurien, die der Westen auf Gottes Welt losgelassen hat, werden zu ihm zurückkommen und ihn selbst bedrohen und ihn zu immer furchtbareren Rüstungen treiben, und er wird keine Ruhe finden und alles vergessen und an nichts anderes denken können als an die Gefahren, die er für andere bewirkt und die er selbst auf sich lädt. Dieser Politik des Teufels opfert er andere Länder. Er nährt sich von den Erschlagenen und wird fett davon, solange die Leichname frisch sind; aber sie werden zuletzt faulen und ihr Rachewerk beginnen, indem sie weithin ihre unreinen Stoffe verbreiten und die Lebenskraft derer vergiften, die sich von ihnen nähren. Japan hatte all seinen Reichtum an Menschlichkeit, seine Begeisterung für Heldentum und Schönheit, seine bewundernswerte Kraft, sich zu beherrschen und sein Wesen in der Kunst zum Ausdruck zu bringen; doch die westlichen Völker hatten keine Ehrfurcht vor ihm, bis es ihnen zeigte, daß die Bluthunde des Satans nicht nur in den Hundehütten Europas gezüchtet werden, sondern daß man sie auch in Japan zähmen und mit dem Elend der Menschen füttern kann. Sie geben Japans Gleichberechtigung nur zu, wenn sie wissen, daß Japan auch den Schlüssel besitzt, um die Schleusen der Hölle zu öffnen und diese schöne Erde mit ihrer Flut zu überschwemmen, sobald es will, und daß es nach ihrer eigenen Melodie den Höllentanz von Plünderung, Mord und Frauenschändung tanzen kann, während die Welt zugrunde geht. Wir wissen, daß der sittlich noch unreife Mensch nur vor dem Gott Ehrfurcht hat, dessen Tücke er fürchtet. Aber ist dies das Ideal des Menschen, zu dem wir mit Stolz aufsehen können? Wenn nach Jahrhunderten der Zivilisation die Völker einander fürchten wie in der Nacht nach Beute herumstreifende Raubtiere, wenn sie ihre Türen ungastlich verschließen und sich nur zum Angriff oder zur Verteidigung zusammentun, wenn sie ihre Handelsgeheimnisse, Staatsgeheimnisse, Rüstungsgeheimnisse in ihren Höhlen verbergen, wenn sie den bellenden Hunden der andern Fleisch zur Beschwichtigung bieten, das ihnen nicht gehört, wenn sie gesunkene Völker, die versuchen sich aufzurichten, mit Gewalt niederhalten, wenn sie ihre Sicherheit nur in der Schwäche der übrigen Menschheit sehen, wenn sie schwächeren Völkern mit der Rechten Religion reichen und sie mit der Linken berauben, – ist darin irgend etwas, das uns zur Nacheiferung anspornen könnte? Sollen wir unsere Knie vor dem Geiste dieser Zivilisation beugen, der Samen von Furcht, Gier und Mißtrauen und salbungsvolle Lügen von seiner Friedensliebe und seinem guten Willen und von der allgemeinen Brüderlichkeit mit breitem Wurf über die ganze Welt sät? Können wir ohne Mißtrauen im Herzen auf den Markt des Westens eilen, um für unser Erbe jenes ausländische Erzeugnis einzutauschen? Ich weiß, wie schwer es ist, sich selbst zu kennen, und daß der Mann, der betrunken ist, wütend seine Trunksucht ableugnet; doch der Westen selbst denkt mit Sorge über seine Schäden nach und sucht nach Heilmitteln. Aber er ist wie der Schlemmer, der nicht das Herz hat, seine Unmäßigkeit im Essen aufzugeben, und der sich töricht an die Hoffnung klammert, er könnte seine Verdauungsbeschwerden durch Arznei heilen. Europa ist nicht gewillt, seine unmenschliche Politik und all die niederen Leidenschaften, die dazu gehören, aufzugeben; es glaubt nur an eine Änderung des Systems, aber nicht an eine Umwandlung des Herzens.

Wir wollen uns wohl ihre Maschinen aneignen, doch nicht mit dem Herzen, sondern nur mit dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und Schuppen für sie bauen, doch in unser Heim und unsere Tempel lassen wir sie nicht ein. Es gibt Völker, welchen die Tiere, die sie töten, heilig sind; wir können wohl Fleisch von ihnen kaufen, wenn wir hungrig sind, aber den Kult übernehmen wir nicht mit. Wir dürfen nicht die Herzen unserer Kinder vergiften mit dem Aberglauben: Geschäft ist Geschäft, Krieg ist Krieg, Politik ist Politik. Wir müssen wissen, daß das Geschäft dem Menschen mehr sein muß als bloßes Geschäft, und ebenso Krieg und Politik. Ihr hattet eure eigene Industrie in Japan; wie peinlich ehrlich und gediegen sie war, sieht man an den Erzeugnissen, an ihrer Feinheit und Haltbarkeit, an der gewissenhaften Ausführung der kleinen Einzelheiten, die man beim Einkauf kaum bemerkt. Aber die Flutwoge des Betrugs ist über euer Land gefegt von dem Teil der Welt her, wo Geschäft Geschäft ist und Ehrlichkeit dabei nur als die beste Politik befolgt wird. Habt ihr euch nie geschämt, wenn ihr saht, wie die Reklamezettel nicht nur die ganze Stadt mit Lügen und Übertreibungen bekleben, sondern auch in die grünen Felder dringen, wo der Landmann seine ehrliche Arbeit tut, und auf die Spitzen der Hügel, die das erste reine Licht des Morgens begrüßt? Es ist leicht, unseren Sinn für Ehrlichkeit und unser Zartgefühl durch beständiges Reiben abzustumpfen, während die Lüge im Namen von Handel, Politik und Patriotismus mit stolzem Schritt einherstelzt, so daß jeder Protest gegen ihr fortwährendes Eindringen in unser Leben als Sentimentalität gilt, die eines rechten Mannes unwürdig ist.

Und so weit ist es gekommen, daß die Nachkommen jener Helden, die um ihr Leben nicht wortbrüchig geworden wären, die es verwerflich gefunden hätten, Menschen um gemeinen Vorteils willen zu betrügen, die selbst im Kampf die Niederlage einem unehrenhaften Sieg vorgezogen hätten, – daß diese Nachkommen sich eifrig der Lügen bedienen und sich nicht schämen, dadurch Vorteile zu gewinnen. Und dies ist bewirkt durch den Zauber des Wortes »modern«. Aber wenn reine Nützlichkeit modern ist, so ist die Schönheit ewig; wenn niedere Selbstsucht modern ist, so sind die menschlichen Ideale keine neuen Erfindungen. Und wir müssen überzeugt sein, wie modern auch die technische Fertigkeit ist, die den Menschen um Methoden und Maschinen willen stutzt und verkrüppelt, alt werden wird sie nicht.

Aber während wir versuchen, uns von den Anmaßungen Europas und von unserer eigenen Verblendung zu befreien, können wir leicht in den gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein allgemeines Mißtrauen gegen den Westen unsere Augen der Wahrheit verschließen. Wenn wir aus einer Täuschung gerissen werden, so treibt uns der Rückschlag der Enttäuschung immer genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der erste Schwung des Wahns. Wir müssen versuchen, zu der normalen Gemütsverfassung zu kommen, wo wir deutlich die Gefahr für uns sehen und vermeiden können, ohne gegen die Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind immer von Natur versucht, Europa in seiner eigenen Münze heimzuzahlen und Verachtung mit Verachtung, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber das hieße wieder einen der schlimmsten Charakterzüge Europas nachahmen, der sich in seinem Betragen gegen die Völker zeigt, die es als gelbe oder rote, braune oder schwarze Rassen bezeichnet. (Hier ist übrigens ein Punkt, wo wir östlichen Völker uns ebenso schuldig bekennen müssen, da wir die Menschheit beleidigten, indem wir Menschen, die zu einem besonderen Glauben, einer besonderen Farbe oder Kaste gehörten, mit äußerster Verachtung und Grausamkeit behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer eigenen Schwäche fürchten, die sich durch den Anblick der Macht überwältigen läßt, versuchen wir, eine andere Schwäche an ihre Stelle zu setzen, die uns blind macht gegen das, was den wahren Ruhm des Westens ausmacht. Erst wenn wir das Europa wahrhaft kennen, das groß und gut ist, können wir uns wirksam vor dem Europa bewahren, das niedrig und habgierig ist. Man wird leicht unbillig in seinem Urteil, wenn man dem menschlichen Elend gegenübersteht, – und man wird pessimistisch in seinen Theorien, wenn das Herz leidet. Aber nur der kann an der Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die höhere Macht verliert, die ihr wieder Kraft gibt, wenn sie am kläglichsten darniederliegt, und die aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir müssen nicht verkennen, daß im Westen eine lebendige Seele ist, die einen stillen Kampf kämpft gegen die ungeheuren Organisationen, unter denen Männer, Frauen und Kinder zermalmt werden, weil ihr Mechanismus keine geistigen und menschlichen Gesetze kennt – eine lebendige Seele, deren Gefühl sich nicht ganz abstumpfen läßt durch die gefährliche Gewohnheit, rücksichtslos gegen die Völker zu verfahren, für die ihr die natürliche Sympathie fehlt. Der Westen hätte sich nie zu der Höhe erheben können, die er erreicht hat, wenn seine Stärke nur die Stärke des wilden Tieres oder der Maschine wäre. Das Göttliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden, die seine Hand der Welt schlägt, – aus diesem Schmerz seiner besseren Natur fließt der geheime Balsam, der all jene Wunden heilen wird. Immer wieder hat er gegen sich selbst gekämpft und die Fesseln gelöst, die seine eigenen Hände um hilflose Glieder gelegt hatten; und wenn er ein großes Volk mit dem Schwerte zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nur um schnöden Geldgewinn, so rüttelte er sich doch selbst auf zur Erkenntnis seiner Tat und suchte sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, daß an scheinbar öden, unfruchtbaren Stellen verborgene Quellen von Menschlichkeit fließen. Es zeigt, daß der wahre Kern seiner Natur, der all diese Feigheit und Grausamkeit überleben kann, nicht Selbstsucht ist, sondern Ehrfurcht vor selbstlosen Idealen. Wir würden sowohl Europa als auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten, es hätte den modernen Osten nur durch die bloße Schaustellung seiner Macht bestrickt. Durch den Rauch der Kanonen und durch den Staub der Märkte hat das Licht seiner sittlichen Natur hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher Freiheit gebracht, das tiefere Grundlagen hat als gesellschaftliche Konventionen, und dessen Wirkungsbereich die ganze Welt ist.

Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefühlt, daß er viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem Geist und der sittlichen Natur des Menschen angehören. Europa hat uns gelehrt, daß wir neben den Pflichten gegen die Familie und den Stamm höhere haben gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit des Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft unabhängig macht von der Laune des einzelnen, ihr dauernder Fortschritt und allen Menschen in allen Lebenslagen gleiches Recht sichert. Vor allem hat Europa in jahrhundertelangem Leiden und Kämpfen das Banner der Freiheit hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und Handelns, der Freiheit für seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und weil sich Europa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefährlich für uns geworden da, wo es schwach und falsch ist, – gefährlich wie Gift, das man uns in unsere beste Speise mischt. Es gibt eine Rettung für uns, auf die wir hoffen können: wir können Europa selbst als Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen seine Verführungen und gewaltsamen Übergriffe; denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an dem wir es messen und seinen Abfall ihm nachweisen können, so können wir es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschämen, und solche Scham ist das Zeichen wahren Adelsstolzes.

Doch wir fürchten, daß das Gift wirksamer ist als die Speise, und daß das, was sich heute als Kraft äußert, nicht Zeichen von Gesundheit, sondern vom Gegenteil ist. Wir fürchten, daß das Böse, wenn es so ungeheure Formen annimmt, einen verhängnisvollen Zauber ausübt, und wenn es auch sicher durch sein abnormes Mißverhältnis das Gleichgewicht verliert, so ist doch das Unheil, das es vor seinem Sturz anrichtet, vielleicht nicht wieder gutzumachen.

Daher bitte ich euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des Geistes einzusehen, daß der schwerfällige Bau des modernen Fortschritts, der durch die eisernen Klammern der Nützlichkeit zusammengehalten wird und auf den Rädern des Ehrgeizes rollt, nicht lange halten kann. Es werden sicher Zusammenstöße kommen, denn er muß auf den Schienen der Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht frei wählen, und wenn er einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag kommen, wo er in Trümmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung in der Welt werden wird. Sehen wir nicht schon jetzt Anzeichen davon? Hören wir nicht eine Stimme durch den Lärm des Krieges, durch das Haßgeschrei, das Jammern der Verzweiflung, durch das Aufrühren des unsagbaren Schmutzes, der sich jahrhundertelang auf dem Boden der modernen Zivilisation angesammelt hat, eine Stimme, die unserer Seele zuruft, daß der Turm der nationalen Selbstsucht, der sich Patriotismus nennt und sein Banner des Verrats frech zum Himmel wehen läßt, ins Schwanken geraten und mit gewaltigem Krach zusammenstürzen wird, durch seine eigene Masse herabgezogen, so daß seine Fahne den Staub küßt und sein Licht erlischt? Meine Brüder, wenn die roten Flammen dieses gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelächter zu den Sternen schicken, setzt ihr euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende Feuer. Denn wenn dieser Brand sich verzehrt hat und erlischt und einen Aschenhaufen als Denkzeichen zurückläßt, wird das ewige Licht wieder im Osten leuchten – im Osten, wo das Morgenlicht der Menschheitsgeschichte geboren ist. Und wer weiß, ob nicht dieser Tag schon dämmert, ob nicht am östlichen Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann begrüße ich wie die Sänger meiner Vorfahren das Morgenrot dieser östlichen Sonne, die bestimmt ist, noch einmal die ganze Welt zu erleuchten.

Ich weiß, meine Stimme ist zu schwach, sich über den Lärm dieser hastenden Zeit zu erheben, und es ist leicht für jeden Gassenbuben, mir das Wort »unpraktisch« nachzuwerfen. Es bleibt an mir kleben und läßt sich nicht abwischen und bewirkt, daß alle achtbaren Menschen über mich hinwegsehen. Ich weiß, welche Gefahr man bei der robusten Menge läuft, wenn man Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne ihre Würde verloren haben und Propheten ein Anachronismus geworden sind, wo das Geschrei des Marktes alle anderen Stimmen übertönt. Doch als ich eines Tages an der äußeren Häusergrenze der Stadt Jokohama stand, die von modernen Dingen strotzte, und die Sonne langsam hinabtauchen sah in euer südliches Meer, als ich es in seiner stillen Majestät daliegen sah zwischen euren mit Fichten bedeckten Hügeln, – als ich den großen Fudschijama am goldenen Horizont verblassen sah wie einen Gott, der von seinem eigenen Glanz überwältigt wird – da quoll die Musik der Ewigkeit herauf zu mir durch das Abendschweigen, und ich wußte, daß Himmel und Erde mit all ihrer Schönheit auf seiten der Dichter und Idealisten sind, und nicht auf seiten der Marktleute mit ihrer derben Verachtung für alles Gefühlswesen; ich wußte, daß der Mensch, nachdem er eine Zeitlang seinen göttlichen Ursprung vergessen hat, sich wieder daran erinnern wird, daß der Himmel stets in Berührung mit seiner Erde ist und sie nicht für immer den raubgierigen Wölfen unserer heutigen Zeit preisgibt.

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Anmerkungen:
  1. Sanskrit maitri »Freundschaft«, im Buddhismus Ausdruck für Wohlwollen (eines der vier Gefühle – Wohlwollen, Mitleid, Heiterkeit, Gleichmut – die als Vorbereitung auf das höhere geistige Streben gepflegt werden sollen).