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Joseph Lukas: Schiller, sein religiöser Fortschritt und sein Tod

Die Frage.

Thu Du redlich nur das Deine,
Thu's in Schweigen und Vertrau'n;
Rüste Ballen, haue Steine!
Gott der Herr wird ban'n.

E. Geibel.

 

Guter Genossenschaft an gutem Werke freut sich jeder redliche Arbeiter, und auch der kleinste Beitrag ist willkommen. Mit der Richtigkeit dieses Satzes soll die Berechtigung gegenwärtiger Broschüre stehen und fallen. Erst sind wenige Monde verschwunden, seit ein verehrter Altmeister seine competente Stimme über das Thema abgegeben hat [1]), das hier neuerdings zur Disputation aufgeworfen wird; Daumer in allen Ehren! ein bescheidenes Wort scheint trotzdem noch erlaubt zu sein.

Uebrigens haben diese Blätter eine kleine Geschichte. Als i. J. 1859 Schillers hundertjähriger Geburtstag in ganz Deutschland mit Begeisterung gefeiert wurde, da war auch der Verfasser mit unter dem Chorus, denn auch in seinen Adern rollte junges, deutsches Blut, und dieses wird der Name Schiller durch seinen Zauberklang immer wieder in Wallung bringen. Besagte Mitwirkung mußte von einem wiederholten Studium der Schiller- Literatur begleitet werden, und ein verdächtiger Klang, dem Zufall abgehascht, gab der Forschungslust vollends die Sporne. Schiller, zu dessen Ehren sich eben alle Städte und Dörfer von der Memel bis zur Adria festlich schmückten, war 50 Jahre vorher in der Stille der stummen Mitternacht begraben worden! — Warum nun das? Wir suchten den Nebel vom Dichtergrabe zu verscheuchen, und siehe! er wurde immer dichter und undurchdringlicher. Durch schattenreiche Berge von den strahlenden Foken deutschen Wissens abgeschnitten, schickten wir eine rasche Brieftaube in's Land [2], und wir blieben ohne Antwort; die eingeweihten Priester des Schillercultes widersprachen sich und schwiegen; wir gingen die Reihe auf und ab und haben manchen Namen genannt; doch keiner war, der Kunde gab, von Allen, die da kamen. Unter diesem peinlichen Schweigen konnten sich die Nachklänge einer höchst befremdlichen Stimme wieder zur Geltung bringen, die einst angedeutet hatte, Schiller sei katholisch gestorben [3]. Da dem suchenden Auge jeder andere Haltpunkt aus der unabsehbaren Ebene der Conjectur zurückwich, so lenkte es immer wieder auf diesen dunklen Punct ein; aber er wurde in drei Jahren nicht dunkler und nicht klarer. Nun erschien zu Anfang des Jahres 1862 ein neues Heft "aus der Mansarde" des Herrn Dr. Fr. Daumer und enthielt denjenigen Theil seiner bekannten mysteriologischen Studien, welcher eine so schauderhafte Perspektive in den Hingang Lessings und Mozarts eröffnet. Im Augenblicke tauchten uns Schillers beleidigte Manen wieder auf; mit einem Male hatte sich stramm die Ueberzeugung festgestellt, daß auch "der Liebling der deutschen Nation" ein Opfer jener finsteren Geheimbünde geworden sei; aber wer sollte das Unerhörte beweisen? — Wenn irgend ein Mann es vermochte, so mußte es Daumer sein, ihm mußte also unverzüglich Aviso gegeben werden. Wider Vermuthen bereitwillig ist der gelehrte Mann aus das angeregte Thema eingegangen, und die angezogene Broschüre hat uns mehr, als wir hoffen durften, geliefert. Daumers Lösung ist aber gegen Erwarten nicht in der Richtung erfolgt, die wir nach Kenntnißnahme jenes Mansarden-Heftes für die einzig richtige hielten, sondern er hat sich merkwürdig genug unserer ursprünglichen Meinung bemächtigt. Zu folgenden Resultaten ist er bei seinen Disquisitionen gelangt.

"Schiller, dieser 'Liebling der Nation', steht in der Vorstellung und Verehrung dieser Nation als eine einfache, sich selbst gleiche Größe da. Von den Unterscheidungen in Hinsicht seiner verschiedenen Entwickelungsperioden, veränderten Standpunkte und Denkarten kommt nicht viel ins allgemeine Publikum. Nirgends aber ist der Contrast der Ansichten, Richtungen und Tendenzen so groß und auffallend, als bei Schiller. Sein geistiges Leben, Schaffen und Wirken theilt sich in zwei scharf geschiedene Abschnitte, wovon der eine, was seine großen dichterischen Werke und Dramen betrifft, von den 'Räubern' bis zu 'Don Carlos,' der andere aber von 'Wallenstein' bis zum 'Demetrius' geht. In jener ersten war er, das ist Thatsache, in vollem Maße das, was die demokratische Partei, namentlich bei der Schillerischen Säcularfeier, so ausschließlich aus ihm zu machen gesucht, der abstrakte Freiheitspoet und antikirchliche Tendenzschriststeller. In der zweiten schlug er völlig um, stellte sich polemisch der Revolution entgegen und leitete mit offenbarer Absichtlichkeit eine neue Achtung und Ehrfurcht vor christlicher Glaubensromantik, Mittelalter, Katholicismus und Papstthum ein; das ist ebenfalls Thatsache, und in diesem Sinne ist Schiller ein unläugbarer Convertit gewesen und läßt sich als ein poetischer Paulus bezeichnen, der zu einem solchen — wunderbar und unfaßlich für den gemeinen, rationalistischen Weltfinn und Weltverstand — aus dem feindseligen und leidenschaftlichen Saulus geworden, der er lange wirklich gewesen war. Von 1790-94 wurde nicht ein einziges Originalgedicht fertig; es konnte scheinen, daß sich seine schaffenden Geisteskräfte in jenen titanischen Manifestationen bereits erschöpft hätten. Merkwürdig ist, daß ihn gerade zur Zeit dieses Wendepunctes 1791 eine lebensgefährliche Krankheit befiel. Es ist, als ob hier der erste Schiller, der Titane, gestorben wäre, damit der zweite, der Romantiker und Schöpfer einer "Maria" und "Johanna", wie ein Phönix aus der Asche hervorgehen konnte, was sich auch in einer Krisis des Körpers dargestellt zu haben scheint. Im Jahre 1795 fing Schiller ein neues, seiner Bedeutung nach total verändertes Dichterleben an. Selbst eine förmliche Rückkehr Schillers zur katholischen Kirche kann für möglich und wahrscheinlich gehalten werden."

So Daumer. Die Consequenzen dieser Ergebnisse sind von zu großer Tragweite, als daß sich nicht der allgemeine Landsturm gegen dieselben erheben sollte in dem Augenblicke, wo sie versuchen möchten, sich Geltung zu verschaffen. Darüber scheint Niemand im Zweifel zu sein, daß jeder Zoll des Weges erkämpft werden muß, auf dem wir in den Tempel eindringen sollen, in welchem die Negation den Schillercultus übt. Da sich nun der Verfasser bereits seit Jahren zwischen den Wällen und Laufgräben des Bollwerkes herumtreibt, so dürfte auch fein Wort einige Berechtigung haben in Bezug auf die Richtung, die den Angriff nach der schwächsten Seite führt. Denn so genau unsere Vermuthungen mit denen des Hrn. Daumer in Betreff dessen coincidiren, was den Beschauer im Innern des Mysteriums überraschen würde, so lebhaft zweifeln wir auch, ob der von ihm in Anwendung gebrachte Lösungsversuch die gewünschten Chancen für sich habe.

In dem Zeitraume von 1790-1794 soll die denk¬würdige Metamorphose in der Seele des Dichters vor sich gegangen sein, welche uns von einem poetischen Saulus erlöste und mit einem Paulus beschenkte. Schade, daß Hr. Daumer es nicht auf sich genommen hat, uns in das Laboratorium des Dichters zu führen, um diesen Gährungsproceß seiner Ideen auch beobachten zu können; wir haben den Eintritt ohne den erprobten Führer gewagt und mußten das Attentat theuer bezahlen: eine ganze Wolke von Bedenken und Schwierigkeiten wirbelte uns entgegen.

Es ist bekannt, daß Schiller in diesen Jahren fast ausschließlich mit Kantischer Philosophie sich beschäftigte, mit dem tieferen Studium Kants aber immer mehr in die Skepsis gerieth; und so sehr verrannte er sich in dem Eckel an allem Positiven, daß er sogar den Glauben des landläufigen Rationalismus aufgegeben zu haben schien. Schiller hatte sich in dieser Zeit zum Schöpfer der neuen Aesthetik herangebilbet; seine Ab handlungen "über naive und sentimentale Poesie", "über Anmuth und Würde" waren Ereignisse; aber schon Hoffmeister findet in der ganzen Darstellung den Fehler der Uebergehung des religiösen Momentes und glaubt, daß eben deßwegen diese ästhetischen Ansichten, so aus- gezeichnet sie in anderer Beziehung sein mögen, im Mittelpuncte ihres Wesens nur kalt und todt seien. Als Schiller nach jener mehrjährigen Ruhe seiner poetischen Fruchtbarkeit wieder dichterisch productiv wurde, war sein religiöser Standpunkt der, daß ihm die Natur die Stelle der Gottheit und die Aesthetik jene der Religion vertrat. Die Lieder, welche nun wieder zahlreich und vollkräftig aus dem guten Erdreiche seines Dichter- genies sprossen, locken wie ein üppiges Saatfeld zum Einfalle, um die nöthigen Beweise für diese Behauptung daraus zu holen, nur an "Ideal und Leben" sei erinnert, welches eine der ersten dieser Liederblüthen war. "Der Spazirgang", Schillers Lieblingsgedicht, ist eine wahre Apotheose der Natur:

"Von der heiligen Natur reißen sie lüstern sich los.
- - - - - - - - - - - - - - - - -
Bis die Natur erwacht, und mit schweren ehernen Händen
An das hohle Gebäu rühret die Noth und die Zeil;
Einer Tigerin gleich, die das eiserne Gitter durchbrochen
Und des numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt,
Aufsteht mit des Verbrechens Wuth und des Elends die Menschheit
Und in der Asche der Stadt sucht die verlorne Natur."

Es scheint zu genügen, sich ganz allein den "Spa- zirgang" gegenwärtig zu halten, um Schillers damalige Ideenwelt zu ahnen; Niemand wird unter der heiligen Natur die Gegend verstehen, sondern die Natur als Person, als Gottheit, als ideale Personification des höchsten und letzten Principes der Wirklichkeit. Mit dem Christenthum stand Schiller 1795 auf sehr gespanntem Fuße; wir erinnern uns an den Xenienscandal, obschon wir es nur thun wollen, um unser Gedächtniß durch einige Distichen zu verstärken, die den beiden Grafen von Stolberg galten, welche damals bereits bessere religiöse Bahnen wandelten:

"Kommt ihr den Zwillingen nah, so sprecht nur: Gelobt sei J— Ch—! 'In Ewigkeit' gibt man zum Gruß euch zurück."

Speciell dem Grafen Friederich Leopold galt folgendes Xenion:

"Nach Calabrien reist er, das Arsenal zu besehen,
Wo sie zum jüngsten Gericht gießen die Artillerie."

Boas will dieses Epigramm Göthen zuschreiben [4]; gut, folgende sind aber doch sicher von Schiller:

"Als Centauren gingen sie einst durch poetische Wälder;
Aber das wilde Geschlecht hat sich geschwinde bekehrt."

"Zur Erbauung andächtiger Seelen hat Friederich Stolberg,
Gras und Poet und Christ, diese Gespräche verdeutscht."

"Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der gnädig,
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch den Stöpsel erfand!"

Wie wenig Schiller damals schon mit der Periode der "Götter Griechenlands" gebrochen hatte, mögen folgende zwei Epigramme zeigen:

"Als du die griechischen Götter geschmäht, da warf dich Apollo
Von dem Parnaffe; dafür gehst du ins Himmelreich ein."

"Christlicher Herkules! Du ersticktest so gern die Riesen;
Aber die heidnische Brut steht, Herkuliskus! noch fest."

War es nicht das Jahr 1796, in welchem Schiller sein Glaubensbekenntniß in folgender Votivtafel anfhängte?

"Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Dies du mir nennst! — Und warum keine? Aus Religion."

Und gerade dieses Xenium hat Schiller später noch in seine Schriften aufgenommen. Am 9. Juli 1796 gibt er in einem Briefe an Göthe zu verstehen, daß "eine gesunde und schöne Natur keine Gottheit und keine Unsterblichkeit brauche." Dieses sei nicht ganz ernstlich gemeint gewesen, entschuldiget Gustav Schwab [5]. Nun gut; wer will aber läugnen, daß sich Schiller noch 1798 mit dem mephistophelischen Gedanken trug, wenn einmal das Publikum firre wäre, etwas recht Böses zu thun, und eine alte dramatische Idee mit Julian dem Apostaten auszuführen? [6] Im Jahre 1799 war sogar Voß unserm Schiller zu fromm; er spottet: "Voß und feine Compagnons erscheinen auf völlig gleicher Stufe der Platitüde, und in Ermangelung der Poesie waltet bei Allen die Furcht Gottes." Noch 1801 , macht sich feine vielleicht unbewußte Abneigung gegen die biblischen Urkunben auf kantianifche Weife Luft [7] Die Schonung für unseren Dichter verbietet uns, weitere Beweise dafür anzuführen, daß Schillers völlige Irreligiosität 1795 noch keineswegs in positive Gläubigkeit umgeschlagen hatte; der Gedanke an einen Umschlag, an ein Impromtu, wie ihn die Analogie mit Paulus nahe legen könnte, und wobei etwa eine Krankheit den gespalteten Himmel verträte; ist bei Schiller unbedingt aufzugeben: er hat eingelenkt, aber erst spät und sehr allmählig. In feinen Jugendwerken tritt ein Titanismus zu Tage, der an die alten deutschen Riesen in Ecken Ausfahrt und anderen Gedichten erinnert, wo man sich die Zähne einschlägt, die Beine abhaut und die Wunden mit den Händen noch weiter aufreißt; an dieser Wildheit haben allerdings die Jahre 1790-1794 bedeutend gerieben; Schillers Antichrist war Bourgeois geworden, und nach und nach ging es ins Bessere. Trotzdem könnte es fein, daß der große Mann von seiner unläugbaren Divinationsgabe auch in dem Momente begleitet war, als er 1795 schrieb: "eine große und allgemeine Geistesrevolution werde ich schwerlich Zeit haben, in mir zu vollenden, aber ich werde thun, was ich kann, und wenn endlich das Gebäude zusammenfällt, so habe ich doch vielleicht das Erhaltenswerthe aus dem Brande geflüchtet." Indessen hat ihm die Vorsehung , noch ein ganzes Decennium Zeit gelassen, und Merkwürdiges ist während dieser Jahre in seiner Seele vorgegangen, darüber sind wir mit Daumer einig.

So wenig wir uns nämlich überzeugen können, daß Schiller aus dem Interstitium von 1790-94 und der in dasselbe fallenden Krankheit als ein poetischer Paulus hervorgegangen sei, so lebhaft halten wir fest, daß mit seiner Rückkehr zur Poesie auch der erste Schritt in der Richtung nach dem Christenthum hin gethan war. Aus der Poesie blitzte ihn der Geist unseres Glaubens wieder in einem reinen Lichte an; aber nicht aus der Sonne desselben unmittelbar, sondern nur aus einem Spiegel; nicht aus dem Leben und den hl. Urkunden, sondern aus den idealen Anlagen der Menschenseele. Der Kantianismus hatte Schillers Unglauben formell gemacht, hatte ihm aber auch die Fähigkeit gegeben, aus jenen idealen Anlagen auf die höhere Ordnung zurückzuschließen. Argumentative Behauptungen legen begreiflicher Weife die Pflicht des Beweises auf, und dieser kann nur aus den Produkten der Schiller'schen Muse, insoweit sie in diese Periode fallen, geschöpft werden. Es wären also außer den Balladen und einigen Liedern besonders jene Schöpfungen zu analysiren, welche für die Bretter bestimmt waren, so die Welt bedeuten sollen; vor Allem "Wallenstein" und "die Jungfrau von Orleans." Da jedoch diese beiden Dramen bereits von Daumer eine ebenso geistvolle als originelle Zerlegung und Würdigung erfahren haben, so begeben wir uns in bescheidener Anerkennung des Maaßes unserer Einsicht und Kraft jeder Erörterung hierüber, und indem wir unsere Ansicht über den Entwickelungsgang Schillers auf die beiden letzten seiner Werke zu basiren versuchen, überlassen wir es freier Beurtheilung, ob sie sich euch auf die früheren Stücke zwanglos ausdehnen ließe. Mit Pietät erinnern wir uns des Wortes, das Schiller 1783 sprach, als er auf Anbringen des Intendanten Dalberg Theaterkritiken liefern sollte: "Immer däucht es mich eine Freiheit zu sein, wenn ein jugendlicher Kopf die Arbeiten des reiferen Mannes — auch sogar bei gleichen Fähigkeiten — richten soll." Wir werden uns also hüten, unsere Ansichten denen Daumers gegenüber zu stellen, und werden daher versuchen, unsere Evolutionen auf einem andern Theile der Arena auszuführen.

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Anmerkungen:
  1. Es geschah durch die Schrift: »Schiller und sein Verhältniß zu den politischen und religiösen Fragen der Gegenwart,' von G. Fr. Daumer. Mainz 1862.
  2. Siehe das Beiblatt Nr. 51 zur ."Landshuter Zeitung.' Jahrgang 1859.
  3. Es geschah dieß von dem gelehrten Rector Weigl zu Regensburg in einer Vorlesung des Jahres 1880.
  4. Vgl. Eduard Boas, Schiller und Göthe im Xenienkampf. S. 70 und Gustav Schwab, Schillers Leben. S. 566.
  5. Vergl. besten Recension ber Rudolf Binber'schen Schrift: "Schiller im Verhältnisse zum Christenthum" in den theologischen Studien und Kritiken. 1840. III., 632 ff.
  6. Briefwechsel zwischen Schiller und Göthe. IV., 9 ff.
  7. Gustav Schwab, Schillers Leben S. 689 f.