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Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Die große Auseinandersetzung

Der literarische Klatsch ist nicht Eigenheit einer bestimmten Zeit, sondern aller Zeiten; auch im sechzehnten Jahrhundert, da die Geistigen nur dünn und scheinbar unverbunden über die Länder verstreut sind, bleibt nichts geheim in diesem ewig neugierigen, engmaschigen Kreis. Noch ehe Erasmus die Feder ansetzt, noch ehe überhaupt gewiß ist, ob und wann er sich zum Kampf stellen wird, weiß man bereits in Wittenberg, was in Basel geplant wird. Luther hat längst schon mit diesem Angriff gerechnet. »Die Wahrheit ist mächtiger als die Beredsamkeit«, schreibt er bereits 1522 an einen Freund, »der Glaube größer als die Gelehrsamkeit. Ich werde Erasmus nicht herausfordern, noch gedenke ich, wenn er mich angreifen sollte, sogleich zurückzuschlagen. Jedoch scheint es mir nicht ratsam, daß er die Kräfte seiner Beredsamkeit gegen mich richte ... sollte er es dennoch wagen, so würde er erfahren, daß Christus sich weder vor den Pforten der Hölle noch vor den Mächten der Luft fürchtet. Ich will dem berühmten Erasmus entgegentreten und nichts geben auf sein Ansehen, seinen Namen und Stand.«

Dieser Brief, der selbstverständlich bestimmt ist, Erasmus mitgeteilt zu werden, enthält eine Drohung, oder vielmehr eine Warnung. Hinter den Worten spürt man, daß Luther in seiner schwierigen Lage einen Federdisput lieber vermeiden möchte, und auf beiden Seiten greifen jetzt Freunde vermittelnd ein. Sowohl Melanchthon wie Zwingli suchen um der evangelischen Sache willen zwischen Basel und Wittenberg noch einmal Frieden zu stiften, und schon scheint ihr Bemühen auf bestem Wege. Da entschließt sich Luther unvermuteterweise, selbst an Erasmus das Wort zu richten.

Aber wie hat sich der Ton geändert seit den wenigen Jahren, da Luther mit höflicher und überhöflicher Demut an den »großen Mann« mit der Verbeugung eines Schülers herantrat! Das Bewußtsein welthistorischer Stellung, das Gefühl seiner deutschen Sendung verleiht jetzt seinen Worten ein erzenes Pathos. Was bedeutet ein Feind mehr für Luther, der bereits gegen Papst und Kaiser und gegen alle Mächte der Erde im Kampf steht? Er ist des heimlichen Spieles satt. Er will nicht Ungewißheit und laues Paktieren. »Ungewisse, zweifelhafte, wankende Wort und Rede soll man weidlich panzerfegen, durch die Rolle laufen lassen, flugs zausen und nicht gut sein lassen.« Luther will Klarheit. Zum letztenmal streckt er Erasmus die Hand hin, aber schon ist sie mit dem Eisenhandschuh bewehrt.

Die ersten Worte klingen noch höflich und zurückhaltend: »Ich habe nun lange genug stille gesessen, mein lieber Herr Erasmus, und ob ich wohl gewartet habe, ob Ihr als der Größere und Ältere zuerst dem Stillschweigen ein Ende bereitet, so drängt mich doch nach langem Warten die Liebe, den Anfang im Schreiben zu machen. Auf das erste habe ich nichts einzuwenden, daß Ihr Euch fremd gegen uns eingestellet, damit Euer Handeln den Papisten gut dünke ...« Aber dann bricht mächtig und beinahe verächtlich der innere Unmut gegen den Zauderer durch: »Denn weil wir sehen, daß Euch vom Herrn eine solche Standhaftigkeit, ein solcher Mut und Sinn noch nicht gegeben ist, daß Ihr den Kampf gegen dies Ungeheuer billigt und getrost an unserer Seite ihm entgegengehet, so wollen wir nicht von Euch verlangen, was über das Maß meiner eigenen Kräfte ist ... Ich hätte aber lieber gesehen, Ihr hättet Euch mit Hintansetzung Eurer Gaben in unseren Handel nicht eingemischt, denn obwohl Ihr mit Eurem Stand und Eurer Beredsamkeit viel hättet erreichen können, so wäre es doch, da Euer Herz nicht mit uns ist, besser, Ihr dientet Gott nur mit dem Euch anvertrauten Pfund.« Er bedauert des Erasmus Schwäche und Zurückhaltung, schließlich aber schleudert er das entscheidende Wort hin, die Wichtigkeit dieses Handelns sei längst über Erasmus' Ziel hinaus, und es bedeute keine Gefahr für ihn mehr, wenn er, Erasmus, auch mit aller Gewalt gegen ihn auftrete, und noch weniger, wenn er nur ab und zu ihn etwas stichle und schmähe. Herrisch und fast befehlshaberisch fordert Luther Erasmus auf, sich aller »beißenden, rhetorischen und verblümten Rede zu enthalten«, und vor allem, wenn er nichts anderes tun könne, »nur Zuschauer unserer Tragödie zu bleiben« und sich nicht den Widersachern Luthers beizugesellen. Er solle ihn nicht mit Schriften angreifen, so wie er, Luther, seinerseits nichts gegen ihn unternehmen wolle. »Es ist nun einmal genug gebissen, wir müssen nun zusehen, daß wir uns nicht untereinander verzehren und aufreiben.«

Einen Brief dieser hochfahrenden Art hat Erasmus, der Herr des humanistischen Weltreichs, noch von niemandem empfangen, und trotz aller inneren Friedfertigkeit ist der alte Mann nicht gewillt, sich von demselben Mann, der früher einmal demütig seinen Schirm und Schutz erbeten, dermaßen von oben herab abkanzeln und als gleichgültigen Schwätzer behandeln zu lassen. »Ich habe besser für das Evangelium gesorgt«, antwortet er stolz, »als viele, welche sich jetzt mit dem Evangelium brüsten. Ich sehe, daß diese Erneuerung viel verderbte und aufrührerische Menschen erzeugt hat, und ich sehe, daß es mit den schönen Wissenschaften den Krebsgang geht, daß Freundschaften zerrissen werden, ich fürchte, daß ein blutiger Aufruhr entstehen wird. Mich aber wird nichts veranlassen, das Evangelium menschlichen Leidenschaften preiszugeben.« Mit Nachdruck erwähnt er, wieviel Dank und Beifall er bei den Mächtigen gefunden hätte, wenn er bereit gewesen wäre, gegen Luther aufzutreten. Aber vielleicht nütze man wirklich mehr dem Evangelium, wenn man gegen Luther das Wort nehme, an Stelle der Törichten, die sich so laut für ihn einsetzten und um derentwillen es nicht anginge, »bloß Zuschauer dieser Tragödie zu bleiben«. Die Unbeugsamkeit Luthers hat den schwankenden Willen des Erasmus erhärtet: »Möge es nur nicht wirklich ein tragisches Ende nehmen«, seufzt er in düsterer Ahnung auf. Und dann greift er zur Feder, seiner einzigen Waffe.

Erasmus ist sich vollkommen bewußt, welchem riesenhaften Gegner er entgegentritt, er weiß vielleicht im tiefsten sogar um die kämpferische Überlegenheit Luthers, der mit seiner Zornkraft bisher jeden Widersacher zu Boden geschlagen. Aber die eigentliche Stärke des Erasmus besteht darin, daß er – seltenster Fall bei einem Künstler – seine eigene Grenze kennt. Er weiß, dieses geistige Turnier spielt sich ab vor den Augen der ganzen gebildeten Welt, alle Theologen und Humanisten Europas warten mit leidenschaftlicher Ungeduld auf dies Schauspiel: so gilt es, eine uneinnehmbare Position zu suchen, und Erasmus wählt sie meisterhaft, indem er nicht unbedacht gegen Luther und die ganze evangelische Lehre anrennt, sondern mit wirklichem Falkenauge einen schwachen oder zumindest verwundbaren Einzelpunkt des lutherischen Dogmas für seinen Angriff erspäht: er wählt eine scheinbar nebensächliche Frage, aber in Wirklichkeit eine Kernfrage in Luthers noch ziemlich schwankem und unsicherm theologischen Lehrgebäude. Selbst der Hauptbeteiligte, selbst Luther wird »sehr loben und preisen« müssen, »daß Du von allen meinen Widersachern allein den Kern der Sache erfaßt hast; Du bist einzig und allein der Mann gewesen, der den Nerv der ganzen Sache ersehen hat und in diesem Kampf hart an die Gurgel gegriffen«. Erasmus hat mit seinem außerordentlichen Kunstverstand sich für diesen Zweikampf statt des festen Standpunktes einer Überzeugung lieber den dialektisch glatten Boden einer theologischen Frage gewählt, auf dem ihn dieser Mann der eisernen Faust nicht völlig zu Boden schlagen kann und wo er sich von den größten Philosophen aller Zeiten unsichtbar geschirmt und gedeckt weiß.

Das Problem, das Erasmus zum Zentrum der Auseinandersetzung macht, ist ein ewiges jedweder Theologie: die Frage nach der Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens. Für Luthers augustinisch strenge Prädestinationslehre bleibt der Mensch ewig der Gefangene Gottes. Kein Jota freien Willens ist ihm zuteil, jede Tat, die er tut, ist Gott längst vorbewußt und von ihm vorgezeichnet; durch keine guten Werke, durch keine bona opera, durch keine Reue kann also sein Wille sich erheben und befreien aus dieser Verstrickung vorgelebter Schuld, einzig der Gnade Gottes ist es anheimgestellt, einen Menschen auf den rechten Weg zu führen. Eine moderne Auffassung würde übersetzen: wir seien in unserem Schicksal gänzlich von der Erbmasse, von der Konstellation beherrscht, nichts also vermöge der eigene Wille, sofern Gott nicht in uns will – auf goethisch gesagt:

»aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille ...»

Einer solchen Anschauung Luthers kann Erasmus, der Humanist, der in der irdischen Vernunft eine heilige und von Gott gegebene Macht erblickt, nicht beipflichten. Er, der unerschütterlich glaubt, daß nicht nur der einzelne Mensch, sondern die ganze Menschheit durch einen redlichen und geschulten Willen sich zu immer höherer Sittlichkeit zu entfalten vermöge, muß einem solchen starren und fast mohammedanischen Fatalismus im tiefsten widerstreben. Aber Erasmus wäre nicht Erasmus, sagte er zu irgendeiner gegnerischen Meinung ein schroffes und grobes Nein; hier wie überall lehnt er nur den Extremismus ab, das Schroffe und Unbedingte an Luthers deterministischer Auffassung. Er selbst habe, sagte er in seiner vorsichtig pendelnden Art, »keine Freude an festen Behauptungen«, er neige persönlich immer zum Zweifel, aber gern unterwerfe er sich in solchen Fällen den Worten der Schrift und der Kirche. In der Heiligen Schrift wiederum seien diese Auffassungen geheimnisvoll und nicht ganz ergründlich ausgedrückt, darum finde er es auch gefährlich, so resolut wie Luther die Freiheit des menschlichen Willens vollkommen zu leugnen. Er nenne keineswegs Luthers Auffassung völlig falsch, aber er wehre sich gegen das »non nihil«, gegen die Behauptung, daß alle guten Werke, die ein Mensch tue, vor Gott gar keine Wirkung hätten und deshalb völlig überflüssig seien. Wenn man, wie Luther, alles einzig der Gnade Gottes anheimstelle, was hätte es dann für die Menschen überhaupt noch für einen Sinn, Gutes zu tun? Man solle also, schlägt er als ewiger Vermittler vor, dem Menschen wenigstens die Illusion des freien Willens lassen, damit er nicht verzweifle und ihm Gott nicht als grausam und ungerecht erscheine. »Ich schließe mich der Meinung derer an, die einiges dem freien Willen anheimstellen, aber einen großen Teil der Gnade, denn wir sollen der Scylla des Stolzes nicht auszuweichen suchen, um in die Charybdis des Fatalismus gerissen zu werden.«

Man sieht, selbst im Streit kommt Erasmus, der Friedfertige, seinen Gegnern auf das äußerste entgegen. Er mahnt auch bei diesem Anlaß, man möge nicht die Wichtigkeit solcher Diskussionen überschätzen und sich selber fragen, »ob es richtig sei, um einiger paradoxer Behauptungen willen den ganzen Erdkreis in Aufruhr zu setzen«. Und wirklich, würde Luther ihm nur ein Quentchen nachgeben, nur um einen Schritt ihm entgegenkommen, so hätte auch dieser geistige Zwist in Frieden und Eintracht geendet. Aber Erasmus erhofft nachgiebiges Verständnis von der eisernsten Stirn des Jahrhunderts, von einem Mann, der in Dingen des Glaubens und der Überzeugung auch auf dem Scheiterhaufen noch keinen Buchstaben und kein Jota preisgeben würde, der als geborener und geschworener Fanatiker lieber zugrunde ginge oder die Welt zugrunde gehen ließe, als von dem winzigsten und gleichgültigsten Paragraphen seiner Lehre nur einen Zoll breit zu lassen.

Luther antwortet Erasmus nicht sofort, obwohl den Zornmütigen der Angriff auf das erbittertste reizt: »Während ich mir mit den andern Büchern, um mit Züchten zu reden, den H... ausgewischt habe, habe ich diese Schrift des Erasmus ausgelesen, doch so, daß ich gedachte, sie hinter die Bank zu werfen«, sagt er in seiner hanebüchenen Weise; aber in diesem Jahre 1524 ist ihm Wichtigeres und Schwereres auferlegt als eine theologische Diskussion. Das ewige Schicksal jedes Revolutionärs beginnt sich an ihm zu erfüllen, daß nun auch er, der eine neue Ordnung für die alte setzen wollte, chaotische Kräfte entfesselt und in Gefahr gerät, mit seinem Radikalismus von noch Radikaleren überrannt zu werden. Luther hatte die Freiheit des Wortes und des Bekenntnisses gefordert, nun fordern sie auch andere für sich: die Zwickauer Propheten, Karlstadt, Münzer, alle diese »Schwarmgeister«, wie er sie nennt, auch sie sammeln sich im Namen des Evangeliums zum Aufruhr gegen Kaiser und Reich; Luthers eigene Worte gegen Adel und Fürsten werden bei den bündischen Bauernscharen zu Spieß und Morgenstern, aber wo Luther nur eine geistige, eine religiöse Revolution gewünscht, fordert jetzt die gepreßte Bauernschaft eine soziale und eine klar kommunistische. An Luther wiederholt sich in diesem Jahr die geistige Tragödie des Erasmus, daß aus seinem Worte mehr Weltgeschehen wird, als er selber gewollt, und so wie er jenen wegen seiner Lauheit gescholten, so schmähen ihn jetzt die Bundschuhleute und Klosterstürmer und Bilderverbrenner als einen »neuen papistischen Sophisten, Erzheiden und Erzbuben«, des »Antichrist nachgeborenen Freund«, als »das hochmütige Fleisch zu Wittenberg«. Erasmisches Schicksal: was er im geistigen und geistlichen Sinn gemeint, wird von der breiten Masse und ihren noch fanatischeren Führern, wie er selbst sagt, im »fleischlichen«, im grob agitatorischen Sinne verstanden. Ewige Konstellation einer Revolution, daß eine Welle die andere überflutet: stellt Erasmus die Girondisten dar, so Luther die Robespierristen, Thomas Münzer und die Seinen die Maratisten. Er, der unbestrittener Führer gewesen, muß auf einmal gegen zwei Fronten kämpfen, gegen die zu Lauen und zu Wilden, und muß die Verantwortung tragen für die soziale Revolution, für diesen furchtbarsten und blutigsten Aufstand, den Deutschland seit Jahrhunderten erlebt. Denn seinen Namen trägt die Bauernschar im Herzen, einzig sein Aufruhr und Erfolg gegen Kaiser und Reich hat allen diesen niedern Aufrührern den Mut gegeben, sich gegen ihre Grafen und Zwingherren zu erheben. »Wir ernten jetzt die Frucht Deines Geistes«, kann Erasmus ihm nun mit Recht zurufen, »Du erkennst die Aufrührer nicht an, aber sie erkennen Dich an ... Du widerlegst die allgemeine Überzeugung nicht, daß zu diesem Unheil Anlaß gegeben wurde durch Deine Bücher, zumal die in deutscher Sprache verfaßten.«

Furchtbare Entscheidung für Luther: soll er, der im Volk wurzelt und lebt und gegen die Fürsten gelockt hat, jetzt die Bauernschaft verleugnen, die in seinem Sinne und im Namen des Evangeliums für Freiheit kämpft, oder den Fürsten abtrünnig werden? Zum erstenmal (denn seine Stellung ist über Nacht der des Erasmus sehr ähnlich geworden) versucht er erasmisch zu handeln. Er mahnt die Fürsten zur Nachsicht, er mahnt die Bauernschaft, »den christlichen Namen nicht zum Schanddeckel Eures unfriedlichen, ungeduldigen und unchristlichen Fürnehmens zu machen«. Aber unerträglich für einen Mann seines Selbstbewußtseins – das grobe Volk hört nicht mehr auf ihn, sondern lieber auf jene, die am meisten versprechen, auf Thomas Münzer und die kommunistischen Theologen. Schließlich muß er sich entscheiden, denn diese zügellose Erhebung kompromittiert sein Werk, und er erkennt, daß dieser innerdeutsche soziale Krieg ihm seinen eigenen geistigen Krieg gegen das Papsttum stört. »Wo mir diese aufrührerischen Mordgeister mit ihren Bauern nicht im Garn gefischt hätten, so sollte es jetzt wohl anders stehen mit dem Papsttum.« Und wenn es um sein Werk geht und um seine Sendung, kennt Luther kein Zögern. Selber Revolutionär, muß er Partei nehmen gegen die deutsche Bauernrevolution, und wenn Luther Partei nimmt, so kann er es nur als Extremist tun, in der wütendsten, einseitigsten, wildesten Art. Von allen seinen Schriften ist diese Schrift aus der Zeit seiner größten Gefahr, das Pamphlet gegen die deutschen Bauern, die fürchterlichste und blutrünstigste. »Wer auf fürstlicher Seite umkommt«, predigt er, »wird seliger Märtyrer, wer drüben fällt, fährt zum Teufel, darum soll hie zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts Giftigers, Schädlichers, Teuflischers sein kann denn ein aufrührerischer Mensch.« Schonungslos nimmt er für allezeit die Partei der Obrigkeit gegen das Volk. »Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert werden.« Kein gütiges Wort der Milde, der Gnade findet dieser berserkerische Kämpfer, als mit scheußlichster Grausamkeit die siegreiche Ritterschaft gegen die jämmerlich Unterlegenen wütet, kein Mitleid hat dieser genialische, aber in seinem Zorn maßlose Mensch mit den unzähligen Opfern, von denen Tausende im Vertrauen auf seinen Namen und auf seine aufrührerische Tat gegen die Ritterburgen gezogen waren. Und mit einem grausigen Mut bekennt er am Ende, da die Felder Württembergs mit Blut gedüngt sind: »Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich habe sie heißen totschlagen: all ihr Blut ist auf meinem Hals.«

Dieser Furor, diese fürchterliche Haßkraft steckt noch in seiner Feder, da er sie gegen Erasmus wendet. Den theologischen Exkurs an sich hätte er Erasmus vielleicht noch verziehen, aber die begeisterte Aufnahme, welche dieser Aufruf zur Mäßigung im ganzen Raum der humanistischen Welt empfängt, reizt seinen Groll zur Raserei. Luther erträgt nicht den Gedanken, daß seine Feinde jetzt ihr Triumphlied anstimmen. »Saget mir, wo ist der große Makkabäus, wo ist er, der so fest über seiner Lehre stand?« Nicht nur antworten will er jetzt, da die Bauernsorge ihn nicht mehr drückt, dem Erasmus, sondern ihn völlig zerschmettern. Bei Tisch, vor seinen versammelten Freunden, kündigt er seine Absicht mit den fürchterlichen Worten an: »Darum gebiete ich Euch auf Gottes Befehl, Ihr wolltet dem Erasmus Feind sein und Euch vor seinen Büchern hüten. Ich will gegen ihn schreiben, sollt ihr gleich darüber sterben und verderben; den Satan will ich mit der Feder töten«, und beinahe stolz fügt er bei, »wie ich Münzern getötet habe, dessen Blut liegt auf meinem Hals.«

Aber auch in seinem Zorn und gerade wenn das Blut ihm am heißesten in den Adern kocht, bewährt sich Luther als großer Künstler, als Genie der deutschen Sprache. Er weiß, welchen großen Gegner er angeht, und in diesem Bewußtsein der Verpflichtung ist sein Werk selber groß geworden, nicht eine kleine kämpferische Schrift, sondern ein Buch, gründlich, umfangreich, blitzend von Bildern und rauschend von Leidenschaft, ein Buch, das neben seiner theologischen Gelehrsamkeit auch, großartiger als die meisten, seine dichterische, seine menschliche Gewalt bekundet. »De servo arbitrio«, der Traktat von der Knechtschaft des Willens, gehört zu den mächtigsten Streitschriften dieses kriegerischen Mannes und die Auseinandersetzung mit Erasmus zu den bedeutendsten Diskussionen, die jemals im deutschen Denkraum zwischen zwei Männern gegensätzlichster Natur, aber gewaltigsten Maßes durchkämpft wurden. Wie abseitig auch heute der Gegenstand für unser Gegenwartsgefühl geworden sein mag; durch die Größe der Gegner ist dieser Kampf ein geistiges Ereignis der Weltliteratur geblieben.

Ehe Luther losschlägt, ehe er den Helm festbindet und den Speer auflegt zum mörderischen Stoß, hebt er für einen Augenblick, aber nur für einen Augenblick, das Schwert zu höflichem und flüchtigem Gruß. »Ich gebe Dir selbst viel hohe Ehr und Preis, wie ich ihn keinem sonst gegeben habe.« Er bekennt ehrlicherweise, daß Erasmus ihn »gelinde und allenthalben sänftiglich behandelt habe«, er gibt zu, daß er als einziger von allen seinen Gegnern »den Nerv dieser ganzen Sache ersehen habe«. Aber nachdem er sich diesen Salut abgezwungen, ballt Luther entschlossen die Faust, wird grob und ist damit in seinem eigensten Element. Er antworte Erasmus überhaupt nur, »weil Paulus befiehlt, unnützen Schwätzern das Maul zu stopfen«. Und jetzt prasselt Hieb auf Hieb nieder. Mit prachtvoller, echt lutherischer Bildkraft hämmert er auf Erasmus los, daß er »allenthalben auf Eiern gehe und keines zertreten wolle, zwischen Gläser trete und keines anrühre«. Er höhnt, »Erasmus wolle nichts fest behaupten und behaupte doch ein solches Urteil über uns; das heißt aus kleinem Regen laufen und gar in den Teich rennen«. Mit einem Riß enthüllt er den Gegensatz zwischen Erasmus' schleicherischer Bedächtigkeit und seiner eigenen eindeutigen Geradheit und Unbedingtheit. Jener erachte »leiblichen Friedens Gemach und Ruhe höher denn den Glauben«, während er selber bereit sei zu bekennen, »wenn auch gleich die ganze Welt sollt nicht allein zu Unfrieden werden, sondern ganz versinken und in Trümmer gehen«. Und wenn Erasmus in seiner Schrift klug zur Vorsicht mahnt und auf die Dunkelheit mancher Bibelstellen hinweist, die kein irdischer Mensch mit voller Sicherheit und Verantwortung auslegen könne, schreit ihm Luther das Bekenntnis entgegen: »Ohne Gewißheit gibt es kein Christentum. Ein Christ soll seiner Lehre und seiner Sache gewiß sein oder er ist kein Christ nit.« Wer zögere, lau oder zweiflerisch sei in Glaubensdingen, der solle ein für allemal die Hand lassen von der Theologie. »Der Heilige Geist ist kein Skeptikus«, donnert er ihn an, »er hat nit einen ungewissen Wahn in unsere Herzen geschrieben, sondern eine kräftige Gewißheit.« Mit Hartnäckigkeit beharrt Luther auf seinem Standpunkt, daß der Mensch nur gut sei, wenn er Gott in sich trage, und schlecht, wenn der Teufel ihn reite, sein eigener Wille aber bleibe wesenlos und gegen die unausweichliche und unabänderliche Vorsehung Gottes machtlos. Allmählich wächst über das Einzelproblem aus diesem einzelnen Anlaß ein viel größerer Gegensatz empor; wie eine Wasserscheide trennt, gemäß ihrem Temperament, diese beiden Erneuerer der Religion ihre völlig verschiedene Auffassung von Christi Wesen und Sendung. Für Erasmus, den Humanisten, ist Christus der Verkünder aller Menschlichkeit, der Göttliche, der sein Blut hingegeben hat, um alles Blutvergießen und allen Zwist aus der Welt zu schaffen; Luther wieder, der Landsknecht Gottes, pocht auf das Wort des Evangeliums, daß Christus gekommen sei, »nicht um Frieden zu fordern, sondern das Schwert«. Wer Christ sein will, sagt Erasmus, muß in seinem Sinn friedliebend und nachsichtig sein; wer Christ ist, antwortet der unbeugsame Luther, darf nie und niemals nachgeben, sofern es sich um Gottes Wort handelt, und sollte darüber auch die ganze Welt zuschanden werden. Das Wort, das er vor Jahren an Spalatin geschrieben, ist sein Lebenswort: »Meine ja nicht, daß die Sache ohne Tumult, Ärgernis und Auflehnung durchgefochten werden könne. Aus einem Schwert kannst Du keine Feder machen und aus Krieg keinen Frieden. Das Wort Gottes ist Krieg, ist Ärgernis, ist Untergang, ist Gift: wie ein Bär am Wege und eine Löwin im Wald tritt es entgegen den Söhnen Ephraims.« Heftig weist er darum Erasmus' Ruf zur Einigung und Verständigung zurück: »Laß Dein Klagen und Schrein, wider dieses Fieber hilft keine Arznei. Dieser Krieg ist unseres Herrgotts, der hat ihn erweckt und wird nit aufhören, als bis er alle Feinde seines Worts zuschanden gemacht.« Die weiche Rederei des Erasmus sei nichts als Mangel an echtem Christenglauben, darum solle er abseits bleiben bei seinen verdienstlichen Arbeiten in der lateinischen und griechischen Sprache – auf gut deutsch: bei seinen humanistischen Spielereien – und mit seinen »gezierten Worten« nicht an Problemen herumfingern, die nur aus der innern Gottesgewißheit eines gläubigen und restlos gläubigen Menschen entschieden werden können. Erasmus solle, fordert Luther diktatorisch, ein für allemal davon abstehen, sich in diesen welthistorisch gewordenen Religionskampf einzumengen, »daß Du unserer Sache gewaltig genug wärest, das hat Gott noch nit gewollt und Dir noch nit gegeben«. Er selber aber, Luther, fühle den Ruf und daher die Sicherheit des Gewissens: »Was und wer ich bin und auch durch was für ein Geist und Sache ich in diesen Streit gekommen bin, das befehle ich Gott, der weiß alles und daß diese meine Sache nicht durch meinen, sondern durch seinen göttlich freien Willen ist angefangen und bisher durchgeführt worden.«

Damit ist der Scheidebrief geschrieben zwischen dem Humanismus und der deutschen Reformation. Das Erasmische und das Lutherische, Vernunft und Leidenschaft, Menschheitsreligion und Glaubensfanatismus, das Übernationale und das Nationale, das Vielseitige und das Einseitige, das Biegsame und das Starre können sich sowenig binden wie Wasser und Feuer. Wann immer sie auf Erden aneinandergeraten, zischt im Zorne Element gegen Element.

Luther wird niemals Erasmus verzeihen, sich öffentlich ihm entgegengestellt zu haben. Dieser kampfwütige Mann duldet kein anderes Ende eines Streits als die völlige, die unbedingte Vernichtung seines Widersachers. Während sich Erasmus mit einer einmaligen Antwort begnügt, der für seinen nachgiebigen Charakter ziemlich heftigen Schrift »Hyperaspistes«, und dann wieder zu seinen Studien zurückkehrt, brennt der Haß in Luther weiter. Keinen Anlaß versäumt er, den Mann mit fürchterlichen Schmähungen zu überschütten, der in einem einzigen Punkt seiner Lehre ihm zu widersprechen gewagt, und sein, wie Erasmus klagt, »mörderischer« Haß schreckt vor keiner Verunglimpfung zurück. »Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.« Er nennt ihn den »grimmigsten Feind Christi«, und als man ihm einmal das Bild des Erasmus zeigt, warnt er die Freunde, dies sei »ein listiger, tückischer Mann, der beider, Gott und der Religion, gespottet habe«, der »Tag und Nacht Wankelworte erdenke, und wenn man meine, er habe viel gesagt, so habe er nichts gesagt«. Zornig ruft er den Freunden bei Tische zu: »Das lasse ich nach mir im Testament und dazu nehme ich Euch alle als Zeugen, daß ich Erasmus für den größten Feind Christi halte, als keiner in tausend Jahr nit gewesen ist.« Und schließlich versteigt er sich sogar zu dem blasphemischen Wort: »Wenn ich bete: geheiligt werde Dein Name, so fluche ich wider Erasmus und alle Ketzer, die Gott lästern und schänden.«

Aber Luther, der Zornmensch, dem im Kampfe das Blut heiß in die Augen springt, ist nicht immer nur Krieger, sondern, um seiner Lehre und Wirkung willen, auch gezwungen, zeitweilig Diplomat zu sein. Wahrscheinlich haben ihn die Freunde aufmerksam gemacht, wie unklug er verfahre, mit so wüsten Beschimpfungen und Schmähungen gegen diesen alten und von ganz Europa hochgeehrten Mann loszufahren. So legt Luther das Schwert aus der Hand und nimmt den Ölzweig, er richtet ein Jahr nach seiner fürchterlichen Diatribe an diesen »höchsten Feind Gottes« einen beinahe scherzhaften Brief, in dem er sich entschuldigt, »ihn so hart angefaßt zu haben«. Aber nun ist es Erasmus, der schroff eine Verständigung zurückweist. »Ich bin nicht«, antwortet er hart, »von so kindischer Gemütsart, daß ich, nachdem ich mit den letzten Beschimpfungen angefallen worden bin, durch Späßchen oder durch Schmeicheleien beschwichtigt werden könnte ... Wozu dienten alle diese höhnischen Bemerkungen und niederträchtigen Lügen, ich sei ein Atheist, ein Skeptiker in Glaubenssachen, ein Gotteslästerer, und ich weiß nicht was noch alles ... Was zwischen uns beiden geschehen, ist nicht wichtig und am wenigsten für mich, der ich nahe vor meinem Tode stehe; was aber jedem anständigen Menschen so wie mir selbst zum Ärgernis wird, ist, daß durch Dein anmaßendes, schamloses und aufrührerisches Verhalten die ganze Welt zerstört wird ... und daß durch Deinen Willen dieser Sturm nicht zu jenem gütlichen Ende kommt, für das ich gekämpft habe ... Unser Handel ist eine private Sache, mich aber schmerzt die allgemeine Not und die unheilbare Verwirrung, und diese danken wir niemand anderem als Deiner unzähmbaren Art, die sich nicht führen lassen will von jenen, die Dich gut beraten ... Ich wünschte Dir eine andere Geistesart als die Deine, die Dich so sehr entzückt, Du magst mir Deinerseits alles wünschen, was Du willst, mit Ausnahme Deiner Geistesverfassung, es sei denn, daß der Herr sie ändere.« Mit einer ihm sonst fremden Härte stößt Erasmus die Hand zurück, die seine Welt in Trümmer geschlagen, er will den Mann nicht mehr grüßen und kennen, der den Frieden der Kirche zerstört und den furchtbarsten »tumultus« des Geistes über Deutschland und die Welt gebracht.

Aber der Tumult ist in der Welt, und niemand kann ihm entfliehen, auch Erasmus nicht. Unruhe ist das Gesetz, das ihm vom Schicksal zugedacht ist, und immer, wenn er nach Ruhe begehrt, empört sich um ihn die Welt. Auch Basel, die Stadt, in die er um ihrer Neutralität willen geflüchtet war, wird vom Fieber der Reformation ergriffen. Die Menge stürmt die Kirchen, reißt die Bilder und Schnitzereien von den Altären, die dann vor dem Münster in drei großen Haufen verbrannt werden. Entsetzt sieht Erasmus seinen ewigen Feind, den Fanatismus, mit Flamme und Schwert um sein Haus toben. Nur der kleine Trost ist ihm gegeben in diesem Tumult: »Kein Blut ist geflossen, – möge es immer so bleiben.« – Aber nun, da Basel reformierte Parteistadt geworden, will er, den alles Parteiische anwidert, nicht länger in ihren Mauern weilen. Mit sechzig Jahren übersiedelt Erasmus um seiner Arbeitsruhe willen in das stillere österreichische Freiburg hinüber, wo ihm die Bürgerschaft und die Behörden in feierlichem Zuge entgegengehen und ihm ein kaiserlicher Palast als Wohnung angeboten wird. Aber er lehnt das prunkvolle Heim ab und wählt lieber ein kleines Haus neben dem Mönchskloster, um dort still zu arbeiten und friedlich zu sterben. Kein großartigeres Symbol konnte die Geschichte schaffen für diesen Mann der Mitte, der nirgends genehm ist, weil er nirgends Partei nehmen will: aus Löwen mußte Erasmus fliehen, weil die Stadt zu katholisch war, aus Basel, weil sie zu protestantisch wird. Der freie, der unabhängige Geist, der sich keinem Dogma bindet und für keine Partei entscheiden will, hat nirgends Heimstatt auf Erden.