Anzeige
Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Meisterjahre

Unvergleichlicher Glücksfall im Leben eines Künstlers, wenn er die thematische Kunstform findet, in der er die Summe seiner Begabungen harmonisch zusammenschließen kann. Das ist Erasmus dank einem blendenden und vollkommen erfüllten Einfall in seinem »Lob der Narrheit« gelungen; hier finden sich der vielwissende Gelehrte, der scharfe Zeitkritiker, der satirische Spötter in ihm brüderlich zusammen, und in keinem seiner Werke kennt und erkennt man Erasmus so sehr als Meister wie in diesem seinem berühmtesten, dem einzigen auch, welches der Vergänglichkeit widerstanden hat. Dabei war dieser Kernschuß ins Herz der Zeit aus völlig lockerer, bloß spielender Hand getan: in sieben Tagen und wirklich bloß zur Herzerleichterung ist dieses blendende Satirikon flüssig hingeschrieben. Aber gerade diese Leichtigkeit gab ihm Flügel und die Sorglosigkeit den unbekümmerten Schwung. Erasmus hatte damals das vierzigste Jahr überschritten und nicht nur unermeßlich viel gelesen und geschrieben, sondern auch mit seinem kühlen und skeptischen Auge tief in die Menschheit geblickt. Er fand sie durchaus nicht nach seinem Wunsch. Er sah, wie wenig Macht die Vernunft besitzt über die Wirklichkeit, sehr torenhaft schien ihm das ganze wirre Treiben, und wohin immer er blickte, sah er im Sinne von Shakespeares Sonetten:

»Verdienst als Bettelmann geboren
Und dürft'ges Nichts in Herrlichkeit gefaßt

Und Kunst geknebelt von der Obrigkeit
Und Geist geworden ohne Recht
Und dumm befunden schlichte Redlichkeit.«

Wer lange arm gewesen wie er, wer lange im Dunkel und almosenbettelnd vor den Türen der Mächtigen gestanden, der hat sich das Herz voll Bitternis gesogen wie einen galligen Schwamm, der weiß um die Ungerechtigkeit und Narrenhaftigkeit alles menschlichen Tuns, und die Lippe bebt ihm manchmal von Zorn und ersticktem Schrei. Aber Erasmus ist in tiefster Seele kein »seditiosus«, kein Rebell, keine radikale Natur: die grelle, die pathetische Anklage entspricht nicht seinem gemäßigten und vorsichtigen Temperament. Erasmus fehlt völlig der naive und schöne Wahn, man könne mit einem Ruck und Stoß alles Schlechte auf Erden umstürzen, – wozu es sich also mit der Welt verderben, denkt er gelassen, da man sie allein doch nicht ändern kann, da anscheinend dies Betrügen und Sichbetrügen zum ewig Menschlichen und Unabänderlichen gehört. Der Kluge beschwert sich nicht, der Weise erregt sich nicht: er sieht mit scharfen Augen und verächtlicher Lippe auf dies törichte Treiben und geht – Dantes »Guarda e passa!« – seinen eigenen, beharrlichen Weg.

Aber manchmal lockert doch eine leichte Laune für eine Stunde den strengen und resignierten Blick auch des Weisen: dann lächelt er und erhellt mit diesem Lächeln ironisch die Welt. Der Weg des Erasmus führte in jenen Tagen (1509) über die Alpen, er kam aus Italien zurück. Dort hatte er die Kirche in völligem religiösen Verfall gesehen, den Papst Julius als Condottiere, umschart von seinen Kriegsmannen, die Bischöfe, statt in apostolischer Armut, in Prunk und Prasserei, er hat die frevlerische Kriegswut der Fürsten in diesem zerrütteten Lande erlebt, raubgierig wie Wölfe einer den andern bekämpfend, die Anmaßung der Mächtigen, die grauenhafte Verarmung des Volkes, tief hat er wieder einmal hineingeblickt in den Abgrund des Widersinns. Aber jetzt lag das fern wie eine dunkle Wolke hinter dem übersonnten Grat der Alpen; Erasmus, der Gelehrte, der Büchermensch, saß im Sattel, er schleppte – besonderer Glücksfall – sein philologisches Gepäck nicht mit sich, seine Codices und Pergamente, an denen sonst seine Neugier kommentatorisch haften blieb. Sein Geist war hier frei in der freien Luft, er hatte Lust zu Spiel und Übermut; da flog ein Einfall ihm zu, bunt und bezaubernd wie ein Schmetterling, und er nahm ihn mit sich von dieser glückhaften Reise. Kaum in England angelangt, schrieb er dann im hellen, vertrauten Landhaus des Thomas Morus die kleine Scherzschrift hin, eigentlich nur, um dem versammelten Kreise Erheiterung zu schenken, und benannte sie, Thomas Morus zu Ehren, mit dem Wortspiel »Encomium moriae« (»Laus stultitiae« auf Latein, was man am ehesten mit »Lob der Narrheit« übersetzen kann).

Verglichen mit den ernsten, gewichtigen, wissenschaftlich belasteten und überlasteten Hauptwerken des Erasmus, nimmt sich dieses kleine, freche Satirikon zunächst etwas jungenhaft-übermütig, etwas schmalhüftig und leichtfüßig aus. Aber nicht Umfang und Gewicht verleihen Kunstwerken ihre innere Beständigkeit, und wie in der politischen Sphäre ein einziges Kernwort, ein tödlicher Witz oft entscheidender wirkt als eine demosthenische Rede, so überleben im Raum der Literatur die kleinen Formate zumeist die wuchtigen Wälzer; von den hundertachtzig Bänden des Voltaire ist eigentlich nur die spöttische, knappe Novelle des »Candide« lebendig geblieben, von den unzählbaren Folianten des schreibfreudigen Erasmus nur dies Zufallskind einer muntern Laune, nur dies blinkende Geistspiel: »Laus stultitiae.«

Der einmalige und unwiederholbare Kunstgriff dieses Werkes ist ein genialer Mummenschanz: Erasmus nimmt nicht selber das Wort, um alle die bitteren Wahrheiten zu sagen, die er den Mächtigen dieser Erde zudenkt, sondern er schickt statt seiner die Stultitia, die Narrheit, auf das Katheder, damit sie sich selber lobe. Dadurch entsteht ein amüsantes Quiproquo. Man weiß niemals, wer eigentlich das Wort hat: spricht Erasmus im Ernst, spricht die Narrheit in persona, der man doch das Gröbste und Frechste verzeihen muß? Mit dieser Zweideutigkeit schafft sich Erasmus für alle Verwegenheiten eine unangreifbare Position; seine eigene Meinung läßt sich nicht fassen, und sollte es irgend jemandem einfallen, sich an ihn halten zu wollen wegen eines brennenden Peitschenhiebs, eines bissigen Hohnworts, wie er sie hier verschwenderisch nach allen Seiten austeilt, so kann er spöttisch abwehren: »Nicht ich habe das gesagt, sondern die Dame Stultitia; und wer wird Narrenrede ernst nehmen?« Zeitkritik in den Zeiten der Zensur und Inquisition durch Ironie und Symbole in die Welt zu schmuggeln, war von je der einzige Ausweg der Freigeistigen in den Epochen der Verdüsterung; selten aber hat jemand von diesem heiligen Narrenrecht der freien Rede geschickteren Gebrauch gemacht als Erasmus in dieser Satire, die das erste, das kühnste und zugleich künstlerischeste Werk seiner Generation darstellt. Ernst und Scherz, Wissen und heitere Hänselei, Wahrheit und Übertreibung wirbeln sich zu einem bunten Knäuel zusammen, der einem immer wieder munter entrollt, wenn man ihn fassen und ernstlich aufspulen will. Und man kann, vergleicht man es mit den groben Klopffechtereien, den geistlosen Schimpfereien seiner Zeitgenossen, wohl verstehen, wie ein solches blendendes Feuerwerk inmitten des geistigen Dunkels ein ganzes Jahrhundert entzückte und erlöste.

Spaßhaft hebt die Satire an. Frau Stultitia im Gelehrtentalar, aber die Schalkskappe auf dem Kopf (so hat sie Holbein gezeichnet) besteigt das Katheder und hält eine akademische Lobrede zu ihren eigenen Ehren. Sie allein sei es, rühmt sie sich, die mit ihren Dienerinnen, der Schmeichelei und der Selbstliebe, den Weltlauf in Gang hielte. »Ohne mich ist im Leben kein Bund, keine Gemeinschaft angenehm noch dauernd, und zwar würde das Volk nicht lange seinen Fürsten, der Herr nicht seinen Diener, die Zofe nicht ihre gnädige Frau, der Lehrer nicht seinen Schüler, der Freund nicht seinen Freund, die Gattin nicht den Gatten, der Wirt nicht den Gast, der Gefährte nicht den Gefährten, kurz kein Mensch den anderen dulden, wenn sie sich nicht gegenseitig bald täuschten, bald einander schmeichelten und klug nachgäben, wenn schließlich nicht alles durch eine Beigabe an Torheit gewürzt wäre.« Nur durch die Überschätzung des Geldes müht sich der Kaufmann, nur durch die »Lockung des eitlen Ruhms«, dank dem Irrlicht der Unsterblichkeit schafft der Dichter, nur vermöge seines Wahns wird der Krieger kühn. Ein nüchtern kluger Mensch würde aus jedem Kampf fliehen, er würde nur gerade das Allernotwendigste um des Erwerbs willen tun, niemals würde er, wäre ihm nicht dieses Narrenkraut eingepflanzt, das Durst nach Ewigkeit gibt, seine Hand rühren und seinen Geist anspannen. Und nun prasseln die Paradoxien munter auf. Nur sie, die wahnspendende Stultitia und nur sie allein mache glücklich, jedweder Mensch sei um so glücklicher, je blinder er seiner Leidenschaft anhänge, je unvernünftiger er lebe. Denn alles Nachdenken und Sichquälen verdüstert die Seele; Lust ist niemals in der Klarheit und Klugheit, sondern immer nur im Rausch, in der Überschwenglichkeit, im Außersichsein, im Wahn; ein Schuß Narrheit gehört zu allem wahrhaften Leben, und der Gerechte, der Klarsichtige, der den Leidenschaften nicht Unterworfene stellt keineswegs den Normalmenschen dar, sondern eine Art Abnormität: »Nur wer im Leben von der Torheit befallen ist, kann wahrhaft Mensch genannt werden.« Darum lobt sich die Stultitia als die wahre Triebfeder aller menschlichen Leistung mit vollen Backen, in verführerischer Suada legt sie dar, wie alle die vielgerühmten Tugenden der Welt, das Klarsehen und Wahrsehen, die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, eigentlich nur danach angetan sind, dem Menschen, der sie übt, das Leben zu vergällen; und da sie außerdem eine gelehrte Dame ist, zitiert sie zu ihren Gunsten stolz den Sophokles: »Nur im Unverstand ist das Leben angenehm.«

Um nach streng akademischer Art ihre These Punkt für Punkt zu erhärten, führt sie eifrig an ihrem Narrenseil die Zeugen heran. Jeder Stand zeigt bei dieser großen Parade seinen besonderen Wahn. Alle marschieren sie vor: die geschwätzigen Rhetoren, die haarspalterischen Rechtsgelehrten, die Philosophen, deren jeder das Weltall in seinen besonderen Sack tun möchte, die Adelsstolzen, die Geldraffer, die Scholastiker und Schriftsteller, die Spieler und Krieger und schließlich die ewigen Narren ihres Gefühls, die Liebenden, deren jeder in seinem Geliebten die Summe aller Lust und Schönheit einzig versammelt meint. Eine prachtvolle Galerie menschlicher Torheit stellt Erasmus mit seiner unvergleichlichen Weltkenntnis zusammen, und die großen Komödiendichter, ein Moliere und ein Ben Jonson, brauchten dann nur in dieses Marionettenspiel hineinzugreifen, um aus seinen leichtlinig angedeuteten Karikaturen wirkliche Menschen zu formen. Keine Spielart menschlicher Narretei ist geschont, keine vergessen, und gerade durch diese Vollständigkeit schützt sich Erasmus. Denn wer kann sich für besonders verspottet erklären, da kein anderer Stand besser wegkommt als der seine? Endlich und zum erstenmal kann sich die ganze Universalität des Erasmus auswirken, alle seine intellektuellen Kräfte, sein Witz und sein Wissen, sein heller Blick und sein Humor. Das Skeptische und Überlegene seiner Weltsicht spielen hier wie hundert Funken und Farben einer Rakete im Aufschuß zusammen; ein hoher Geist erfüllt sich hier im vollendeten Spiel.

Im tiefsten Grunde war aber diese Schrift für Erasmus mehr als ein Scherz, und er konnte sich gerade in diesem scheinbaren Kleinwerke vollkommener als in irgendeinem andern offenbaren, weil dieses sein Lieblingswerk »Laus stultitiae« auch eine seelische Selbstabrechnung mit seinem innersten Wesen war. Erasmus, der sich über nichts und niemanden täuschte, kannte den untersten Grund jener geheimnisvollen Schwäche, der ihn am Dichterischen, am wahrhaft Schöpferischen hinderte, nämlich daß er immer zu vernünftig und zu wenig leidenschaftlich fühlte, daß sein Nicht-Partei-Nehmen und Über-den-Dingen-Stehen ihn außerhalb des Lebendigen stellte. Vernunft ist immer nur eine regulative Kraft, nie für sich allein eine schöpferische; das eigentlich Produktive aber setzt tatsächlich immer einen Wahn voraus. Weil so wunderbar wahnlos, ist Erasmus lebenslang immer leidenschaftslos geblieben, ein kühler und großer Gerechter, der das letzte Glück des Lebens, die volle Hingegebenheit, die heilige Selbstverschwendung nie gekannt. Zum erstenmal und einzigenmal ahnt man nun dank diesem Buche, daß Erasmus an seiner Vernünftigkeit, seiner Gerechtigkeit, seiner Verbindlichkeit, seiner Wohltemperiertheit heimlich gelitten hat. Und wie immer der Künstler am sichersten schafft, wo er ein ihm Fehlendes, ein Ersehntes in Gestalt verwandelt, so war auch hier gerade der Vernunftmensch par excellence der Berufene, um den heitern Hymnus an die Narrheit zu dichten und auf die klügste Weise den Vergötterern der reinen Klugheit eine Nase zu drehen.

Aber auch sonst darf man durch die souveräne Maskenkunst des Buches sich nicht über seine wahre Absicht täuschen lassen. Dieses scheinbar possenhafte »Lob der Narrheit« war hinter seiner Karnevalsmaske eines der gefährlichsten Bücher seiner Zeit, und was uns heute bloß als geistreiches Feuerwerk anmutet, in Wirklichkeit eine Explosion, die der deutschen Reformation den Weg freisprengte: das »Lob der Narrheit« [!] gehört zu den wirksamsten Pamphleten, die je geschrieben wurden. Mit Befremdung und Erbitterung kehrten damals die deutschen Pilger aus Rom zurück, wo Päpste und Kardinäle das verschwenderische und sittenlose Leben italienischer Renaissancefürsten führten, immer ungeduldiger forderten die wahrhaft religiösen Naturen eine »Reform der Kirche an Haupt und Gliedern«. Aber das Rom der Prunkpäpste lehnte jeden Einspruch, auch den wohlgemeintesten, ab: auf dem Holzstoß, den Knebel im Munde, büßten alle, die zu laut, zu leidenschaftlich gesprochen; nur in derben Volksreimen oder in saftigen Anekdoten konnte sich die Erbitterung über den Mißbrauch des Reliquienhandels und den Ablaßunfug heimlich entladen, unterirdisch gingen die fliegenden Blätter mit dem Bildnis des Papstes als der großen Blutsaugerspinne von Hand zu Hand. Erasmus nagelt nun das Sündenregister der Kurie öffentlich an die Wand der Zeit: Meister der Zweideutigkeit, nützt er seinen großen Kunstgriff, alles Gefährlich-Notwendige von der Stultitia aussprechen zu lassen, zu einem entscheidenden Angriff gegen die religiösen Mißstände. Und obzwar es angeblich nur Narrenhand ist, welche die Peitsche schwingt, verstehen sofort alle die kritische Absicht von Worten wie: »Wenn die höchsten Priester, die Päpste, die Statthalter Christi, sich befleißigen würden, ihm im Leben ähnlich zu werden, wenn sie seine Armut dulden, seine Mühe tragen, sein Kreuz auf sich nehmen, seine Verachtung alles Weltlichen teilen würden, wer wäre dann auf der Welt mehr zu beklagen als sie? Wie viele Schätze würden die heiligen Väter einbüßen, wenn die Weisheit sich nur einmal ihres Geistes bemächtigte! An die Stelle jener ungeheuren Reichtümer, jener göttlichen Ehren, der Verteilung so vieler Ämter und Würden, so zahlreicher Dispense, so mannigfacher Steuern, der Genüsse und Vergnügungen würden schlaflose Nächte treten, Fasttage, Gebete und Tränen und Andachtsübungen und tausend andere Mühseligkeiten.« Und mit einmal fällt die Stultitia aus der Narrenrolle und spricht eindeutig klar die Forderung der künftigen Reformation in die Welt: »Da die gesamte Lehre Christi auf nichts anderem beruht als auf Sanftmut, Geduld und Verachtung des Irdischen, so liegt doch deutlich klar vor Augen, was hier gemeint ist. Christus wollte seine Stellvertreter wahrhaft in seinem Sinne ausrüsten und forderte darum, daß sie nicht nur Schuhe und Tasche, sondern auch ihr Kleid ablegten, um vollkommen nackt und bloß ihr Apostelamt anzutreten. Sie sollten nichts bei sich führen als ein Schwert, aber nicht jenes unheilvolle, das dem Raub und dem Morde dient, sondern das Schwert des Geistes, das bis in den innersten Grund der Seele dringt und mit einem Schlage alle Leidenschaften tötet, damit fürder nur noch Frömmigkeit im Herzen throne.«

Unversehens ist aus dem Scherz schneidender Ernst geworden. Unter der Schellenkappe blickt das untragbare, strenge Auge des großen Zeitkritikers hervor; die Narrheit hat ausgesprochen, was Tausenden und Hunderttausenden heimlich auf den Lippen brennt. Stärker, eindringlicher, allverständlicher als durch irgendeine andere Schrift der Zeit ist die Notwendigkeit einer rigorosen Kirchenreform dem Bewußtsein der Welt dargetan. Immer muß erst ein Bestehendes in seiner Autorität erschüttert werden, ehe ein Neues aufgebaut werden kann. In allen geistigen Revolutionen geht der Kritiker, der Aufklärer dem Schöpfer und Umbildner voran: erst aufgelockert, ist der Boden dem Saatkorn bereit.

Aber bloßes Verneinen und unfruchtbares Kritisieren entspricht auf keinem Gebiete der Geisteshaltung des Erasmus; wenn er Verfehltes aufzeigt, so geschieht es nur, um das Richtige zu fordern, niemals aber tadelt er aus hochmütig überlegener Tadelslust. Nichts lag diesem toleranten Temperament ferner als ein grober bilderstürmerischer Angriff gegen die katholische Kirche: als Humanist träumt Erasmus nicht von einer Auflehnung gegen das Kirchliche, sondern von einer »reflorescentia«, einer Renaissance des Religiösen, von einer Erneuerung der christlichen Idee durch die Rückkehr zu ihrer einstigen nazarenischen Reinheit. So wie in der Renaissance soeben Kunst und Wissenschaft herrliche Verjüngung erfuhren durch das Zurückgehen auf die antiken Vorbilder, so erhofft Erasmus eine Läuterung der in Äußerlichkeiten erstickenden Kirche durch das Aufgraben ihrer ureigensten Quelle, durch die Rückführung der Lehre auf die Evangelien und damit auf Christus' eigenes Wort, »durch die Aufdeckung des unter den dogmatischen Lehren verborgenen Christus«. Mit diesem immer wieder erhobenen Wunsche tritt Erasmus – Vorausgänger hier wie überall – an die Spitze der Reformation.

Aber der Humanismus ist seinem Wesen nach niemals revolutionär, und wenn Erasmus durch seine Anregungen der Kirchenreform auch die wichtigsten Wegbereiterdienste leistet, so schreckt er gemäß seiner verbindenden, seiner extrem friedfertigen Gesinnung doch scharf zurück vor einem offenen Schisma. Nie wird Erasmus in der heftigen und jeden Widerspruch wegfegenden Art Luthers, Zwinglis oder Calvins statuieren, was in der katholischen Kirche richtig sei, oder was unrichtig, welche Sakramente verstattet seien und welche ungehörig, ob das Abendmahl substantiell oder unsubstantiell zu verstehen sei; er beschränkt sich nur darauf, zu betonen, daß nicht schon die Einhaltung der äußeren Formen an sich das wahre Wesen christlicher Frömmigkeit sei – einzig im Innerlichen entscheide sich eines Menschen wahres Glaubensmaß. Nicht die Heiligenverehrung, nicht das Wallfahren und Psalmodieren, nicht die theologische Scholastik mit ihrem unfruchtbaren »Judaismus« mache den Menschen zum Christen, sondern seine seelische Bewährung, seine menschliche, seine christliche Lebenshaltung. Den Heiligen dient am besten, nicht wer ihre Gebeine sammelt und verehrt, nicht wer zu ihren Gräbern wallfahrtet und am meisten Kerzen verbrennt, sondern wer ihren frommen Wandel in seiner privaten Existenz am vollkommensten nachzuahmen sucht. Entscheidender als die genaue Einhaltung aller Riten und Gebete, als Fasten und Messelesen ist die persönliche Lebensführung im Geiste Christi: »Die Quintessenz unserer Religion ist Friede und Einmütigkeit.« Hier wie überall ist Erasmus bemüht, das Lebendige, statt es in Formeln zu ersticken, ins Allmenschliche zu erheben. Er sucht bewußt, das Christentum von dem bloß Kirchlichen abzulösen, indem er es zum universal Humanen in Bindung bringt; alles, was je bei Völkern und in Religionen ethisch vollkommen gewesen, bemüht er sich, in die Idee des Christentums als fruchtbares Element hineinzuziehen, und mitten in ein Jahrhundert der Beschränktheit und des dogmatischen Fanatismus spricht dieser große Humanist das wundervolle, welterweiternde Wort: »Wo immer du die Wahrheit antriffst, betrachte sie als christlich.« Damit ist die Brücke zu allen Zeiten und Zonen geschlagen. Wer wie Erasmus freigeistig die Weisheit, Menschlichkeit und Sittlichkeit überall als Formen höchster Humanität und damit an sich schon als Christentum ansieht, wird nicht mehr wie die mönchischen Zeloten die Philosophen des Altertums in die Hölle verbannen (»heiliger Sokrates« ruft einmal Erasmus begeistert aus), sondern alles Edle und Große der Vergangenheit in das Religiöse überführen, »so wie die Juden beim Auszug aus Ägypten ihre Gold- und Silbergeräte mitnahmen, um damit den Tempel zu schmücken«. Nichts, was jemals eine bedeutende Leistung menschlicher Moral oder sittlichen Geistes gewesen, soll nach der erasmischen Religionsauffassung vom Christentum durch eine starre Schranke abgetrennt werden, denn im Menschlichen gibt es keine christlichen und heidnischen Wahrheiten, sondern in allen ihren Formen ist die Wahrheit göttlich. Darum spricht Erasmus auch niemals von einer Theologie Christi, einer Glaubenslehre, sondern von der »Philosophie Christi«, also einer Lebenshaltungslehre: Christentum ist für ihn nur das andere Wort für hohe und humane Sittlichkeit.

Diese Grundideen des Erasmus wirken, verglichen der architektonischen Kraft der katholischen Exegese und dem brennenden Liebesdrang der Mystiker, vielleicht ein wenig flach und allgemein, aber sie sind human; hier wie auf jedem Wissensgebiet dringt die Wirkung des Erasmus nicht so sehr der Tiefe entgegen, sondern ins Weite. Sein »Enchiridion militis christiani« (»Handbuch des christlichen Streiters«), als Gelegenheitsschrift auf den Wunsch einer frommen adeligen Dame für ihren Gatten zur Mahnung verfaßt, wird ein volkstheologisches Handbuch, und die Reformation findet mit ihren kämpferisch radikalen Forderungen dadurch schon ein vorgepflügtes Feld. Aber nicht diesen Kampf zu eröffnen, sondern den schon drohenden durch ausgleichende Vorschläge in letzter Stunde noch zu beschwichtigen, ist die Sendung dieses einsamen Rufers in der Wüste, der in einer Zeit, da auf den Konzilen der Zwist um winzige dogmatische Einzelheiten erbittert geht, von einer letzten Synthese aller ehrlichen Formen geistiger Gläubigkeit träumt, von einem rinascimento des Christentums, das alle Welt für immer vom Streit und Widerstreit erlösen soll und damit den Gottesglauben wahrhaft zur Menschheitsreligion erheben.

Es gehört zur Vielseitigkeit des Erasmus, daß er einen und denselben Gedanken mehrfach auszudrücken verstand. Im »Lob der Torheit« hat der unbestechliche Zeitkritiker die Mißbräuche innerhalb der katholischen Kirche dargetan, im »Handbuch des christlichen Streiters« ein allverständliches Ideal einer verinnerlichten und vermenschlichten Religiosität vorausgeträumt; gleichzeitig aber setzt er seine Theorie von der notwendigen »Aufgrabung der Quellen des Christentums« in Tat um, indem er als Textkritiker, Philolog und Exeget die Evangelien aus dem Griechischen ins Lateinische neu übersetzt, eine wegbereitende Tat für Luthers deutsche Bibelübersetzung und von fast gleicher Bedeutsamkeit für die Zeit.

Zurück zu den Quellen des wahren Glaubens, sie dort aufzusuchen, wo sie noch göttlich rein und mit keinem Dogma vermengt strömen – dies war des Erasmus Forderung an die neue humanistische Theologie gewesen, und mit dem tiefsten Instinkt für das Bedürfnis der Zeit weist er fünfzehn Jahre vor Luther auf diese Arbeit als auf die entscheidende hin. 1504 schreibt er: »Ich vermag nicht zu sagen, wie ich mit vollen Segeln auf die Heiligen Schriften hinstrebe und wie mir alles zum Ekel ist, was mich von ihnen abhält oder auch nur aufhält.« Das Leben Christi, wie es in den Evangelien erzählt wird, soll nicht länger Privileg der Mönche und Priester, der Lateinmenschen bleiben, das ganze Volk soll und muß daran Anteil haben, »der Bauer soll sie lesen beim Pfluge, der Weber am Webstuhl«, die Frau diesen Kern alles Christentums ihren Kindern übermitteln können. Aber ehe Erasmus wagt, diesen großen Gedanken einer Übertragung in die Nationalsprachen zu fördern, wird der Gelehrte gewahr, daß auch die Vulgata, diese einzige von der Kirche geduldete und approbierte lateinische Bibelübersetzung, nachträglich vielfache Verdunkelungen erfahren hat und in philologischem Sinne anfechtbar ist. An der Wahrheit aber soll kein irdischer Makel haften; so unternimmt er das ungeheure Fleißwerk, die Bibel noch einmal ins Lateinische zu übersetzen und seine Abweichungen und freieren Auffassungen mit einem ausführlichen Kommentar kritisch zu begleiten. Diese neue Bibelübersetzung, die gleichzeitig lateinisch und griechisch 1516 bei Froben in Basel erscheint, bedeutet abermals einen revolutionären Schritt: auch in die letzte Fakultät, die Theologie, ist damit die freigeistige Forschung siegreich vorgedrungen. Aber typisch für Erasmus: auch dort, wo er revolutioniert, wahrt er so geschickt die äußeren Formen, daß der wuchtigste Stoß nicht zum Anstoß wird. Um im voraus jedem Angriff der Theologen die Spitze abzubrechen, widmet er diese erste freie Bibelübertragung dem Herrn der Kirche, dem Papst, und dieser, Leo X., selbst humanistisch gesinnt, antwortet freundlich in einem Breve: »Wir haben uns gefreut«, ja er lobt sogar noch den Eifer, den Erasmus an das heilige Werk gewendet. Immer hat Erasmus individuell, dank seiner konzilianten Natur, den Konflikt zwischen kirchlicher und freier Forschung zu überwinden gewußt, der bei allen andern immer zu furchtbarster Feindschaft führte: sein Genius der Vermittlung und seine Kunst des milden Ausgleichens triumphierten siegreich auch in dieser gespanntesten Sphäre.

Mit diesen drei Büchern hat Erasmus seine Zeit gewonnen. Er hat zum entscheidenden Problem seiner Generation das aufklärende Wort gesprochen, und die ruhige, allverständliche, die humane Art, mit der er die brennendsten Probleme seiner Zeit zur Darstellung bringt, schafft ihm unermeßliche Sympathien. Immer fühlt die Menschheit tiefe Dankbarkeit für jene, die einen Fortschritt kraft der Vernunft für möglich halten, und man versteht die Beglückung des neuen Jahrhunderts, nach all den aufgeregten Mönchen, den zänkischen Fanatikern, den heillosen Spöttern und den unverständlichen Scholastikprofessoren endlich einen Mann in Europa zu wissen, der geistige und geistliche Dinge einzig vom Menschlichen bewertet, eine weltfreundliche Seele, die trotz allen Mißständen an diese Welt glaubt und sie zur Klarheit führen will. So geschieht, was immer geschieht, wenn ein einzelner Mann entschlossen an das entscheidende Problem seiner Zeit heranschreitet: es sammelt sich um ihn eine Gemeinde und vermehrt mit ihrer stillen Erwartung seine schöpferische Macht. Alle Kraft, alle Hoffnung, alle Ungeduld auf eine Versittlichung und Erhebung des Menschentums durch die neuerstandenen Wissenschaften hat endlich ihren Brennpunkt in diesem Manne gefunden: er oder keiner, meinen sie, könne die ungeheure Spannung lösen, welche die Zeit erfüllt. Aus bloßem literarischem Ruhm wird der Name des Erasmus Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine unvergleichliche Gewalt: er könnte, wäre er kühnen Sinnes, sie diktatorisch nützen zu welthistorischer, reformierender Tat. Aber die Tat ist nicht seine Welt. Erasmus kann nur klären und nicht formen, nur vorbereiten und nicht erfüllen. Nicht seinen Namen wird die Reformation auf der Stirne tragen, ein anderer wird ernten, was er gesät.