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Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Der große Gegner

Selten treten die entscheidenden Mächte, das Schicksal und der Tod, ohne Warnung an den Menschen heran. Jedesmal senden sie einen leisen Boten voraus, aber verhüllten Antlitzes, und fast immer überhört der Angesprochene den geheimnisvollen Ruf. Unter den unzählbaren Briefen der Zustimmung und der Verehrung, die Erasmus in jenen Jahren das Pult überfüllten, findet sich auch einer vom 11. Dezember 1516 von Spalatinus, dem Sekretär des Kurfürsten von Sachsen. Mitten zwischen bewundernden Formeln und gelehrten Mitteilungen erzählt Spalatin, in seiner Stadt fühle sich ein junger Augustinermönch, der Erasmus aufs höchste verehre, in der Frage der Erbsünde nicht gleichen Sinnes mit ihm. Er pflichte nicht der Ansicht des Aristoteles bei, man werde gerecht, indem man gerecht handle, sondern er glaube seinerseits, nur dadurch, daß man gerecht sei, käme man in den Stand, richtig zu handeln; »erst muß die Person umgewandelt sein, dann erst folgen die Werke«.

Dieser Brief stellt ein Stück Weltgeschichte dar. Denn zum erstenmal richtet Doktor Martin Luther – kein anderer ist jener ungenannte und noch unberühmte Augustinermönch – an den großen Meister das Wort, und sein Einwand berührt merkwürdigerweise bereits jetzt das Zentralproblem, in dem sich später diese beiden großen Paladine der Reformation als Feinde gegenüberstehen werden. Freilich, Erasmus liest damals jene Zeilen nur mit halber Aufmerksamkeit. Wie fände der vielbeschäftigte, von der ganzen Welt umworbene Mann auch Zeit, mit einem namenlosen Mönchlein irgendwo im Sächsischen ernsthaft über theologica zu disputieren; er liest vorbei, ahnungslos, daß mit dieser Stunde eine Wende in seinem Leben und in der Welt begonnen. Bisher stand er allein, Herr Europas und Meister der neuen evangelischen Lehre, nun aber ist der große Gegenspieler aufgestanden. Mit leisem, kaum hörbarem Finger hat er an sein Haus und an sein Herz geklopft, Martin Luther, der hier sich noch nicht mit Namen nennt, den aber bald die Welt den Erben und Besieger des Erasmus nennen wird.

Dieser ersten Begegnung zwischen Luther und Erasmus im geistigen Weltraum ist zeit ihres Lebens niemals eine persönliche im irdischen gefolgt; aus Instinkt sind von der ersten bis zur letzten Stunde diese beiden Männer einander ausgewichen, die in unzähligen Schriften und auf zahllosen Kupferstichen Bild an Bild und Name an Name als die Befreier vom römischen Joch, als die ersten redlichen deutschen Evangelisten gemeinsam gefeiert wurden. Die Geschichte hat uns damit um einen großen dramatischen Effekt gebracht, denn welche versäumte Gelegenheit, diese beiden großen Gegenspieler einander Auge in Auge und Stirn gegen Stirn zu betrachten! Selten hat das Weltschicksal zwei Menschen charakterologisch und körperlich so sehr zu vollkommenem Kontrast herausgearbeitet wie Erasmus und Luther. In Fleisch und Blut, in Norm und Form, in Geisteshaltung und Lebenshaltung, vom äußeren Leib bis zum innersten Nerv gehören sie gleichsam verschiedenen, feindgeborenen Charakterrassen an: Konzilianz gegen Fanatismus, Vernunft gegen Leidenschaft, Kultur gegen Urkraft, Weltbürgertum gegen Nationalismus, Evolution gegen Revolution.

Dieser Gegensatz tritt schon im Körperlichen sinnlich zutage: Luther, Bergmannssohn und Bauernnachfahr, gesund und übergesund, bebend und geradezu gefährlich bedrängt von seiner gestauten Kraft, vital und mit aller groben Lust an dieser Vitalität – »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher« –, ein prallvolles und übervolles, ein fast berstendes Stück Leben, Wucht und Wildheit eines ganzen Volkes, gesammelt in einer Überschußnatur. Wenn er seine Stimme erhebt, dröhnt eine ganze Orgel in seiner Sprache, jedes Wort ist schmackhaft und derb gesalzen wie braunes frischgebackenes Bauernbrot, alle Elemente der Natur spürt man darin, die Erde mit ihrem Ruch und Quell, mit ihrer Jauche und ihrem Dung, – wie Gewittergewalt wild und zerstörend, stürmt diese Feuerrede über das deutsche Land. Luthers Genie liegt tausendmal mehr in dieser seiner vollsinnlichen Vehemenz als in seiner Intellektualität; so wie er Volkssprache spricht, aber mit einem ungeheuren Zuschuß an bildnerischer Kraft, so denkt er unbewußt aus der Masse heraus und stellt ihren Willen in einer bis zum höchsten Leidenschaftsgrad gesteigerten Potenz dar. Seine Person ist gleichsam der Durchbruch alles Deutschen, aller protestierenden und rebellierenden deutschen Instinkte ins Bewußtsein der Welt, und indem die Nation auf seine Ideen eingeht, geht er gleichzeitig ein in die Geschichte seiner Nation. Er gibt seine elementare Urkraft zurück an das Element.

Blickt man von diesem stämmigen, grobfleischigen, hartknochigen, vollblütigen Erdenkloß Luther, diesem Mann, dem von der niedern Stirn drohend die geballten Buckel des Willens vorspringen, gemahnend an die Moseshörner Michelangelos, blickt man von diesem Blutmenschen hinüber zum Geistmenschen Erasmus, zu dem pergamentfarbenen, feinhäutigen, dünnen, gebrechlichen, behutsamen Menschen, blickt man die beiden nur körperlich an, so weiß das Auge schon vor dem Verstand: zwischen solchen Antagonisten wird dauernde Freundschaft oder Verständnis niemals möglich sein. Immer kränklich, immer fröstelnd im Schatten seines Zimmers, immer in seine Pelze gehüllt, eine ewige Untergesundheit, wie Luther eine fast schmerzhaft drängende Übergesundheit, hat Erasmus von allem zuwenig, was jener zuviel; ständig muß diese zarte Natur ihr armes, blasses Blut mit starkem Burgunder in Wärme halten, während – die Gegensätze im kleinen sind die anschaulichsten – Luther täglich sein »stark wittenbergisch Bier« braucht, um seine hitzig und rot schwellenden Adern abends zu gutem schwarzen Schlaf abzudämpfen. Wenn Luther spricht, so donnert das Haus, bebt die Kirche, schwankt die Welt, aber auch bei Tisch unter Freunden kann er gut und dröhnend lachen, und gerne hebt er, nächst der theologia der musica am meisten zugetan, die Stimme zu männlich sonorem Gesang. Erasmus wiederum redet schwach und zart wie ein Brustkranker, künstlich schleift und rundet er die Sätze und spitzt sie zu feinen Pointen, während jenem die Rede strömt und auch die Feder vorstürmt »wie ein blind Pferd«. Von Luthers Person geht Gewalt atmosphärisch aus: alle, die um ihn sind, Melanchthon, Spalatin und die Fürsten sogar, hält er durch sein herrisch-männliches Wesen in einer Art dienstbarer Hörigkeit. Erasmus' Macht dagegen äußert sich am stärksten, wo er selbst unsichtbar bleibt: in der Schrift, im Brief, im geschriebenen Wort. Er dankt nichts seinem kleinen, armen, vernachlässigten Leibe und alles nur seiner hohen, weiten, seiner weltumfassenden Geistigkeit.

Aber auch die Geistigkeit dieser beiden stammt aus ganz verschiedenen Rassen der Denkwelt. Erasmus ist zweifellos der Weitsichtigere, der Vielwissendere, kein Ding des Lebens bleibt ihm fremd. Klar und farblos wie Tageslicht dringt sein abstrakter Verstand durch alle Ritzen und Fugen der Geheimnisse und erhellt jeden Gegenstand. Luther wiederum besitzt unendlich weniger Horizont als Erasmus, aber mehr Tiefe; seine Welt ist enger, unermeßlich enger als die erasmische, aber jedem seiner Gedanken, jeder seiner Überzeugungen weiß er den Schwung seiner Persönlichkeit zu geben. Er reißt alles nach innen und hitzt es dort in seinem roten Blut, er schwängert jede Idee mit seiner vitalen Kraft, er fanatisiert sie, und was er einmal erkannt und bekannt hat, das läßt er niemals los; jede Behauptung verwächst mit seinem ganzen Wesen und gewinnt von ihm ungeheure dynamische Stärke. Dutzende Male haben Luther und Erasmus die gleichen Gedanken ausgesprochen, aber was bei Erasmus bloß einen feinen geistigen Reiz auf die Geistigen ausübt, eben das gleiche wird bei Luther dank seiner mitreißenden Art sofort Parole, Feldruf, plastische Forderung, und diese Forderungen peitscht er so grimmig wie die biblischen Füchse mit ihren Feuerbränden in die Welt, daß sie das Gewissen der ganzen Menschheit entzünden. Alles Erasmische zielt im letzten auf Ruhe und Befriedung des Geistes, alles Lutherische auf Hochspannung und Erschütterung des Gefühls; darum ist Erasmus, der »Skeptikus«, dort am stärksten, wo er am klarsten, am nüchternsten, am deutlichsten redet, Luther wiederum, der »Pater exstaticus«, wo der Zorn und Haß ihm am wildesten von der Lippe springt.

Ein solcher Gegensatz muß organisch zu Gegnerschaft selbst bei gleichem Kampfziel führen. Am Anfang wollen Luther und Erasmus dasselbe, aber ihr Temperament will es auf so völlig gegensätzliche Art, daß es an ihrem Wesen zum Widerspruch wird. Die Feindseligkeiten gehen von Luther aus. Von allen genialen Menschen, welche die Erde getragen, war Luther vielleicht der fanatischeste, der unbelehrbarste, unfügsamste und unfriedsamste. Er konnte nur Jasager um sich brauchen, um ihrer sich zu bedienen, und Neinsager, um seinen Zorn an ihnen zu entzünden und sie zu zermalmen. Für Erasmus wieder war Nichtfanatismus geradezu Religion geworden, und der harte diktatorische Ton Luthers – gleichgültig, was immer er sagte – schnitt ihm wie ein böses Messer in die Seele. Ihm war dieses Faustaufschlagen und Mit-schäumendem-Munde-Reden, ihm, dem weltbürgerliche Verständigung zwischen geistigen Naturen als höchstes Ziel galt, einfach körperlich unerträglich, und die Selbstsicherheit Luthers (die dieser seine Gottessicherheit nannte) erschien ihm als aufreizende und beinahe blasphemische Überheblichkeit in unserer dem Irrtum und Wahn doch notwendig immer wieder verfallenden Welt. Selbstverständlich mußte Luther seinerseits wieder das Laue und Unentschiedene in Glaubensdingen an Erasmus hassen, dies Sich-nicht-entscheiden-Wollen, das Glatte, Nachgiebige, Glitschige einer Überzeugung, die niemals eindeutig festzulegen war, und gerade das ästhetisch Vollkommene, die »künstliche Rede« statt des klaren Bekennens erregte seine Galle. Im tiefsten Wesen des Erasmus war etwas, das Luther, und im tiefsten Wesen Luthers etwas, das Erasmus elementar aufreizen mußte. Töricht darum die Auffassung, es hätte nur an Äußerlichkeiten und Zufällen gelegen, daß diese beiden ersten Apostel der neuen evangelischen Lehre, daß Luther und Erasmus sich nicht zu gemeinsamem Werk verbanden. Selbst das Ähnlichste mußte bei so verschiedenem Farbstoff ihres Bluts und ihres Geistes andersfarbig werden, denn ihre Verschiedenheit war organisch. Sie drang von der Oberwelt des Hirns bis ins Geflecht des Instinkts und durch die Kanäle des Bluts in jene Tiefe, die der bewußte Denkwille nicht mehr beherrscht. Darum konnten sie aus Politik und um der gemeinsamen Sache willen einander lange schonen, sie konnten wie zwei Baumstämme eine Zeitlang nebeneinander in derselben Strömung schwimmen, aber an der ersten Biegung und Wegwende mußten sie schicksalhaft gegeneinanderschmettern: dieser welthistorische Konflikt war ein unausweichlicher.

Der Sieger in diesem Kampf, dies war von vornherein gewiß, mußte Luther sein, nicht bloß weil er der stärkere Genius war, sondern auch der kriegsgewohntere und kriegsfrohere Streiter. Luther war und blieb zeitlebens eine kämpferische Natur, ein geborener Raufbold mit Gott, Mensch und Teufel. Kampf war für ihn nicht nur Lust und Entladungsform seiner Kraft, sondern geradezu Rettung für seine überfüllte Natur. Dreinschlagen, Zanken, Schimpfen, Streiten bedeutete für ihn eine Art Aderlaß, denn erst im Aus-sich-Herausfahren, im Losdreschen spürt und erfüllt er sein ganzes menschliches Maß; mit einer leidenschaftlichen Lust stürzt er sich darum in jede gerechte oder ungerechte Sache hinein. »Fast tödlich durchschauert's mich«, schreibt Bucer, sein Freund, »wenn ich an die Wut denke, die in dem Manne kocht sobald er mit einem Gegner zu schaffen hat.« Denn unleugbar, Luther kämpft wie ein Besessener, wenn er kämpft, und immer nur mit ganzem Leib, mit entzündeter Galle, mit blutunterlaufenen Augen, mit schäumender Lippe; es ist, als ob er mit diesem furor teutonicus gleichsam ein fieberndes Gift aus dem Körper hetzte. Und tatsächlich, immer erst, wenn er so recht blindwütig zugeschlagen und seinen Zorn entladen, wird ihm leicht, »da erfrischt sich mir das ganze Geblüt, das ingenium wird hell und die Anfechtungen weichen«. Auf dem Kampfplatz wird der hochgebildete Doctor theologiae sofort zum Landsknecht: »Wenn ich komm, schlage ich mit Keulen drein«, ein rasender Grobianismus, eine berserkerische Besessenheit erfaßt ihn, er greift rücksichtslos zu jeder Waffe, die ihm zur Hand kommt, zum feinfunkelnden dialektischen Schwert ebenso wie zur Mistgabel voll Schimpf und Dreck; rücksichtslos schaltet er jede Hemmung aus und schreckt auch notfalls vor Unwahrheit und Verleumdung zur Austilgung des Gegners nicht zurück. »Um des Besseren und der Kirche willen muß man auch eine gute, starke Lüge nicht scheuen.« Das Ritterliche ist diesem Bauernkämpfer völlig fremd. Auch gegen den schon besiegten Gegner übt er weder Noblesse noch Mitleid, selbst auf den wehrlos am Boden Liegenden drischt er in blindwütigem Zorn weiter zu. Er jubelt, als Thomas Münzer und Zehntausende Bauern schandbar hingeschlachtet werden, und rühmt sich mit heller Stimme, »daß ihr Blut auf seinem Halse ist«, er frohlockt, daß der »säuische« Zwingli und Karlstadt und alle anderen, die je ihm widerstrebten, elend zugrunde gehen – niemals hat dieser haßgewaltige und heiße Mensch einem Feinde auch nach dem Tode gerechte Nachrede gegönnt. Auf der Kanzel eine hinreißend menschliche Stimme, im Hause ein freundlicher Familienvater, als Künstler und Dichter der Ausdruck höchster Kultur, wird Luther sofort, wenn eine Fehde beginnt, zum Werwolf, der Besessene eines riesenhaften Zorns, den keine Rücksicht und Gerechtigkeit hemmt. Aus diesem wilden Muß seiner Natur sucht er zeitlebens immer wieder diesen Krieg, denn Kampf scheint ihm nicht nur lustvolle Form des Lebens, sondern auch die moralisch richtigste. »Ein Mensch, sonderlich ein Christ, muß ein Kriegsmann sein«, sagt er stolz in den Spiegel blickend, und in einem späten Brief (1541) hebt er dies Bekenntnis bis in die Himmel hinein mit der geheimnisvollen Behauptung »gewiß ist, daß Gott kämpft«.

Erasmus aber kennt als Christ und Humanist keinen streitbaren Christus und keinen kämpfenden Gott. Haß und Rachsucht dünkten ihn, den Kulturaristokraten, ein Rückfall ins Plebejische und Barbarische. Alles Getümmel, Geraufe, jedes wilde Gezanke widert ihn an. Als konziliant geborene Natur hat er ebensoviel Unlust am Streit, wie dieser Zustand Luther Lust bereitet; charakteristisch sagt er einmal von seiner Streitscheu: »Wenn ich ein großes Landgut bekommen könnte und dazu einen Prozeß führen müßte, würde ich lieber auf das Landgut verzichten.« Zweifelsohne, als Geistmensch liebt Erasmus die Diskussion mit Gleichgelehrten, aber so wie der Ritter das Turnier als adeliges Spiel, wo der Feine, der Kluge, der Geschmeidige vor dem Forum der humanistisch Gebildeten seine im klassischen Feuer gestählte Fechtkunst dartun kann. Ein paar Funken sprühen lassen, ein paar frische wendige Finten schlagen, einen schlechten Lateinreiter aus dem Sattel heben, solches geistesritterliche Spiel ist Erasmus keineswegs fremd, aber niemals wird er Luthers Lust begreifen, einen Feind zu zertrampeln und zu zerstampfen, nie in einem seiner zahlreichen Federkriege die Höflichkeit außer acht lassen und dem »mörderischen« Haß sich hingeben, mit dem Luther seine Gegner angreift. Erasmus ist zum Kämpfer nicht geboren, schon weil er im letzten Sinne keine starre Überzeugung hat, für die er kämpft; objektive Naturen besitzen wenig Sicherheit. Sie zweifeln leicht an der eigenen Ansicht und sind bereit, die Argumente des Gegners zumindest zu überlegen. Den Gegner aber zu Worte kommen lassen, heißt schon, ihm Raum geben – gut kämpft nur der Blindwütige, der sich die Haube des Trotzes über die Ohren zieht, um nichts zu hören, und den seine eigene Besessenheit im Kampf schützt wie eine hürnene Haut. Für den ekstatischen Mönch Luther ist jeder seiner Gegenredner schon ein Sendling der Hölle, ein Feind Christi, den auszutilgen Pflicht ist, während dem humanen Erasmus selbst die tollste Übertreibung der Gegner höchstens ein mitleidiges Bedauern abnötigt. Ausgezeichnet hat schon Zwingli den Charaktergegensatz der beiden Rivalen in ein Bild gefaßt, indem er Luther mit Ajax, Erasmus mit Odysseus verglich, Ajax-Luther, der Mut- und Kriegsmensch, zum Kampf geboren und nirgends anders daheim, Odysseus-Erasmus, eigentlich nur durch Zufall auf das Schlachtfeld verschlagen, und glücklich, wieder heimzukehren in sein stilles Ithaka, zu der seligen Insel der Kontemplation, aus der Tatwelt in die Geistwelt, wo zeitliche Siege oder Niederlagen wesenlos scheinen gegenüber der unbesiegbaren, unverrückbaren Gegenwart der platonischen Ideen.

Erasmus war nicht zum Kriege geboren, und er hat es gewußt. Wo er dem Gesetz seiner Natur zuwiderhandelte und sich in Streit begab, mußte er unterliegen; denn immer, wenn der Künstler, der Gelehrte seine Grenze überschreitet und den Tatmenschen, den Kraftmenschen, den Zeitmenschen in den Weg tritt, mindert er sein eigenes Maß. Der Geistige darf nicht Partei nehmen, sein Reich ist die Gerechtigkeit, die allenthalben über jedem Zwiespalt steht.

Das erste leise Anpochen Luthers hat Erasmus überhört. Aber bald wird er aufhorchen müssen und diesen neuen Namen in sein Herz graben, denn die eisernen Schläge, mit denen der unbekannte Augustinermönch seine 95 Thesen an die Kirchentür von Wittenberg hämmert, hallen durch das ganze deutsche Reich. »Als wären die Engel selbst Botenläufer gewesen«, so eilen noch druckfeucht die Blätter von Hand zu Hand; über Nacht wird im ganzen deutschen Volk neben dem Namen des Erasmus derjenige Martin Luthers als des trefflichsten Vorkämpfers einer freien christlichen Theologie genannt. Mit genialem Instinkt hat der kommende Volksmann gerade den sinnlichen Punkt berührt, wo das deutsche Volk den Druck der römischen Kurie am schmerzlichsten empfand: den Ablaß. Nichts erträgt eine Nation unwilliger als einen ihr von einer auswärtigen Macht auferlegten Tribut; und daß in diesem Falle die Kirche die Urangst der Kreatur durch prozentuell beteiligte Agenten, durch berufsmäßige Ablaßverkäufer in Geld ummünzen ließ, daß diese dem deutschen Bauern und Bürger mit vorgedruckten Kassenzetteln abgepreßten Gelder außer Landes gingen und den Weg nach Rom nahmen, hatte längst eine dumpfe und noch wortlose nationale Entrüstung im ganzen Lande gesammelt – Luther gibt ihr eigentlich nur die Zündung mit seiner entschlossenen Tat. Nichts tut deutlicher dar, daß nicht der Tadel eines Mißbrauchs, sondern die Form des Tadels welthistorisch entscheidet; auch Erasmus und andere Humanisten hatten über den Ablaß, über diese Loskaufkarten vom Fegefeuer, ihren geistreichen Spott ergossen. Aber Spott und Witz zersetzen bloß als ein Negatives bestehende Kräfte, sie sammeln keine neuen zum schöpferischen Stoß. Luther dagegen, eine dramatische Natur, vielleicht die einzige wahrhaft dramatische der deutschen Geschichte, weiß aus einem unerlernbaren Urinstinkt jedes Ding drastisch und allen verständlich anzufassen, er hat von erster Stunde an die geniale Volksführergabe der plastischen Geste, des programmatischen Worts. Wenn er knapp und klar in seinen Thesen sagt: »Der Papst kann keine Schuld vergeben« oder »Der Papst kann keine andere Strafe erlassen, als die er selber auferlegt hat«, so sind das wie Blitze einleuchtende, wie Donner einschlagende Worte ins Gewissen einer ganzen Nation, und der Petersdom beginnt unter ihnen zu wanken. Wo Erasmus und die Seinen mit Spötteln und Kritisieren die Aufmerksamkeit der Geistigen erweckten, ohne aber bis zu den Zonen der Massenleidenschaft vorzudringen, da erreicht Luther mit einem Stoße die Tiefe des Volksgefühls. Innerhalb zweier Jahre wird er das Sinnbild Deutschlands, der Tribun aller antirömischen, nationalen Wünsche und Forderungen, die konzentrierte Kraft allen Widerstandes.

Ein derart hellhöriger und neugieriger Zeitgenosse wie Erasmus mußte zweifelsohne sehr bald von Luthers Tat erfahren haben. Eigentlich sollte er sich freuen, denn ein Bundesgenosse im Kampf um eine freie Theologie ist damit an seine Seite getreten. Und zunächst ist auch kein Wort des Tadels zu hören. »Alle Guten lieben den Freimut Luthers«, »gewiß ist bisher Luther der Welt nützlich gewesen« – in diesem wohlwollenden Ton äußert er sich zu seinen humanistischen Freunden über Luthers Auftreten. Ein erstes Bedenken heftet der weitblickende Psychologe allerdings schon vorsichtig an. »Vieles hat Luther trefflich getadelt«, aber ein leiser Seufzer schwingt mit, »wenn er es nur maßvoller getan hätte.« Instinktiv spürt der feinfühlige Mann das überhitzte Temperament Luthers als Gefahr; dringlich läßt er ihn mahnen, nicht immer gleich so grob herauszufahren. »Mir scheint, daß durch Bescheidenheit mehr erreicht wird als durch Ungestüm. So hat Christus die Welt unterworfen.« Nicht die Worte, nicht die Thesen Luthers beunruhigen also Erasmus, sondern einzig der Tonfall des Vortrags, der demagogische, der fanatische Akzent in allem, was Luther schreibt und tut. Derart heikle theologische Fragen bespricht man nach der Ansicht des Erasmus besser mit stiller Stimme im gelehrten Kreise, man hält das vulgus profanum abseits durch das akademische Latein. Aber man schreit Theologie nicht so laut über die Gasse, daß Schuster und Krämer sich grob an derart subtilen Dingen ereifern können. Jede Diskussion vor der und für die Galerie drückt für den Geschmack des Humanisten das Niveau und zieht unvermeidlich die Gefahr des »tumultus«, des Aufruhrs, der Volkserregung hinter sich her. Erasmus haßt jede Propaganda und jede Agitation für die Wahrheit, er glaubt an ihre von selbst fortwirkende Kraft. Er meint, daß eine Erkenntnis, einmal durch das Wort in die Welt getragen, sich dann auf rein geistigem Wege durchsetzen müsse und weder des Beifalls der Menge noch der Parteiformung bedürfe, um in ihrem Wesen wahrer und wirklicher zu werden. Der geistige Mensch hat für sein Empfinden nichts anderes zu tun, als Wahrheiten und Klarheiten festzustellen und zu formulieren, er hat nicht für sie zu kämpfen. Nicht aus Neid also, wie seine Gegner ihn beschuldigen, sondern aus einem ehrlichen Angstgefühl, aus geistesaristokratischer Verantwortlichkeit sieht Erasmus mit Unwillen, wie hinter dem Wortsturm Luthers sich gleich einer ungeheuren Staubwolke die Erregung des Volkes erhebt. »Wenn er doch nur maßvoller wäre«: immer wieder erneut sich des Erasmus Klage über den Maßlosen, und im geheimsten bedrückt ihn das wissende Vorgefühl, daß sein hohes Geisterreich der bonae litterae, der Wissenschaften und der Humanität, einem solchen Weltsturm nicht werde standhalten können. Noch immer aber ist kein Wort zwischen Erasmus und Luther gewechselt, noch immer schweigen die beiden berühmtesten Männer der deutschen Reformation einander an, und dieses Schweigen wird allmählich auffällig. Erasmus, der Vorsichtige, hat keinen Anlaß, sich persönlich mit dem Unberechenbaren einzulassen, Luther wieder, je mehr ihn die eigene Überzeugung in den Kampf treibt, wird zusehends skeptischer gegen den Skeptiker. »Die menschlichen Dinge bedeuten ihm mehr als die göttlichen«, schreibt er von Erasmus und bezeichnet damit meisterhaft ihre gegenseitige Distanz: für Luther war das Religiöse das Wichtigste auf Erden, für Erasmus das Humane.

Aber in diesen Jahren steht Luther nicht mehr allein. Ohne es zu wünschen, ohne es vielleicht ganz zu begreifen, ist er mit seinen nur geistig gemeinten Forderungen Exponent der vielfältigsten irdischen Interessen geworden, der Rammbock der deutschen nationalen Sache, ein wichtiger Stein im politischen Schachspiel zwischen Papst, Kaiser und den deutschen Fürsten. Ganz fremde und durchaus unevangelische Nutznießer seines Erfolges beginnen um seine Person zu werben, um sie für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Allmählich bildet sich um den einzelnen Mann schon der nucleus einer zukünftigen Partei, eines kommenden religiösen Systems. Aber lange ehe die große Massenarmee des Protestantismus gesammelt ist, hat sich, entsprechend dem Organisationsgenie der Deutschen, schon ein politischer, theologischer, juridischer Generalstab rings um Luther geschart: Melanchthon, Spalatin, Fürsten, Adelsherren und Gelehrte. Neugierig blicken die fremden Gesandten nach Kursachsen hinüber, ob aus diesem harten Mann nicht ein Keil zu schnitzen wäre, den sie in das mächtige Imperium treiben könnten: eine feinmaschige, politische Diplomatie verwebt ihre Fäden mit Luthers rein sittlich gedachten Forderungen. Gerade sein engster Kreis sucht nach Bundesgenossen, und Melanchthon, der wohl weiß, welcher Tumult sich erheben muß, wenn erst einmal Luthers Schrift »An den Adel deutscher Nation« erschienen sein wird, drängt und drängt, man möge die so wichtige Autorität des unparteiischen Erasmus für die evangelische Sache gewinnen. Endlich gibt Luther nach und wendet sich am 28. März 1519 zum erstenmal persönlich an Erasmus.

Zum Wesen des humanistischen Briefes gehört unerläßlich die schmeichlerische Höflichkeit, die geradezu chinesisch übertreibliche Selbstherabsetzung. Es hat deshalb nichts Besonderes zu besagen, wenn Luther seinen Brief hymnisch beginnt: »Wen gibt es, dessen Denken nicht von Erasmus erfüllt wäre? Wer ist nicht von ihm belehrt, wer ist nicht von ihm beherrscht?«, wenn er sich als plumpen Burschen darstellt mit ungewaschenen Händen, der noch nicht gelernt habe, wie man sich brieflich an einen wahrhaft hochgelehrten Mann wendet. Aber da er gehört habe, daß dem Erasmus sein Name durch die »nichtige« Bemerkung über den Ablaß bekanntgeworden sei, könnte ein weiteres Stillschweigen zwischen ihnen beiden mißverständlich ausgelegt werden. »Anerkenne also, Du gütiger Mann, wenn es Dir genehm ist, auch diesen kleinen Bruder in Christo, der freilich nur würdig ist, mit seiner Unwissenheit in einem dunklen Winkel vergraben und nicht unter demselben Himmel und unter der gleichen Sonne bekannt zu sein.« Um dieses einen Satzes willen ist der ganze Brief geschrieben. Er enthält alles, was Luther von Erasmus erhofft: einen Brief der Zustimmung, irgendein seiner Lehre freundliches (wir würden sagen: publizistisch verwertbares) Wort. Die Stunde ist dunkel und entscheidungsvoll für Luther, er hat einen Krieg gegen den Mächtigsten der Erde eröffnet, schon liegt die Bannbulle in Rom bereit; Erasmus in solchem Kampf als moralischen Nothelfer zu haben, wäre bedeutsam und vielleicht siegentscheidend für die lutherische Sache, denn dieser Name gilt durch seine Unbestechlichkeit. Immer ist der parteilose Mensch für die Parteimenschen die wichtigste und beste Flagge.

Aber Erasmus will niemals eine Verpflichtung übernehmen und am wenigsten Bürge sein für eine noch gar nicht errechenbare Schuld. Denn Luther jetzt offen bejahen, heißt im voraus schon ja sagen zu allen seinen kommenden Büchern und Schriften und Angriffen, ja sagen zu einem maßlosen und unmäßigen Menschen, dessen »gewaltsame und aufrührerische Schreibart« Erasmus, den Harmoniker, in innerster Seele peinlich berührt. Und dann, was ist Luthers Sache? Was ist sie heute, 1519, was wird sie morgen sein? Für einen Menschen Partei nehmen, sich verpflichten, heißt ein Stück seiner eigenen sittlichen Freiheit aufgeben, für Forderungen einstehen, deren Tragweite man nicht überblicken kann, und nie wird Erasmus sich in seiner Freiheit einschränken lassen. Vielleicht auch spürt die feinwitternde Nase des alten Klerikers einen leichten Ketzergeruch aus den Schriften Luthers. Und sich überflüssig zu kompromittieren, war nie des vorsichtigen Erasmus Tugend und Kraft.

So biegt er aufs sorgfältigste in seiner Antwort einem klaren Ja oder Nein aus. Zunächst erbaut er sich geschickt ein Schanzwerk, indem er nach rechts und links hin erklärt, er habe Luthers Schriften gar nicht richtig gelesen. In der Tat ist es ja dem Buchstaben nach Erasmus als katholischem Priester untersagt, ohne ausdrückliche Erlaubnis seiner Vorgesetzten kirchenfeindliche Bücher zu lesen: mit äußerster Vorsicht wendet der gewiegte Briefschreiber Erasmus dies als Entschuldigung ein, um an einer entscheidenden Aussage vorbeizureden. Er dankt dem »Bruder in Christo«, berichtet von der ungeheuren Erregung, die Luthers Bücher in Löwen hervorgerufen, und wie häßlich sich die Gegner darüber hermachen – damit drückt er umwegig eine gewisse Sympathie aus. Aber mit welcher Meisterschaft weicht der leidenschaftlich Unabhängige jedem deutlich zustimmenden Wort aus, auf das man ihn festlegen und verpflichten könnte! Ausdrücklich betont er, Luthers Psalmenkommentar bloß »angeblättert« (degustavi), also nicht gelesen zu haben, und daß er »hoffe«, dieser werde von großem Nutzen sein – abermals ein umschreibender Wunsch statt eines Urteils; und um sich ja nur von Luther zu distanzieren, verspottet er angebliche Gerüchte, als sei er selber an der Abfassung von Luthers Schriften beteiligt, als töricht und böswillig. Dann aber, zum Schlusse, wird Erasmus endlich deutlich. Klipp und klar erklärt er, nicht zu wünschen, in die ganze leidige Streitsache hineingezogen zu werden: »Ich verhalte mich, soweit ich kann, neutral (integrum), um besser die wiederaufblühenden Wissenschaften fördern zu können, und glaube, daß durch klug gehandhabte Zurückhaltung mehr erreicht wird als durch heftige Einmengung.« Dringlich ermahnt er dann noch Luther zur Mäßigung und endet den Brief mit dem frommen und unverbindlichen Wunsch, Christus möge Luther täglich mehr von seinem Geiste verleihen.

Damit hat Erasmus seine Stellung bezogen. Es ist die gleiche wie im Reuchlinstreit, als er sagte: »Ich bin kein Reuchlinianer und nehme an Parteien nicht teil, ich bin Christ und kenne nur Christen, aber keine Reuchlinianer oder Erasmianer.« Er ist entschlossen, nicht einen Schritt weiter zu gehen, als er wirklich will. Erasmus ist ein ängstlicher Mensch, aber Angst hat auch schauende Kräfte: sie sieht aus einer merkwürdigen plötzlichen Erhellung des Gefühls manchmal das Kommende halluzinatorisch voraus. Hellsichtiger als all die andern Humanisten, die Luther als einem Heiland zujubeln, erkennt Erasmus in der aggressiven, unbedingten Art Luthers die Vorzeichen eines »tumultus«, er sieht statt der Reformation eine Revolution, und diesen gefährlichen Weg will er keinesfalls gehen. »Was könnte ich Luther helfen, indem ich mich zum Gefährten seiner Gefahr mache, außer daß zwei Menschen statt eines zu Grunde gingen ... Er hat einiges ausgezeichnet gesagt und gut gewarnt, und ich wollte, er hätte diese guten Dinge nicht durch seine unerträglichen Fehler gestört. Aber selbst wenn er all dies in frommer Art geschrieben, würde ich meinen Kopf nicht in Gefahr setzen, um der Wahrheit willen. Es hat nicht jeder die Kraft zum Märtyrer, und ich muß traurig fürchten, daß im Falle eines Tumults ich das Beispiel Petri befolgen würde. Ich befolge die Gebote des Papstes und der Fürsten, wenn sie gerechte sind, und ich erdulde ihre üblen Gesetze, weil es sicherer ist. Ich glaube, daß ein solches Verhalten allen wohlmeinenden Menschen gemäß ist, wenn sie keine Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand sehen.« Aus seiner seelischen Zaghaftigkeit ebenso wie aus seinem unerschütterlichen Unabhängigkeitsgefühl ist Erasmus entschlossen, mit niemandem, also auch mit Luther nicht, gemeinsame Sache zu machen. Er soll seinen Weg gehen und Erasmus den seinen: so schließen sie nur die Übereinkunft, einer dem andern nicht feindlich entgegenzutreten. Das Bündnisangebot ist zurückgewiesen, ein Neutralitätspakt geschlossen. Luther ist es bestimmt, das Drama zu gestalten, und Erasmus hofft – vergebliche Hoffnung!–, es werde ihm erlaubt sein, dabei nur Zuschauer, nur »spectator« zu bleiben: »Wenn Gott, wie aus dem mächtigen Aufstieg der Sache Luthers hervorgeht, dies alles so will und vielleicht für die Verdorbenheit dieser Zeiten einen so rauhen Wundarzt wie Luther nötig erachtet hat, dann ist es nicht meine Sache, ihm zu widerstreben.«

Aber in politischen Zeiten außen und unparteiisch zu bleiben, ist schwieriger als Partei zu nehmen, und sehr zu seinem Verdruß sucht sich die neue Partei auf Erasmus zu berufen. Erasmus hat die reformatorische Kritik an der Kirche begründet, die Luther in einen Angriff gegen das Papsttum verwandelt, er hat, wie die katholischen Theologen erbittert sagen, »die Eier gelegt, die Luther ausbrütet«. Ob er will oder nicht, bis zu einem gewissen Grade ist Erasmus als Wegbereiter für Luthers Tat verantwortlich: »Ubi Erasmus innuit, illic Luther irruit.« Wo er vorsichtig das Tor geöffnet, ist der andere ungestüm eingebrochen, und zu Zwingli muß Erasmus selbst gestehen: »Alles, was Luther fordert, habe ich selber gelehrt, nur nicht so heftig und ohne jene nach Extremen haschende Sprache.« Was die beiden trennt, ist einzig die Methode. Beide haben die gleiche Diagnose gestellt: daß die Kirche in Lebensgefahr schwebe, an ihrer Veräußerlichung innerlich zugrunde zu gehen. Aber während Erasmus eine langsam fortschreitende Behandlung vorschlägt, einen sorglichen, allmählichen Blutreinigungsprozeß durch Salzinjektionen von Vernunft und Spott, macht Luther den blutigen Schnitt. Ein derart lebensgefährliches Verfahren mußte Erasmus mit seiner Scheu vor Blut ablehnen, ihm widerstrebte alles Gewaltsame: »Fest steht mein Entschluß, mich lieber gliederweise zerreißen zu lassen, als die Zwietracht, besonders in Sachen des Glaubens, zu begünstigen. Zwar stützen sich viele Anhänger Luthers auf den evangelischen Ausspruch: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Allein, obwohl ich einsehe, daß manches in der Kirche zum Vorteil der Religion verändert werden sollte, so wenig gefällt mir alles, was zu einem Aufruhr dieser Art führt.« Mit einer an Tolstoi gemahnenden Entschlossenheit lehnt Erasmus jeden Appell an die Gewalt ab und erklärt sich lieber bereit, den ärgerlichen Zustand weiter zu ertragen, als diese Umwandlung mit einem »tumultus«, mit Blutvergießen, zu erkaufen. Während die anderen Humanisten, kurzsichtiger und optimistischer, der Luthertat zujubeln als einer Befreiung der Kirche, als einer Erlösung Deutschlands, erkennt er darin die Zersplitterung der ecclesia universalis aus einer Weltkirche in Landeskirchen und die Loslösung Deutschlands aus der Einheit des Abendlands. Er ahnt mehr vom Herzen aus, als er wissen kann durch den Verstand, daß eine solche Loslösung Deutschlands und der anderen germanischen Länder von der Schlüsselgewalt des Papstes nicht ohne die blutigsten und mörderischsten Konflikte sich vollziehen könnte. Und da Krieg für ihn Rückschritt bedeutet, barbarischen Rückfall in längst überlebte Epochen, setzt er seine ganze Macht ein, um diese äußerste Katastrophe inmitten der Christenheit zu verhindern. Damit wächst Erasmus plötzlich eine historische Aufgabe zu, die innerlich über seine Kraft geht: allein inmitten all der Überreizten die klare Vernunft zu verkörpern und, einzig mit einer Feder bewehrt, die Einheit Europas, die Einheit der Kirche, die Einheit der Humanität und des Weltbürgertums zu verteidigen gegen Zerfall und Vernichtung.

Erasmus beginnt seine Vermittlungsmission, indem er versucht, Luther zu beschwichtigen. Immer beschwört er durch Freunde den Unbelehrbaren, nicht so »aufrührerisch« zu schreiben, nicht auf so »unevangelische« Weise das Evangelium zu lehren: »Ich wünschte, daß Luther sich eine Zeitlang aller Streitigkeiten enthielte und die evangelische Sache rein und ohne jede Beimischung führte. Er würde mehr Erfolg haben.« Und vor allem: nicht alles müsse öffentlich abgehandelt und keinesfalls kirchliche Reformforderungen einer unruhigen und zu Händeln geneigten Masse in die Ohren geschrien werden. Wie beredt rühmt Erasmus, der Diplomat, gegenüber der agitatorischen Kraft der Redekunst jene andere Meisterschaft des Geistmenschen, die hohe Kunst des Schweigens zu rechter Stunde: »Nicht immer muß die ganze Wahrheit gesagt werden. Viel kommt darauf an, wie sie verkündet wird.«

Diese Auffassung, die Wahrheit könne des zeitlichen Vorteils wegen auch nur eine Minute lang verschwiegen werden, muß Luther unverständlich sein. Für ihn, den Bekenner, ist es des Gewissens heiligste Pflicht, daß man jedes Jota und jede Silbe Wahrheit, die Herz und Seele einmal erkannt haben, auch bekennt, sie hinausschreit, gleichgültig, ob Krieg, Tumult und Einsturz des Himmels daraus entstehen. Schweigekunst kann und will Luther nie erlernen. In diesen vier Jahren ist ihm eine neue mächtige Sprache in den Mund gesprungen, unermeßliche Kräfte, die gelagerten Ressentiments eines ganzen Volkes sind ihm in die Hände gefahren; das gesamte deutsche Nationalbewußtsein, begierig, gegen alles Welsche und Kaiserliche revolutionär aufzustehen, der Pfaffenhaß, der Fremdenhaß, die dunkle, soziale, religiöse Glut, die seit den Bundschuhtagen in der Bauernschaft schwelt, all das ist durch den Hammerschlag Luthers gegen die Kirchentüren von Wittenberg aufgeweckt worden; alle Stände, die Fürsten, die Bauern, die Bürger fühlen ihre private und ständische Sache durch das Evangelium geheiligt. Das ganze deutsche Volk, weil es in Luther einen Mann des Muts und der Tat sieht, wirft seine bisher zersplitterte Leidenschaft in ihn hinein. Immer aber, wenn sich das Nationale mit dem Sozialen in der Glut religiöser Ekstase bindet, entstehen jene gewaltigen Erdstöße, die das Weltall erschüttern, und ist, wie im Falle Luthers, nur ein Mann zur Stelle, in dem zahllose einzelne ihren unbewußten Willen verwirklicht meinen, so wachsen diesem Manne magische Kräfte zu. Wem auf den ersten Ruf eine ganze Nation ihre Kraft in die eigene Kraft gießt, der ist leicht versucht, sich als Boten vom Ewigen her zu empfinden, und nach unzähligen Jahren spricht ein Mann in Deutschland wieder die Sprache der Propheten. »Gott hat mir verordnet, daß ich lehre und richte als einer der Apostel und Evangelisten im deutschen Lande.« Von Gott her fühlt der Ekstatiker die Aufgabe sich zugeteilt, die Kirche zu reinigen, das deutsche Volk aus den Händen des »Antichrists«, des Papstes, dieses »vermummten und leibhaftigen Teufels«, zu erlösen, mit dem Wort zu erlösen, und wenn es nicht anders geht, mit Schwert und Feuer und Blut.

In ein solches Ohr, das vom Brausen des Volksjubels und von göttlichem Befehl erfüllt ist, Mahnung und Behutsamkeit zu predigen, muß vergeblich sein. Bald hört Luther kaum mehr hin, was Erasmus schreibt oder denkt, er braucht ihn nicht mehr. Eisern, unbarmherzigen Schrittes geht er seinen historischen Weg.

Mit derselben Eindringlichkeit wie an Luther wendet sich Erasmus aber gleichzeitig an die Gegenseite, an den Papst und die Bischöfe, an die Fürsten und Herrscher, um sie vor übereilter Härte gegen Luther zu warnen. Auch hier sieht er seinen alten Feind am Werke, den selbstgenügsamen blinden Fanatismus, der nicht die eigenen Fehler erkennen will. So mahnt er, man sei mit dem Bannfluch vielleicht doch zu hart verfahren, es handle sich bei Luther immerhin um einen durchaus rechtlichen Mann, dessen Lebenshaltung allgemein gelobt werde. Gewiß, Luther habe Zweifel über den Ablaß gehegt, aber auch andere vor ihm hätten schon kühne Äußerungen in diesem Sinne getan. »Nicht jeder Irrtum ist schon eine Ketzerei«, mahnt der ewige Vermittler und rechtfertigt seinen bittersten Gegner Luther, er habe »viele Dinge eher übereilt als in böser Absicht geschrieben«. In einem solchen Falle müsse man nicht immer gleich nach dem Scheiterhaufen schreien und nicht jeden, der verdächtig wäre, schon der Häresie bezichtigen. Wäre es nicht ratsamer, Luther zu warnen und zu belehren, statt ihn zu beschimpfen und zu reizen? »Das beste Mittel für eine Befriedung wäre«, schreibt er an den Kardinal Campeggio, »wenn der Papst von jeder Partei ein öffentliches Glaubensbekenntnis verlangen würde. Damit würde dem Mißbrauch falscher Darstellung abgeholfen und die Tollheit des Redens und Schreibens abgeschwächt.« Abermals und abermals dringt der Konziliante auf ein Konzil, er rät zu einer vertraulichen Aussprache über alle diese Thesen im gelehrten und geistlichen Kreise, die zu einer »dem christlichen Geiste würdigen Verständigung« führen müßte.

Aber Rom hört ebensowenig auf die mahnende Stimme als Wittenberg. Andere Sorgen beschäftigen in diesen Stunden den Papst: sein geliebter Raffaelo Sanzio, dies göttliche Geschenk der Renaissance an die neu erstandene Welt, stirbt plötzlich hin in diesen Tagen. Wer wird jetzt die Stanzen des Vatikans würdig vollenden? Wer den Bau, den so kühn angestrebten der Peterskirche zu Ende führen? Dem mediceischen Papst ist die Kunst, sie, die große und dauerhafte, hundertmal wichtiger als dies kleine Mönchsgezänk irgendwo droben in einem kleinen sächsischen Provinzstädtchen, und gerade weil dieser Kirchenfürst so großzügig sieht, blickt er gleichgültig über dies winzige Mönchlein hinweg. Seine Kardinäle wieder, hochmütig und selbstbewußt – hat man nicht erst eben Savonarola auf den Scheiterhaufen gestoßen und die Ketzer in Spanien aus dem Lande gejagt? – fordern den Bann als einzige Antwort auf Luthers Unbotmäßigkeit. Wozu ihn erst anhören, wozu mit diesem Bauerntheologen noch rechten? Achtlos werden die warnenden Briefe des Erasmus beiseite gelegt, hastig fertigt man in der römischen Kanzlei die Bannbulle aus und befiehlt dem Legaten, mit voller Kraft und Härte dem deutschen Aufrührer entgegenzutreten: durch Starrsinn zur Rechten, durch Starrsinn zur Linken wird die erste und darum beste Möglichkeit zur Versöhnung vertan.

Und doch: in jenen Tagen der Entscheidung – zu wenig ist diese Hintergrundszene beachtet worden – gerät das ganze Schicksal der deutschen Reformation für einen kurzen Augenblick in des Erasmus Hand. Schon hat Kaiser Karl den Reichstag nach Worms einberufen, wo über Luthers Sache, sofern er sich in letzter Stunde nicht beugt, der Stab gebrochen werden soll. Auch der Landesherr Luthers, Friedrich von Sachsen, damals noch nicht sein offener Anhänger, sondern bloß sein Schirmherr, ist zum Reichstag geladen. Dieser merkwürdige Mann, streng kirchenfromm, der größte Sammler von Reliquien und Heiligengebeinen in Deutschland, von Dingen also, die Luther als Tand und Teufelsspiel höhnisch abtut, hegt gewisse Sympathien für Luther, er ist stolz auf den Mann, der seiner Universität Wittenberg solchen Ruhm in der Welt verliehen. Aber er wagt doch nicht, sich offen zu ihm zu bekennen. Aus Vorsicht und weil innerlich noch nicht entschieden, hält er sich diplomatisch zurück, mit Luther persönlichen Umgang zu pflegen. Er empfängt ihn nicht, um (genau wie Erasmus) im Notfall zur Deckung sagen zu können, er habe ad personam mit ihm nichts zu tun gehabt. Aber aus politischen Gründen und weil er diesen starken Bauern im Schachspiel gegen den Kaiser gut brauchen kann, und schließlich auch aus einem partikularistischen Stolz auf die eigene Gerichtsbarkeit, hat er bisher schirmend die Hand über Luther gehalten und ihm trotz päpstlichen Bannstrahls Kanzel und Universität belassen.

Nun aber wird selbst dieser vorsichtige Schutz zur Gefahr. Denn gerät Luther, wie zu erwarten ist, in die Reichsacht, dann besagt, ihn weiterhin zu beschirmen, offene Rebellion eines Landesfürsten gegen seinen Kaiser. Und zu dieser offenen Empörung sind die erst halbprotestantischen Fürsten noch nicht recht entschlossen. Sie wissen zwar ihren Kaiser militärisch machtlos, er hat beide Arme gebunden durch den Krieg gegen Frankreich und Italien, die Stunde wäre vielleicht günstig, die eigene Macht zu mehren, und für einen solchen Vorstoß die evangelische Sache der schönste, der vor der Geschichte ruhmreichste Anlaß. Aber Friedrich, der persönlich fromme und rechtliche Mann, ist noch immer im tiefsten ungewiß, ob dieser sein Priester und Professor auch wirklich ein Bote wahrer evangelischer Lehre sei oder nur einer der unzähligen Schwärmer und Sektierer. Noch ist er nicht entschlossen, ob er vor Gott und der irdischen Vernunft es verantworten könnte, diesen großen und doch gefährlichen Geist weiterhin zu schirmen.

In dieser unentschiedenen Stimmung erfährt Friedrich auf der Durchreise in Köln, daß Erasmus gleichfalls in der Stadt zu Gast sei. Sofort läßt er ihn durch Spalatin, seinen Sekretär, zu sich bitten. Denn noch immer gilt Erasmus als höchste moralische Autorität in weltlichen und theologischen Dingen, noch immer krönt ihn der redlich erworbene Ruhm restloser Unparteilichkeit. Von ihm erwartet sich der Kurfürst die sicherste Beratung in seiner Ungewißheit, und er stellt ihm die offene Frage, ob Luther im Recht sei oder im Unrecht. Fragen, die ein klares Ja oder Nein fordern, liebt nun an sich Erasmus nicht sehr, und besonders diesmal bindet sich unermeßliche Verantwortung an sein Votum. Denn billigt er die lutherischen Taten und Worte, hält, dadurch innerlich bekräftigt, Friedrich weiterhin die Hand über Luther, so ist Luther und damit die deutsche Reformation gerettet. Läßt aber sein Landesherr ihn entmutigt im Stich, so muß Luther aus dem Lande flüchten, um sich vor dem Holzstoß zu retten. Zwischen diesem Ja und Nein liegt ein Weltschicksal, und wäre Erasmus wirklich, wie seine Gegner es behaupteten, neidisch oder feindselig gegen seinen großen Genossen gewesen, jetzt oder nie wäre ihm Gelegenheit geboten, sich seiner für immer zu entledigen. Ein schroff ablehnendes Wort hätte den Kurfürsten wahrscheinlich bestimmt, die Schirmhand von Luther zu lassen. An diesem Tage, dem 5. November 1520, lag das Schicksal der deutschen Reformation, lag die Weltgeschichte wahrscheinlich ganz in Erasmus' zarter und ängstlicher Hand.

Erasmus bewahrt in diesem Augenblick ehrliche Haltung. Keine tapfere Haltung, keine große, keine entschiedene, keine heroische, aber doch (und dies ist schon viel) eine ehrliche. Auf die Frage des Kurfürsten, ob er in den Ansichten Luthers etwas Unrechtes und Ketzerisches erblicken könne, sucht er sich zunächst mit dem Scherzwort herauszudrehen (er will nicht Partei nehmen), das Hauptunrecht Luthers sei gewesen, daß er dem Papst an die Krone und den Mönchen an den Bauch gegriffen habe. Aber dann, ernstlich aufgefordert, seine Ansicht zu äußern, legt er in zweiundzwanzig kurzen Sätzen, die er Axiomata nennt, seine persönliche Meinung über Luthers Lehre nach bestem Wissen und Gewissen fest. Einige Sätze lauten mißbilligend wie: »Luther mißbraucht die Nachsicht des Papstes«, aber in den entscheidenden Thesen stellt er sich mutig an die Seite des Bedrohten: »Von allen Universitäten haben nur zwei Luther verdammt, und diese haben ihn nicht widerlegt. Luther verlangt daher nur etwas Billiges, wenn er öffentliche Diskussion und unverdächtige Richter begehrt«, und: »Das Beste, auch für den Papst, wäre, die Sache durch angesehene, unverdächtige Richter beilegen zu lassen. Die Welt dürstet nach dem wahren Evangelium, und der ganze Zug der Zeit geht dahin. Ihm soll man sich nicht auf so gehässige Weise entgegensetzen.« Sein endgültiger Rat verbleibt, daß durch Nachgiebigkeit und ein öffentliches Konzil diese heikle Angelegenheit geordnet werden solle, ehe sie in einem »tumultus« ausarte und für Jahrhunderte die Welt in Unruhe setze. Mit diesen Worten ist (Luther hat es Erasmus übel gedankt) eine weittragende Wendung zugunsten der Reformation eingetreten. Denn wenn auch etwas verwundert über gewisse Zweideutigkeiten und Vorsichtigkeiten in Erasmus' Darlegungen, tut der Kurfürst doch genau, was Erasmus in jenem nächtlichen Gespräch ihm vorgeschlagen. Am nächsten Tage, dem 6. November, fordert Friedrich von dem päpstlichen Gesandten: Luther soll öffentlich von gerechten, freien und unverdächtigen Richtern gehört und seine Bücher nicht vorher verbrannt werden. Damit protestiert er gegen den schroffen Standpunkt Roms und des Kaisers: der Protestantismus der deutschen Fürsten hat zum erstenmal die Stimme erhoben. Durch seine heimliche Hilfe hat Erasmus der Reformation in entscheidender Stunde entscheidende Hilfe geleistet und statt der Steine, die sie nachher gegen ihn schleuderte, ein Denkmal verdient.

Dann kommt die Weltstunde zu Worms. Überfüllt ist die Stadt bis zu den Dächern und Firsten, ein junger Kaiser zieht ein, begleitet von Legaten, Gesandten, Kurfürsten, Sekretären, umringt von den flammenden Farben der Reiter und Landsknechte. Wenige Tage später zieht ein kleiner Mönch denselben Weg, ein einzelner Mann, vom Banne des Papstes getroffen und bloß durch einen Geleitbrief, den er in der Tasche gefaltet trägt, vor dem Ketzerbrand geschützt. Doch abermals brausen und branden die Straßen von Jubel und Begeisterung. Den einen Mann, den Kaiser, haben die deutschen Fürsten, den andern hat das deutsche Volk zum Führer Deutschlands gewählt.

Die erste Aussprache verzögert die schicksalsschwere Entscheidung. Noch ist der erasmische Gedanke lebendig, noch herrscht leise Hoffnung auf eine Vermittlungsmöglichkeit. Aber am zweiten Tage spricht Luther das welthistorische Wort: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders.« Die Welt ist zerrissen in zwei Teile: zum erstenmal seit den Tagen des Johann Hus hat ein Mann vor dem Antlitz des Kaisers und des versammelten Hofes der Kirche den Gehorsam versagt. Ein leises Schauern läuft durch den höfischen Kreis, sie raunen und staunen über das freche Mönchlein. Unten aber jubeln die Landsknechte Luther zu. Ahnen sie, daß aus dieser Weigerung für sie guter Wind bläst? Wittern sie, diese Sturmvögel, schon den nahen, den kommenden Krieg?

Wo aber ist Erasmus in dieser Stunde? Er ist, dies seine tragische Schuld, in einem welthistorischen Augenblick ängstlich in seiner Studierstube geblieben. Er als der Jugendfreund des Legaten Aleander, mit dem er Tisch und Bett in Venedig geteilt, als Respektsperson des Kaisers, als Gesinnungsgenosse der Evangelischen, hätte einzig und allein hier die harte Entscheidung noch aufhalten können. Aber er fürchtet, der ewig Zaghafte, das offene Vortreten, und erst als er die schlimme Nachricht erfährt, begreift er das Unwiederbringliche des versäumten Augenblicks: »Wenn ich selbst dabeigewesen wäre, so hätte ich mein Möglichstes getan, daß diese Tragödie durch maßvolles Verfahren beigelegt worden wäre.« Aber welthistorische Stunden lassen sich nicht mehr einholen. Immer hat der Abwesende unrecht. Erasmus hat in dieser Weltstunde nicht den ganzen Einsatz seines Wesens, seiner Kraft, seiner Gegenwart an seine Überzeugung gegeben, darum ist seine erasmische Sache verloren. Luther hat sich völlig eingesetzt mit äußerstem Mut und der ungebrochenen Kraft seines Siegerwillens: darum ward sein Wille zur Tat.