Anzeige
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Elftes Kapitel

Über das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen und Lagen

1.

Zuerst aber die Aufführung gegen unsre Feinde. Man kränke niemand vorsätzlich! Man sei wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, grade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen. Man erlaube sich keinen Schritt zum Nachteil eines andern. Man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit. Man verleumde niemand. Man verschweige selbst das wirklich Böse, das man von seinen Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen Beruf hat oder das Wohl andrer es bestimmt erfordert, darüber zu reden – so wird man – etwa keine Feinde haben? – das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.

Es steht nicht immer in unsrer Willkür, geliebt, aber es hängt immer von uns ab, nicht verachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob sind sehr entbehrliche Dinge; allgemeine Achtung können dem Redlichen und Weisen wider Willen selbst die Schurken in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu sein.

Will man ohne Angst in dem Umgange mit Menschen leben, so darf es uns nicht beunruhigen, wenn nicht alle Menschen uns für gut und weise halten. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen manches ertragen zu müssen, und die, welche die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrenteils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter oder niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studiert hat und es recht darauf anlegt – allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst. – Und was bekümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz nicht kennen, ja, die mich nie gesehn haben, durch die Geschwätze irgendeines alten Weibes gegen mich eingenommen sind oder nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren. Es schleicht immer eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Mut haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hilflos, scheu und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen möchten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel; jeder gute Mann hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu tun, so daß es vergebens ist, Alliierte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne Sicherheit gilt, davonlaufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merkte er es nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde«, wird für einen mächtigen Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse, dahingegen über den Verlassenen jeder, wie die benachbarten Fürsten über das Eigentum einer kleinen Reichsstadt, herfällt.

Werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen noch Schriften; und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es mehrenteils geschieht, bei ihnen im Spiele ist, so lasse Dich auf keine Art von Explikation ein. Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so zeige man Stolz und Würde in seinem Betragen, und die Zeit wird alles aufklären.

Nicht alle Bösewichte sind unempfindlich gegen eine edle, großmütige, immer gleiche, grade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, solange sich's irgend tun läßt, gegen seine Feinde. Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern fürchten, daß sie selber sich in den Augen des Publikums herabsetzen würden, wenn sie fortführen, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.

Wollen sie aber dennoch nicht das Gewehr strecken und macht Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker, dann zeige einmal mit großer Kraft, was Du tun könntest, wenn du wolltest. Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge. Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten. Mache keine gemeinschaftliche Sache mit einem Schelme, um den andern zu bekämpfen, sondern tritt ganz allein mutig, kühn, schnell, grade und öffentlich gegen sie auf. Es ist unglaublich, wieviel ein einziger mit einem guten Gewissen und edlem Feuer gegen Scharen von Nichtswürdigen vermag.

Sei nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Überwundenen, des Unglücklichen schone und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals zugefügt, sobald er außerstande ist, Dir ferner zu schaden, sobald er die Stimme des Publikums gegen sich hat. Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß der Mann bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird. Sei zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtraun. Es ist besser, unschuldigerweise zum zweitenmal beleidigt zu werden, als ein einzigmal den Mann zu kränken, zu erbittern und ihm allen Mut zu nehmen, dem es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist. Aber man muß auch verzeihn können, ohne darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemütsart eines Menschen dann kennenzulernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe acht, ob er es wiedergutzumachen sucht durch Bitten um Verzeihung – und wie? Gleich oder spät nachher? Öffentlich oder heimlich? Und warum nicht gleich und nicht vor allen Leuten? Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit oder Blödigkeit? Oder ob er gar keinen Schritt tut, sondern uns laufen läßt, wohl gar mault und Feindschaft auf den Beleidigten wirft? Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, Winkelzüge macht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um recht zu behalten? Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.

Hast Du jemand beleidigt, so suche sobald möglich Dein Unrecht gutzumachen – nicht auf kriechende, aber auf herzliche Weise. Unmöglich lassen sich hier für alle einzelnen Fälle Vorschriften geben; nur muß ich bemerken, daß es Menschen gibt, die durch jede kleine Herablassung, die man ihnen zeigt, so übermütig und geneigt werden, uns Unrecht zuzufügen, daß man gegen diese, wenn man ihnen eine unbedeutende Beleidigung zugefügt hat, die oft nur in ihrer Einbildung besteht, die Ersatzleistung nicht zu weit treiben, sondern lieber durch nachheriges vorsichtigere Betragen die Übereilung vergessen zu machen suchen muß.

Je vornehmer der Mann, der von Feinden verfolgt wird, um desto wichtiger ist es, daß er den größten Teil dieser Vorschriften sich zunutze mache. Ein Minister wird oft durch kleine, sehr kleine Leute, deren Einfluß er verachtet, bloß dadurch gestürzt, daß er bei dem ersten Angriffe Furchtsamkeit, Mangel an Zuversicht blicken läßt.

Übrigens hat man nicht unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohltäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, die Nachsicht unsrer parteiischen Freunde und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, um desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns, auf unsrer Hut zu sein, um ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu sein als die unter entzweieten Freunden. Unsre Eitelkeit kommt da in das Spiel; wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu sein; wir wenden alles an, um diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. – Doch über das Betragen gegen Freunde nach dem Bruche habe ich ja schon im sechsten Kapitel dieses Teils geredet.

2.

Man kommt oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit Leuten umzugehn, die einander feind sind, wo man es also gar leicht mit einer Partei verdirbt, sobald man mit der andern gut steht, und es mit beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten oder auf unvorsichtige Weise in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeitsregeln:

Soviel man kann, vermeide man die Unannehmlichkeit, mit zwei Parteien zu gleicher Zeit umzugehn, die miteinander in Zwist leben.

Kann man dies aber nicht ändern, zum Beispiel ohne plötzlich ein Verhältnis aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden, so setze man sich womöglich auf den Fuß, durchaus nicht eingeflochten zu werden in die obwaltenden Streitigkeiten! Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde. Diese Regel findet vorzüglich dann statt, wenn Menschen, die ehemals vertrauete Freunde gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft miteinander geraten. Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir klagt. Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zuviel gesagt haben und nachher wieder einig mit seinem Gegenteile werden, oder es mag in dauernde Feindschaft übergehn, so wird er es doch bei kaltem Blute übelnehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen geraten hast.

Kann man aber auch dies nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller Zweizüngigkeit. Das heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Partei ist, zum Nachteile der andern, und wiederum zum Tadel jener, wenn diese es wünscht; sondern, wenn man sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten Manne zukommt.

Noch schändlicher aber als jene Duplizität ist das Verfahren mancher Menschen, die, um dabei im trüben zu fischen oder um dadurch zu einer wichtigen Person zu werden oder aus Schadenfreude und Geist der Intrige, von beiden Seiten Öl zum Feuer gießen und den Zwist unterhalten.

Wenn man ferner die streitenden Teile nicht recht genau kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu tun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse oder durch andre, mit Hilfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt werden; sondern wenn böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemütsart oder unbändige Leidenschaft im Spiele ist, folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung nach den Gemütsarten der Leute zu hoffen steht, so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnungen stiften zu wollen. Man verdirbt es dabei leicht mit einer Partei und nicht selten mit beiden.

Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich für oder gegen eine von den beiden Parteien bestimmt erkläre, so nehme man sich nicht etwa, wie Leute von niedriger Denkungsart zu tun pflegen, immer der stärkern gegen die schwächre an oder drehe gar den Mantel nach dem Winde, um abzulauern, wer siegen wird, und alsdann den im Stiche zu lassen, der von dem andern durch allerlei Kabale unterdrückt worden; sondern man entscheide sich ohne Ansehn der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft männlich und unerschütterlich nach den Regeln der Gerechtigkeit für den, von dem uns unsre Vernunft sagt, daß er recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugetan, es gehe auch, wie es wolle.

3.

Wenden wir uns jetzt zu Kranken und Leidenden. Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und bescheidne Wartung gewährt, der wird es nicht unnütz finden, daß ich ein paar Worte hierüber sage. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich aber freilich nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein passenden Regeln vorschlagen; doch soviel sich im ganzen über diesen Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden.

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufmunterung des Gemüts, Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Wartung das einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar sein möchte.

Ich gestehe, daß in schweren Krankheiten mir die Aufwartung bezahlter Wächter immer angenehmer gewesen ist als die sorgfältige, liebevolle Zudringlichkeit werter Freunde. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen und leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer lästig; wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns umzugehn; erregen unsre Ungeduld durch Fragen und machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kommt, daß der Gedanke, sie zu häufig zu bemühn, und die Furcht, sie zu beleidigen, wenn wir über etwas unzufrieden sind, uns einen peinlichen Zwang auflegen. Will man daher seinen Freund selbst pflegen, so suche man die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen und den Leidenden so wenig als möglich zu genieren, sondern alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu haben scheint. Man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune oder zänkisch wird. Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt.

Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Gemütsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer.

Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm sein würden, nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht teilnehmen kann.

Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle, denn das macht ganz verkehrte Wirkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Torheit bestärken, sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Teilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und wenn der Sitz des Übels im Gemüte ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen suchen.

Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine törichte Schwäche. Auf unmännliche, marzipanene Stutzer vielleicht, nicht aber auf verständige Menschen kann geistige und körperliche Gebrechlichkeit besonders vorteilhaft wirken, und nur in einem Zeitalter von allgemeiner Entnervung darf man auf den Gedanken geraten, durch Klagen über Mangel an Prästanz sowie durch blöde Augen, Blähungen und schwache Werkzeuge sich von einer artigen Seite zeigen zu wollen. Man suche solche Leute von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sei, Bewundrung als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein vorteilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das an Leib und Seele gesund, in seiner vollen Kraft zur Ehre der Schöpfung dasteht.

Endlich in Unpäßlichkeiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo Seelenleiden das Übel vermehren und die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte aufspannen, seine ganze Lebhaftigkeit in Bewegung setzen, um Heiterkeit, Mut, Trost und Hoffnung in das Gemüt des Kranken zurückzurufen.

4.

Noch schonender als mit diesen Leidenden soll man mit Leuten umgehn, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt; mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen. Reden wir von jeder dieser Klassen ein paar Worte besonders.

Nimm Dich des Armen an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Not zu erleichtern. Weise nicht den Dürftigen von Deiner Tür zurück, solange Du noch ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen eine kleine Gabe zu geben hast. Sei es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, und – wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art Wohltaten zu erzeigen die Rede war – gib es mit guter Manier. Kalkuliere nicht so genau, ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke schuld sei oder nicht. Wer in der Welt würde ganz unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles so strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts oder nur wenig geben, so brauche keine leeren Ausflüchte. Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerlei Vorwande wiederbestellen oder vertrösten. Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zur Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist; sondern sprich den Mann selbst und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst. Tue auch auf das erste Wort, was zu tun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche. Gib aber nicht als ein Verschwender, sondern laß Deine Wohltaten von der Gerechtigkeit gegen Dich und andre geordnet werden und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faulenzer, was Du dem hilflosen Alter, der Gebrechlichkeit und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist. Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe von einem sanften Trostworte, von einem vertraulichen Rate und von einem freundlichen, mitleidigen Blicke. Gehe schonend und äußerst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind. Sie pflegen sehr empfindlich zu sein, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück ihrer Annut wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich von diesem Haufen. Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich. Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern kannst. Überhaupt sind alle Unglücklichen mißtrauisch und meinen, jedermann sei gegen sie. Suche ihnen diesen Wahn zu benehmen. Bemühe dich, ihr Zutraun zu gewinnen.

Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers. Fliehe nicht die Wohnungen der Not und der Dürftigkeit. Man muß vertrauet sein mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um teilnehmend mitempfinden zu können bei dem Leiden des unglücklichen Bruders. Wo der bescheidne Arme im Verborgnen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hilfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessere Tage gesehn hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie mit allem Fleiße durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten schamhafte Tränen über gerungene Hände rollen – dahin, menschenfreundlicher Wohltäter, dahin dringe Dein Blick! Da kannst Du Deine Gelder, den Überfluß dessen unterbringen, was Dir der Schöpfer anvertrauet hat, und Zinsen damit erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann.

Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Mut. Er fürchtet allerorten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demütigung ertragen zu müssen und zeigt sich allerorten in schwachem Lichte – Ach, ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie ein Gleiches tun.

Manchen aber drücken schwerere Leiden als die der Armut und des Mangels; Seelenleiden, die an der Knospe des Lebens nagen. O, schone des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen und weine eine brüderliche Träne mit ihm. Richte aber die Art Deiner Behandlung nach Vernunft ein. Es gibt Augenblicke des Schmerzens, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden; und da ist Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man mit ihnen über ihr Unglück plaudert; es gibt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert; es gibt andre Situationen, in welchen ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muts, Aufruf zu stolzerer Zuversicht angewendet werden müssen – ja, es gibt Lagen wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausziehn und der Verzweiflung entreißen muß. Die Klugheit aber soll uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, was für Mittel wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern aneinander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrenteils nur miteinander und versinken immer tiefer in Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Hiervor warne ich daher und rate jedem Bedrängten, wenn weder Gründe der Vernunft, die er sich selbst vorhalten kann, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes zu wählen, und an dieses Mannes Seite die Gedanken auf andre Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es gibt Menschen, die bei Veranlassung zur Betrübnis weniger traurig als mürrisch, zänkisch, ja, sogar hämisch sind, so daß sie andre Unschuldige darunter leiden lassen, daß nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch Schmerz, und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mann ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und geneigt werden, aufzufahren; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dies um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, insofern es die Klugheit erlaubt und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden als nützen. Dies ist nicht nur Pflicht, wenn von tätiger Hilfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; sondern man soll es sich auch zum Gesetze machen, im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehn und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz den innern Wert verdunkeln und der Schwätzer und Persifleur den Weisen überschreien, in diesen Zirkeln den guten Mann, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja mit Verachtung behandelt, gedemütigt, lächerlich gemacht wird, aus seinem Winkel hervorzuholen und ihn durch ehrenvolles, freundliches Zureden in gute Laune zu setzen. Man gebe einem solchen nur Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, sich auf anständige Weise in die Unterhaltung zu mischen, und man wird sich wundern, welch ein ganz andrer Mensch aus ihm werden kann. Oft habe ich mich innerlich geärgert über die Art, mit welcher zuweilen Stabsoffiziere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was jene sind; wie die Hofmeister in großen Häusern, die Gesellschafterinnen vornehmer Törinnen, die Auditoren auf manchen Ämtern, die armen Landmädchen in den Zirkeln der dürren Stadtfräulein, die Kandidaten an den Tafeln feister Konsistorialräte und die jungen Kaufmannsdiener in den Gesellschaften ihrer Patrone behandelt werden; und wo mein Betragen nur irgend von Gewicht sein konnte, da rechnete ich es mir immer zur Ehre, solche Märtyrer des Hochmuts aus ihrer peinlichen Lage zu reißen, mich ihrer anzunehmen und mit ihnen zu reden, wenn jedermann sie stehn ließ.

Sonderbar ist eine Bemerkung, die ich so oft zu machen Gelegenheit gehabt habe und die ich hier anführen will. Sie ist nämlich diese: Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht jeder, selbst der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine Partei zu ergreifen; doch wohl zu merken, wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ganz unglücklich, solange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die Verirrten und Gefallnen am mehrsten zu bedauern. Hierunter verstehe ich solche, die vielleicht durch einen einzigen begangenen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen eingeflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit schlecht zu handeln erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, Menschen, zu sich selber und den Mut verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind, sage ich, am mehrsten zu bedauern, denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann, das Bewußtsein, nicht mutwilligerweise sich das Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unparteiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irrezuleiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten manche Reizungen scheinen; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Außenseiten mancher Laster sind; wie diese zuweilen sogar den Mantel der Philosophie umzuhängen und durch sophistische Gründe die innre Stimme der bessern Überzeugung zum Schweigen zu bringen verstehn, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankommt, um das Opfer der feinsten Täuschung und stufenweise, unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmut oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen, wie ungerechtes, schändliches Mißtraun ihn verleiten kann, das zu werden, wofür man ihn doch einmal hält; wenn man dann demütig auf seine Brust schlüge und gestünde, daß mehrenteils nichts als das Zusammentreffen derselben innern und äußern Umstände, wodurch jene gefallen sind, erfordert worden wäre, um aus uns zu machen, was sie sind – o, so würden wir nicht so strenge richten, würden nicht so zuversichtlich pochen auf unsre Tugenden, die nicht selten nur das Spiel des Temperaments, das Werk des Zufalls sind, würden uns der Gefallenen annehmen und dem Strauchelnden liebevoll die Hand reichen. – Aber heißt das nicht tauben Ohren predigen? – Doch mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen; also zur Sache! Nichts bessert weniger als kalte moralische Predigten. Es gibt wenig Menschen selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück will nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredsamkeit spricht als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehn, Deine Tugendlehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm und nach den Umständen bildreich, sinnlich, erschütternd, hinreißend sein; allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege voraussehn, auf welchen Du ihn zu leiten die Absicht hast. Dein Umgang, Dein Rat muß ihm zum Bedürfnisse werden. Dies aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen sein, wenn – es nicht so gekommen wäre, als es gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten als öffentliche Verachtung und Bezeugung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zurechtzuführen, der begegne ihm mit Schonung und zeige ihm wenigstens äußerlich, daß man die beste Erwartung von ihm habe, daß man von seinen herrlichen und guten Vorsätzen alles hoffen könne, und gebe ihm zu verstehn, daß, wenn er einmal wieder mit festem Fuß auf edlerer Bahn wandle, er sichrer vor neuer Verführung sein werde als der, welcher die Gefahr nicht kennt. Man zeige ihm, wenn er wirklich anfängt sich zu bessern, wäre diese Besserung auch anfangs nur erzwungen oder verstellt, wie mit jedem Tage unsre Achtung für ihn wächst. – Wenn er Verstand hat, so wird er schon sehn, ob Du der Mann bist, den er in der Folge täuschen kann. – Man werfe ihm nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen vor, sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung zu haben. Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einer Art von Habitüde geworden sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden, und obgleich man dann die Stärke seines Vortrags und der angewendeten Mittel zur Besserung verdoppeln muß, so soll man doch nicht mutlos werden noch dem Rückkehrenden den Mut benehmen. Lasset uns endlich zur Ehre der Menschheit und zu Erweckung unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben sein könne, daß ihm nicht bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Mittel noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet und so bereitwillig seid, einen Mann oder ein Weib, die durch irgendeine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen und mit Schande und Spott zu beladen, indes Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder dasselbe heimlich treiben oder wenigstens treiben würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung jene ergreift; wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden und zuletzt, ohne Rettung verloren, durch Eure Schuld zugrunde gehen!