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Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Zwölftes Kapitel

Über das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben

1.

Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit als Haupterfordernisse zu allen Geschäften und Verrichtungen im menschlichen Leben empfohlen; nirgends aber sind uns diese Eigenschaften notwendiger als in Vorfällen, wo wir oder andre in augenscheinlicher Gefahr schweben. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es not ist zu handeln. Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest. Sei Dir gegenwärtig in Feuer- und Wassersnot und dergleichen, wo man oft alles verliert, wenn man den Kopf verliert, wo die, welche wir retten können, zuweilen gezwungen werden müssen, sich uns zu überlassen. Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam oder, wenn Verzweiflung sie berauscht, nicht genug auf ihrer Hut, auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker als zehn solcher Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre zu verteidigen oder nicht; ob es geratner sei, Lärm zu machen oder sich in sein Schicksal zu finden, der Übermacht zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rate ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken und sich dann dienliche Maßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen Teil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie auch zuweilen in wirkliche Verlegenheit zu setzen, um sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen und sie auf die Probe zu stellen.

2.

Ich habe einmal den Wunsch geäußert, es möchte jemand, statt die ungeheure Anzahl von Beschreibungen großer und kleiner Reisen durch alle Winkel von Deutschland zu vermehren, ein Werk drucken lassen, in welchem er Vorschriften gäbe, wie man sich im allgemeinen zu betragen hätte, um wohlfeiler, angenehmer und nützlicher zu reisen; sodann darin sagte, in welchen Provinzen zu Wagen, in welchen aber zu Pferde besser fortzukommen wäre und so ferner. Stehen auch Bemerkungen darüber zerstreuet in solchen nützlichen Werken als zum Beispiel in des Herrn Nicolai Reisebeschreibung, so würde dennoch ein Buch, in welchem diese Vorschriften gesammelt wären, meiner Meinung nach nicht überflüssig sein. In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer Teil dieser Regeln Platz finden; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehn, denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch auch das Reisen mit. Also einige einzelne Anmerkungen über das Betragen auf Reisen.

Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von demjenigen, was unterwegens und in den Örtern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und den unvermeidlichen Geldausgaben zu unterrichten, damit man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerate, noch etwas zu sehn versäume, das der Aufmerksamkeit wert scheint.

Man verrechnet sich leicht in seinen Überschlägen der Reisekosten; ich rate daher nicht nur, nach gemachtem Etat sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu sein, daß man in den Hauptörtern, durch welche man kommt, an sichre Männer adressiert sei oder sonst Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit zu reißen.

In Deutschland hat man mehr als in andern Ländern Ursache, wegen des sehr verschiedenen Münzfußes sich beim Geldwechseln in acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirte den Fremden dabei hintergehen oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.

In manchen Gegenden, besonders im Reiche, ist es vorteilhafter und geht dennoch ebenso schnell (besonders, wenn man nur wenig Tagereisen macht, bevor man sich in einer Stadt verweilt), sich durch sogenannte Hauderer oder Mietkutscher fahren zu lassen; in andern hingegen kommt man am besten mit Postpferden fort. Im erstern Falle ist es nicht gut, einen eigenen Wagen zu haben, wenigstens ist dann selten Vorteil dabei. Es gibt aber auch Landschaften, in welchen man am bequemsten und nützlichsten zu Pferde reist, und andre, wo man seinen Zweck am vollkommensten erreicht, wenn man zu Fuße wandert.

Leute von gewissem Stande pflegen Tag und Nacht fortzurollen, ohne sich unterwegs aufzuhalten. Dies mag recht gut sein, wenn man die teuren Zehrungen in den Wirtshäusern ersparen will, wenn man eilig ist, um den Ort seiner Bestimmung zu erreichen, oder wenn man mit den Gegenden, welche man durchreist, schon so bekannt geworden, daß man da nichts mehr sehn kann, das unsrer Beobachtung wert wäre. Außerdem aber rate ich, lieber kleine Reisen aufmerksam zu unternehmen, als große, auf denen man bis in die Hauptstädte hinein nur Postmeister und Postknechte kennenlernt.

Auch mische man sich, wenn es uns ein Ernst ist, unsre Menschen- und Länderkenntnis zu erweitern, unter Personen von allerlei Ständen. Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich, aber das eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach ihnen muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurteilen.

Nicht in allen Provinzen von Deutschland sind Wege und Postanstalten gleich gut. Man muß dies in genaue Erwägung ziehn und darnach seine Verfügungen treffen, besonders wenn uns daran gelegen ist, schnell fortzukommen.

Zum Reisen gehört Geduld, Mut, guter Humor, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost und dergleichen nicht niederschlagen lasse. Dies ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei der geringsten unangenehmen Begebenheit aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirtshause so viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, als er zu Hause hat.

Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt und auf gewisse Weise vertraut, die wir außerdem schwerlich zu Gesellschaftern wählen würden; das ist auch weiter von keinen Folgen, und ich brauche wohl übrigens nicht zu erinnern, daß man sich hüten müsse, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterwegens antrifft, zu weit zu gehn, und dadurch Abenteurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.

Ich rate niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit geraten, und selten ist es nötig und nützlich, ein solches Inkognito zu beobachten.

Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen und prächtig gekleidet zu sein. Das ist eine törichte Eitelkeit, die sie in den Wirtshäusern teuer büßen müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn dieser weitergereist und nichts mehr von ihm zu ziehn ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man in Niedersachsen rechtlich nennt, in seinem Aufzuge zu sein, sich nicht zu vornehm und nicht zu demütig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, in beiden Extremitäten, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dies ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehn ist, oder für einen Aventurier angesehn wird, dem man aus dem Wege gehn und der mit schlechter Bewirtung vorliebnehmen muß.

Man kleide sich bequem. Ein ungemächlicher Anzug macht unbehaglich, ungeduldig und müde.

Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte. So gebe man zum Beispiel den Postillons zwar nicht übertriebne, aber doch nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das einer dem andern auf den Stationen wieder; man kommt dann schneller fort und hat manche Vorteile davon.

Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Ruf einer ausgezeichneten Grobheit zu sein. Es kommt aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht, und ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, das wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewendet.

Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrenteils in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch wohl mit den Postillons, um den Schaden für viel größer auszugeben, als er ist, und desto mehr Geld von uns zu ziehn. Ich rate desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen oder durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.

Die Postknechte sind größtenteils von den Gastwirten bestochen, oder ein Wirt verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen Stadt, um den Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber weder immer die besten noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen, wo man am besten und billigsten behandelt wird.

Nichts ist auf Reisen bei kaltem Wetter erwärmender und unschädlicher zu trinken als zuweilen ein wenig Weinessig.

Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf achtgeben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andre Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chausseeaufsehern sich zu verstehn, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren wir doppelt soviel bezahlen müssen als festgesetzt ist und man gegeben haben würde, wenn man das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätte.

Es ist eine Gewohnheit der Postknechte, in allen Städten rasch zu fahren; eine Gewohnheit, die ihren Nutzen hat und gegen welche man nicht eifern soll. Ist nämlich an der Kutsche etwas zerbrechlich, so würde es besser sein, wenn es da vollends bräche und risse, wo die Hilfe nahe ist, als auf offner Straße. Hält aber das Fuhrwerk die Probe des Rasselns auf dem Steinpflaster aus, so kann man hoffen, damit an Ort und Stelle zu kommen.

Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das genaueste zu akkordieren, bevor man etwas ausbessern läßt oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Örtern anschafft.

Das sicherste Mittel für einen Gastwirt, viel Zuspruch zu bekommen und also Geld zu gewinnen, ist: höflich, billig, nebst seinen Leuten schnell zur Aufwartung und nicht neugierig zu sein. Da dies aber nicht immer der Fall ist, so fährt der Fremde, der nicht Lust hat, doppelt zu bezahlen, am besten, wenn er sich mit Geduld waffnet und sowenig als möglich zankt.

Wenn der Gastwirt übermäßig viel für die Zehrung fordert und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will, so tut man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Spezifikation jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe wert sein, ihn bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte – und wer kann denn mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel sich herumzanken? In Wirtshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der Wirt, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sei sehr schlecht. Hier ist der beste Rat, nur gleich Wein zu bestellen und (wenn uns daran gelegen ist, Bier zu trinken) dies hinterher zu verlangen.

In den mehrsten schlechten Wirtshäusern rauchen die Öfen und werden nicht geschmiert, damit der Gast bestelle, daß man das Holz wieder herausziehn soll und dennoch bezahlen müsse; die Betten sind zu kurz, die Kissen mit blauen Überzügen versehn, damit man den Schmutz nicht wahrnehme. Gegen die erste Ungemächlichkeit ist kein Mittel zu finden, als gar nicht einheizen zu lassen. Die andern kann man heben, wenn man auf der Erde auf Stroh – seine eigenen mitgenommenen Betten und Bettücher legen läßt.

Die Wirte fragen uns gemeiniglich: was wir zu essen befehlen? – Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen zu lassen braucht; denn bestellt man nun etwas, zum Beispiel ein Huhn, einen Pfannekuchen oder dergleichen, so muß man dies Gericht und noch obendrein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen. Man tut da am besten zu antworten: man verlange nichts, als was grade im Hause oder schon zubereitet sei. Auch rate ich – ausgenommen in so großen Gasthöfen, als etwa in Frankfurt am Main bei meinem ehrlichen Krug, Herrn Dick, Fritsch, und in andere solchen Häusern – keine fremden Weine, sondern nur gemeinen Tischwein zu begehren. Es kommt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem Unterschiede, daß das, was man uns als alten oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man uns am allgemeinen Wirtstische versorgt. Und selbst an dieser Wirtstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender als auf seinem Zimmer seiner eigenen Person gegenüberzusitzen.

Manche Postmeister, die zugleich Gastwirte sind, brauchen folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vorteile: Wenn man Pferde wechselt und indes eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indes werden die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht unser Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sei und fort wolle. Man soll also in Eil wenig essen und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich rate aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irremachen zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.

Wenn Postmeister in Ländern, wo keine gute Postordnung eingeführt ist, uns mehr Pferde aufdrängen wollen als billig und zu Fortschaffung unsers Fuhrwerks nötig ist, sei es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahreszeit, oder daß unsre Kutsche zu schwer sei, so hilft es selten, wenn man sich aufs Bitten legt oder ein Recht, auf ebensolche Weise weiterbefördert zu werden, als man gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als sich zu verweilen, um einen Prozeß bei dem Oberpostamte zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrer Pferde Folgen für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, uns einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dies weiter nicht von Konsequenz sein solle. Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Dokument hat keinen Nutzen; auf der nächsten Station wird man uns, wenn grade ein paar Pferde müßig stehen, nichtsdestoweniger ebenso viele vorspannen und uns wiederum einen Schein anbieten, der ebenso unwirksam bleiben würde als der erste. Das sicherste Mittel in solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu geben und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder aber ein oder zwei Pferde mehr zu bezahlen, ohne sie vorspannen zu lassen.

Wenn man Wasserreisen auf Strömen macht oder Hausrat auf diese Weise fortbringen läßt, so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle sein wollen. Sie halten sich mehrenteils unterwegens auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Profit aufzunehmen oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies alles der bündigste schriftliche Kontrakt aufgesetzt sein.

Wer zu Pferde reist, sei es nun mit oder ohne Reitknecht, der darf sich nicht auf die Leute in den Wirtshäusern in Ansehung der Verpflegung seiner Kavallerie verlassen, sondern muß selbst besorgt sein oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.

Man unternehme keine weite Reise auf Mietkleppern, wenn man nicht zuverlässig weiß, daß die Pferde gesund und gut sind, ein paar Tage vorher geruht haben und frisch fortgehen; denn wenngleich die Pferdeverleiher sehr ernsthaft zu bitten pflegen: man möge ja dem Gaule mit den Sporen nicht zu nahe kommen, er sei gewaltig feurig, so sind doch diese feurigen Bucephalen oft mit Sporen, Peitschen und Verwünschungen nicht aus der Stelle zu bringen.

Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier noch manche gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, langsam in und langsam aus dem Stall reiten solle; daß man nicht wohl tue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten usf. Man sage nicht, daß dies bekannte Dinge sind! Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen, aber praktisch reiten lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich sehe schon die Herrn Krittler die Nase rümpfen, darüber daß so etwas in einem Buche über den Umgang mit Menschen Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört, daß ein deutscher Rezensent gesagt hat: ich sei in den Fehler so vieler deutscher Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu viel Vollständigkeit geben wollten und darüber freilich – weniger amüsant schrieben.

Das Fußgehn ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen, beobachten, was man außerdem nicht erfahren würde. man ist ungebunden; kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg wählen; sich aufhalten, einkehren, wenn und wo man will; man stärkt den Körper; wird weniger erhitzt und gerüttelt; hat Appetit, hat Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirtung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Ich bin auf diese Weise einige Kreise von Deutschland verschiedenemal durchwandert und habe unter andern auf solche Art die erste genauere Bekanntschaft mit dem Paradiese von Deutschland, mit der schönen Pfalz gemacht. Hier wurde der Entschluß in mir reif, eine Zeitlang mich da niederzulassen, wo ich nachher vier Jahre hindurch so manche glückliche Stunde in der herrlichsten Gegend, an der Seite edler Menschen und unvergeßlich lieber Freunde verlebt habe, denen ich hier dies kleine Opfer treuer, dankbarer Hochachtung bringe; aber ich habe doch auch gefunden, daß diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft ist. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften und dergleichen mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen kann, mit der Post in die Hauptörter schickt, durch welche man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß diese in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu reisen zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser gekleidet als gewöhnliche Fußgänger, so hält man uns entweder für verdächtige Menschen, für Abenteurer oder für Geizhälse; man wird beobachtet, ausgefragt, und mit einem Worte, man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirte ihre Fremden zu taxieren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man wie ein reisender Handwerksbursche in Dachstübchen und schmutzige Betten einquartiert, oder man muß jedesmal weitläufig erzählen: wer man ist und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheint. Bei Fußreisen ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich angenehm.

Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, die näher als die gewöhnlichen sein sollen. So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurteile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab als die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Überlegung gebrauchen, um die Irrtümer ihrer Voreltern zu berichtigen.

Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh morgens nichts als ein Glas Wasser. Hat man dann einige Stunden zurückgelegt und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brot zur Erquickung heilsam. Selten ein Glas Wein kann auch nicht schaden; Branntwein macht müde und schlaff.

Will man sich ausruhn, so hüte man sich, zu nahe an der Straße sich unter einen Baum zu legen. Das sind gewöhnlich Plätze, wo Bettelleute sich lagern und Ungeziefer zurücklassen.

Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald und denkt binnen einen oder zwei Tagen wieder zurückzukehren, so streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wiederzufinden. Man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock.

3.

Ich komme jetzt zu dem Umgange mit betrunkenen Leuten. Der Wein erfreut des Menschen Herz, und wenn man dies Vehiculum nicht als ein notwendiges Bedürfnis, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern als ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüte eines ehrlichen Biedermanns weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen, so habe ich nichts dagegen einzuwenden, sondern gestehe vielmehr, daß ich selbst die wohltätige Wirkung dieser herrlichen Arzenei aus dankbarer Erfahrung kenne. Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn dies auch nicht der Fall ist, so bleibt es schon unangenehm, der einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu sein, die sich durch ein Gläschen über die Gebühr um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat und dann von ungefähr des Abends in einen Zirkel solcher muntrer Gäste gerät, so ist fast kein anders Mittel zu finden (oder man müßte denn von Natur immer zum Scherze aufgelegt sein), als ein wenig mitzuzechen, um sich denselben Schwung zu geben.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüter der Menschen sind aber nach ihren natürlichen Temperamenten sehr verschieden. Manche zeigen sich äußerst lustig; andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig. Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; andre hingegen geschwätzig und noch andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man tut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunknen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu geraten. Ist dies aber nicht zu vermeiden, so kann man doch darin mehrenteils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und höflichen Betragen und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich doppelt ernstlich hüten müsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehn, wenn man weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sei, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken, und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschaut haben, keine ernsthaften Sachen verhandeln müsse – das versteht sich wohl von selber.

4.

Nun etwas über das Ratgeben. Wenn Dich jemand um Rat und Zurechtweisung bittet, so überlege wohl, ob es Pflicht ist, daß Du ihm Deine Meinung aufrichtig sagest oder nicht; sodann ob es ihm mit seinem Begehren Ernst ist oder nicht. Fragt er Dich, wenn er sich schon vorgenommen hat, was er tun oder lassen will; fordert er Zurechtweisung, Kritik, bloß um gelobt, geschmeichelt zu werden, so lasse Dich darauf nicht ein. Man muß seine Leute kennen, wenn man sich nicht unnütze, oft obendrein sehr undankbare Mühe geben will. Man braucht darum doch kein Schmeichler zu sein, noch in unweisen und unrechten Vorsätzen zu bestärken. – Es gibt leicht einen Weg, den Auftrag von sich abzulehnen. Am vorsichtigsten sei man im Ratgeben bei Heiratsangelegenheiten!

Dagegen aber frage auch Du nicht nach Rat und fremdem Urteile, wenn Du schon entschlossen bist, Dein Ohr nur zum Beifall und Lobe zu neigen.

5.

Bei Sterbebetten, Geburtsfesten und andern solchen Gelegenheiten enthalte Dich aller steifen, feierlichen Akte, prunkvollen Deklamationen und Theaterszenen. Solche Pedantereien und Förmlichkeiten machen doch keine bleibenden Eindrücke, sind mehrenteils für den leidenden Teil ermüdend und für jeden Dritten äußerst langweilig.

6.

Ich habe bemerkt, daß man (dies ist besonders bei Damen der Fall) sich beim Tanze oft von einer nicht vorteilhaften Seite zeigt. Wenn das Blut in Wallung kommt, so ist die Vernunft nicht mehr Meister der Sinnlichkeit; verschiedene Arten von Temperamentsfehlern werden dann offenbar. Man sei also auf seiner Hut! Der Tanz versetzt uns in eine Art von Rausch, in welchem die Gemüter die Verstellung vergessen. – Wohl dem, der nichts zu verbergen hat! Anständigkeitsregeln beim Tanze übergehe ich hier. Wer Erziehung hat, bedarf deren nicht, und weiß z. B., daß man sich nicht vordrängen und Damen nicht plump angreifen, drücken und herumreißen darf; daß es beim Händegeben schicklich ist, der Hand des Vornehmern über der seinigen den Platz zu lassen u. dgl. mehr. – Das Alles würde in der Tat nicht verdienen, daß man ein Wort darüber verlöre, wenn nicht in der heutigen Welt Mancher der Beobachtung oder Vernachlässigung solcher Kleinigkeiten sein zeitliches Glück oder Unglück verdankte.