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Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Drittes Kapitel

Über den Umgang mit Hofleuten und ihresgleichen

1.

Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten großen Welt leben und den Ton derselben angenommen haben, zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Teils beschrieben habe, angeben und ausbreiten, von allen Ständen, die einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung von Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld, Reinigkeit und der heiligsten Gefühle; Flachheit; Vertilgung, Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, Persiflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inkonsequenz, Nachlallen; Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Üppigkeit, Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmut, Leichtsinn; abgeschmackter Hochmut; Flitterpracht als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirtschaft; Rang- und Titelsucht; Vorurteile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken der Despoten und Mäzenaten; sklavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Schmeichelei gegen den, dessen Hilfe man bedarf, aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdotenjagd; lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten – das sind zum Teil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer und Weiber, unsre Söhne und Töchter von dem liebenswürdigen Hofgesindel lernen – das sind die Studien, nach welchen sich die Leute von feinem Tone bilden. Da wo dieser Ton herrscht, wird das wahre Verdienst nicht nur bloß übersehn, sondern soviel als möglich mit Füßen getreten, unterdrückt, von leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größrer Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den Mann von entschiedenem Werte, dessen Übergewicht er heimlich fühlt, demütigen, ihn auf einen Mangel an konventioneller feiner Lebensart ertappen, und durch die Art, wie er dies bemerken macht, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin bringen kann, daß jener verwirrt wird und sich in schiefem Lichte zeigt. Kein größrer Triumph für die petite Maîtresse, als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und äußerer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Weltleuten von einer lächerlichen Seite darstellen kann. Das alles muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, wird unaufhörlich von tausend Eigenschaften, besonders von Ehrgeiz und Eitelkeit in Aufruhr gebracht. Es gibt aber drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem man nämlich entweder sich mit der großen Welt unbefangen läßt oder aber in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne sich alle diese Torheiten anfechten zu lassen, oder endlich, indem man den Ton derselben studiert, und soviel es ohne Verleugnung des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.

2.

Wer nicht, seiner Lage nach, schlechterdings dazu verdammt ist, an Höfen oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends, bleibe fern vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und zugrunde richtet. In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden ein Leben zu führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, und dann zuweilen einmal mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, an großen, gemischten Gesellschaften teilzunehmen, um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehn will, neue Bilder zu sammeln und die kleinen, widrigen Gefühle der Einförmigkeit zu verlöschen – das ist ein Leben, das eines weisen Mannes wert ist! Und in Wahrheit, es steht öfter in unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt zu entziehn. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht, das ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehn, nicht nur seinen Verhältnissen nach unabhängig sein, sondern auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz der Leute hinauszusetzen den Mut haben, mag auch davon gesprochen werden, was da will.

3.

Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und man ist nicht ganz sicher, den Ton derselben annehmen zu können, so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter sein, als wenn man jene Sitten halb und unvollständig kopiert, wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Bürger, der grade, deutsche Biedermann den französischen petit Maître, den Hofmann, den Politiker spielen will, wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwig des Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist und eine Stutzergarderobe aus dem vorigen Jahrhundert im Jahr 1790 nur auf dem komischen Theater Wirkung tut. Solche Menschen machen sich mutwilligerweise zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung und, wo nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. Sei also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann. Sei ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig. Rede nicht zuviel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, insofern der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht. Betrage Dich mit Würde und Gradheit, ohne grob zu sein, ohne Ungeschliffenheit, so wird man Dich ungeneckt lassen. Allein freilich wirst Du auch nicht sehr vorgezogen, Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich. Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet. Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar fürchten, ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.

Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß, um hier immer ein Modegesicht zu bleiben, man nie den Faden der herrschenden Konversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf, auch in den kleinsten Fortschritten, der Kultur – wenn man das Kultur nennen muß – nachzufolgen. Das ist aber bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie unmöglich, sobald man nicht immer mit der ganzen Flotte auf dem großen Weltmeere herumschwimmt. Es geschieht dann, daß wir böser Laune werden, wenn wir sehen, daß man uns vernachlässigt, daß jüngere, oft sehr unbedeutende Menschen jetzt die Koryphäen sind, daß diese und deren Bewunderer uns über die Achsel ansehn, uns nur aus nachsichtiger Höflichkeit einige Aufmerksamkeit beweisen – oh, es ist unglaublich, wie so etwas die Gemütsruhe auch des klugen Mannes (denn selbst kluge Leute sind nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken kann, daß man sich in recht unangenehmer Haltung zeigt und, wenn man etwas zu suchen hat, die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten verliert, dahingegen unser Witz, unsre Laune unaufhaltsam und bezaubernd fortströmen, wo wir uns geehrt, geliebt und mit Aufmerksamkeit behandelt wissen. Wer sich viel Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in der großen Welt hat umhertreiben müssen, der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu orientieren, schnell zu fassen, welche Sprache anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt worden.

4.

Wer aber endlich viel und immer in der großen Welt lebt, der tut doch wohl, den herrschenden Ton zu studieren und die äußern Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, und letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf unsern Charakter geschehn. Zeichne Dich also nicht aus durch altväterische Kleidung oder Manieren, aber vergiß nicht, dabei auf Dein Alter, Deinen Stand und Dein Vermögen Rücksicht zu nehmen, und kopiere nicht die Lächerlichkeiten einzelner Toren noch die ephemerischen Moden des Augenblicks. Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, mit ihrer Art sich gegeneinander zu betragen, mit den Konventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere Würde, Charakter und Wahrheit.

5.

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehn dürfe. Ein verständiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemütsart und nach seinem Gewissen abmessen können. Doch nur soviel: Unschädliche Torheiten, die man nicht Lust hat nachzuahmen, hat man deswegen nicht immer Beruf, zu bekämpfen, und gleichgültige Gewohnheiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter haben, kann man, ja muß man zuweilen auf kurze Zeit mitmachen und darf sich das um so weniger übelnehmen, wenn man dadurch manches größere Gute zu bewirken in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in Literatur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, in dem Beifalle, den irgendeine Sängerin, irgendein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Schneider oder Friseur oft gegen Verdienst und Würdigkeit vom vornehmen großen Haufen einerntet, und es ist verlorne Mühe, diesem Modegeschmacke sich widersetzen zu wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdränge. Es gibt Moden im Gebrauche von Arzeneien, denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben – sei es, daß sie sich täglich klistieren oder in ein gewisses Bad und in kein anders reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgendeines Marktschreiers langsam vergiften. Lächle in der Stille darüber. Klistiere Dich unmaßgeblich auch ein wenig und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt. Wenigstens mache Dich mit diesen Moden bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen dagegen anzustoßen. Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theaternymphe tadelst, deren Gebrülle grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götterstimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein großes Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die grade in der Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen an, im fünfundzwanzigsten Jahre alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Zirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, philosophisches, ein Geschäftsgesicht mit in die Gesellschaft zu bringen. Kommen sie aber nahe an die Vierzig, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen – das alles muß man beobachten und seine Maßregeln danach nehmen.

6.

Übrigens gestehe ich – es bleibt aber unter uns – daß der Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir gar nicht so gefallen will wie der, welcher vor etwa zwanzig Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äußerst ungeschliffen und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delikatesse zu beleidigen, stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu sein, selbst ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehn, keine Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich einen Bocksbeutel, einen Zwang und eine Steifigkeit im Umgange, die in vorigen Zeiten in Deutschland herrschend waren, und wovon es ein Glück ist, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler Anstand ist nicht Steifigkeit, verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Bocksbeutel, Grazie nicht Zwang, und echtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man sehe auch die papiernen Männchen an, wie Überdruß und Langeweile auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen, wie sie unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden, wie sie in den schönsten Jahren des Lebens schon bei den unschuldigen Freuden der Jugend Ekel empfinden. – Doch ich habe Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen, wir haben hier eine liebenswürdige, wohlerzogene Jugend in allen Klassen und Ständen aufzuweisen.

7.

Verachte nicht alles, was bloß konventionellen Wert hat, wenn Du mit Annehmlichkeiten in der großen Welt leben willst. Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äußere Zierate und dergleichen, aber setzte keinen innern Wert darauf, ringe nicht ängstlich darnach. Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen wo nicht reelle Vorteile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich aller dieser Torheiten lachen; aber tue das nicht laut. Mit einem Worte: zeichne Dich nicht zu sehr aus unter den Weltleuten, mit denen Du leben mußt. Dies ist nicht nur Regel der Klugheit, nein, sondern es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt, ganz zu sein, was man ist, doch wie sich das versteht, nie auf Unkosten des Charakters. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edeln, weisen, geschickten Mann schätze, sondern nur, daß man Dich artig finde, daß man von Dir sage: Par dieu! il a de l'esprit, comme nous autres!

8.

Und willst Du auch nur dies eitle Lob davontragen, so darfst Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm Stoffe bist als der große Haufen jener hirnlosen Müßiggänger. Der klügere und edlere Mann, bequemte er sich auch noch so pünktlich nach den Sitten der sogenannten feinen Sozietät, wird dennoch dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen; denn um schalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaler Kopf sein. Ich rate dann, sich das gar nicht anfechten zu lassen, vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine Unruhe zu äußern, sonst bekommt man nie Frieden. Man gehe also seinen Gang fort, folge seinem Systeme und lasse die Toren schwätzen, bis sie müde werden. Hier sind auch alle Erläuterungen, alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du mit Widerlegung einer Verleumdung fertig bist, so wird man schon eine andre in Bereitschaft haben.

9.

In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht außer Augen zu lassen, nämlich daß jedermann nur so viel gilt, als er sich selbst gelten macht. Man zeige sich also frei, zuversichtlich, seiner Sache gewiß. Man lasse die Leute nicht einmal ahnen, daß es möglich wäre, man könne uns zurücksetzen, sich unsers Umgangs schämen, in unsrer Gesellschaft Langeweile haben. Hofleute und ihresgleichen pflegen die Grade ihrer Höflichkeit und Aufmerksamkeit gegen uns darnach abzumessen, in welcher äußern Achtung wir in den vornehmen Zirkeln stehen. Man mache sich also da gelten, mache sich eine gewisse Aisance eigen, die man nur durch Übung erlernt, die sehr unterschieden von Unverschämtheit, Zudringlichkeit und Prahlerei ist und die vorzüglich in einem ruhigen, leidenschaftsfreien, anständigen, gleichmütigen Betragen, das planlos und ohne Forderungen zu sein scheint, besteht, und zu welchem man nie gelangt, wenn unsre Eitelkeit allerorten Glanz sucht und wenn im Grunde des Herzens unser eigener Beifall uns nicht mehr wert ist als die Bewunderung, womit leere Köpfe uns beehren.

10.

Man messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen uns ab und gehe ihnen keinen Schritt entgegen. Diese Menschengattung nimmt eine Handbreit, wo man ihnen einen Fingerbreit einräumt. Man erwidere Stolz mit Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit, gebe aber nicht mehr und nicht weniger als man empfängt. Die Befolgung dieser Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtsein innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äußern Ruf. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du in gutem Lichte wandelst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Nachteiliges gegen Dich aussprechen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden jene Sklaven lauern, welche Wirkung dies auf das Publikum macht, und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du gern erhalten möchtest, so werden sie immer unbescheidener und helfen die elende Klatscherei weitertragen, woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen möchte, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird er zurückspringen, für seinen eigenen Ruf beben, kein nachteiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen und sich vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme des hohen Pöbels ist. Ja gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu bieten. Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu Kreuze kriecht. Ich, der ich nun keine Pläne mehr auf das Glück mache, in der großen Welt zu glänzen, folge darin eben keinem festen Systeme, sondern meiner jedesmaligen Gemütsstimmung und Laune. An echte, unverfälschte Herzensergießung gewöhnt, voll Wärme für alles, was Freundschaft und Zuneigung heißt, weniger darum bekümmert, geehrt als geliebt zu sein, beunruhigt mich – ich schäme mich dieses Geständnisses nicht – beunruhigt, verstimmt mich jedes kalte Betragen von Leuten, die mir gute Eigenschaften zu haben scheinen, mehr als mir, nach so mancher Erfahrung in der großen Welt, zu verzeihn ist. Zu andern Zeiten aber behandle ich auch das Ding von der lustigen Seite und freue mich herzlich, indem ich höre, daß das müßige Publikum sich auf Unkosten meiner Wenigkeit beschäftigt, darüber, daß dies grade einen Mann trifft, der nur als Volontär in der großen Welt dient und kein Avancement verlangt. Indessen ist, was ich meinem Temperamente nach tue, darum noch nicht gut getan. Am besten ist es gewiß, über dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe zu zeigen, mit niemand weiter darüber zu reden und sich auf keine Explikationen einzulassen. Dann ist in acht Tagen das Märchen vergessen, da auf jede andre Art hingegen die Sache ärger gemacht wird.

11.

Sei höflich und geschliffen im Äußern. Man muß an Höfen und im Umgange in großen Städten manchen Menschen sehn, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt, auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften oder wenigstens unser Ansehn befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehn fühlen. Nimm eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an gegen den Hofschranzen, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen oder zu mißbrauchen. Diese Sklavenseelen zittern vor dem Übergewichte des verständigen, konsequenten Mannes; allein das muß weder in Aufgeblasenheit noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit. Schlage ihre flachen, schiefen Urteile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit erlaubt. Stopfe ihnen das Maul, wenn sie den Redlichen lästern. Setze ihren Schleichwegen Mut, Tätigkeit und wahre Kraft entgegen. Scherze nicht vertraulich mit ihnen. Laß echter Laune nicht den Lauf, aus Furcht ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehn könnte.

12.

Überhaupt rede in der großen Welt nie warme Herzenssprache. Das ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von den reinen, süßen, einfachen häuslichen Freuden. Das sind Mysterien für solche Profanen. Habe Dein Gesicht in Deiner Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung noch Freude, noch Widerwillen noch Verdruß. Die Hofleute lesen besser Mienen als gedruckte Sachen; das ist fast ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand. Sei vorsichtig nicht nur im Reden, sondern sogar im Hören, sonst wird Dein Name leicht kompromittiert.

13.

Ich habe schon vorhin gesagt, daß unser Betragen in der großen Welt nach eines jeden individuellen Lage modifiziert werden müsse, und daß, was dem einen darin zu beobachten wichtig, für den andern vielleicht von gar keinem Belange sein könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, sondern wer auch wirken, sich emporarbeiten, regieren will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studieren. Da kann es äußerst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Partei oder (wobei man größtenteils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht zu werden und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vorteils nicht gewiß sind, wo nicht zu helfen, vielleicht gar zu schaden ist, unsre verfolgten Freunde allein kämpfen zu lassen und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. Da kann es nötig sein, sich anfangs sehr klein zu stellen, um nicht beobachtet, in unsern Plänen nicht gestört, vielmehr als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat als der von beßrer Art) befördert zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen als - Kaltblütigkeit, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkürlicher Aufwallungen und Gewalt über Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuerkopf herrschen. Aber diese schwere Kunst – wenn sie sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist – erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.

14.

Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt. Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der feinern Sozietät verweisen, sind freilich keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Übereinkunft; allein eben diese Übereinkunft beruht doch darauf, daß man suche, sich und andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit wir nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen können, seinen Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Wert auf das Spiel setzen. Dieser innre Wert aber, der wie ein Schatz unter der Erde immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Witwen und Waisen nähren und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Konvention in Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird – anerkannt von denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von denen, die nur auf das Gepräge achten. – Also wünschte ich, man eiferte nicht so heftig gegen den wahren feinen Weltton. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht außer acht zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungsgeist, gewöhnt uns daran, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der echte und zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung, und man braucht nicht in die Wüsten zu fliehn noch sich in Studierzimmern zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen zu dürfen. Ja ohne einige Kenntnis der großen Welt hilft uns alle Stubengelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich rate also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschenkenntnis und Begierde hat, nützlich und tätig zu sein, wenigstens auf einige Zeit den größere Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um Stoff zu sammeln zu Beobachtungen, die einst im Alter seinen Geist beschäftigen und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen oder in großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.