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Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Viertes Kapitel

Über den Umgang mit Geistlichen

1.

Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen und Verhältnissen komme, billigerweise in einem eigenen Kapitel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohltätig ist der Umgang mit einem solchen, der sich aus ganzer Seele seinem heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der liebevollsten Religion Jesu geläutert hat; der Wahrheit und Tugend mit Eifer und Wärme nachstrebt und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel bestätigt; der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohltäter und Ratgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist; durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet; duldend gegen fremde Religionsverwandte, väterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit und dabei in seinem häuslichen Zirkel ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater ist. Allein nicht alle Diener der Kirche sehen diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem, niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian examinieren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen nach reichen Pfründen und Pfarreien und erlauben sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der echte Pfaffengeist in sie. Geizig, habsüchtig, wollüstig, gefräßig, Schmeichler der Großen und Reichen, übermütig und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen ihresgleichen, sind sie größtenteils daran schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion so allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne Wissenschaft und ihr Amt als ein einträgliches Handwerk. Auf dem Lande verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen Spitzfindigkeiten einschläfern müssen. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften und Vermächtnissen wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre hierarchische Herrschsucht ohne Grenzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole, blinder Glauben und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen, ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie macht, die Pfaffen nicht schmeichelt und ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Rache ist fürchterlich, unersättlich, ihre Feindschaft unversöhnlich – ich rede aus Erfahrung – gegen den, der sich ihrem eisernen Szepter nicht unterwerfen oder zu ihren Bosheiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist größer als die eines Weibes. Sie schleichen sich in die Häuser und Familien ein, aus Vorwitz, kindischer Neugier, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehn, um Ränke zu schmieden, Zwietracht zu stiften und im Trüben zu fischen. Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bannstrahlen, Verdammungsurteile und Drohungen gegen andre Religionsverwandte und gegen jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was sie – oft selbst nicht glauben, sondern nur lehren, weil es Geld einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich tun dürfen, da wirken sie durch andre im Verborgenen oder hängen die Maske der Demut, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln die Schwachen auf ihre Seite zu bringen und den Weisern und Bessern bei dem Volke verdächtig zu machen. – Ja solche Ungeheuer gibt es unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur in Mönchskutten und Jesuitenmänteln – nein, mancher protestantische Pfaffe würde ein zweiter Hildebrand sein, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.

2.

Da nun aber hie und da auch unter den weniger boshaften, ja unter den redlichen Geistlichen einige doch einen kleinen Anstrich von manchen dieser Fehler, zum Beispiel von geistlichem Stolze, von Intoleranz, von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem esprit de corps, von Habsucht oder von Rachsucht haben, so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeitsregeln beobachtet, die im Umgange mit allen Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht ganz übel angebracht sind.

Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben, und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu räsonieren, so soll man vorzüglich achthaben, in Gegenwart eines Geistlichen nie ein Wort fallenzulassen, das übel ausgelegt und als ein Ausfall gegen irgendein Kirchensystem oder einen Religionsgebrauch angesehn werden könnte. Auch besuche man die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen Religion aufbürde.

Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er auch noch so viel Veranlassung dazu geben, auch rede man mit Vorsicht von ihnen! Teils machen diese Herrn gar zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes, teils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder nicht aus den Augen setzen darf, teils kann man durch das Gegenteil Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, wider Willen befördern.

Man bezeuge hingegen den Geistlichen alle äußere Ehrerbietung, die sie nur irgend billigerweise fordern können, und beleidige nicht nur keinen derselben auf keine auch noch so geringe Art, sondern mache sich auch nicht der mindesten, von jedem andern leicht zu verzeihenden Unterlassungssünde, keines Mangels an Höflichkeit gegen sie schuldig.

Man lasse in Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und Abgaben sich keine Abkürzung noch Saumseligkeit zuschulden kommen, gebe aber auch bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel. Denn sie schreiben gern alles auf und machen aus Freigebigkeit ein Gesetz, ein Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.

Man sei gastfrei gegen diejenigen, welche eine gute Tafel und ein volles Gläschen lieben.

Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will.

Man verhindre die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit gewissen Beichtvätern und geistlichen Ratgebern.

3.

In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herrn Patrum anzunehmen verstehn, wenn man ihnen willkommen sein will. Ein guter, gesunder Appetit; nach Verhältnis ebensoviel Durst und die Gabe, ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein jovialischer Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig materiell sein muß; zuweilen ein Wortspielchen; ein lateinisches Rätsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit; einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern; Beifall, durch baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher – dies Amt pflegt selten unbesetzt zu sein – einen Schwank hervorbringt; viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian oder Prior; Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und Anstalten; kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto mehr über Politik, Krieg und Frieden; Zeitungsnachrichten; Befriedigung der Neugier, wenn nach Familienumständen und Anekdoten geforscht wird; da, wo man Musik treibt, gezeigt, daß man in dieser Kunst nicht fremd ist; Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, besonders von Jesuiten die Rede ist; Rang, Ansehn, Reichtum, Pracht, Titel, Orden und mehr als dies alles, wo es nötig ist, Geschenke – das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu werden und sich Achtung zu erwerben.

Zu Domherrn braucht man größtenteils nur Appetit zum Essen und Trinken, mutwillige, ein wenig faunische Laune und Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen.

In Nonnenklöstern sowie in katholischen und protestantischen weiblichen Stiftern kann man mit einer hübschen stämmigen Figur, mit treuherziger, doch äußerlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem Sacke voll Märchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.

Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist in den Briefen über das Mönchswesen, in den Briefen aus dem Noviziate und in unzähligen andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.