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Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Fünftes Kapitel

Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern

1.

Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heutzutage so gemein würde als der eines Gentleman in England; wenn man sich unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet und diese Kenntnisse zur Veredlung seines Herzens angewendet hätte – kurz, einen Mann, den Wissenschaften und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger tätigern Menschen gemacht hätten, dann brauchte ich hier kein Kapitel über den Umgang mit solchen Leuten zu schreiben. Was bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln umgehn soll? An seiner Seite zu horchen auf die Lehren, die von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel die Richtschnur unsrer Handlungen sein zu lassen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen und dieser Wahrheit zu folgen – das ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heutzutage jeder elende Verseschmied, Kompilator, Journalist, Anekdotenjäger, Übersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter und überhaupt jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums mißbraucht, um ganze Bände voll Unsinn, Torheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die Welt, sondern nach dem veränderlichen, leichtfertigen Geschmacke des lesenden Pöbels geschätzt, spekulative Grillen Weisheit genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn ein Knabe, der sein rauhes Gewäsche in abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingeteilt, auf Papier setzen kann, ein Komponist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer genannt wird, dann muß man wohl ein paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit solchen Leuten zu betragen hat, wenn man nicht für einen Mann ohne Geschmack und Kenntnis angesehn sein will.

2.

Beurteile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften. Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus als in natura. Auch ist das so übel nicht zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemütsverfassung wählen kann, wenn keine stürmischen Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen, da lassen sich herrliche moralische Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Überraschung und Verführung von seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich den Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt, ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden, und es würde unbillig sein, ihn desfalls für einen Heuchler zu halten (obgleich es ebenso unbillig wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er tue das Gegenteil von dem, was er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen als sie lauten). Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eignen Schöpfung in den Mund legt, als seine eignen ansehn, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht oder Faun oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, sein Feuer ihn verleitet, irgendeinen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite darzustellen oder eine wollüstige Szene mit lebhaften Farben zu schildern oder mit Bitterkeit über Torheiten zu spotten. Wohl täte er besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum noch kein schlechter Mann, und so wie man bei hungrigem Magen Göttermahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die Wein und materielle Liebe besingen und dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel von Schandtaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmut in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satiriker voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im gemeinen Leben nichts als Sentenzen reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer Kunst schwätzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm und schmeckt nach Pedanterie, wenn wir jeden ohne Unterlaß von unsern eigenen Lieblingsbeschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreun, um auch einmal andre als sich selber zu hören. Nicht jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, mitten im Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschaut. Und dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich anders als wir gestimmt sind, die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheutes auf das antworte, was sie uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter so gut als ein andrer Erdensohn seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand und Witz würdig.

Als vor ungefähr neun Jahren der Abbé Raynal in den Rheingegenden war, wurde ich einst mit ihm in einem vornehmen Hause zu Gaste geladen. Es hatte sich da eine Schar neugieriger Damen und Herrn nebst einigen schönen Geistern versammelt, um ihn zu bewundern und von ihm bewundert zu werden. Er schien zu beidem nicht aufgelegt, und, ich gestehe es, der Ton seiner Unterhaltung gefiel mir gar nicht. Die ganze Gesellschaft aber war aufgebracht und erbittert gegen den Mann, der ihre Erwartungen so getäuscht hatte, und das ging denn so weit, daß alle behaupteten: Dieser sei nicht der Abbé Raynal gewesen, oder es sei unmöglich, daß der Abbé Raynal so schöne Sachen geschrieben habe.

Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers Zeitalters, daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehn, wenn ihre Schriften ihnen Bewunderer gewonnen, wenn ihre Talente die Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie als auf Männer gleichen Standes gezogen haben, ja es gibt so gewisse abderitische kleine Städte, in welchen man wirklich affektiert, den Mann mit Verachtung zu behandeln, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte auswärts, das heißt außer dem Kreise der Herrn Vettern und Frauen Basen, seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung; aber seinen moralischen Charakter aus Neide verdächtig zu machen und ihm, wenn er auch noch so demütig, noch so forderungslos seinen stillen Gang fortgeht, ausgezeichnet grob zu behandeln – das ist zu hart und geschieht doch hie und da, besonders in einigen Reichsstädten.

Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf. Die unglückliche Polyhistorei, die Wut, auf allen Zweigen der Wissenschaften und Künste herumzuhüpfen, sich zu schämen, daß irgend etwas unter der Sonne sein dürfte, worüber wir nicht räsonieren könnten, ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am mehrsten Ehre macht, und wenn es langweilig ist, einen Mann alle Gespräche auf seinen Lieblingsgegenstand lenken zu hören, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urteile über Dinge ausspricht, die gänzlich außer seinem Gesichtskreise liegen, wenn der Priester über Politik, der Jurist über Theater, der Arzt über Malerei, die Kokette über philosophische Gegenstände, der süße Herr über Taktik deräsoniert. Erlaube dem Mann, der etwas gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden, ja gib ihm Gelegenheit dazu. Man ist wahrlich recht viel wert in der Welt, wenn man – doch übrigens bei gesundem Hausverstande – ein Fach aus dem Grunde versteht, und mich ekelt vor den herumwandelnden enzyklopädischen Wörterbüchern; mich ekelt vor den allwissenden, rezitierenden jungen Herrn, mit denen man denn so zuweilen einmal das Unglück hat, in Gesellschaft zu kommen, die den bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen und die, besonders wenn sie von liebenswürdigen gelehrten Damen amüsant gefunden, ganz unausstehlich werden.

3.

Die mehrsten Schriftsteller verzeihn es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt antasten. Man sei daher vorsichtig in Beurteilung ihrer Produkte. Selbst dann, wenn sie uns um unsre Meinung darüber fragen, ist dies immer so auszulegen, als bäten sie uns um ein Lob. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft uns zu völliger Offenherzigkeit verpflichtet, rate ich also, bei solchen Gelegenheiten, wo man unmöglich ohne Niederträchtigkeit loben, wenigstens etwas zu sagen, das die beleidigte Eitelkeit nicht als Tadel auslegen kann.

Fast noch ungnädiger pflegen es die Herrn aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen hat, oder wenn man den Mann eines Buches wegen, das er geschrieben, dennoch im gemeinen Leben nicht anders wie jeden behandelt, der auf andre Weise der Welt nützlich wird, endlich wenn man Grundsätze äußert, die nicht in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehn haben. Hüte Dich vor diesem allem, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst. Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast, groß, klein oder mittelmäßig. Alle riechen den Weihrauch gern, der ihnen gestreut wird, aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art einräuchern. Der eine nimmt vorlieb, wenn Du es ihm grade in den Bart sagst: er sei ein großer Mann; der andre ist zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dies selbst von sich sage; der dritte verlangt nichts von Dir als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorliest; den vierten kitzelt eine kleine vorteilhafte Anspielung auf irgendeine Stelle aus seinen Schriften; dem fünften behagt äußere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht, und ein sechster endlich – es sei mir erlaubt, neben diesem mein Plätzchen zu nehmen! – begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu tun sei, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu schämen brauchte, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, sie sich doch auch nicht ausschließlich zu Rosinentüten qualifizieren.

4.

Lustig anzusehn aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vorteilhafte Rezensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamieren und sich eine glänzende Ewigkeit zusichern. Überhaupt mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer sein, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die gern voneinander bewundert werden möchten oder die sehr viel Gutes voneinander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselweise die schwache Seite abzujagen. Und wenn sie nun auseinandergehen, dann zeigt sich immer, daß der eine den andern vortrefflich findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen Torheiten ertappt haben.

Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder wegen der Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme sich vor dem ehrsamen Volke wie Bettelbuben herumzanken, oder wenn sie an demselben Orte leben und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, einander auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren lassen; wie einer den andern zu verkleinern und bei dem Publico herabzusetzen sucht. – Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst vieler Tausende zu stillen, und können Neid, Scheelsucht und pöbelhafte Erbitterung auch Geister herabwürdigen, die der Weisheit geweihet sind? – Doch hierüber ist schon oft so viel gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrten Prostitutionen zu ziehn, die leider in unsern Zeiten nicht selten gesehn werden.

5.

Es gibt Leute, die sich dadurch Gewicht zu geben suchen, daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist eine Torheit, der man sich enthalten soll. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und Freundlichkeit behandeln. Auch kann ich das Zitieren und Berufen auf fremde Autoritäten wie überhaupt alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Überzeugung Gefühlte ist für uns mehr wert als das Vortrefflichste, das wir bloß nachlallen.

6.

Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billigerweise einigen unsrer Journalisten und Anekdotensammler einen ansehnlichen Rang einräumen. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondre Vorsicht im Umgange nötig. Sie stehen gemeiniglich bei geringem Vorrate an eigener Gelehrsamkeit im Solde irgendeiner herrschsüchtigen Partei oder eines Anführers derselben, sei es nun von Naturalisten, Orthodoxen, Deisten, Schwärmern, Philanthropen, Weltbürgern, Mystikern, oder wovon es immer sei. Dann ziehen sie durchs Land, um Märchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören will, jedem das Maul zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System paßt und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten, planlosesten Menschen. Sei behutsam im Reden, wenn ein solcher Dich freundlich besucht, und erwarte, daß er nachher einmal Dein Porträt und alles drucken lassen werde, was er bei Dir gesehn und gehört hat. Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am heftigsten treibt und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hilfe vergebens angewendet wird, dieser Mann heißt – ich muß ihn hier öffentlich nennen – heißt – Anonymus und ist ein gar sonderbarer Mann. Da er sich wie Cartouche in so vielfache Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt, so rate ich, jeden Unbekannten, der gewisse Modewörter, wie zum Beispiel: Aufklärung, Publizität, Denkfreiheit, Pädagogie, Toleranz oder einzig seligmachenden Glauben oder Jesuitismus, Katholizismus, Hierarchie, höhere Wissenschaften, Magnetismus oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, vorerst für jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist und umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen möchte – leo rugiens, mugiens, quaerens, quem devoret.

7.

Mit Tonkünstlern, einer Gattung von Dichtern, Komponisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern ist der casus ganz anders zu behandeln. Diese sind – es versteht sich immer, daß ich in jeder Klasse von Menschen die bessern ausnehme – wohl keine gefährlichen, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und unsichre Leute. Weit entfernt zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das Vergnügen haben, folglich im Werte für das Glück der Welt den höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehn müssen; weit entfernt zu fühlen, daß, um wahrhaftig den Titel eines großen Mannes zu verdienen, man mehr verstehn und mehr müsse bewirken können als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen und Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das einzige an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen wert wäre, und es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts bessers gelernt habe. Der philosophische Künstler, so wie Georg Benda einer war, der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl und sein liebenswürdiger Sohn in Mannheim, der verständigen, mit allen Privattugenden geschmückten Maler, wie der alte Tischbein, der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Verehrung verdienen, wie unser Iffland, wie Großmann, wie der unnachahmliche Schröder, solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rate desfalls, einen äußerst vertrauten Umgang mit dieser Menschenklasse nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. Cantores amant humores, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein Schlückchen. Sänger, Dichter und dergleichen lieben das Wohlleben, und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben kann und, die Wahrheit zu gestehn, das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung des Genius, hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist freilich ganz von andrer Art als Spannung der Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagnerflasche ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern Glut entzündet. Ihre durch unordentliche Aufführung und unglückliche äußerliche Verhältnisse, über welche sie nicht Kraft genug haben, sich durch Philosophie zu erheben, ihre dadurch geschwächte Maschine, sage ich, fordert, um nicht ganz den Geist niederzudrücken, gewaltsame Stärkungs- oder vielmehr berauschende Mittel. Dies treibt sie zuerst zu einem den sinnlichen Freuden gewidmeten Leben. Dazu kommt, daß der, welcher einmal die schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, sondern daß diese ihm äußerst trocken scheinen, und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen und klecksen kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Verteilung und Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken also diese Herren selten, und sie schätzen den Mann, der ihnen sinnliche Freuden gewährt und sie dabei schmeichelt, höher als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf, diese fliehen sie. Bei dem allgemein einreißenden frivolen Geschmacke unsers Zeitalters, bei der Vernachlässigung solider Wissenschaften ist dies, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten. Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herzchen hat, den edeln Müßiggang und ein liederliches Leben liebt, legt sich heutzutage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt ein Instrument, komponiert, pinselt – und so muß denn am Ende der Geschmack ausarten und die Kunst verächtlich werden. Deswegen sehen wir auch ganze Herden solcher Künstler herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt sind; Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen, die nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Naturgefühl, aber dagegen mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und Impertinenz ausgerüstet; unter sich von Brotneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt und dennoch mehr davon weiß als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er die Protektion der anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sei, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten und alle Dilettanten gegen sich aufbringen will: Allein wen ekelt nicht vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren schiefen Urteilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehn, ihn zu loben und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehn setzen, so sei ja nicht bescheiden, sondern ebenso unverschämt wie sie. Entscheide mit Kühnheit. Tritt mit Zuversicht mitten unter die größten Männer. Dränge Dich hervor. Tue, als seiest Du äußerst ekel in Deinem Geschmacke, als sei es schwer, den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen. Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden. Verachte, was Dir zu hoch ist. Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt. Begegne dem Anfänger mit Übermute. Schmeichle vornehme, reiche und mächtige Dilettanten und Mäzenaten. Befördre die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondos, an Bierhausmenuetten mitten in ernsthaften Stücken, an buntscheckigem Kolorit, an Sinngedichten, an Bombast und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Greuel, Verwicklung und Übertreibung. – So kannst Du Dein Scherflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen. Fühlst Du aber Kraft in Dir und hast nicht Ursache, Menschen zu scheun, so widersetze Dich dem Unwesen. Eifre gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen und rücke den Midassen unsrer Zeit die großen Perücken und Narrenkappen zurück, damit man ihre langen Ohren sehe und sich nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse. Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig große Künstler heutzutage einen Teil dieser Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem Charlatan das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde der Mode und dem Vorurteile aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brot zu finden. Übel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von Leuten gerät, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die dann doch weder Aufmerksamkeit noch Kenntnis der hohen Kunst haben. Abschlagen darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »Oh! das ist gar schön! vortrefflich!« – und darüber geht die Stelle verloren. – Solcher Unschicklichkeiten soll man sich enthalten.

8.

Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling in Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, von gemeiner Art. Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten derselben vonseiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vorteilhaft sein könne; allein noch in andern Rücksichten muß ich Vorsicht empfehlen. Wenn man aber weiß, welch ein warmer Verehrer der schönen Künste ich selbst bin, so wird man mir wohl nicht schuld geben, daß es aus Vorurteil oder Kälte geschehe, wenn ich dem Jünglinge rate, mäßig im Genusse der schönen Künste, mäßig im Genusse des Umgangs mit der gefälligen Muse und deren Priestern zu sein. Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei wirken freilich wohltätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle; sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, mannigfaltiges Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, von allen wahren und eingebildeten, eignen und fremden Leiden in Aufruhr zu bringendes Gemüt ist wahrlich ein trauriges Geschenk; ein Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr von mannigfaltigen Leidenschaften hin und her zu bewegen, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen wird; ein Nervensystem, auf welchem jeder Betrüger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann – das alles wird uns sehr zur Last da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen männlichen Mut, auf Ausdauer und Beharrlichkeit ankommt. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung gibt und uns in eine Ideenwelt versetzt, kann uns in der wirklichen Welt teils sehr unglücklich, teils zu gänzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein luxuriöser Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Unkosten des Herzens ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt mitten durch die Vorurteile hindurch in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Außenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehn. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge von männlichem Charakter abschleifen und ein Leben, das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, leitet uns fern von allen ernsthaften Geschäften, bei welchen der spätere, aber sichere, dauerndere Genuß durch Überwindung von Schwierigkeiten und durch anhaltende Arbeit und Anstrengung erkauft werden muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohltätige Einsamkeit unerträglich, macht uns ein stilles häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Dasein unschmackhaft – mit einem Worte, wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der wagt es darauf, sein eignes dauerhaftes Wohl zu verscherzen und wenigstens nicht so viel zur Glückseligkeit andrer beizutragen, als er nach seinem Berufe und nach seinen Fähigkeiten vermochte. Alles, was ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsre Schauspiele das wären, wofür wir sie so gern ausgeben möchten; wenn sie eine Schule der Sitten wären, wo uns auf eine gefällige und zweckmäßige Weise unsre Verirrungen und Torheiten dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es immer recht gut sein; oft die Bühne zu besuchen und den Umgang mit Männern zu wählen, welche man als Wohltäter ihres Zeitalters ansehn müsse. Man darf aber nicht das Theater nach demjenigen beurteilen, was es sein könnte, sondern nach dem, was es ist. Wenn in unsern Lustspielen die komischen Züge der Narrheiten der Menschen so übertrieben geschildert sind, daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt; wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen Väter und Mütter, die zur ehelichen Glückseligkeit mehr als eingebildete Sympathie und vorübergehenden Liebesrausch fordern, betrügen und zu ihrer Einwilligung bewegen muß; wenn in unsern Schauspielen Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, eminentes Laster in Glanz und Hoheit auftritt und durch einen Anstrich von Größe und Kraft wider Willen Bewunderung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblicke der ärgsten Greuel vertrauet; wenn unsre Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger Entwicklungen und Auflösungen gewöhnt wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, daß es uns gleichgültig ist, ob die gesunde Vernunft empört wird, insofern nur die Ohren gekitzelt werden; wenn der elendeste Grimassenschneider, die ungeschickteste Dirne, wenn sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theaterdichter sich über Wahrscheinlichkeit, echte Natur, weise Kunst und Anordnung hinaus, folglich den Zuschauer in den Fall setzen, im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen – wer wird sich's da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler betrifft! Ihr Stand hat sehr viel Blendendes: Freiheit, Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens; gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums; Gelegenheit, da einem ganzen Volke öffentlich Talente zu zeigen, die außerdem vielleicht versteckt geblieben wären; Schmeichelei, gute, gastfreundschaftliche Aufnahme von jungen Leuten und Liebhabern der Kunst; viel Muße, Gelegenheit, Städte und Menschen kennenzulernen – das alles kann manchen Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage oder mit einem unruhigen Gemüte, mit übel geordneter Tätigkeit kämpft, bewegen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in vertraueten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen gerät. Aber nun die Sache näher betrachtet; was für Menschen sind gewöhnlich diese Theaterhelden und -heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse, Abenteurer, Leute aus den niedrigsten Ständen, freche Buhlerinnen – mit diesen lebt man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zugrunde zu gehn. Neid, Feindschaft und Kabale erhalten immerwährenden Zwist unter ihnen; diese Menschen sind nicht an den Staat geknüpft, folglich fällt bei ihnen ein großer Bewegungsgrund, gut zu sein, die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern, weg. Kommt noch etwa die Verachtung, mit welcher, freilich unbilligerweise, manche ernsthaften Leute auf sie herabsehen, hinzu, so wird das Herz erbittert und schlecht. Die tägliche Abwechslung von Rollen benimmt dem Charakter die Eigenheit; man wird zuletzt aus Habitüde, was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemütsstimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz trauert, und umgekehrt; dies leitet zur Verstellung; das Publikum wird des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren; das so leichtfertigerweise gewonnene Geld geht ebenso leichtfertig wieder fort – und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspielerlebens.

9.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Direktion hat, dem rate ich, sich gleich anfangs auf einen gewissen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn man nicht von ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankommt, sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sei; daß man einen Künstler zu beurteilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen und bei der ersten Übertretung, Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie übrigens aber, nach Verhältnis der Talente und der sittlichen Aufführung eines jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.

10.

Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler, dadurch verdirbt man die mehrsten von ihnen in Deutschland. Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlig, aufgeblasen, hochmütig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der größern Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu respektieren, das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber treibt uns der Zustand unsrer heutigen Literatur gar zu leicht, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil man fast gewöhnt ist, lauter abgeschmacktes Zeug gedruckt zu lesen, besonders in dem Fache der schönen Wissenschaften.

Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre auch Dein Herz vor Neid. Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren. Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren Umgang Du zum Vorteile Deiner Kunst weiser und besser werden kannst, nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder Enthusiasten.

11.

So wenig Vorteil man von der Vertraulichkeit mit Künstlern von gemeiner Art hat, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit einem Manne, der philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit seiner Kunst verbindet. Es ist ein Glück, an der Seite eines solchen Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei dem durch die milden Einwirkungen der Musen das Herz zu Liebe, Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten sind gereinigt worden. Seine freundliche Beredsamkeit wird uns in trüben Stunden aufheitern, sein Umgang wird uns wieder mit der Welt aussöhnen, wenn Mißmut und Unzufriedenheit uns plagen; er wird uns Erholung gewähren von verdrießlichen, mühsamen, trocknen Berufsgeschäften, wird uns erwärmen, wird uns neue Federkraft geben, wenn wir durch lange Anstrengung herabgespannt sind; er wird uns die mäßigste Kost zu einem Göttermahle, unsre Hütte zu einem Heiligtume, zu einem Tempel, unsern Herd zu einem Altare der Musen erhöhn.