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Carmen Sylva: Vom Amboß

Wenn man einen Stenographen für seine Gedanken und einen andern für seine Worte hätte, wie komisch würde das herauskommen. Z. B. man denkt: »Werthlos bin ich! Steril bin ich? Talentlos bin ich! Man sollte mich hinauskehren!« und sagt währenddem: »Und das neue Kabel wird das elektrische Licht um wie viel Procent verstärken?«

Man denkt: »Nicht einmal meine Freundschaft kann trösten, und wen ich liebe, der wird verfolgt und angefeindet!« und sagt: »Werden immer dieselben Damen an den Glücksrädern stehen, bei dem Armenball?«

Man denkt: »Was soll ich thun? Mein Gott! Wirst du mir denn niemals zeigen, was ich thun soll?« Und sagt: »Wie schade, daß der neue Saal so schlechte Akustik hat, er wäre sonst hübsch für Concerte!«

Man denkt: »Und wenn man seine Hand auf dem Altar verbrannt hat für sein Land, und das Land geht doch zu Grunde, wie soll man das ertragen!« Und sagt: »Wie schade, daß das Nationalcostüm so wenig mehr getragen wird!«

Man denkt: »O wär' ich taufend Meilen weit, vergessen und unbekannt!« Und sagt: »Wir wollen in einem andern Stadttheil die nächste Suppenanstalt errichten, und wenn die barmherzige Schwester nicht gut ist, so muß man sie eben entlassen.«

Man denkt: »Wer wird mich erlösen von des Lebens unmenschlicher Qual!« Und sagt: »Fünf Blatt mit Quart Major!«

Man denkt: »Hoffnungslos! hoffnungslos!« Und sagt: »Unser Heim ist doch recht schön geworden, nicht wahr?« –

Das nennt man dann Gedankenaustausch.

Wenn man den Adler in den Käfig sperrt, so hebt er manchmal leise die Flügel, und denkt: »Ob sie mich wohl noch tragen?« und fühlt er dann, daß der Käfig zu eng ist für seine Schwingen, dann verzweifelt er an ihrer Kraft und faltet sie wieder für lange Zeit. Seine Schwingen waren für den Aether gebaut, nicht für den Kerker.

Für einen Herrscher ist Fleiß und Gewissenhaftigkeit schon genügend, wenn er kein Moses, kein Regenerator sein kann. Aller Geistesreichthum, alle Talente sind unnütz, wenn er nicht fleißig und gewissenhaft ist und immer denkt, daß unter seinem Federstrich so vieler Menschen Wohl und Wehe zittert. Er kann ihnen das Leid nicht ersparen; denn das thut Gott selber nicht, aber das unnöthige Harren, das doch meistens mit Enttäuschung endigt. Der wird abgesetzt, Jener ernannt. Der begnadigt. Jener unterstützt, Der decorirt, Jener avancirt – man denke, wie viele tiefe Leidenschaften der eine Federstrich einer solchen Unterschrift aufwühlt. Gerecht kannst du doch nicht sein, da du blind bist, außer du bist Moses, d. h. Arzt, Gesetzgeber, Staatsmann, Menschenkenner, und über dem Allen von solcher Demuth, daß dir eine Fluth von Schmähungen gleichgültig ist.

Man sollte Jedermann dazu bringen können, einem etwas Interessantes zu erzählen. Jeder ist interessant, der von sich spricht und seinen Erlebnissen.

Feinde sind immer klein; denn sie machen uns zu Helden oder zu Märtyrern, in beiden Fällen größer als sich.

Auf dem Auswandern ruht der Fluch ewiger Heimathlosigkeit.

Es giebt zwei erhabene Eintritte auf der Bühne in der Weltliteratur: die von Gretchen, als sie Faust begegnet, und die von Julia, als sie Romeo erblickt.

Dichter sollen immer nur das Größte zur Darstellung bringen, d. h. die Größe im Kleinen erkennen. Sie sollen auch wahr sein, wenn aber gewisse Leute die Wahrheit beschreiben, so ist es, bei ihrem großen Talent, als hätte Michel Angelo die Siamesischen Zwillinge oder Tom pouce modellirt. Selbst Medusa wurde von den Alten nicht häßlich dargestellt, sondern furchtbar. In welche Kunstgattung gehört aber die Darstellung von Beulen und Geschwüren Leibes und der Seele?

Die Mütter und die Künstler werden von denjenigen für Egoisten gehalten, die das Gebären nicht verstehen können.

Welch merkwürdiges Jahrhundert von 1789 bis 1889! Die Revolutionen, Napoleon und Bismarck, Robespierre und Edison, Beethoven und Wagner, Göthe und Victor Hugo, Darwin und Helmholtz, Guillotin und Nachtigall, die Beresina und das rothe Kreuz, die Ströme von Blut und das Kunsthandwerk, Eisenbahnen und Dampf, Mikroben und Krupp'sche Kanonen, – wir sind Theilhaber an einer großen Zeit, wir helfen sie bauen, und doch fließt uns immer derselbe Saft durch die Adern, wie seit Jahrtausenden.

Wenn man »Der Mensch« von Johannes Ranke liest, so bekommt man einen kolossalen Respect vor dem lieben Gott, der jeden kleinsten Theil der Maschine so kunstvoll herstellt. Das Wunder eines Herzschlags vollzieht sich siebzig Mal in einer Minute, und wir wundern uns nur, wenn es stille steht. Siebzig Mal in jeder Minute treibt das Herz den Lebenssaft bis in die feinsten Fasern, und ein einziger Gedanke verdoppelt die Geschwindigkeit. Ist denn der Gedanke selbst noch etwas Materielles? In einem Tröpfchen Thau wohnt ein Stück Weltgeschichte, ein Werden und Vergehen von Tausenden von Geschlechtern. Vielleicht besteht der Gedanke auch aus Hunderten von kleinen Thieren. Denn was ist ein Tropfen Thau gegen das Blut? Wir sind wandelnde Meereswellen. Das Meer stellt den Pulsschlag der Erde dar und Ebbe und Fluth ihr Athmen. Sie hebt und senkt den Busen in regelmäßigen Athemzügen, bis ein Gedanke an die Sonne, eine Sehnsucht nach den Brudersternen, ein Auflehnen gegen die vorgeschriebene Bahn sie außer Fassung bringt. Dann pocht das Herz schnell, die Blutwellen stürmen, der Athem keucht, und dann war es nur ein Gedanke, vom Winde vorübergeweht, der so viele Lebewesen verschlungen hat, und ruhig schlägt der Puls wieder an den Strand, in rythmischem Text, mit wogenden Herztönen.

Wenn man sich vorstellt, daß man achtlos Gift in seine Adern einführen kann, das mit jedem Pulsschlag durch's Gehirn kreist und Alles zerstört, was es berührt, so ergreift einen tiefes Entsetzen.

Der zerbrochene Krug von Kleist ist das Muster von einem Lustspiel, wie Aurore Leigh von Elizabeth Browning der höchste Begriff des Romans, d. h. ein Epos ist.

Hebbel wundert sich, daß Körner populärer war, als Kleist. Um populär zu werden, muß man von Kindern, Soldaten, Studenten und Betrunkenen gesungen werden, und nicht an Weltschmerz leiden.

Hebbel ist mit Recht außer sich, wenn man Dichter als Sentenz citirt. Er sagt: Poesie ist Leben, nicht Denken; Umkleiden, nicht Scalpiren. Aber die Dichter der Bibel und Shakespeare haben dennoch ewige Sentenzen gebracht.

Rhythmus und Tact ist etwas Natürliches, vom Blutumlauf bedingt.

Man kann das Muttersein bei jeder Frau auf den ersten Blick gewahren, sowie auch das Gegentheil. Einer Frauenbrust sieht man es an, wenn nie ein Kinderköpfchen daran geruht, während man an die mütterliche Brust selbst seinen Kopf lehnen möchte und wieder Kind sein. Ebenso zieht in Mutteraugen eine Weichheit und Trauer ein, die nur das Hindurchgehen durch die Todespforte und das Aufgeben seiner Selbst in die Augen legen kann.

Man sage nie: Zwanzig Jahre haben es diese Menschen zusammen ausgehalten, und nun lassen sie sich unbegreiflicher Weise scheiden. Es ist gerade die Länge der Zeit und die Wiederholung, die das Unerträgliche herbeiführen. Beim ersten Schlage beißt man die Zähne zusammen, beim hundertsten kann man sterben. Sie haben es eben 20 Jahre lang nicht mit einander ausgehalten.

Bei den Alten wurde eine schwangere Frau von Jedermann gegrüßt. Man hielt sie für einen Tempel, in dem das Wunder der Menschwerdung sich vollzog. Sie tanzte aber auch nicht Nächte lang, von Arm zu Arm fliegend, sondern blieb in des Weibes höchster, erhabenster Würde. Jede Frau sollte den englischen Gruß zu vernehmen glauben und sich halten wie Maria, die den Heiland erwartet. Dann brauchte Keiner seinen Eltern seine Geburt vorzuwerfen: denn er wäre ein weit vollkommneres Wesen und für das Leben ausgerüstet, dem der Schwache, Zufällige, Ungewollte erliegen muß.

Bei der Erbauung des Menschen fängt die Natur mit dem Gehirn an und bereitet die weniger edlen Theile erst später. Sie ist eben eine gottbegnadete Künstlerin, die Natur, und will dem Geiste Tempel bauen.

Es ist ein gutes Zeichen, daß Tagebücher und Memoiren durchweg mehr interessiren, als Romane. Der Romanschreiber ist selten stark genug, seinen Gestalten volles Leben einzuhauchen, und das Publicum sucht ihn überall herauszulesen, da er sich doch so viel Mühe gegeben, ganz zu verschwinden. Sonach dürfte jeder Mensch nur ein Buch schreiben, seine eigene Lebensgeschichte, die der Wahrheit möglichst nahe käme. Die wirkliche Wahrheit kann doch Keiner enthüllen, nur den Vorhang leise bewegen, hinter welchem sie sich verbirgt.

Warum werden höfische Menschen scheinbar glatt und kalt? Weil sie ihren Umgang nicht wählen und weder Freundschaft noch Abneigung zeigen dürfen. Um sich darum nicht selbst für falsch und verachtungswürdig zu halten, müßte man sich eine Alles besiegende Milde aneignen und mit Zöllnern und Sündern essen ohne Ueberhebung. Entweder muß man Alle lieb haben oder Niemand. Man werde wenigstens mitleidig, wie Buddha, wenn man bis zum Christenthum nicht durchdringen kann.

Die Völker sind wie Kinder: ihr Herrscher soll ein Gott sein. Sobald er aber nicht ihren Willen thut, schlagen sie den Götzen entzwei und treten ihn in den Staub.

Warum brauchen die Menschen Götter? Manche Thiere, z. B. Hunde, brauchen sie auch. Nur ist der Hund seinem Gott treu, läßt sich die übelste Behandlung klaglos gefallen, zweifelt nie, verläßt ihn nie, fragt nie, ob ein andrer Gott größer oder mächtiger oder gütiger ist. Und dann sagt man: du Hund! und meint damit ein Schimpfwort.

Pflichttreue ist eines der schönsten Wörter der lieben deutschen Sprache: sie kann stolz sein, es zu besitzen.

Die französischen Dichter sind um so anerkennenswerther, als sie mit sprödem Material zu kämpfen haben. Es ist musiklos; es hat weder Rhythmus noch Cadenz. Sie müssen mit Gedankenreichthum und Gedankenschärfe ihre Lieblosigkeit ersetzen.

Wenn das nicht augenblicklich packt, was man schreibt, so klage man nicht den Unverstand der Leute an, sondern die schlechte Form, in die man einen guten Gedanken gegossen.

Man ist ungerecht, wenn man sich ärgert, daß formgerechte Machwerke fesseln und geschätzt werden, oft mehr, als sie's verdienen. Aber Form ist ewig, wozu wurde sie uns denn gegeben? Der Gedanke, wie er im Gehirn sitzt, sieht gar nicht schön aus und hat weder Form noch Klang und ist doch weit vollkommener, als in seiner erhabensten Darstellung. Kein Meister hat noch je seinen eignen Gedanken erreicht. Deswegen ist ein roher Block, die nackte Leinwand, ein leeres Buch Papier jedem Schaffenden der angenehmste und erfreuendste Anblick. Hier wird er sich endlich zeigen können. Und wenn er sich gezeigt hat, wirft er nur höchst ungern noch einen Blick auf die vollendete Arbeit.

Man muß den Höfen verzeihen, daß sie auf die Form so großen Werth legen und ein Staatsgeschäft daraus machen. Seit vielen Generationen wissen sie, was man mit der Form erreicht. Sie kennen den Panzer unerschütterlicher Höflichkeit und ewiger Gleichmuth. Jede Gefühls- oder Eindrucksäußerung ist eine Achillesferse. Darum hatten Parvenus große Mühe, sich diese eherne Glätte anzueignen, die immer schön, rund, vollkommen, unangreifbar erscheint. Die Völker wollten es so haben: Die irdischen Götter sollten immer heiter lächeln; also lächelten sie, um ihren Völkern zu gefallen. Da zieh man sie der Gefühllosigkeit und zerschnitt sie, um zu sehen, ob doch noch ein Herz darin sei, und weil es todt war und nicht mehr zuckte, so sagte man, es habe nie gelebt.

Ist nicht jeder Dichter eine Sphinx? Der versteinerte Schmerz der Vergangenheit und die verschüttete Frage an das Welträthsel, durch thörichte Hände hervorgegraben und selber unverstanden.

Welche großartige Dichtung wäre Niobe, die durchaus wieder Kinder haben will, aber schmerzversteint nicht mehr lieben kann.

Ein Deutscher und ein Franzose sprechen zusammen Französisch. Der Deutsche wird sich nie ganz verstanden fühlen, wenn er auch das Französische vollkommen beherrscht, wenn nicht der Franzose ebenso gut Deutsch kann. Nun haben erst Beide dieselbe Zahl von Begriffen.

Die Möglichkeit eines jeden Begriffs liegt in unserem Gehirn, und jede neue Sprache, die wir erlernen, macht eine latente Kraft frei.

Wenn man sich gerade zu feige fühlt, die Qualen des Dichtens zu erdulden, so schreibe man ein Tagebuch. Man kann dabei ruhig und mühelos denken, ohne durch den Sturm der Gefühle, durch Orkane und Todesbangigkeit, durch Folterqualen und Entzücken in wildem Wirbel zerrissen zu werden.

Das Verhältniß zwischen zwei Menschen wird in dem Maße intensiver, in dem sie gemeinschaftlich hervorbringen.

Wenn man ein sehr vergnügungssüchtiges Volk sieht, so gewinnt man bald die Ueberzeugung, daß unheilbare Trauer ihm das Mark verzehrt. Wer heiter ist, braucht sich nicht zu amüsiren.

Der lächerlichste Mensch wird erhaben und Scheu erweckend, sobald die stille Feier des herannahenden Todes sich über sein Gesicht gebreitet.

Wer an das Ende denkt, dem wird Nichts lächerlich erscheinen.

Freundschaft ist das anbetungswürdigste Gefühl in der Menschenbrust. Lieber hundert Feinde haben als gar keinen Freund.

Man hüte junge Frauen vor weiblichem Umgang. Der männliche ist ungefährlich; denn wie muß eine Frau sein, bis ein Mann es wagt, ihr etwas Unpassendes zu sagen, während sich öfters Frauen sehr merkwürdige Dinge zu sagen erlauben.

Politiktheoretiker sind wie Leute, die das Einmaleins nicht kennen und Geometrie treiben wollen.

Heimweh sollte man manchmal Jugendweh nennen.

In der Liebe und im Tode sind wir Alle gleich und den Thieren am ähnlichsten, und doch sind es die erhabensten Momente, des Daseins Endpunkte und Zweck.

Manche Krankheit wäre den Menschen zu ersparen, wenn man ihr Herz befriedigen und froh machen könnte.