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Gustav Heinemann über Anklage

Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, daß in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.
Fernsehansprache am 14. April 1968 nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag, die dem Attentat auf Rudi Dutschke folgten.
Zitat von Gustav Heinemann
Gustav Heinemann
deutscher Politiker
* 23.07.1899, † 07.07.1976

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Gustav Heinemann, der dritte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, verstand sich selbst als "Bürgerpräsident" und war zudem ein engagierter Widerstandskämpfer der Bekennenden Kirche in der dunklen Zeit der Nazi-Herrschaft. Er wusste viel von Schuld und Verantwortung und hinterließ uns unter vielen anderen auch das obige Zitat, das die Schuldzuweisung an andere Mitmenschen im Fokus der Betrachtung hat.

Vielen Leuten ist es ins Blut geschrieben, ihre Sprache auch mit Gesten zu untermauern und ihnen damit eine besondere Bedeutsamkeit zu geben. Eine dieser Gesten ist der ausgestreckte Zeigefinger, der benutzt wird, um diese Verstärkung gleich auch zu personalisieren, indem er direkt auf einen Täter, Beschuldigten oder Gemeinten hinweist. So wird beispielsweise im Eifer eines verbalen Gefechtes oder aber auch gezielt, gewollt und geplant mit dem Finger auf jemand anderen gezeigt, der vielleicht die Verantwortung für ein bestimmtes Desaster oder Unglück trägt oder sich sonst etwas hat zu Schulden kommen lassen.

Damit wird der Täter mental "dingfest" gemacht, wird vor allen anderen Mitmenschen gekennzeichnet, benannt oder eventuell sogar beschuldigt. Ob dies zu Recht geschieht, ist oftmals überhaupt nicht klar, gar ist es bewiesen. Oft basieren Schuldzuweisungen auf bloßen Spekulationen oder auf Behauptungen anderer, deren Nachweis noch nicht erbracht ist.

In anderen Fällen mag zwar ein eindeutiger Schuldnachweis vorliegen, problematisch jedoch bleibt meist die Art und Weise dieses Vorgehens, wenn mit dieser Zeigefinger-Geste der Schuldzuweisung agiert wird. Hier greift Gustav Heinemann ein und gemahnt uns daran, doch bitte zu überlegen, was diese Geste denn sonst noch bedeuten könnte.

Nimmt man allein das Handzeichen als Symbol, so ist es eben so, dass drei Finger dabei auf uns selbst zurückweisen, wenn wir den Zeigefinger als Schuldzuweisung nach außen richten.

Was aber hat es mit diesen drei rückweisenden Fingern an uns selbst auf sich? Nimmt man es symbolisch oder auch psychologisch, so darf man sich gern gleich dreifach hinterfragen, ob wir uns denn daran erinnern, wie oft wir selbst schon schuldig wurden.


Täter und Opfer im ewigen Rund von Schuld und Unschuld


Haben wir ein Recht, andere zu verurteilen, wenn wir selbst nicht besser sind? Wie oft haben wir schon Mist gebaut, Fehler begangen, waren unaufmerksam, wo Aufmerksamkeit unsere Pflicht gewesen wäre? Wie oft haben wir schon aus rein egoistischen Gründen in anderen Zusammenhängen versagt, weil allein Faulheit, Müdigkeit oder Bequemlichkeit nur hätten überwunden werden müssen? Sind wir tatsächlich in toto besser als der- oder diejenige, die wir gerade im Fokus eines neuen Schuldigwerdens der Mitwelt präsentieren. Haben wir tatsächlich das Recht, uns über diese "Schuldigen" oder "vermeintlich Schuldigen" zu stellen, weil wir uns in diesem Moment doch zu den "Guten", den "Besseren", gar den "Vollkommenen" zählen? Täte es uns nicht gut, wenn wir uns in solchen Situationen daran erinnern, was uns selbst schon oft widerfahren ist?

Vielleicht kommen uns da dann auch jene Momente in Erinnerung, die für uns selbst ganz besonders schmerzlich waren, weil wir böse entlarvt wurden, nur weil wir einmal versagten. Oder Augenblicke, die wir vielleicht als ungerecht empfunden haben oder als unmenschlich, weil die Art und Weise der Beschuldigung zum Vergehen einfach nicht adäquat war.

Vielleicht erinnern wir uns mit etwas Glück umgekehrt aber auch an Situationen, wo uns Milde und Verständnis entgegenschlugen, obschon wir versagten. Wo uns andere Menschen still verziehen oder mit einem Klärungsgespräch eine üble Sache bereinigten. Und waren wir nicht dankbar, wenn wir Letzteres erleben durften?

All das und mehr wollen uns jene drei Finger zeigen, die im Falle der Schuldzuweisung auf andere dann auf uns selbst zurückweisen.

Hat man diese Doppelsymbolik einmal tief in Herz und Hirn abgespeichert, können wir sie abrufen, wenn wir wieder einmal in eine ähnliche Situation hinein geraten - sei es als Täter, Opfer, Richter, Ankläger … oder als Verzeihender, der um das Allzumenschliche aus eigener Erfahrung gut Bescheid weiß und dann auch mitmenschlich richtig agiert.