Johann Gottfried von Herder über Abschied

  • Jeder Abschied ist betäubend.

Johann Gottfried von Herder

deutscher Philosoph und Theologe

* 25.08.1744 Mohrungen, Ostpreußen
† 18.12.1803 Weimar

Gedanken zum Zitat

Herders Satz »Jeder Abschied ist betäubend« trifft auf eindringliche Weise den emotionalen Kern des Abschiednehmens. Er bringt zum Ausdruck, dass Abschiede nicht nur physische Trennungen markieren, sondern eine tiefe psychische Wirkung auf uns haben. Das Wort »betäubend« verweist auf die Ohnmacht, das innere Erschüttertsein und die Sprachlosigkeit, die wir oft in Momenten des Abschieds empfinden. Abschiede erschüttern uns, weil sie eine klare Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit ziehen und uns zugleich mit der Endlichkeit menschlicher Beziehungen konfrontieren.

Die Betäubung, von der Herder spricht, ist ein universales Phänomen. Sie tritt auf, wenn wir von Menschen, Orten oder Lebensabschnitten Abschied nehmen, die uns wichtig sind. Ob durch Tod, Trennung, Umzug oder andere Veränderungen – jeder Abschied bringt eine Art inneren Schock mit sich. Wir fühlen Unsicherheit, Trauer, vielleicht sogar Angst vor dem Alleinsein oder davor, etwas unwiederbringlich zu verlieren. In dieser emotionalen Intensität liegt die »Betäubung«: Wir sind vorübergehend handlungsunfähig, gedanklich gefangen zwischen dem, was war, und dem, was kommt.

Gleichzeitig verweist Herder mit dieser Formulierung auf die Bedeutung des Abschieds für unser inneres Erleben. Betäubung ist nicht nur Schmerz; sie ist auch ein Moment der Reflexion. Im Abschied werden Beziehungen, Erfahrungen und Erinnerungen verdichtet. Wir erkennen den Wert des Vergangenen oft erst im Moment der Trennung. Die Betäubung ist damit zugleich ein Zeichen dafür, dass uns etwas wirklich wichtig war und dass wir die emotionale Tiefe des Erlebten spüren.

Der Satz erinnert auch daran, dass Abschied unausweichlich ist. Jeder Mensch erlebt Trennungen, sei es im Privaten, Beruflichen oder in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Betäubung gehört zum menschlichen Leben wie Freude und Liebe. Sie zeigt unsere Verletzlichkeit und eröffnet zugleich die Möglichkeit zu innerem Wachstum. Wer Abschiede erlebt, lernt, Gefühle zuzulassen, loszulassen und sich auf Neues einzustellen.

Herder macht deutlich, dass Abschied eine universelle Erfahrung ist, die tief ins menschliche Empfinden eingreift. Die Betäubung ist ein natürlicher Reflex auf Verlust und Veränderung – eine Mischung aus Schmerz, Staunen und Nachdenklichkeit. Sie zeigt, dass Abschied mehr ist als ein äußeres Ereignis: Er berührt unser Innerstes, prägt Erinnerungen und formt unsere Fähigkeit zu Empathie und emotionaler Tiefe. In diesem Sinne ist jeder Abschied zwar betäubend, aber zugleich ein notwendiger Moment, um das Leben in seiner Vielschichtigkeit zu erfahren.

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