Johann Wolfgang von Goethe über Abschied

  • Viele Worte frommen nicht den Scheidenden.

Johann Wolfgang von Goethe

deutscher Dichter

* 28.08.1749 Frankfurt am Main
† 22.03.1832 Weimar

Gedanken zum Zitat

Goethes Satz »Viele Worte frommen nicht den Scheidenden« ist eine prägnante Beobachtung menschlicher Beziehungen, die vor allem den Abschied thematisiert. Er weist darauf hin, dass im Moment des Trennens, Loslassens oder Abschiednehmens nicht die Quantität der Worte entscheidend ist, sondern die Qualität. Viele Erklärungen, Rechtfertigungen oder Appelle können die Situation weder erleichtern noch das Wesentliche vermitteln; oft sind sie sogar überflüssig oder belasten den Scheidenden zusätzlich.

Abschied ist ein Augenblick, der durch Emotionen geprägt ist: Trauer, Sehnsucht, Dankbarkeit oder Bedauern. In solchen Momenten können Worte leicht ungeschickt wirken. Wer zu viel spricht, riskiert, das Gefühl der Dringlichkeit oder Intimität zu verlieren, das einen Abschied ausmacht. Ein kurzer, klarer Satz oder eine stille Geste kann oft mehr bewirken als langatmige Erklärungen. Goethe betont damit die Kraft der Zurückhaltung: Abschied braucht keine Überredung oder Rechtfertigung, sondern Raum für Empfindung und Akzeptanz.

Darüber hinaus verweist der Satz auf die individuelle Erfahrung des Abschiednehmens. Der Scheidende trägt seine eigene Last, sei es durch Trennung, Umzug, Tod oder Veränderung im Leben. In dieser Situation ist er weniger auf Worte angewiesen, die seine Entscheidung beeinflussen oder seine Gefühle lenken könnten. Vielmehr braucht er Freiheit und Respekt, um den Abschied in seinem eigenen Tempo und auf seine Weise zu erleben. Viele Worte können hier kontraproduktiv sein, da sie oft die eigenen Gefühle überlagern oder den Moment unnötig verlängern.

Goethes Beobachtung lässt sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Sie erinnert daran, dass nicht alles, was gesagt werden könnte, gesagt werden muss. Manchmal ist Schweigen wirkungsvoller und respektvoller. Gerade in emotional sensiblen Momenten wie dem Abschied kann die Reduktion auf das Wesentliche eine Form von Achtung und Empathie sein. Ein aufrichtiges »Leb wohl«, ein Blick, ein Händedruck oder eine kurze Geste der Zuneigung sagen oft mehr als unzählige Worte.

In einer Welt, in der Kommunikation oft ausufernd und überflüssig erscheint, bleibt Goethes Satz aktuell. Er mahnt, die Kraft des Schweigens und der prägnanten Worte nicht zu unterschätzen. Abschied ist ein Moment, in dem weniger oft mehr ist – nicht, weil Gefühle unwichtig wären, sondern weil sie nicht durch Übermaß an Worten verwässert werden dürfen. Die Essenz des Abschieds liegt in der Wahrhaftigkeit, und diese lässt sich nicht erzwingen. Goethe zeigt damit, dass Respekt, Einfachheit und Konzentration auf das Wesentliche im Abschied von größerer Bedeutung sind als die Fülle der Worte.

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