Johannes von Müller über Abschied

  • Durch längeres Zusammenleben können wir einen Freund verlieren, durch Trennung nie.

Johannes von Müller

schweizerischer Historiker

* 03.01.1752 Schaffhausen (Schweiz)
† 29.05.1809 Kassel

Gedanken zum Zitat

Die Aussage »Durch längeres Zusammenleben können wir einen Freund verlieren, durch Trennung nie« wirkt auf den ersten Blick paradox, enthält jedoch eine tiefe Einsicht in menschliche Beziehungen. Sie macht deutlich, dass Nähe nicht zwangsläufig Vertrautheit bedeutet und dass gerade das alltägliche Miteinander eine Freundschaft auf eine harte Probe stellen kann. Eine Trennung hingegen konserviert häufig ein positives Bild des Anderen und bewahrt die Beziehung vor Abnutzung.

Längeres Zusammenleben bringt Menschen unweigerlich mit den Eigenheiten, Schwächen und Gewohnheiten des anderen in Berührung. Was in der Distanz sympathisch oder belanglos erscheint, kann im Alltag zur Belastung werden. Kleine Unstimmigkeiten, unterschiedliche Lebensrhythmen oder unausgesprochene Erwartungen können sich aufstauen und zu Konflikten führen. Freundschaft lebt von Freiwilligkeit und gegenseitiger Wertschätzung; wenn sie jedoch durch ständige Nähe unter Druck gerät, kann sie an Leichtigkeit verlieren. In diesem Sinne birgt das Zusammenleben das Risiko, dass aus Nähe Reibung entsteht und aus Vertrautheit Enttäuschung.

Die Trennung dagegen bewahrt den Freund in einer idealisierten Form. Ohne die Konfrontation mit dem Alltag bleibt Raum für positive Erinnerungen und gegenseitigen Respekt. Distanz ermöglicht es, den anderen so zu sehen, wie man ihn schätzen gelernt hat, ohne ständig mit seinen Unzulänglichkeiten konfrontiert zu sein. Freundschaft wird dadurch nicht zerstört, sondern in eine andere Form überführt. Sie lebt weiter in Gedanken, Erinnerungen und gelegentlichem Kontakt, oft sogar freier und unbeschwerter als zuvor.

Gleichzeitig weist die Aussage darauf hin, dass Freundschaft keine Frage permanenter Nähe ist. Wahre Verbundenheit zeigt sich nicht im täglichen Miteinander, sondern in gegenseitigem Verständnis, Vertrauen und innerer Nähe. Trennung kann diese Form der Beziehung sogar stärken, weil sie auf Freiwilligkeit beruht und nicht durch äußere Umstände erzwungen wird. Wer getrennt ist, entscheidet sich bewusst für den Kontakt – und gerade darin liegt der Wert der Beziehung.

Dennoch ist die Aussage nicht als allgemeingültige Regel zu verstehen. Es gibt Freundschaften, die durch Zusammenleben wachsen, weil Offenheit, Toleranz und Kommunikation vorhanden sind. Sie zeigt jedoch eine realistische Seite menschlicher Beziehungen auf: Nähe ist anspruchsvoll und verlangt Rücksichtnahme. Distanz kann hingegen schützen./

Insgesamt macht die Aussage deutlich, dass Freundschaft weniger von räumlicher Nähe als von innerer Haltung abhängt. Manchmal bewahrt die Trennung das, was das Zusammenleben gefährden würde. Freundschaft geht nicht zwangsläufig durch Abschied verloren – oft beginnt sie gerade dort, wo Abstand entsteht.

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