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Voltaire über Wahrheit

Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen.
Zitat von Voltaire
Voltaire
französischer Philosoph und Schriftsteller
* 21.11.1694, † 30.05.1778

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Jeder Mensch steht früher oder später vor dem Dilemma in einer persönlich schwierigen Situation entscheiden zu müssen, ob er selbst die volle Wahrheit sagt oder zur Lüge greift, um sich zu retten oder er sich daraus gewisse Vorteile erhofft. Auch befinden wir uns alle hin und wieder in der Situation einer Vertrauensfrage, ob das, was uns gesagt oder suggeriert wird, wahr oder gelogen ist. Wahrheit und Unwahrheit sind Gegensätze, die zugleich unendlich eng aneinander gebunden sein können.

Voltaire, der große französische Philosoph und Schriftsteller, geht mit seiner Aussage über die Wahrheit aber noch auf einen anderen psychologischen Umstand ein: den des Verschweigens… oder des Nichtaussprechens dessen, was man sonst noch alles weiß.

Verschweigen ist keine Lüge. Je nach Situation kann es dennoch als eine empfundene "Falschheit" ausgelegt werden. Denn durch ein Verschweigen kann je nach Lage eine Wahrheit nicht vollständig zutage treten. In manchen Fällen fühlt man sich unter Umständen nur in einer Halbwahrheit eingebettet, die zu Irritationen führen kann, wenn einem dieses Verschweigen des anderen bewusst wird. Kommt das Verschweigen nicht in offensichtlicher Form daher, ist die gleiche Situation um die Wahrheitsfindung rein subjektiv wieder eine andere. Nämlich eine nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das bedingt aber, dass das Verschweigen solcherart sensibel gehandhabt wird, dass man es nicht einmal bemerkt. Nicht selten kommt es aber auch deshalb gern als ein "lautes Schweigen" daher, weil damit eine gewisse Machtdemonstration verbunden sein kann, die durchaus mit einkalkuliert ist.

Aber warum verschweigt man etwas, wenn man nichts zu verbergen hat? Es kann in der Tat sehr gute Gründe dafür geben, die volle Wahrheit nicht zu jedem Augenblick und jeder beliebigen Person zu sagen. Dahinter können sowohl Gefahrenabwägungen stehen wie auch der Schutz des Betroffenen, einer weiteren dritten Person oder ein Selbstschutz, der notwendig sein kann… neben anderen Formen von Kalkül.


Verschweigen aus Behutsamkeit oder Feigheit


Motive fürs Schweigen werden vor allem jene Situationen betreffen, wo die, die die Wahrheit hören wollen oder sollten, sie vermutlich aber im Augenblick nicht verkraften können. Dort, wo man aufgrund einer unangenehmen Wahrheit mit einer allzu labilen Persönlichkeit zu rechnen hat, die zu unüberlegten Handlungen neigt oder zu massiven Formen von Aggression, kann es wichtig sein, die Wahrheit in "dosierter" Art und Weise nahezubringen.

Darüber hinaus gibt es aber auch ein Verschweigen aus eigener Feigheit, die den eigenen Ängsten oder auch einer gewissen Gefahr geschuldet ist. Ob man auch hier immer gut beraten ist, die Wahrheit zu äußern, hängt vom Einzelfall ab. Die Abwägung kann schwierig sein. Die Interaktion der Betroffenen, ihr Vertrauen zueinander oder ihr Misstrauen gegeneinander, ihr Temperament, ihre Stärke, ihre seelische Befindlichkeit – all das und viel mehr machen es notwendig, eine immer neue Einzelabwägung zu treffen. Man denke hier auch an kriminelle Energien, wenn es um Verbrechen geht oder offenen oder subtilen Formen von Erpressung.

Die Wahrheit kann brutal sein. Menschen, die von einem physischen oder seelischen Unglück betroffen sind und sich bereits in einer Ausnahmesituation befinden, sollten nicht mit unnötig belastenden Wahrheitsdetails, die die Sache letztlich nicht ändern, ungefragt konfrontiert werden. Denn dies führt unter Umständen zu einem vermehrten Leid, das letztlich zu nichts nutze ist. Fragt jemand jedoch willentlich nach der vollen Wahrheit, ist die Situation eine andere, weil sich der Betroffene selbst ja dann offenbar auch ein Verkraften und Verarbeiten weiterer Fakten zutraut. Sensibilität ist jedoch im Falle von schwerwiegenden Belastungen durch die volle Wahrheit dennoch unverzichtbar.

Was aber macht es oft so schwer, Wahrheit und Lüge – oder Wahrheit und Verschweigen so zu handhaben, dass wir nicht einfach der Wirklichkeit des Geschehens folgen können? Auch diese Frage ist in der Theorie viel leichter zu beantworten, als die Sache selbst in der Praxis zu handhaben.


Die Selektion des Gehirns macht uns zu schaffen


Die persönlich empfundene Wirklichkeit ist immer eine Interpretation des Individuums. Was wirklich ist, ist für jeden Menschen etwas anderes. In den meisten Dingen haben wir eine Art nonverbalen Konsens, der uns ein Zusammenleben ermöglicht. Aber gehen wir in die Details, wenn wir die erlebte Wirklichkeit am gleichen Ort zur gleichen Zeit beschreiben sollen, dann ergeben sich oft entscheidende Unterschiede, die dann auch mit dem Gefühl von Wahrheit oder Unwahrheit außerordentlich viel zu tun haben.

Man nehme nur eine Alltagssituation, die von drei verschiedenen Menschen am gleichen Ort beschrieben werden soll. Zum Beispiel die Augenzeugenberichte, die der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen helfen sollen. Alle Beobachter des Geschehens werden unter Umständen bei den Details etwas anderes sagen, weil sie etwas anderes gesehen haben. Der Unterschied liegt dabei nicht in den Fakten sondern an der Selektion, die unser Gehirn vornimmt. Es liegt an dem individuell verschiedenen Fokus, auf den unsere Sinne gerade während der Beobachtung ausgerichtet waren. So sieht jeder eine andere Wirklichkeit, die er aber als seine Wahrheit dann äußert.

Wahrheitsgemäß haben die Zeugen des gleichen Geschehens am Ende alle geantwortet, dennoch kam bei jedem etwas anderes heraus. Wer mag nun unter welchen Kriterien Wahrheit und Wirklichkeit, Fakten und subjektives Erleben unterscheiden und werten?! Hat man es mit philosophischen, emotionalen, gefühlten Ansichten oder Haltungen zu tun, wird die Sache um die Wahrheit noch viel komplizierter.

Das Zitat des großen Denkers Voltaire bezieht sich jedoch vor allem auf jene Fälle, wo es weniger um die äußeren Fakten einer Wahrheit geht. Vielmehr geht es um die Umstände, die diese auslösen können, wenn sie auf die seelische Befindlichkeit des Mitmenschen treffen. Sensibilität und Feingefühl sind dann vor allem die Schlüssel-Eigenschaften, die es uns ermöglichen, zwischen einer vollständigen Wahrheit in ganz wahrhaftiger Weise und einem bewussten Verschweigen zum Besten des Betroffenen fein abzuwägen.