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Samuel Smiles: Der Charakter

1. Kapitel. Der Einfluß des Charakters

Charakter ist die moralische Ordnung, gesehen durch das Medium einer individuellen Natur. Charakterstarke Menschen sind das Gewissen der Gesellschaft, der sie angehören.

Emerson.

Der Charakter ist einer der bedeutendsten Bewegkräfte der Welt. In seinen edelsten Verkörperungen stellt er die menschliche Natur in ihren höchsten Formen dar.

Menschen von echter Größe in jeder Lebenslage, Menschen von hohem Fleiß, hoher Lauterkeit, hohen Prinzipien, hohem Ernst in der Verfolgung ihrer Ziele, fordern die spontane Huldigung der Menschheit heraus. Es ist ganz natürlich, daß man solchen Menschen glaubt, ihnen vertraut, ihnen nachlebt. Alles Gute in der Welt beruht auf ihnen, und ohne ihre Gegenwart würde die Welt nicht wert sein, daß man in ihr lebt.

Das Genie ruft immer Bewunderung hervor, aber der Charakter vor allem sichert die Hochachtung. Jenes ist mehr ein Erzeugnis des Gehirns, dieser des Herzens. Und am Ende ist es doch immer das Herz, welches dem Leben die Regeln vorschreibt. Geniale Menschen stehen mit der menschlichen Gesellschaft durch ihren Intellekt in Beziehung, charaktervolle Menschen durch ihr Gewissen; und während man jene bewundert, folgt man diesen nach.

Große Menschen sind immer Ausnahme-Menschen. Aber Größe selbst ist ein relativer Begriff. Der Spielraum des Lebens der meisten Menschen ist in der Tat so beschränkt, daß nur sehr wenige Gelegenheit haben, groß zu sein. Jeder aber ist imstande, seine Arbeit redlich und ehrenvoll zu erledigen und nach besten Kräften. Er kann seine Gaben gebrauchen, ohne Mißbrauch mit ihnen zu treiben. Er kann sein Leben auf die beste Art verwenden. Er kann wahr sein, gerecht, ehrenhaft, treu auch in den kleinsten Dingen. Mit einem Wort, er kann seine Pflicht tun an jedem Platz, auf den ihn die Vorsehung gestellt hat.

Mag dies wie ein Gemeinplatz aussehen: solch eine Pflichterfüllung ist das höchste Ideal des Lebens und Charakters. Darin mag nichts Heroisches liegen; aber das gewöhnliche Los der Menschen ist eben nicht heroisch. Und wie das beständige Pflichtgefühl den Menschen in seinen höchsten Bestrebungen aufrecht erhält, so stützt es ihn auch in den Arbeiten des Tages. »Das menschliche Leben verläuft in der Sphäre gewöhnlicher Pflichten.« Die folgenreichsten aller Tugenden sind die, welche am meisten im täglichen Leben geübt werden müssen. Sie bewähren sich am besten und halten am längsten vor. Überfeine Tugenden, welche über den Durchschnitt der Menschen hinausgehen, sind nur Quellen der Versuchung und Gefahr. Burke hat richtig bemerkt, daß »das menschliche System, welches auf dem Fundamente heroischer Tugenden ruht, gewöhnlich einen Oberbau von Schwäche und Leichtsinn besitzt«.

Als Dr. Abbot, der spätere Erzbischof von Canterbury, den Charakter seines verstorbenen Freundes Thomas Sackville zeichnete, verweilte er nicht bei seinen Verdiensten als Staatsmann oder bei seinem poetischen Genius, sondern bei seinen Tugenden gegenüber den gewöhnlichen Pflichten des Lebens. »Wie viele seltene Vorzüge besaß er!« sagte er. »Wer war liebreicher gegen sein Weib, gütiger gegen seine Kinder, hilfsbereiter seinen Freunden, nachsichtiger seinen Feinden gegenüber, treuer einem gegebenen Wort?« Wir können in der Tat den wahren Charakter eines Menschen besser verstehen und schätzen nach der Art und Weise, wie er sich denen gegenüber benimmt, die ihm am nächsten stehen, besser nach seiner Ausführung der anscheinend geringfügigen Kleinigkeiten des täglichen Lebens, als nach seinem öffentlichen Hervortreten als Autor, Redner oder Staatsmann.

Das Pflichtgefühl, das für die meisten die Führung der Alltagsgeschäfte bestimmt, ist gleichzeitig eine Kraft, welche die Menschen auch auf dem höchsten Niveau des Charakters aufrecht erhält. Sie brauchen nicht Geld oder Gut, Gelehrsamkeit oder Macht zu besitzen, und dennoch können sie groß an Gemüt und Geist – redlich, zuverlässig und pflichttreu sein. Und wer sich bemüht, getreu seine Pflicht zu tun, erfüllt den Zweck, zu dem er geschaffen wurde und legt in sich die Grundlagen zu einem männlichen Charakter. Viele Leute gibt es, die in der Welt nichts ihr eigen nennen als ihren Charakter, und doch stehen sie so fest darauf wie ein gekrönter König.

Intellektuelle Bildung ist nicht notwendig mit Reinheit oder Vortrefflichkeit des Charakters verknüpft. Im Neuen Testament wird häufig an das menschliche Herz und den Geist, »des Kinder wir sind«, appelliert, während eine Bezugnahme auf den Verstand selten vorkommt. »Eine Handvoll guten Lebens ist einen ganzen Scheffel Gelehrsamkeit wert«, sagt George Herbert. Gelehrsamkeit soll damit nicht verachtet werden, aber sie muß mit Güte gepaart sein. Hervorragender Verstand ist zuweilen mit dem gemeinsten moralischen Charakter verbunden – mit verächtlicher Kriecherei gegen Vorgesetzte und Arroganz gegen Untergebene. Ein Mensch kann in Kunst, Literatur und Wissenschaft vortrefflich sein und doch an Ehrlichkeit, Tugend, Zuverlässigkeit und Pflichttreue einem armen, unbelesenen Landmann nachstehen.

»Du betonst so sehr«, schrieb Berthes an einen Freund, »den Respekt vor Gelehrten. Dazu sag' ich Amen. Aber vergiß dabei nur nicht, daß Geistesgröße, Gedankentiefe, Wertschätzung des Erhabenen, Welterfahrung, Vornehmheit, Takt und Energie, Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Liebenswürdigkeit einem Manne abgehen können, wenn er auch noch so sehr gelehrt ist.«

Als jemand im Beisein Sir Walter Scotts eine Bemerkung über den Wert literarischer Talente und Fähigkeiten machte, als ob man sie vor allem schätzen und ehren müßte, bemerkte der Dichter: »Gott steh uns bei! Wie armselig wär's mit der Welt bestellt, wenn diese Behauptung wahr wäre! Ich habe während meines Lebens genug Bücher gelesen und auch genug hervorragende Geister mit glänzender Bildung beobachtet und gesprochen; aber ich versichere Ihnen, daß ich aus dem Munde armer, ungebildeter Männer und Frauen, wenn der Geist eines strengen und doch sanften Heldentums unter Not und Bedrängnis aus ihnen sprach, oder wenn sie ihre einfachen Gedanken über das Schicksal ihrer Freunde und Nachbarn äußerten, höhere Gedanken gehört habe, als ich je antraf – außer etwa in der Bibel. Wir werden niemals lernen, unsere wahre Berufung und Bestimmung zu fühlen und zu schätzen, bevor wir nicht gelernt haben, alles andere nur als nebensächlich zu betrachten gegenüber der Bildung des Herzens.«

Noch weniger hat Reichtum notwendig etwas mit der Größe des Charakters zu tun. Im Gegenteil ist er häufig die Ursache seiner Verschlechterung und Erniedrigung. Reichtum und Sittenverderbnis, Luxus und Laster sind sehr nahe miteinander verwandt. Reichtum ist in den Händen von Leuten mit schwachem Willen, mangelnder Selbstbeherrschung und schlecht bezähmten Leidenschaften nur eine Versuchung, ein Fallstrick, vielleicht sogar die Quelle unendlichen Unheils für sie selbst und andere.

Relative Armut ist dagegen wohl vereinbar mit Charakter von höchster Ausbildung. Ein Mensch braucht nichts als seinen Fleiß, seine Mäßigkeit und Unbescholtenheit zu besitzen, und kann doch an Männlichkeit hoch stehen. Einer der reinsten und edelsten Charaktere, die der Verfasser je kennen lernte, war ein Arbeiter in einer nördlichen Grafschaft, der bei einem wöchentlichen Einkommen von nicht mehr als 10 Schilling seine Familie anständig ernährte. Obgleich er nur Rudimente allgemeiner Bildung besaß, wie er sie sich in einer gewöhnlichen Dorfschule angeeignet hatte, war er doch voller Weisheit und Gedankentiefe. Seine Bibliothek bestand aus der Bibel, ›Flavel‹ und ›Boston‹ – Bücher, von denen mit Ausnahme des ersteren wohl nur wenige Leser etwas gehört haben. Dieser gute Mann hätte für Wordsworths wohlbekannten ›Wanderer‹ als Modell dienen können. Als er sein bescheidenes Leben der Arbeit und des Gebets vollendet hatte und zur ewigen Ruhe einging, hinterließ er den Ruf praktischer Weisheit, echter Herzensgüte und der Hilfsbereitschaft bei jedem guten Werk, so daß ihn größere und reichere Leute hätten beneiden können.

Als Luther starb, hinterließ er, wie sein Testament dartut, ›kein bares Geld, noch Geldeswert irgendwelcher Art‹. Er war einen Teil seines Lebens hindurch so arm, daß er sich sein Geld als Drechsler, Gärtner und Uhrmacher verdienen mußte. Doch zur selben Zeit, wo er sich durch seiner Hände Arbeit ernährte, bildete er den Charakter seines Landes; und er war moralisch stärker und besaß mehr Ansehen und Anhänger als alle Fürsten Deutschlands.

Charakter ist Eigentum, und zwar das edelste aller Besitztümer. Er ist ein Besitzrecht auf das Wohlwollen und die Achtung der Menschen; und die ihr Kapital so anlegen, werden, wenn auch nicht reich an irdischen Gütern, so doch belohnt durch rechtlich und ehrenhaft erworbene Achtung und Ehrerbietung. Und mit Recht werden im Leben gute Eigenschaften geschätzt, nehmen Fleiß, Tugend und Güte den höchsten Rang ein, – und die wahrhaft besten Menschen sind die Vordersten.

Die bloße Ehrlichkeit des Willens vermag bei einem Menschen viel, wenn sie auf eine richtige Selbsterkenntnis und beständigen Gehorsam gegen die als richtig erkannte Regel gegründet ist. Sie hält einen Menschen aufrecht, gibt ihm Kraft und Beständigkeit und bildet eine Haupttriebfeder energischen Handelns. »Kein Mensch«, sagte einst Sir Benjamin Rudyard, »ist verpflichtet, reich oder groß zu werden, auch nicht weise; aber jeder ist verpflichtet, ehrenhaft zu sein.«

Aber der gute Wille muß nicht nur ehrlich sein, sondern er muß auch auf gesunden Prinzipien beruhen und mit unerschütterlichem Festhalten an Wahrheit, Unbescholtenheit und Rechtlichkeit verfolgt werden. Ohne Prinzipien ist ein Mensch wie ein Schiff ohne Steuer und Kompaß, das dem Spiel der Winde preisgegeben ist. Er ist wie einer ohne Gesetz und Richtschnur, ohne Ordnung und Regierung. »Moralische Prinzipien«, sagt Hume, »sind sozial und universell. Sie bilden gewissermaßen ein Bollwerk der Menschheit gegen Laster und Unordnung, ihre gewöhnlichen Feinde.«

Epiktet empfing einst den Besuch eines glänzenden Redners, der in Geschäften nach Rom kam und von den Stoikern etwas von ihrer Philosophie lernen wollte. Epiktet empfing seinen Besucher kühl, da er nicht an seine Aufrichtigkeit glaubte. »Du willst nur meinen Stil kritisieren und nicht unsere Prinzipien kennen lernen.« »Wenn ich das wollte,« sagte der Redner, »würde ich ein armer Teufel sein, wie du, ohne Geld, Gut und Land.« – »Solche Dinge begehre ich nicht,« erwiderte Epiktet; »und außerdem bist du, nach allem, ärmer als ich. Einen Gönner oder nicht, was schere ich mich darum. Aber du sorgst darum. Ich bin reicher als du. Ich kümmere mich nicht um das, was der Kaiser von mir denkt. Ich schmeichle keinem. Das habe ich, an Stelle deines Goldes und Silbers. Du haft silberne Gefäße, aber tönerne Grundsätze und Neigungen. Mein Geist ist mein Königreich und liefert mir reiche und glückliche Beschäftigung anstatt deiner geschäftigen Trägheit. Alle deine Besitzungen scheinen dir klein; die meinigen scheinen mir groß. Dein Begehren ist unersättlich, meines ist befriedigt.«

Das Talent ist keineswegs selten in der Welt; auch das Genie ist es nicht. Aber kann man dem Talent, dem Genie allein vertrauen? Doch nur, wenn sie auf Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit beruhen. Diese Eigenschaft mehr als alle anderen fordert Ansehen und Achtung heraus und sichert das Vertrauen anderer. Zuverlässigkeit ist der Grundstein jedweder persönlichen Vollkommenheit. Sie zeigt sich im Betragen. Sie ist Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit der Handlungsweise und leuchtet aus jedem Wort und jeder Tat. Sie bedeutet Vertrauenswürdigkeit und überzeugt andere Menschen, daß man ihr vertrauen kann. Und ein Mann ist schon von Bedeutung in der Welt, wenn es bekannt ist, daß man sich auf ihn verlassen kann – daß, wenn er etwas zu wissen vorgibt, er dies auch wirklich weiß – daß, wenn er etwas zu tun verspricht, er dies auch ausführen kann und ausführen wird. Solche Zuverlässigkeit ist eine Anweisung auf das allgemeine Ansehen und das Vertrauen der Menschheit.

In den Angelegenheiten des Lebens oder in Geschäften kommt es mehr an auf den Charakter als auf den Intellekt, mehr auf das Herz als auf das Hirn, nicht so sehr auf Genie als auf Selbstbeherrschung, Geduld und Urteilsfähigkeit. Deshalb gibt es für die Zwecke des öffentlichen und Privatlebens keine bessere Mitgift als eine tüchtige Dosis gesunden Menschenverstandes, gepaart mit Wahrhaftigkeit. Der gesunde Menschenverstand, von Erfahrung geschult und von Güte beeinflußt, führt zur praktischen Weisheit. In Wahrheit begreift Herzensgüte Weisheit in sich, jene höchste Weisheit, die eine Verbindung der weltlichen mit der geistlichen bedeutet. »Die Beziehungen zwischen Weisheit und Herzensgüte«, sagt Sir Henry Taylor, »sind mannigfacher Art; und daß sie einander begleiten, ist natürlich, nicht nur, weil die Weisheit die Menschen gut macht, sondern weil ihre Güte sie weise macht.«

Wegen dieser beherrschenden Kraft des Charakters sehen wir oft Menschen im Leben einen Einfluß ausüben, der augenscheinlich mit ihren Geisteskräften in keinem Verhältnis steht. Sie scheinen durch eine Art verborgener Gewalt, eine Reservekraft, zu handeln, die ganz im Geheimen durch ihre bloße Gegenwart wirkt. So sagt Burke von einem einflußreichen Edelmanne des XVIII. Jahrhunderts: »Seine Tugenden waren seine Mittel.« Das Geheimnis liegt darin, daß man die Ziele solcher Leute als rein und edel erkennt, und daß sie daher mit zwingender Gewalt auf andere wirken.

Obgleich der Ruf von Leuten von echtem Charakter sich nur langsam verbreitet, so können doch ihre guten Eigenschaften nicht gänzlich verborgen bleiben. Sie können von einigen falsch dargestellt, von andern falsch verstanden werden; Unglück und Mißgeschick können sie zeitweise niederdrücken; aber mit Geduld und Beharrlichkeit werden sie gelegentlich Achtung einflößen und das Vertrauen gewinnen, das ihnen in Wahrheit zukommt.

Von Sheridan ist gesagt worden, daß er, wenn er einen zuverlässigen Charakter besessen hatte, die Welt hätte beherrschen können; aber aus Mangel daran waren seine glänzenden Gaben verhältnismäßig nutzlos. Er blendete und unterhielt, aber in politischen Dingen war er ohne Gewicht. Sogar der arme Statist von Drury Lane fühlte sich ihm überlegen. Als Delphini eines Tages den Direktor drängte, die rückständige Gage auszuzahlen, tadelte ihn Sheridan scharf, wobei er ihm sagte, er vergäße seine Stellung. »Nein, Herr Sheridan, das tu ich nicht,« erwiderte Delphini, »ich kenne den Unterschied zwischen uns beiden ganz genau. Nach Geburt, Verwandtschaft und Erziehung seid Ihr mir überlegen; aber was das Leben, Charakter und Benehmen angeht, bin ich Euch überlegen.«

Ungleich Sheridan war Burke, sein Landsmann, ein großer Mann von Charakter. Er war schon 35 Jahre alt, als er einen Sitz im Parlament erhielt, und doch fand er Zeit, seinen Namen aufs engste mit der politischen Geschichte Englands zu verknüpfen. Er war ein Mann von großen Gaben und von hervorragender Charakterstärke. Doch hatte er eine Schwäche, die sich als ein ernster Fehler erwies; es war sein Mangel an Mäßigung; sein Genius fiel seiner Reizbarkeit zum Opfer. Und ohne diese scheinbar geringe Gabe der Mäßigung können die glänzendsten Anlagen für ihren Besitzer verhältnismäßig wertlos sein. Der Charakter wird durch eine Anzahl geringfügiger Kleinigkeiten gebildet, die alle mehr oder weniger unter dem Einflusse und der Kontrolle des Einzelnen stehen. Kein Tag vergeht ohne seine Schulung, ob zum Guten oder Bösen. Es gibt keine Tat, und sei sie noch so unbedeutend, die nicht ihre Folgen nach sich zieht, wie denn auch das kleinste Haar seinen Schatten wirft. Es war ein weiser Ausspruch von Frau Schimmelpennincks Mutter, daß man einer kleinen Schwäche nicht nachgeben solle, und sei sie noch so geringfügig, sonst werde man von ihr beherrscht.

Jede Handlung, jeder Gedanke, jedes Gefühl trägt zur Bildung des Temperaments, der Gewohnheiten und des Verstandes bei und übt einen unvermeidlichen Einfluß auf alle Taten unseres zukünftigen Lebens aus. So wird der Charakter einer beständigen Veränderung unterzogen, sei es zum Guten oder zum Schlimmen, sei es, daß er veredelt oder verdorben wird. »Es gibt keinen Fehler und keine Torheit meines Lebens,« sagt Ruskin, »die sich nicht gegen mich erheben, mir die Freude nehmen, und meine Selbstbeherrschung, Einsicht und meinen Verstand verringern. Und jede Anstrengung meines Lebens, jede Tat der Gerechtigkeit oder Güte steht mir bei, diese Kunst und ihre Erscheinung festzuhalten.«

Das mechanische Gesetz, nach dem Wirkung und Gegenwirkung gleich sind, besteht auch in der Moral. Gute und böse Taten wirken agierend und reagierend auf die Täter ein. Und nicht nur das: sie bringen vermöge des Beispiels denselben Effekt bei denen hervor, die ihnen unterworfen sind. Der Mensch ist nicht so sehr das Geschöpf, als vielmehr der Schöpfer seiner Umstände,[1] und durch die Ausübung seines freien Willens kann er seine Handlungen so einrichten, daß sie eher Gutes als Böses erzeugen. »Niemand kann mir schaden als ich selbst,« sagte St. Bernhard; »die Sorge, die mich plagt, schaffe ich mir selbst, und ich leide nur durch eigene Schuld.«

Der beste Charakter kann indessen nicht ohne Anstrengung erworben werden. Es bedarf der ständigen Selbstüberwachung, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Man mag schwanken, straucheln und bisweilen sogar fallen; Schwierigkeiten und Versuchungen mannigfacher Art müssen bekämpft und überwunden werden, aber wenn der Geist stark und das Herz aufrichtig ist, braucht man am schließlichen Erfolg nicht zu verzweifeln. Schon die Bemühung, vorwärts zu kommen, auf ein höheres Niveau zu gelangen, wirkt belebend und kräftigend, und wenn wir das Ziel auch nicht erreichen, wird uns doch jede aufrichtige Bemühung auf dem Wege zur Höhe fördern.

Und wenn uns das Licht großer Beispiele, Vertreter der Menschheit in ihrer edelsten Form voranleuchtet, so ist ein jeder nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, nach der höchsten Ausbildung des Charakters zu trachten, nicht der Reichste an Geldmitteln, sondern an Geist zu werden, nicht der Größte an irdischer Stellung, sondern an wahrhafter Ehre, nicht der Klügste, sondern der Tugendhafteste, nicht der Mächtigste und Einflußreichste, sondern der Treueste, Aufrichtigste und Ehrlichste zu werden.

Es war sehr bezeichnend für den Charakter des verstorbenen Prinzgemahls – eines Mannes von der reinsten Gesinnung, der durch die bloße Kraft seiner eigenen wohlwollenden Natur andere gewaltig beeinflußte – daß er bei dem Entwurf der Bedingungen für den jährlichen Preis der Königin für das Wellington College bestimmte, er solle nicht dem geschicktesten oder belesensten Knaben, nicht dem pünktlichsten, fleißigsten und klügsten von ihnen zuerteilt werden, sondern dem edelsten, dem, der am meisten verspräche, ein hochherziger Mann von vornehmer Gesinnung zu werden.

Der Charakter offenbart sich in einer Lebensführung, die von hohen Grundsätzen, Rechtschaffenheit und praktischer Weisheit beeinflußt und geleitet wird. In seiner höchsten betätigt er sich als der individuelle Wille unter dem Einfluß von Religion, Moral und Vernunft. Er wählt sich seinen Weg mit reiflicher Erwägung und verfolgt ihn mit Beharrlichkeit, wobei er die Pflicht über den Ruf stellt und die Zustimmung des Gewissens mehr als das Lob der Welt achtet. Während er die Persönlichkeit anderer respektiert, bewahrt er seine eigene Individualität und Unabhängigkeit; er hat den Mut moralischer Ehrlichkeit, da er darauf vertraut, daß Zeit und Erfahrung ihm die Zustimmung geben werden, die ihm die Gegenwart versagt.

Wenn auch die Macht des Beispiels immer einen großen Einfluß auf die Bildung des Charakters ausübt, so muß doch die ursprüngliche und andauernde Kraft des eigenen Geistes die Hauptstütze sein. Diese allein kann das Leben aufrecht erhalten und individuelle Unabhängigkeit und Energie geben. Daniel, ein Dichter aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth, sagt:

»Wer nicht sich selbst erheben kann,
Der ist fürwahr ein armer Mann.«

Ohne einen gewissen Grad praktischer Tatkraft – zusammengesetzt aus dem Willen, der Wurzel, und der Weisheit, dem Stamme des Charakters – wird das Leben unbestimmt und zwecklos sein, ein stagnierendes Wasser anstatt eines fließenden Stromes, der nützliche Arbeit verrichtet und die Mühlen eines ganzen Distriktes in Bewegung versetzt.

Wenn die Elemente des Charakters durch einen bestimmten Willen in Tätigkeit gesetzt und von dem gesteckten Ziel beeinflußt werden, so betritt der Mensch den Pfad der Pflicht und verfolgt ihn mutig, was es ihm an weltlichem Vorteil auch losten möge. Er nähert sich dem Gipfel seiner Existenz. Er zeigt dann Charakter in seiner unerschrockensten Form und verkörpert die höchste Idee der Männlichkeit. Die Taten eines solchen Mannes werden im Leben und Tun anderer wiederholt. Sogar seine Worte bekommen Leben und werden zu Taten. So erscholl jedes Wort Luthers wie ein Trompetenstoß durch Deutschland. Richter sagte von ihm: »Seine Worte waren halbe Schlachten.« Und so ging Luthers Leben über in das Leben seines Landes und lebt noch heute in dem Charakter des modernen Deutschlands fort.

Andererseits kann Energie ohne Redlichkeit und Herzensgüte nur das verkörperte Prinzip des Bösen darstellen. Novalis bemerkt dazu in seinen »Gedanken über Moral«, daß das Ideal moralischer Vollkommenheit keinen gefährlicheren Gegner zu bekämpfen habe, als das Ideal der höchsten Stärke, des tatkräftigsten Lebens – das höchste Ziel des Barbarentums – dem nur die notwendige Beimischung von Stolz, Ehrgeiz und Selbstsucht fehlt, um ein vollkommenes Ideal des Teufels zu sein. Unter Menschen solchen Gepräges findet man die ärgsten Geißeln und Tyrannen der Welt – auserlesene Schurken, welchen die Vorsehung in ihren unerforschlichen Absichten erlaubt, ihr Zerstörungswerk auf der Erde zu verrichten.[2]

Sehr verschieden davon ist ein Mann von energischem Charakter, der von einem edlen Geist beeinflußt wird, dessen Handlungen von Rechtschaffenheit geleitet werden, und dem die Pflicht das Gesetz des Lebens ist. Er ist gerecht und aufrichtig in geschäftlichen Angelegenheiten, im öffentlichen Leben und im Kreise der Familie – denn Gerechtigkeit ist gleich notwendig zur Regierung eines Hauswesens wie eines Staates. Er wird in allen Dingen ehrlich sein, in Worten und Werken. Er ist großmütig und milde gegen Widersacher wie auch gegen Schwächere. Man sagte mit Recht von Sheridan, der bei aller Unbesonnenheit großmütig war und niemandem Schmerz verursachte, daß sein Witz, ebenso zart wie glänzend, niemals verletzend gewesen sei. Solch einen Charakter besaß auch Fox, der die Zuneigung und Dienstbereitschaft seiner Mitmenschen durch seine allgemeine Herzensgüte und Teilnahme herausforderte. Er war ein Mann, den man leicht bei seiner Ehre fassen konnte. So erzählt man von ihm folgende Geschichte: Einst suchte ihn ein Kaufmann auf, um für einen Schuldschein Zahlung zu erhalten. Fox war gerade damit beschäftigt, Gold abzuzählen. Der Kaufmann bat, ihn von dem vor ihm liegenden Gelde zu bezahlen. »Nein,« sagte Fox, »dies Geld schulde ich Sheridan; es ist eine Ehrenschuld; wenn mir etwas zustößt, hat er nichts Schriftliches aufzuweisen.« »Dann verwandle ich meine Schuld in eine Ehrenschuld,« sagte der Kaufmann und zerriß den Schein. Fox war durch diese Tat besiegt, er dankte dem Manne für sein Vertrauen und bezahlte ihn, indem er sagte: »dann muß Sheridan warten, denn Ihre Forderung ist älter.«

Der Mann von Charakter ist gewissenhaft. Er zeigt sein Gewissen in jedem Werk, in jedem Wort, in jeder Handlung. Als Cromwell vom Parlament Soldaten verlangte, an Stelle der weggejagten Lakaien und Kellner, welche das republikanische Heer füllten, forderte er Leute, »die sich ein Gewissen aus ihren Taten machten«; und das taten die Leute, aus denen sein berühmtes Regiment der »Ironsides« bestand.

Der Mensch von Charakter fühlt auch Ehrfurcht. Der Besitz dieser Eigenschaft bezeichnet den edelsten und höchsten Typus der Männlichkeit und Weiblichkeit: Ehrfurcht vor Dingen, die durch die Verehrung von Generationen geheiligt worden sind – vor erhabenen Gegenständen, reinen Gedanken und edlen Zielen – vor den großen Männern früherer Zeiten und den hochsinnigen Kämpfern unserer Zeit. Ehrfurcht ist gleicherweise unentbehrlich für das Glück des Einzelnen wie für das der Familie und der Nationen. Ohne sie gibt es kein Vertrauen, keine Treue, keine Zuversicht, weder auf Gott noch auf Menschen – keinen sozialen Frieden noch sozialen Fortschritt. Denn Ehrfurcht ist nur ein anderer Ausdruck für Religion, welche die Menschen aneinander kettet und sie alle an Gott.

Der Mann von edlem Geist, sagt Sir Thomas Overbury, verwandelt alle Ereignisse in Erfahrungen, welche sich mit seiner Vernunft vermählen. Daraus entspringen seine Handlungen. Er handelt aus Neigung, nicht um zu gewinnen; er liebt den Ruhm und haßt die Schande und regiert und gehorcht mit derselben Fassung, da beides einer Überlegung entspringt. Da er weiß, daß die Vernunft keine unnütze Gabe der Natur ist, ist er der Steuermann seines eigenen Geschickes. Die Wahrheit ist seine Göttin, und er bemüht sich, sie zu erlangen, nicht ihr zu gleichen. Der menschlichen Gesellschaft ist er eine Sonne, deren heller Schein ihre Schritte in der richtigen Weise leitet. Er ist der Freund des Weisen, das Vorbild des Gleichgültigen, der Arzt des Lasterhaften. So entflieht die Zeit ihm nicht, sondern schreitet mit ihm fort, und er fühlt das Alter mehr an der Stärke seiner Seele als an der Schwäche seines Körpers. Daher fühlt er keine Schmerzen, sondern betrachtet alles als Freunde, die ihn von seinen Fesseln befreien und aus dem Kerker seines Körpers helfen wollen.

Willensenergie – selbsttätige Kraft – ist die Seele eines jeden großen Charakters. Wo sie ist, da ist Leben; wo sie fehlt, ist Schwäche, Hilflosigkeit, Verzagtheit. »Der starke Mann und der Wasserfall brechen sich einen eignen Pfad«, sagt das Sprichwort. Der energische Führer von edlem Geist bahnt sich nicht nur selbst einen Weg, sondern zieht auch andere mit sich. Jede seiner Handlungen hat eine persönliche Bedeutung, ist eine Äußerung von Kraft, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen und nötigt unbewußt Achtung ab, Bewunderung und Beifall. Solche Unerschrockenheit des Charakters zeigten Luther, Cromwell, Washington, Pitt, Wellington und alle großen Führer der Menschheit.

»Ich bin überzeugt,« sagte Gladstone, als er kurz nach Lord Palmerstons Tode die Eigenschaften des Verstorbenen vor dem Unterhause beschrieb, »ich bin überzeugt, daß er vermöge seiner Willenskraft, seines Pflichtgefühls und seiner beharrlichen Entschlossenheit ein Muster für uns alle wurde, die wir jetzt noch zurückbleiben und ihm mit schwachem und ungleichem Schritt in der Erfüllung unserer Pflichten folgen. Vermöge jener Willenskraft kämpfte er nicht so sehr gegen die Schwächen des Alters an, als er sie vielmehr zurückscheuchte und entfernt hielt. Und noch eine Eigenschaft möge genannt werden, ohne daß ich befürchten müßte, schmerzliche Empfindungen wachzurufen. Lord Palmerston war von Natur unfähig, Ärger oder Zorn zu hegen. Dieses Freisein von Zorn war nicht das Ergebnis mühevoller Anstrengung, sondern die spontane Frucht seines Geistes. Es war eine edle Gabe seiner Natur – eine Gabe, die man mit besonderer Freude wahrnahm und an die wir uns gern erinnern, wenn wir an ihn denken, der uns jetzt verlassen hat und mit dem wir nur noch zu tun haben, insofern wir uns bemühen, sein Beispiel zu nützen, wo es uns auf dem Pfade der Pflicht und des Rechts erhalten kann, und wenn wir ihm den Tribut der Liebe und Bewunderung darbringen, den er unsererseits verdient.«

Ein großer Führer zieht Menschen von verwandtem Charakter an sich, wie der Magnet das Eisen anzieht. So zeichnete Sir John Moore aus der Menge der ihn umgebenden Offiziere die drei Brüder Rapier aus, und sie vergalten ihm ihrerseits durch leidenschaftliche Bewunderung. Sie wurden von seiner Liebenswürdigkeit, seiner Tapferkeit und edlen Selbstlosigkeit hingerissen, und er wurde das Vorbild, dem nachzueifern und womöglich gleichzukommen sie sich vornahmen. »Moores Einfluß«, sagt der Biograph des Sir William Rapier, »hatte den bemerkenswerten Erfolg, ihre Charaktere zu bilden und zur Reife zu bringen; und es ist kein geringer Ruhm, der Held dieser drei Männer gewesen zu sein, während die frühzeitige Entdeckung ihrer geistigen und sittlichen Eigenschaften gleichzeitig ein Beweis für Moores Scharfsinn und Menschenkenntnis ist«. Es liegt etwas Ansteckendes in jedem Beispiel energischen Auftretens. Der Tapfere feuert die Schwachen an und zwingt sie gleichsam, ihm zu folgen. So berichtet Rapier, daß bei dem Gefecht von Vera das spanische Zentrum schon durchbrochen und in voller Flucht war, als ein junger Offizier, namens Havelock, vorstürmte, und, seinen Hut schwenkend, den ihm zunächst befindlichen zurief, ihm zu folgen. Seinem Rosse die Sporen gebend, setzte er über den Verhau, der die französische Front beschützte, und sprengte ungestüm gegen sie vor; die Spanier waren elektrisiert, im Augenblick stürmten sie ihm nach, »El chico blanco« (dem tapferen Kerl)zujubelnd, durchbrachen mit einem Stoß die Reihen der Franzosen und warfen sie den Hügel hinab.

Und so ist es im gewöhnlichen Leben. Die Guten und Großen ziehen andere nach sich; sie erleuchten und erheben alle, die ihrem Einfluß ausgesetzt sind. Sie sind wie ebenso viel lebendige Zentren wohltätigen Wirkens. Man stelle einen Mann von energischem und aufrichtigem Charakter in eine angesehene Vertrauensstellung und alle, die unter ihm dienen, werden sich gleichsam einer Vermehrung ihrer Kraft bewußt. Als Chatham zum Minister ernannt wurde, machte sich sogleich sein persönlicher Einfluß in allen Zweigen der Verwaltung fühlbar. Jeder Seemann, der unter Nelson diente und wußte, daß er kommandierte, teilte die Begeisterung des Helden.

Als Washington sich bereit erklärte, den Oberbefehl zu übernehmen, schienen sich die amerikanischen Streitkräfte verdoppelt zu haben. Viele Jahre später, im Jahre 1798, als Washington sich vom öffentlichen Leben nach Mount Vernon zurückgezogen und es den Anschein hatte, daß Frankreich an die Vereinigten Staaten den Krieg erklären würde, schrieb ihm Präsident Adams: »Wir brauchen Ihren Namen; erlauben Sie uns, ihn zu benutzen. Er wird mehr Wirksamkeit haben als manche Armee.« So groß war die Achtung, in welcher der edle Charakter und die hervorragende Geschicklichkeit des alten Präsidenten bei seinen Landsleuten stand.

Der Geschichtsschreiber des »Peninsular War« berichtet eine Begebenheit, welche den persönlichen Einfluß, den ein großer Feldherr auf seine Untergebenen ausübt, trefflich illustriert. Das britische Heer stand bei Sauroren, auf welches Soult, sich zum Angriff anschickend, vorrückte. Wellington war abwesend und man schaute ängstlich nach seiner Ankunft aus. Plötzlich sah man einen einzelnen Reiter, welcher den Hügel heranritt. Es war der Herzog, der zu seinen Truppen stoßen wollte. »Eins von Campbells portugiesischen Bataillonen entdeckte ihn zuerst und erhob ein Freudengeschrei; der frohe Schall wurde von dem nächsten Regimente aufgenommen, pflanzte sich durch die Reihen fort und schwoll zu jenem Donnergetöse an, das die britischen Soldaten auf dem Schlachtfeld auszustoßen pflegen und das kein Feind ohne Erschütterung anhören kann. Plötzlich hielt er auf einem weithin sichtbaren Hügel inne, denn er wünschte von beiden Heeren erkannt zu werden, und ein Doppelposten, der dort aufgestellt war, zeigte ihm Soult, welcher so nahe war, daß man seine Gesichtszüge unterscheiden konnte. Aufmerksam heftete Wellington sein Auge auf jenen furchtbaren Mann, und als ob er zu sich selbst spräche, sagte er: »Jener ist ein großer Feldherr; aber er ist vorsichtig und wird seinen Angriff aufschieben, um die Ursache jenes Freudengeschreies zu erfahren; das wird der 6. Division Zeit geben anzukommen, und ich werde ihn schlagen« – und so geschah es auch.

Bisweilen übt der Charakter einen zauberhaften Einfluß aus, als ob manche Leute die Werkzeuge einer Art übernatürlicher Kraft wären. »Wenn ich in Italien nur mit dem Fuß aufstampfe,« sagte Pompejus, »so wird eine Armee erscheinen.« Bei dem Rufe Peter von Amiens »erhob sich Europa und stürzte sich auf Asien«, wie der Chronist schreibt. Von dem Kalifen Omar erzählte man, daß sein Spazierstock denen, die ihn sahen, mehr Furcht einflößte als das Schwert eines anderen. Schon der Name mancher Leute wirkt wie ein Trompetenstoß. Als Douglas tötlich verwundet auf dem Schlachtfeld von Otterburn lag, befahl er, daß man seinen Namen noch lauter als zuvor rufen sollte, denn er sagte, es gäbe eine Tradition in seiner Familie, daß ein toter Douglas eine Schlacht gewinnen würde. Seine Anhänger schöpften, von dem Rufe angefeuert, frischen Mut, sammelten sich wieder und siegten; und so geschah es nach den Worten des schottischen Dichters: »War auch der Douglas tot, so siegte doch sein Name.«

Ihre größten Siege erfochten einige, nachdem sie gestorben waren. »Niemals war Cäsar lebendiger, mächtiger und schrecklicher,« sagt Michelet, »als da sein alter und hinfälliger Körper, sein verwelkter Leichnam, von Dolchstichen durchbohrt, am Boden lag; er schien hierdurch gereinigt und gerechtfertigt; er erschien als das, was er trotz seiner vielen Fehler gewesen war – als der Repräsentant echter Menschlichkeit.«

Nie übte der große Charakter Wilhelms von Oranien, des Schweigsamen, eine größere Gewalt über seine Landsleute aus, als nach seiner Ermordung zu Delft durch einen Abgesandten der Jesuiten. An dem Tage seiner Ermordung beschlossen die Generalstaaten, »die gute Sache mit Gottes Hilfe bis zum äußersten zu behaupten, ohne Gut und Blut zu schonen«; und sie hielten ihr Wort.

Dieselbe Erscheinung zeigt sich überall in der Geschichte und der Moral. Die Laufbahn eines großen Mannes bildet ein bleibendes Denkmal menschlicher Tatkraft. Der Mann selbst stirbt und vergeht; doch seine Ideen und Handlungen leben fort und hinterlassen der Menschheit einen unauslöschlichen Eindruck. Und so bekommt der Geist seines Lebens Dauer und Ewigkeit, beeinflußt Gedanken und Willen und trägt dadurch dazu bei, den Charakter der Zukunft zu gestalten. Diejenigen Menschen, die nach den höchsten und edelsten Zielen streben, werden die wahren Leuchten menschlichen Fortschritts sein. Sie sind wie Leuchtfeuer auf einem Berge, welche die moralische Atmosphäre um sie herum erhellen; und das Licht ihres Geistes leuchtet noch folgenden Generationen.

Es ist ganz natürlich, große Männer zu bewundern und zu verehren. Sie heiligen die Nation, der sie angehören und erheben nicht nur die, welche zu ihrer Zeit, sondern auch jene, welche nach ihnen leben. Ihr edles Beispiel wird das allgemeine Erbteil ihrer Rasse; und ihre großen Taten und Gedanken find das ruhmvollste Vermächtnis der Menschheit. Sie verknüpfen die Gegenwart mit der Vergangenheit und tragen zu dem Fortschritt der Zukunft bei; sie halten hohe Grundsätze aufrecht, bewahren die Würde der Menschheit und erfüllen den Geist mit Überlieferungen von allem, was es im Leben Wertvolles und Edles gibt.

Der Charakter, der sich in Gedanken und Taten verkörpert, trägt Unsterblichkeit in sich. Der einsame Gedanke eines großen Denkers wird jahrhundertelang in dem Geiste der Menschen wohnen, bis er schließlich in ihrem täglichen Leben und Tun Geltung gewinnt. Er lebt durch alle Zeitalter fort, wie eine Stimme aus dem Jenseits ertönend und noch den Geist von Leuten beeinflussend, die Jahrtausende später lebten. So sprechen noch Moses, David und Salomon, Platon, Sokrates und Xenophon, Seneca, Cicero und Epiktet aus ihren Gräbern zu uns; sie lenken noch immer die Aufmerksamkeit auf sich und beeinflussen den Charakter noch immer, obgleich ihre Gedanken in Sprachen fortleben, die sie selbst nicht sprachen und die zu ihrer Zeit unbekannt waren. Theodor Parker sagte, daß ein einziger Mann wie Sokrates mehr Wert für ein Land hätte, als viele Staaten von der Art Süd-Carolinas; daß, wenn dieser Staat eines Tages aus der Welt verschwinden würde, er nicht so viel für sie getan hätte wie Sokrates.

Große Tatmenschen und Denker sind es, die in Wahrheit die Geschichte machen; denn diese ist ja nichts als die Fortbildung der Menschheit unter dem Einflusse charaktervoller Persönlichkeiten – großer Feldherren, Könige, Priester, Philosophen, Staatsmänner und Patrioten – der wahren Aristokratie. Carlyle hat überzeugend dargetan, daß Universalgeschichte im Grunde genommen nur die Geschichte großer Männer ist. Sie kennzeichnen die Epochen nationalen Lebens. Ihr Einfluß ruft Aktionen und Reaktionen hervor. Obgleich ihr Geist bis zu einem gewissen Grade das Produkt ihres Zeitalters ist, so ist auch der Geist der Zeit zu einem großen Teile ihre Schöpfung. Ihre individuelle Handlung identifiziert sich mit der Sache, der Einrichtung. Sie denken große Gedanken, geben sie hinaus, und die Gedanken bringen Ereignisse hervor. So leiteten schon die frühesten Reformatoren die Reformation und damit die Freiheit des modernen Denkens ein. Emerson sagte, jede Einrichtung sei nur der verlängerte Schatten eines großen Mannes – der Islam der des Mohammed, der Puritanismus der des Calvin, der Jesuitenorden der des Loyola, das Quäkertum sei der Schatten des Fox, der Methodismus der des Wesley und die Abolitionistische Bewegung der des Clarkson.

Große Männer prägen den Stempel ihres Geistes ihrem Zeitalter und ihrer Nation auf – wie Luther dem modernen Deutschland und Knox Schottland. »Ehre allen Tapferen und Aufrichtigen, immerwährende Ehre dem John Knox, einem der Wahrhaftigsten. In dem Augenblick, als er und seine Lehre inmitten Tumult, Verwirrung und krampfhafter Anstrengungen allerseits um ihre Existenz kämpften, sandte er Lehrer an alle Ecken mit der Weisung: »Belehrt das Volk.« Das ist nur ein Beispiel, und dazu noch ein verhältnismäßig unwichtiges, das in seiner großen Mission an die Menschheit begründet liegt. Seine Botschaft lautete in ihrem wahren Umfange: »Laßt die Leute wissen, daß sie Menschen sind, von Gott geschaffen und ihm verantwortlich, und daß alles, was sie in jedem Augenblick tun, ewig währen wird«.... Diese Mission verkündete Knox mit mannhafter Stimme und Kraft, und er fand auch Glauben bei dem Volke. Bei solcher Vollendung, und käme sie nur einmal vor, sind die Resultate ungeheuer. Der Gedanke kann in einem solchen Lande wohl das Gewand wechseln, doch nicht verschwinden; das Land hat eine gewisse Überlegenheit erlangt; Gedankenreichtum und eine Art geistige Mannhaftigkeit, die zu allem, was Menschen tun können, bereit ist, sind ein dauerndes Merkmal«.

Und wenn ein Mann dem modernen Italien das Gepräge seines Geistes stärker aufgedrückt hat als irgend ein anderer, so war es Dante. Während der jahrhundertelangen Erniedrigung Italiens waren seine zündenden Worte für alle wahrhaften Männer wie ein Wachtfeuer oder ein Leitstern. Er war der Herold der Freiheit seines Volkes, der aus Liebe zu ihm der Verfolgung, der Verbannung, selbst dem Tode trotzte. Er war immer der volkstümlichste, beliebteste und gelesenste der italienischen Dichter. Von seinem Tode an mußten alle gebildeten Italiener die besten Stellen seiner Werke auswendig, und die darin enthaltenen Gefühle beeinflußten ihr Leben und gelegentlich auch die Geschichte ihres Landes. »Die Italiener«, schrieb Byron 1821, »zitieren Dante, schreiben Dante, denken und träumen Dante gegenwärtig in solchem Übermaß, das lächerlich wäre, wenn er ihre Bewunderung nicht wirklich verdiente«.

Dante war sowohl ein religiöser als politischer Reformator. Er war ein Reformator dreihundert Jahre vor der Reformation, da er die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht befürwortete und die weltliche Regierung des Papstes für eine Usurpation erklärte. Die folgenden denkwürdigen Worte wurden vor mehr als einem halben Jahrtausend geschrieben, als Dante noch ein Glied der römisch-katholischen Kirche war: »Jedes göttliche Gebot findet man in einem der beiden Testamente; aber in keinem kann ich finden, daß der Priesterschaft die Sorge um weltliche Dinge übertragen wurde. Im Gegenteil finde ich, daß die ersten Priester durch das Gesetz, die späteren durch Jesu Befehle an seine Jünger davon abgehalten wurden.« Wenn Dante auch noch an der »Kirche, die er reformieren wollte«, festhielt, so vertrat er doch schon eine Grundlehre der Reformation: »Vor der Kirche waren das Alte und das Neue Testament, nach der Kirche sind Traditionen. Daraus folgt also, daß die Autorität der Kirche nicht auf der Tradition, sondern die Tradition auf der Kirche beruht.«

Eine ganze Reihe von verschiedenartig begabten Männern zu verschiedenen Zeiten – von Alfred dem Großen an – hat durch Leben und Beispiel dazu beigetragen, den mannigfaltigen Charakter Englands zu bilden. Von diesen waren wahrscheinlich diejenigen Männer die einflußreichsten, die zur Zeit Elisabeths und Cromwells und in der Zwischenzeit lebten – unter denen wir die großen Namen Shakespeare, Raleigh, Burleigh, Sidney, Bacon, Milton, Herbert, Hampden, Pym, Eliot, Vane, Cromwell und noch viele andere finden – einige von ihnen ausgezeichnet durch große Kraft und andere durch Reinheit und Größe des Charakters. Das Leben dieser Männer ist zu einem Teil des öffentlichen Lebens Englands geworden, und ihre Taten und Gedanken werden zu den kostbarsten Vermächtnissen der Vergangenheit gerechnet.

So hinterließ Washington als einen der wertvollsten Schätze seines Landes das Beispiel eines unbefleckten Lebens, eines großen, ehrlichen, reinen und edlen Charakters, ein Vorbild für seine Nation, um sich daran in aller kommenden Zeit zu bilden. Und bei Washington wie bei so vielen andern großen Führern der Menschheit bestand die Größe nicht so sehr in seinen geistigen Fähigkeiten und seinem Genie, als in seiner Ehrenhaftigkeit, seiner Unbescholtenheit, seiner Wahrhaftigkeit, seinem hohen und immer wachsamen Pflichtgefühl – mit einem Wort, in der echten Größe seines Charakters.

Solche Menschen sind das wahre Lebensblut des Landes, dem sie angehören. Sie erheben, stützen, stärken und veredeln es und verbreiten einen Glorienschein darüber durch das Beispiel ihres Lebens und Charakters. »Name und Gedächtnis großer Männer sind die Ausstattung einer Nation«, sagt ein tüchtiger Schriftsteller. »Weder Verlassenheit, Bedrückung noch Verrat und sogar Sklavenfesseln können einer Nation dies geheiligte Erbteil entreißen .... Sobald sich das nationale Leben zu beleben beginnt, steigen die toten Helden im Gedächtnis der Menschen auf und stehen den Lebenden als feierliche Zuschauer Beifall spendend zur Seite. Kein Land kann zugrunde gehen, das von so glorreichen Zeugen bewacht wird. Sie sind im Leben wie im Tode das Salz der Erde. Was sie einst taten, können ihre Nachkommen mit Fug und Recht auch tun, und ihr Beispiel lebt in ihrem Vaterlande als beständiger Antrieb fort und als immerwährende Ermutigung für den, der Sinn dafür hat.

Aber um die Eigenschaften einer Nation zu beurteilen, darf man nicht nur große Männer in Betracht ziehen, sondern es ist der Gesamtcharakter des Volkes zu berücksichtigen. Als Washington Irving Abbotsford besuchte, stellte ihm Sir Walter Scott viele seiner Freunde und Schützlinge vor, nicht nur aus den benachbarten Gutsbesitzern, sondern auch aus der arbeitenden Landbevölkerung. »Ich möchte Ihnen einige unserer wirklich ausgezeichneten, schlichten Schotten zeigen,« sagte Scott. »Den Charakter eines Volkes erkennt man nicht an den vornehmen Leuten, den feinen Herren und Damen. Solche trifft man überall, und sie sind überall dieselben.« Während Staatsmänner, Philosophen und Theologen die Denkkräfte eines Staates darstellen, müssen diejenigen, welche die Industrie begründen und neue Erwerbszweige ausfindig machen, sowohl wie der große Haufe der Arbeiterbevölkerung, aus der sich von Zeit zu Zeit nationaler Geist und nationale Stärke ergänzen, notwendigerweise die Lebenskraft und das Rückgrat jeder Nation bilden.

Nationen müssen wie Individuen ihren Charakter behaupten, und unter einer konstitutionellen Regierung, wo alle Klassen mehr oder weniger an der politischen Gewalt teilnehmen, muß der nationale Charakter notwendigerweise mehr von den Eigenschaften vieler als nur weniger abhängen. Und dieselben Eigenschaften, welche den Charakter der Individuen bestimmen, bestimmen auch den Nationalcharakter. Wenn ein Volk nicht hochherzig, wahrhaftig, ehrlich, tugendhaft und mutig ist, wird es bei andern Nationen nur in geringem Ansehen stehen und in der Welt kein Gewicht haben. Um Charakter zu haben, muß es Ehrfurcht, Disziplin, Selbstbeherrschung und Pflichtgefühl besitzen. Ein Volk, das nichts Höheres als das Vergnügen kennt, dem nichts über den Dollar oder Kattun geht, ist armselig daran. Es wäre besser, zu Homers Göttern zurückzukehren, als diesen Götzen zu dienen; denn die heidnischen Gottheiten stellten wenigstens personifizierte menschliche Tugenden dar, zu denen man den Blick erheben konnte.

Einrichtungen, so gut sie an sich sein mögen, werden nur wenig dazu beitragen, den Nationalcharakter zu stützen. Die Individuen und der Geist, der sie beherrscht, sind es, welche das moralische Niveau und die Stabilität von Nationen bestimmen. – Eine Regierung ist gewöhnlich am Ende nicht besser als das regierte Volk. Wo die Masse an Gewissen, Moral und Gewohnheit gesund ist, wird die Nation redlich und tüchtig regiert werden. Aber wo sie verderbt, selbstsüchtig und im Grunde unredlich ist und weder nach Wahrheit noch Gesetz fragt, wird die Herrschaft von Schurken und Ränkeschmieden unvermeidlich.

Die einzige wahre Schutzwehr gegen den Despotismus der öffentlichen Meinung, ob er nun von vielen oder wenigen ausgeübt wird, ist aufgeklärte individuelle Freiheit und Reinheit des persönlichen Charakters. Ohne diese Faktoren gibt es keine kräftige Männlichkeit, keine wahre Freiheit in einer Nation. Politische Rechte, sie mögen noch so ausgedehnt sein, werden ein in seinen Individuen entartetes Volk nicht heben. In der Tat, je vollkommener und gesicherter ein Wahl- und Stimmrechtssystem eines Volkes ist, um so vollkommener spiegelt sich der wahre Charakter eines Volkes in seinen Gesetzen und seiner Regierung. Politische Moral kann niemals sicher auf einer Basis individueller Unmoral ruhen. Die von einem entarteten Volke ausgeübte Freiheit würde sogar zu einem Schaden werden und die Preßfreiheit nur zu einem Ventil der Zügellosigkeit und Sittenverderbnis.

Nationen wie Individuen leiten ihre Stärke und Kraft aus dem Gefühl her, daß sie einer erlauchten Rasse angehören, daß sie die Erben ihrer Größe sind und ihren Ruhm erhalten sollten. Es ist von großer Wichtigkeit für eine Nation, eine große Vergangenheit zu haben,[3] auf die sie zurückblicken kann. Sie festigt das Leben der Gegenwart, erhebt und stützt es durch das Andenken an die großen Taten, das edle Dulden und tapfere Ringen der Männer früherer Zeit. Das Leben der Menschen wie der Nationen ist ein großer Schatz von Erfahrungen, der sich, weise angewendet, in sozialem Fortschritt und Besserung äußert; übel angewendet führt er zu Träumereien, Enttäuschungen und Mißerfolgen. Nationen werden wie Individuen durch Prüfungen geläutert und gestärkt. Zu den ruhmreichsten Kapiteln in ihrer Geschichte gehören diejenigen, welche die Leiden enthalten, durch die sich ihr Charakter entwickelt hat. Freiheitsliebe und Patriotismus mögen viel dazu beigetragen haben, aber würdig ertragene Prüfungen und Leiden taten mehr als alles andere.

Ein großer Teil dessen, was heutzutage im Namen des Patriotismus geschieht, ist im Grunde genommen bloße Heuchelei und Beschränktheit, die sich in nationalen Vorurteilen, nationalem Dünkel und nationalem Haß darstellen. Diese Gesinnung zeigt sich nicht in Taten, sondern in prahlerischen Worten – in Geschrei, Gestikulationen und kläglichen Hilferufen – im Fahnenschwenken und Absingen von Liedern – im beständigen Ableiern längst begrabener Beschwerden und längst gesühnten Unrechts. Von solchem »Patriotismus« befallen zu werden, gehört wohl zu den schwersten Flüchen, die ein Volk treffen können.

Aber wenn es einen unechten Patriotismus gibt, so gibt es auch einen echten – den Patriotismus, der ein Land durch edle Taten stärkt und erhebt – der seine Pflicht aufrichtig und mannhaftig erfüllt – der ein ehrliches, mäßiges und wahrhaftiges Leben führt und sich bemüht, die Gelegenheiten zur Vervollkommnung, die sich ihm von jeder Seite darbieten, nach besten Kräften zu benutzen; und gleichzeitig gibt es Patrioten, die das Andenken und Beispiel großer Männer früherer Zeit in Ehren halten, von Männern, die durch ihr Leiden um die Sache der Religion oder der Freiheit unsterblichen Ruhm für sich und für ihr Volk, jene Privilegien freien Lebens und freier Einrichtungen, deren Erbe und Besitzer es ist, errungen haben.

Nationen dürfen ebensowenig wie Individuen nach ihrer meßbaren Größe beurteilt werden. Denn um groß zu sein, bedarf eine Nation nicht einer großen Ausbreitung, obgleich diese Begriffe häufig miteinander verwechselt werden. Eine Nation kann an Land und Bevölkerungszahl sehr ausgedehnt und dennoch ohne wahre Größe sein. Das Volk Israel war klein, doch welch großes Leben entfaltete es und welch gewaltigen Einfluß übte es auf die Geschicke der Menschheit aus. Griechenland war nicht ausgedehnt. Die ganze Bevölkerung Attikas war geringer als die von Süd-Lancashire. Athen zählte weniger Einwohner als New York und doch wie groß war es in Kunst, Literatur, Philosophie und Patriotismus! Aber es war eine verhängnisvolle Schwäche Athens, daß seine Bürger kein wahres Familienleben hatten, während die Freien von den Sklaven an Zahl weit übertroffen wurden. Seine Staatsmänner waren in ihrer Moral lax, wenn nicht gar verderbt. Seine Frauen, auch die gebildetsten, waren sittenlos. So war Athens Fall unvermeidlich, und er erfolgte rascher als der Aufstieg.

Ebenso ist der Verfall und Untergang Roms der allgemeinen Korruption des Volkes und der immer weiter um sich greifenden Vergnügungssucht und Trägheit zuzuschreiben – wurde doch die Arbeit in der letzten Zeit als nur für Sklaven passend angesehen. Seine Bürger rühmten sich nicht mehr der Charaktertugenden ihrer großen Vorfahren, und das Reich ging unter, weil es nicht verdiente, weiter zu leben. Und so müssen die Nationen, die träge und üppig sind – die wie der alte Burton sagt, »lieber in einer einzigen Schlacht ein Pfund Blut, als bei ehrlicher Arbeit einen Tropfen Schweiß vergießen« – unvermeidlich aussterben, und arbeitsamen, energischen Völkern Platz machen.

Als Ludwig XIV. Colbert fragte, wie es käme, daß er als Herrscher über ein so großes und bevölkertes Land wie Frankreich das kleine Holland nicht hätte erobern können, antwortete der Minister: »Sire, weil die Größe eines Landes nicht auf der Ausdehnung seines Gebietes, sondern auf dem Charakter seines Volkes beruht. Es war der Fleiß, die Mäßigkeit und die Energie der Holländer, die sie für Eure Majestät unüberwindlich gemacht haben.«

Von Spinola und Richardet, den Gesandten des Königs von Spanien zur Abschließung eines Vertrages im Haag 1608, wird erzählt, daß sie eines Tages acht oder zehn Leute aus einem kleinen Boote steigen sahen, welche sich im Grase niederließen, um eine Mahlzeit von Brot, Käse und Bier einzunehmen. »Wer sind jene Ankömmlinge?« fragten die Gesandten einen Bauern. »Das sind unsere edlen Herren, die Gesandten der Generalstaaten«, war die Antwort. Spinola flüsterte sofort seinem Gefährten zu: »Wir müssen Frieden schließen, solche Menschen lassen sich nicht besiegen.«

Die Stabilität der Einrichtungen muß auf der Stabilität des Charakters beruhen. Eine Anzahl entarteter Gemeinwesen kann keinen großen Staat bilden. Das Volk kann hochzivilisiert scheinen und doch bei dem ersten Angriff zerfallen. Ohne Untadeligkeit des individuellen Charakters gibt es für einen Staat keine wahre Stärke, keinen inneren Zusammenhang, kein gesundes Leben. Ein Volk kann reich, politisch, künstlerisch bedeutend sein und doch schon am Rande des Verderbens stehen. Ein Volk, in dem jeder nur für sich und sein Vergnügen lebt – wo jedes kleine Ich für einen Gott sich hält – ist schon gerichtet, und sein Untergang ist unabwendbar.

Wo der nationale Charakter nicht mehr aufrecht erhalten wird, da ist die Nation verloren. Wo die Tugenden der Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Unbescholtenheit und Gerechtigkeit nicht mehr geschätzt und geübt werden, da verdient niemand mehr, zu leben. Und wenn ein Land durch Reichtum so verdorben, oder durch Vergnügen so entartet, oder durch Parteiung so verblendet ist, daß Ehre, Ordnung, Gehorsam, Tugend und Treue nur noch der Vergangenheit angehören, wenn dann ja noch vorhandene ehrenhafte Männer im Dunkeln umhertasten, um ihres Gleichen Hände zu fassen, so bleibt als einzige Hoffnung nur noch die Wiederherstellung und Hebung des individuellen Charakters; und wenn der Charakter unwiederbringlich verloren ist, dann ist in der Tat nichts mehr übrig, was erhalten zu werden verdient.

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Anmerkungen:
  1. Anstatt zu sagen, der Mensch sei das Geschöpf der Umstände, läge es näher, zu sagen, daß er ihr Schöpfer ist. Der Charakter baut sich eine Existenz außerhalb der Umstände. Unsere Gestaltungskraft ist ein Maß für unsere Stärke. Aus demselben Material baut der eine Paläste, der andere Hütten, der eine Speicher, der andere Villen. Ziegel und Mörtel bleiben Ziegel und Mörtel, bis der Baumeister etwas aus ihnen machen kann. So baut sich in derselben Familie unter denselben Lebensverhältnissen der eine ein stattliches Haus, während sein Bruder, schwankend und unzuverlässig, unter Ruinen wohnt; der Granitblock, der ein Hindernis auf dem Wege des Schwachen war, wird zum Trittstein für den Starken.
    G. H. Lewes, »Goethes Leben«
  2. Unter den letzteren befand sich Napoleon »der Große«, ein Mann von unerschöpflicher Tatkraft, aber eines jeden Grundsatzes bar. Er hatte die niedrigste Meinung von seinen Mitmenschen. »Die Menschen sind Schweine, welche sich von Gold mästen,« sagte er einst; »gut, ich werfe ihnen Gold vor und führe sie, wohin ich will.« Als der Abbé de Pradt, Erzbischof von Mecheln, im Jahre 1812 als Gesandter nach Polen ging, gab ihm Napoleon zum Abschied diese Instruktion: »Tenez bonne table et soignez les femmes.« Benjamin Constant bemerkt dazu, daß ein solcher Rat gegenüber einem schwachen Priester von 60 Jahren ein Beweis sei von Bonapartes tiefer Verachtung für die menschliche Rasse, ohne Unterschied von Alter und Geschlecht.
  3. Einer der letzten Sätze in dem Tagebuche Dr. Arnolds, der ein Jahr vor seinem Tode geschrieben wurde, lautet: »Es ist das Unglück Frankreichs, daß seine ›Vergangenheit‹ weder geliebt noch geachtet Werken kann – seine Zukunft und seine Gegenwart können nicht mit ihr verknüpft werden; doch wie kann die Gegenwart Früchte tragen oder die Zukunft solche versprechen, wenn ihre Wurzeln nicht in der Vergangenheit liegen? Das Übel ist unermeßlich, aber der Tadel bleibt auf denen haften, welche die Vergangenheit zur toten Sache machten, aus der nichts Heilsames hervorgebracht werden konnte.«