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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

IX.
Egoismus

Wie weit das Wachstum des Egoismus oder der Ich-Sucht seinen Giftbaum-Schatten wirft, sehen wir sogar aus der Wahl der jetzigen Freuden, welche meist in einem Post- und Wirtshaus-Leben bestehen; wie der Anwachs der Klubs, Harmonien, Museen u. s. w. bezeugt. Je mehr Geselligkeit, desto weniger Anteil; – Höfe, große Städte, große Reisen bezeugen, obwohl durch lauter Freuden und Freudenfeuer, dieses Verhältnis des geselligen Frostes. So ist es z. B. einem Zirkel von Egoisten viel behaglicher – denn es spart dem Wirte Mühe und den Gästen Dank und beiden beschwerliche Teilnahme –, wenn sie sich untereinander außer dem Hause abspeisen, so daß in glänzenden Häusern sogar der Wirt bei sich selber zu Gaste ist. – Allerdings genießt der Ichling den größten Grad häuslichen Glücks, nämlich nur sein eignes, und er ist seine eigne geschloßne Gesellschaft; in seinem Herzen ist keine Kammer der auswärtigen Angelegenheiten, und der sieht, wie Gott, nur aufs Innere und auf keinen andern Menschen als auf seinen innern.

Woher diese Kälte, worin die Menschen wie die Erdschnecken im Froste sich mit Verhärtung ihres weichen Saftes in ihre Gehäuse einspünden? – Woher kommts, um jene Frage durch eine zweite zu beantworten, daß in geselligen Residenz-Städten mehr Ichsucht regiert als in ebenso großen, aber weniger geselligen Hansestädten? Daher, weil dort ein gemeinschaftlicher Tatenzweck wegfällt. Menschen, die miteinander Hand in Hand auf ein Ziel alle losgehen und hinarbeiten, lernen einander in diesem Einigkeits-Zwecke lieben. Daher wird stets in politischen Klubs weniger Selbstsucht als in gesellschaftlichen regieren; daher ist mehr Liebe auf Schiffen, in Schlachten und sogar bei Innungen – daher steigt die Ichsucht am stärksten mit dem Sinken des Vaterlandes, d. h. des Eifers für dasselbe.

Der reine und verwaisete Mensch begibt sich mit dem enterbten Herzen ins häusliche Glück, der andere, der Freuden-Schwindler, wirft sich in das Freuden-Meer, wo ihn Zirkel nach Zirkel umfließen. Das Leben der Griechen und Römer wurde mehr außerhäuslich und unter der Menge geführt, aber eben dadurch auch für Kinder und Weiber mit, welche wieder ihrerseits patriotischer waren als neuere Männer und häuslicher als neuere Weiber. In England bestand bisher die größere Liebe des Vaterlands, der Familie, der Weiber, folglich die rechte Ausgleichung der häuslichen und außerhäuslichen Glückseligkeit.

Vielleicht hat diese Ichsucht durch die letzten Marterjahre Deutschlands mehr verloren als gewonnen. Seit langem haben die reichen Deutschen nicht so viel für arme Deutsche getan als jetzt die verarmten. – Auch verträgt sich der Krieg als ein vielseitiges Bündnis zu einem Zwecke, um entweder abzutreiben oder anzugreifen, schon weniger mit Ichsucht. – Ferner: Not verknüpft notwendiger und fester als Lust, weil mehr daran gelegen ist, die Wunde abzuwehren, als den Kitzel aufzuhaschen. – Endlich: vielleicht haben die bisherigen Äquinoktial-Stürme uns das Vaterland wie einen Frühling aufgedeckt, mancher Schnee ist geschmolzen, und wir sehen das Hoffnungs-Grün des teuern Bodens.