Anzeige
Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

II.
Die neuen Fürsten

Gab es eine Tag- und Nachtgleiche für Fürsten, worin sie selber entscheiden, was nach ihr erfolgen soll, ob ein Frühling oder ein Herbst – ob ein Gang in warme fruchtbringende Zeit oder einer in eine kalte, Blatt und Frucht verlierende: so ist diese Zeit jetzt. Sie haben beinahe die Wahl, entweder allmächtig oder ohnmächtig zu werden. Man betrachte zuerst den schlimmen Wechselfall. Die deutschen Völker, mehr als andere an Sitte und treuer an Fürsten hängend, wurden durch das Erdbeben des Kriegs bald vor jenen, bald vor diesen Thron versetzt – die alten zähen Wurzeln der Anhänglichkeit wurden zerrissen – der Verlust der geliebten Herrscher wurde durch nähere Schmerzen und Verluste nur bedeckt – das allgemeine Wanken aller Aussichten, Gesetze und Höhen teilte sich dem Herzen mit; – was würde nicht aus den unter so wechselnde Hirtenstäbe hin- und hergetriebnen Völkern werden, wenn sie nicht durch Landesväter ein Vaterland bekämen, wie sonst durch dieses jene! Zwar ist dieser Zepter-Tausch durch Krieg besser, als wenn in vorigen Zeiten die Fürsten einander Land und Leute verpfändeten, oder um Pfund Heller abkauften; aber in unsern Tagen sind die Gefühle solcher Verhältnisse geschärfter. Die verwahrloseten Völker würden dann nicht etwa den Schweizern gleich werden, welche als soldatische Europas-Gänger überall dienten – denn diese sahen doch ihr Vaterland hinter sich auf den Bergen, und ihr Kriegslager war nur ihre gymnastische Sonntagsschule –, sondern einem Heere von kalten klugen Egoisten, welche, wie man in Philadelphia bewegliche Häuser verkauft, nichts hätten als bewegliche Vaterstädte, Vaterländer und Herzen, und vor der hereinschwellenden Ichsucht wäre der letzte Damm von Würmern zerbohrt.

Doch so arg kann uns kein Griff der Zeit verzerren. Das deutsche Volk, das sogar in der jetzigen Zeit seine Niederlagen nichts weniger als seiner Kälte schuldzugeben hatte und nichts weniger als der Wärme mancher Machthaber – was helfen denn dem Baum die breiten festen Wurzeln, wenn die Gipfel-Zweige sterben –, dieses ist in seiner Unscheinbarkeit für die Fürsten dem Moose ähnlich, das die Berge vor Verwittern und große Bäume auf ihnen gegen Umwehen beschirmet[1], so wie die deutsche Redlichkeit die zweite Ähnlichkeit mit dem Moose, das nur in der Kälte blüht, behauptet, man mag nun letztere geographisch oder metaphorisch nehmen. Wie Deutschland die geographische Mitte in Europa einnimmt: so hält es auch die sittliche; und wird daher mit Recht im Jungfrauen-Bilde als dessen Herz abgebildet, indes mancher andere Europas-Teil nur Kopf ist, oder ein Faust-Arm. Dieses gute ehrliche Herz, das fast alle europäische Kriege mit ihren Kanonen durchbohrten! – Jetzt hat es Blut genug verloren. Aber eben in diesem Zustand ist alles Balsam, was nicht Wunde ist; und jede schöne Neuerung zum Vorteil des allgemeinen geistigen und sinnlichen Wohls wird leichter ohne den Widerstand überflüssigen üppigen Kraftgefühls empfangen; so wie der Landmann mit Vorteil in den Nachttau und im Nebel säet oder bei Regenwetter die Blumen versetzt. – Und wie kann nicht ein patriotischer Fürst die ersten Jahre der erneuerten deutschen Vaterlandsliebe wuchern lassen, mit welcher die deutsche Nation auf so viele Schlachtfelder und auf Wappenfelder naß hinblickt und ihren Namen nur als vertiefte Arbeit findet! Und wie wenig braucht ein neuer Fürst, um geliebt zu werden! Wie gewinnt er jetzt nicht durch den Abstich mit der nächsten trüben Vergangenheit!

Zu befürchten ist vielleicht nach einer Zeit, wo die Kanonen die Stunden schlugen und die Schwerter sie zeigten, daß ein Fürst sich und Volk am besten zu beraten glaubt, wenn er eine ewige Kriegs-Erklärung organisiert, alle Stände verdeckt zum Wehrstand, alle Schulen zu Kriegs- und Fechtschulen einschmilzt; so daß am Ende Pflug und Feder und das Geräte aller Musen nur das Trieb- und Federwerk einer langsamern Kriegsmaschine werden und er selber ein Großsultan, dessen Krönung und Salbung bekanntlich darin besteht, daß man ihm einen Säbel umhängt. Welcher Regent so dächte, müßte dann einen ewigen Krieg (denn der Friedensschluß wäre nur eine weitläuftig und langsam geschriebene Kriegserklärung) begehren und einleiten, um den Zweck seiner Mittel zu genießen, und um die Mittel (da, sobald die antreibende Idee fehlt, der Krieg selber zum Kriege abrichtet) – zu verdoppeln; dann müßten am besten alle Länder in einem unaufhörlichen Landsturm gegeneinander wehen – statt eines ewigen Friedens und Frühlings (beide leichter möglich als ihr Gegenteil) gäb' es einen ewigen Krieg und Winter, und am Ende, da der Krieg nur auf Kosten eines vorher bereichernden Friedens leben kann, gäb' es nichts mehr zu bekriegen und zu – leben.

Auch ist die Voraussetzung sehr einzuschränken, oder die gewöhnliche Behauptung, der Krieg als solcher gebe die Tapfern und Helden – zeigen kann er sie mehr. – Schon da allemal zwei kriegende Völker miteinander die Stärkungskraft des Krieges teilen, so muß doch etwas anders als die gemeinschaftliche Stärkung den Ausschlag des Sieges geben; dieser liegt folglich im Frieden vorher, hab' er nun die Überzahl oder die Idee erzeugt, welche letztere eigentlich allein triumphiert.

Ebenso macht umgekehrt Friede an sich nicht kraftlos, wie die so lange auf dessen Tabors-Bergen und Tempetälern eingewohnten Schweizer zeigen; oder die Schweden, oder noch mehr die Dänen, oder die französischen Neukonskribierten, welche wie Veteranen fochten; – große Helden bekannten sich oft furchtsamer in den letzten als in den ersten Feldzügen, weil sie dort Ruhm nur zu behaupten, hier zu gewinnen hatten; und das sogenannte Kanonenfieber fällt wie Blattern nur einmal an.

Wie wenig auf der andern Seite Krieg allein nervigt, sieht man an den stets zaghaft das Mittelalter durchfechtenden Italienern, worin nach Robertson zuweilen auf dem Schlachtfelde so viel Mann blieben, als einmal Spartaner entkamen – nämlich einer, oder auch an den Franzosen des vorigen Jahrhunderts, welche sowohl in Luxus als Tapferkeit den jetzigen um ein Jahrhundert nachblieben.

Härtet der Krieg ab, so kann ein Friede, wenn genug Norden und genug Armut da sind, schon der ununterbrochenen Dauer wegen – da im Kriege doch immer Sommer und Winter, Fasten und Übergenuß, Fasttag und Fastnacht wechseln – noch stärker stählen; und entschieden nur Kriegs-Abhärtungen, so bliebe jedes nördliche, jedes verarmende Volk das siegende; und ein Fürst brauchte nichts zu tun, um über den Sieger aus dem warmen Korsika so wie über seine ebenso heißen Leute zu siegen, als das, was längst geschehen, nämlich den so stärkenden Norden an jedem Soldaten-Leibe zu sammeln durch Rock und Hunger zu einem Eis- und Brennpunkt und dann an der Spitze von Drittels-Erfrornen und Halb-Verhungerten zu sagen: nun versucht euer Heil und greift das an, was noch lebt!

Aber was siegt denn am Ende? Die Idee – so wie in der scheuen Mutter die Mutter-Liebe die Löwin wird –; die Idee sei nun Vaterlandsliebe, oder Freiheitssinn, oder Ehre, oder Religions-Eifer, oder die Anhänglichkeit an einen großen Mann, der selber die Freiheit oder ein ganzes Vaterland personifiziert, und der mit dem Geiste die Welt, die Geisterwelt, nachzieht.

Ein Genius wie Cäsar, Friedrich, Napoleon wirbt nur Menschen an, um sie als Helden abzudanken; Cäsars zehnte Legion, so zufällig ausgehoben wie jede andere, ragte siegend vor, bloß weil sie wußte, daß sie die zehnte war, und der Kommandostab des Genius tut das entgegengesetzte Wunder von Minervens Stabe – der den alten Ulysses in einen jungen verwandelte –, indem jener aus neubärtigen Jünglingen Veteranen macht. Würde nun einem Staate in den gehörigen Zeiträumen ein solcher Heiland beschieden: so wäre dem Staat jedes stehende Heer durch das im Heiland schlafende erspart, und er brauchte für nichts zu sorgen als für den Frieden.

Da indes selten ein solches Thron-Palladium (Pignus imperii) vom Himmel fällt, so muß das Volk selber der Idee zugebildet werden, welche die Siege bringt, und dies geschieht bloß, daß es mehr zu sittlichen Zwecken als zu Finanz-, Eroberungs- oder Glanz-Zwecken regiert und erzogen wird. Wie wenig braucht das tapfere abgehärtete deutsche Volk eine andere Erziehung zum Kriege als die zum geistigen Selbst-Frieden, dieses Volk, das im neuesten Selbst-Zweikampf seine Kräfte wieder gezeigt, in wechselseitiger Besiegung angespannt, so wie seine Ähnlichkeit mit dem Elefanten wieder dargetan, der das deutsche Wappentier sein sollte, weil er, schwerfällig in Wendung, schnell geradeausgehend, trinklustig und besonnen, gern tragend, seinen Wärter liebend und Kinder schonend, doch im Kriege Römer zermalmt und – als zahmer den freien fangen hilft.

 

__________________
Anmerkungen:
  1. Physikalische Briefe von De Luc. B. I.