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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

III.
Das deutsche Reich

Niemand sprach mehr gegen die deutsche Reichsverfassung als wir Deutsche sämtlich; bloß später söhnten wir uns mehr mit ihr aus, als sie davon war, und hielten, wie Imperatoren, Päpste und Akademiker, dem Leichnam die gewöhnliche Lobrede. Indes haben alle kräftige Staats-Verfassungen – die griechische, römische, englische – dieses schmähende Selbstrezensieren und diesen Selbst-Zungentotschlag mit der deutschen gemein. Übrigens begehrt der Mensch, besonders der Staaten-Mensch, die Veränderung und den Umbau des Staates so lange, bis die Ruine oder der Neubau da ist; dann flucht er aufs Neue und wünscht das Allerneueste, nämlich das Alte. Aber kann denn eine Welt im Vergehen sich über eine Nachwelt im Entstehen freuen? Wird nicht der alte Wein trübe, wenn der neue sich in den Blüten sammelt? – Gilt der Vorwurf der Lobrednerei veralteter Zeiten nicht ebensogut greisen Körperschaften als einzelnen Greisen? – Der Krieg hat uns unsere Verfassung nur mehr gezeigt als genommen; wäre die alte ehrwürdige noch ununtergraben dagewesen, so wäre sie eben dageblieben; denn der Krieg, dieser schneidende und bohrende Wundensucher der Völker, ist dem Trunk und Wahnsinn gleich, der (nach Seneka) nur die Sünden enthüllt, nicht erzeugt. Folglich ist, seitdem der Bühnenvorhang von den deutschen Theatern aufgezogen nicht sowohl wurde als abgebrannt, nichts zu sagen als: das Alte hatten wir früher verloren als unsere Schlachten, und das Neue ist mehr Gegengift als Gift, und wenn nach Zimmermann der Arzt viel vom Heerführer haben muß, so hatte dieser von jenem. Ingeheim hatten sich in der verfallenden Verfassung wie in einem verfallenen Schacht schon neue Goldadern wieder angesetzt; wovon unser weltbürgerlicher Sinn und unsre Literatur die schönsten sind.

Wo indes echter alter deutscher Reichs-Geist sich noch aufbewahrt – z. B. in den Hansestädten –, da taste diese geistigen Reichs-Kleinodien keine neuernde Hand feindlich an. Laßt den letzten deutschen Eichen, in die leider immer die Kriegsgewitter schlugen, den wilden zackigen Wuchs – Napoleon, oder wer es vermag, rette die letzten Deutschen und forme die übrigen!