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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

VI.
Politische Freiheit

Weniger über die politische als über die Religionsfreiheit können wir am gewissesten sein. Die Verstandes-Kraft der Zeit, die Gewalt und der Glanz großer Beispiele und Gesetze, ganze mit Licht bedeckte Länder und selber der Mangel an Religions-Feuer sagen dem Religions-Lichte die alte Fortbreitung zu; löscht heute den Fixsternhimmel aus, er leuchtet noch viele Jahre in unsere Nächte hinein, bloß weil sein Licht schon so lange unterwegs ist.

Hingegen die politische Freiheit? Die Gewalt kann höchstens die Enkel zu Blinden machen, aber schon die Väter zu Knechten; und wie bei den zum Erschießen Verurteilten zielen zwei Kugeln auf die Brust und nur eine auf den Kopf. – Aber verwechselt hier die Besorgnis nicht den Einfluß des Krieges in den Frieden mit dem Frieden selber? Aus dem Kriege, als aus einem bloßen Loseziehen der Gewalt und des Faust-Unrechts, trägt man leicht ein Stück dieser willkürlichen Gewalt in den Anfang des Friedens aus Gewohnheit hinein; zu oft ist der Friedensschluß selber nur die letzte Schlacht, und die Taube mit dem Ölblatt gleicht oft den zwei Tauben, welche man in England den Verwandten nach der Hinrichtung zufliegen läßt, zum Zeichen, daß der ihrige keine Gnade gefunden. Der Krieg verfälscht mit seinen Gewalts-Bewegungen auf einige Zeit die Gewissens-Regungen, wie das Erdbeben die Magnetnadel irrig und lügend macht. Aber wie der zufällige Wind nur den ersten Faden des Spinngewebes anklebt und bestimmt, und darauf an diesen das Kunsttier die andern ganz geometrisch knüpft: so kann, was die Gewalt gründet, nur das Gesetz bewahren und beschirmen, und was Seneka von Gott in Rücksicht der Naturgesetze sagte: semel jussit, semper paret, gilt von dessen Statthaltern. Der Tempel der Bellona und des Vulkans durften nicht innerhalb der römischen Mauern sein. Zum Glücke darf man sagen, daß schon in einigen neugegründeten Staaten der Friede sich immer mehr vom Kriege reinigt und die Fürsten gleich der Gerechtigkeit nach dem Einstecken des wilden geschwungenen Schwertes mit stillerer Hand die Waage halten.

Da eine Schweiz keine Schweizerei ist, für Kammer und Kabinett – ein Holland keine Holländerei – ein Deutschland keine Deutschländerei – ein Land keine Länderei –: so würde sich gegen einen gekrönten wilden Jäger alles selber wenden und ihn, nicht ihm jagen. Wie in Frankreich ein willkürlicher Druck gleichsam die ganze Nation zum Feuern abdrückte, und wie diese mit Blut, Tränen und Druckschwärze scharf eingeätzte Freiheitsbriefe nicht erlöschen, sondern wie sympathetische Schrift vor jeder Hitze wieder vortreten: so würde alles wiederkommen, wenn die Regierungen die Völker zum Hassen antrieben. Schnell zusammengepreßte Luft entzündet sich. Wie nach Plato im Gastmahl jeder ein Dichter wird, wenn er liebt, so kann er auch einer werden – und zwar eines Trauerspiels –, wenn er haßt, und dann kommt Petrikettenfeiers-Tag.

Aber ein geistig Großer und geistig Gefürsteter kehrt ewig zum Gesetz zurück; Friedrichs des Großen Friede hatte keine andere Ähnlichkeit mit seinem Kriege als den Glanz, Cäsar hätte das Reich gesetzmäßiger regiert als erobert, und Frankreich wird von den Gesetzen beherrscht, und von Napoleon beschirmt und beschienen. Ein Genius gleicht dem Sparta und dem Deutschland des Tacitus und selber dem neuen England, welche nach innen eine strengere Gesetzmäßigkeit bewahren als nach außen. Die Kraftlosigkeit liebt Gesetzlosigkeit; denn nicht die Schwäche, nur die Kraft will immer dasselbe, und dasselbe heißt eben Gesetz. Ja man könnte aus den zwei Behauptungen des Aristoteles (in seiner Politik), nämlich der einen, daß, wer zur rechten Zeit zu zürnen vermöge, zum Herrscher geboren sei, und aus der andern, daß der Besitzer des größten Glücks dasselbe nur durch die größte Selbstbeherrschung ertrage, und daß daher in Elysium nur Gerechteste sein könnten, man könnte aus diesen Sätzen Prophezeiungen für den Knoten lösenden Maschinengott Europas machen, wäre es nicht zum Weissagen – zu spät, indem dieser Maschinengott oder Maschinenmeister durch mehrere neueste Schritte kundtat, daß er nichts als Frieden brauche und ihn künftig über Erwarten bewahren werde, um Friedrich den Einzigen zum zweiten Male zum Muster zu nehmen. Im Kriege ist Friedrich der Zweite nicht der Einzige; bleib' ers auch im Frieden nicht, und werd' er nicht nur übertroffen, sondern auch erreicht! – Und dann ist die Welt beglückt und ihre Verwunderung entschuldigt!

Zur politischen Freiheit gehört die Preß-Freiheit. Auch hier wird der Krieg, der sich mit Preß-, Zeitungs-, Brief- und Postzwang verteidigen muß, diese Not-Maßregeln ebensowenig in den Frieden hinüberziehen als seine übrigen Lasten. Unten an hereinhängenden Lauwinen wird jedes laute Sprechen, das sie herunterwälzen kann, verboten; aber soll man denn auf dem ganzen Wege schweigen, auf den Ebenen des Friedens? Muß ein Staat erst tot sein, ehe man ihn zergliedern darf, und ists nicht besser, durch dessen Krankheitsberichte die Sektionsberichte abzuwenden? Oder soll den Bürgern eines Staats erst ein Feind desselben, der die Hände bindet, die Zunge lösen?

Konnte man nicht in sonst so sprechfreien Staaten manche Sachen noch vor dem 14ten Oktober sagen gerade über die Gewitter-Ableiter, deren Rost eben den Schlag herunterführte?

Übrigens ist jetzt zu viel politisches Licht vorhanden, als daß ein Fürst nicht lieber das ganze zuließe, und er hat in Rücksicht des Vorteils nur die Wahl zwischen gänzlicher (obwohl unmöglicher) Sultans- und Mönchsverfinsterung, oder zwischen Friedrichs des Zweiten Aufhellungs-Freiheit; ein bloßes elendes vergittertes Mittel-Licht erinnert an Baczkos Bemerkung über physische Blinde, von welchen (nach ihm) die mit einigem Schimmer mehr tappen, weniger lernen und weniger sich helfen als die ganz Blinden. Man kann jetzt der Wahrheit nur den Hof verbieten, nicht Stadt und Land; hinter den stummen Lippen werden die Zähne knirschen. Man kann Bücher und Autoren an Ketten legen, aber nicht Mienen und Gedanken. Man kann, wenn man jenes tut, denselben Stoff, der sich als Licht mild und still umhergegossen hatte, zu einer Flamme verdichten, die brausend fortfrißt und niederreißt.

Was ist denn zu wünschen, ja zu hoffen? Dies, daß ein zweiter Schlözer Staatsanzeigen schreibe, und ein zweiter Friedrich die Pasquille leserlicher hängen lasse; damit man wieder erlebe, wie sich Hannover und die Mark mitten unter Umwälzungen betragen – nämlich ruhig.