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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

VII.
Luxus

Die neue Zeit hat sich vor einem Feinde, der die alte besiegte, um so mehr zu fürchten, da sie selber ihn entwaffnet hat; dies ist der Luxus, der vor ihr das – Geld strecken mußte. Verarmung tut, wie dem Einzelwesen, so noch mehr den Völkern so viel Abbruch als Armut Vorschub; diese sperrt den Luxus mit seinen guten und seinen bösen Kindern zugleich aus, jene wirbt durch die bösen um den Vater an. Eine Zeitlang werden die Deutschen – Beispiele zeigen sich – sogar schon aus Unmut und Geldmangel verschwenden. Man hält nur dann am liebsten zu Rate, wenn man etwas vor sich gebracht, und der reiche Geizhals wäre leicht in seinen liederlichen Erben umzugießen, sobald man ihm das halbe Vermögen wegzöge. Schätze sparen, heißt Gegenwart opfern und verschwenden; dazu muntert aber nicht gefürchtete Zukunft auf, sondern gehoffte.

Eine Kontribution gehört unter die Aufwandsgesetze, aber alle schlagen fehl. Unser jetzt auf den halben Sold gesetzter Luxus bringt alle sittlichen Nachteile eines auf den ganzen gesetzten mit, die Veruntreuungen an sich und an andern, die Biegsamkeit und Verbogenheit, die Geldsucht etc. Und werden nicht noch andere Zufälligkeiten das Gift des Luxus noch dicker kochen? z. B. das Beispiel eines berühmten und vergrößerten Landes und besonders dessen Hauptstadt, da sie uns näher angeht als London – die jedem Kriege nachfolgenden Über-Bereicherungen Einzelner – die betäubende Lockspeise neuer Staaten-Einrichtungen – das Throngepränge, welches man dem Sieger des Jahrhunderts, der sie aus säkularischen Gründen wählte, am leichtesten nachzuspielen hat, ohne mit ihm die Gründe gemein zu haben? Denn was das letzere anbelangt, so ists bei einem Genius einerlei, ob er sich durch Prunk oder, wie Attila und der Lord und Friedrich der Zweite, durch Unprunk von seinem Gefolge unterscheidet, und sein geistiger Glanz kann äußerlichen ebensogut entschuldigen als ersetzen. Indes wird die Furcht dieser Einwirkungen durch die Betrachtung, daß uns z. B. das Luxus-Kapua, London, wenigergeschadet, und daß im Mittelalter die Pracht-Gesetzlosigkeit der Thronen darum nicht Prachtgesetze nötiger gemacht, sehr gemildert, besonders wenn man noch zweierlei Luxus voneinander trennt. Der des Volks ist nur ein scheinbarer: denn er ist nichts als der gleiche Schritt des Genusses mit dem Erwerben und Erfinden; und am italienischen oder sinesischen Bauer ist Seide so wenig Luxus als am Seidenwurm. Auch sucht der Volksluxus weniger gehaltlosen Schimmer und fremde Meinung als einige derbe Ausfüllung; und es genießt ihn nur wie Sonntage, ja nur an Sonntagen, folglich in gesunden Zwischenräumen als Stärkungsmittel verschwitzter Werkeltage, die ihn wieder durch den Abstich würzen.

Aber wie anders löset der Luxus des Hochstandes weniger die Arbeits-Knoten als das Lebens-Gewebe selber auf! Dieser, mit der Unersättlichkeit und Grenzenlosigkeit der Phantasie und mit der Allmacht der fremden Meinung treibend, jagt in einen unendlichen Wechsel hinein, und der Schaum dieses Überflusses macht nicht, wie der Volltrunk des Volks, froher und stärker, sondern durstiger, matter und trüber. – Er geht nicht, wie der volkhafte, vom Überfluß aus, sondern rennt diesem erst nach und macht arm, um zu verarmen, gleich sehr austrocknend Berg und Tal, den höchsten und den niedrigsten Stand. Wenn in lustigern Zeiten der Luxus der Hanse, Hollands, des deutschen Mittelalters nur ein solcher Volksluxus, obwohl verschiedner Stände, war, der den eignen Überfluß zu fremdem erzog: so breitet der jetzige Hochstands-Luxus, das üppige Kind der Phantasie, der Durst nach Durst und Trank zugleich, die Eßlust nach Eß- und Magenmitteln und nach Schauessen zugleich, dieser breitet und säet seine relative Armut unter das Volk als wirkliche aus, und eben das Jahrhundert, das Geld so verschwendet wie Zeit und Blut, steht da, behangen mit einem Attributen-Geräte von Sparsuppen, Sparlampen, Sparöfen und Sparbetten. Die rumfordischen Suppen werden alle in Hofküchen gekocht, und die Armen-Anstalten müssen die Reichen-Anstalten gutmachen.

Aber was wollt ihr vornehmen Deutschen denn tun dagegen, d. h. für euch selber? – Was ihr Rechtes dagegen tüchtig wollt, dies vermöget ihr jetzt am leichtesten; denn da der Standes-Luxus, nicht der Genuß-Luxus, eigentlich nur fremde Zungen sucht, wie der Kaufmanns-Gott Merkur vom Opfertiere, da er nur für andere glücklich sein will, wie die Tugend für andere unglücklich: so kommt ja jedem, der sonst der fremden Meinung zu sehr diente, jetzt diese selber zu Hülfe; man steigt nie leichter und unbeschränkter in der Gesellschaft herab als mit dieser selber zugleich, wie die sonst eiteln Ausgewanderten bewiesen. Jetzt ist ja jedes Aufwandsgesetz, das ihr euch selber gebt, ein stilles für jeden und von jedem. Könntet ihr euch in dieser Zeit, die den Gift des Luxus mit welken siechen Staaten bezeugt, und die euch noch dazu die englischen negativen Gold-Küsten versperrt, nicht Kränze durch Entbehren erobern, die ihr sonst durch Erkaufen gewannet? –

Wenn wäre es leichter als jetzt, daß ganze deutsche Gesellschaften – deutsche zu höherem als Wörter-Zweck –, höhere Heilands-Orden, auferständen und zusammenträten, um die amerikanische Cincinnatus-Gesellschaft durch das Beispiel der Lossage vom pressenden Schleppwerk des Leib- und Stubengerätes zu wiederholen – um besonders den gefräßigen Möbeln-Luxus von sich abzuhalten – um sich in die Sonne der bloßen Freude zu setzen und elende Nebensonnen des Scheins, diese Propheten des schlechten Wetters, nur angehörig dem Dunstkreis, nicht dem Himmel, zu verschmähen – – Himmel! wie wohlfeil ist das Leben, wenn man nur froh sein, nicht es scheinen will! Wie viel kostet die fremde Meinung uns täglich Geld und Sünde als die eigne!

Das reißende Untier des Luxus kann kein Einzelner, sondern nur eine Menge bezwingen. Fürsten reichen, wenn nicht in der Verfassung selber die Münzstätte der spartischen Notpfennige ist, mit ihren Prachtgesetzen nicht weit. Ihr könnt alle voraussehen, daß dieser Knochenfraß des Staates, da er niemals innehalten kann, noch weit mehr euere Kinder verzehren und aushöhlen muß, wenn ihr nichts Besseres dagegen vorkehret als ein paar Lehren, euch – nicht nachzuahmen, und wenn ihr nicht durch Entsagungs-Gesellschaften ihnen das entgegengesetzte Beispiel der schlechtern Vielheit gebt. Aber bisher gabt ihr noch statt des Verbots, euch nachzuahmen, sogar den Befehl und Reiz dazu, indem ihr den armen Kindern den Frühgenuß der elterlichen Freuden und dadurch den künftigen Ekel davor und den Durst nach vergrößerten aufdringt. Die Kron- und Kaufmanns-Güter-Gemeinschaft der Kinder mit den Eltern (z. B. Teilnahme an Bällen, am modischen Kleider-Schnitt und -Wechsel) ist nicht bloß Vergiftung der Gegenwart, wie etwa oft bei den Eltern, sondern Vergiftung der Zukunft; denn jeder elterliche Luxus wird im Kinde ein verdoppelter, weil es, bei seiner noch überfüllten dichten Knospen-Natur voll Gegenwart und Traum zugleich, nur auf einen halben Sold und in einen halben Feiertag gesetzt zu werden braucht, um weit mehr als die Eltern mit ihrem ganzen zu haben. O warum ist das Geben so oft nur verkleidetes Nehmen und so manches Geburtstags-Geschenk ein Kirchenraub des Heiligsten!

Was oben vom Volke galt, gilt noch mehr von Kindern; nicht der Magen- oder Einsiedler-Luxus oder der genießende ist der giftigere (denn unsere Alten haben ihn auch gehabt und nur den Überreiz durch Übermaß sich ersetzt), sondern der Augen- oder Gesellschafts-Luxus, der scheinende; denn die hierüber verordnende Phantasie und Eitelkeit finden und setzen, wie alles Geistige, keine Grenze, und man schränkt leichter das Schwelgen als das Schimmern ein; jener ist die oft erdrückende, aber giftlose Riesenschlange, dieser die schimmernde Brillen- oder die vorlaute Klapperschlange, und beide sind die giftigsten Tiere.

Aber wer soll helfen? An wen soll die Rede sich richten? – An die Männer nicht. Sie, überhaupt mehr in Gaumen- als in Augen-Luxus versunken – eine Welt voll Männer würde wenig zu prunken suchen, desto mehr eine voll bloßer Weiber – und ohnehin den weiblichen Pracht-Ordnungen untertan und zinsbar, vermögen hier nichts. An die Weiber wend' ich mich noch weniger, diese gewähren hier nichts; überall mehr als jene auf fremde Meinung geimpft, stecken sie mehr ins Ohr als jene in den Magen – ein feines Tischzeug ist ihnen, wenigstens dem Geschmacke nach, ein indianisches Vogelnest – ihre verschleierten Taten (gegen die prahlend offengelegten der Männer) wollen sie sich wenigstens durch aufgedeckten Schimmer an sich und den Ihrigen belohnen – auch haben sie sich zwei Geschlechtern auf einmal in teuern Äußerlichkeiten zu zeigen, wir kaum einem – sie können mit dem ihrigen nicht, wie wir mit unserm, auf Hieb und Stoß zweikämpfen, sondern mit Geld- und Glanzsucht – und endlich hilft keine Predigt im Auerbachischen Hof. Kurz die Weiber sind die ewigen Tierwärterinnen des Raubtiers des Luxus, die Schutzheiligen dieses verwüstenden Sünders und am Ende die Seelen-Einkäuferinnen für Amerika, wohin und worunter die Not hinweht und treibt, welche, ähnlich der Strafe des Kielholens, die den Verbrecher unten um das Schiff herumzieht, ebenso andere um die Erdkugel herumschleppt.

Aber an wen wend' ich mich denn? An die Mütter! Und diese red' ich an voll Hoffnung, daß sie, wenn Spartanerinnen und Römerinnen für das Vaterland Schmuck, sogar Haare opferten, für ihre Töchter nicht weniger tun und sie durch Beispiel und Gewöhnung von dem Abgrunde wegziehen, der sich wie ein Bergwerk tiefer gräbt, je mehr Gold daraus geholt worden. Keine Mutter sage, daß sie ihr Kind länger liebt, als sie es an der Brust oder an der Lippe hat, wenn sie das arme Wesen in eine verarmte und verdorbne Zeit mit den Bedürfnissen der Unersättlichkeit hinausschickt. In Piemont pflanzt der Vater bei der Geburt einer Tochter 1000 Pappelbäume; im sechzehnten Jahre ist ihr aus der Erde eine Mitgabe von 16 000 Livr. erwachsen.[1] Aber welch eine noch schönere, jährlich sich verdoppelnde Mitgabe wäre eine ganz andere Pflanzung in den Töchter-Herzen, die, welche einmal in den spartanischen und erst-römischen blühte, die Verschmähung des Scheins und Prunks! Wie würde dann das dunkle deutsche Leben gelichtet! Wie leicht würden die neuen Lasten werden und wie stark die Kraft, sie abzuwerfen oder keine neuesten aufzuladen! – Aber wie kann es geschehen? Nicht durch eine Mutter, sondern durch Mütter, und der Himmel und die Ehemänner mögen sie uns bescheren!

 

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Anmerkungen:
  1. Reisen des Abbé Coyer.