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13. Mai 2014

Paten und konkrete Taten

Wie sinnvoll sind Patenschaften für Kinder?, hinterfragt Christa Schyboll

Etwas ganz Besonderes im Leben eines heranwachsenden Kindes sind aktive Paten. Ihr Sich-Kümmern, ihre gesunden Impulse fürs Leben und ihr echtes Miteinander-Tun ist geeignet, dass die Kinder neben den Eltern dann auch von Paten ein geistiges Rüstzeug und einen seelischen Halt erfahren können.

Es war nur ein kleiner Tippfehler und die Müdigkeit eines Bekannten: Das P wurde mit einem T verwechselt. Und schon wurde aus einem Patenonkel ein Tatenonkel. Und ich las und dachte: Tatenonkel! Warum eigentlich nicht!? Was ist denn heute eigentlich mit den Paten unserer Kinder in einer modernen säkularisierten Leistungsgesellschaft. Leisten die Paten etwas? Leisten sich Eltern noch Paten und leisten die Paten sich Patenkinder? Und was bedeuten denn in diesem Zusammenhang "Leistungen"?

Der moderne Pate an sich, so vermute ich, ist seinem Amte nicht weniger treu, als die Paten der Vergangenheit… ganz allgemein gesprochen. Im Speziellen gibt es natürlich immer die individuellen Unterschiede und berühmten Ausnahmen von der Regel, die mit erstaunlichem Engagement aufwarten können. Diese Taten von Paten haben weniger mit dem Geschlecht der Paten zu tun, als mit den persönlichen Verhältnissen und Umständen. Hierbei entscheidet sich, ob man mehr zu den so genannten "Verpflichtungspaten" zählt oder es sogar bis in die Spitze von aktiven "Taten-Paten" oder "Paten-Taten" bringt.

Die vorwiegend christlich geprägten Zeiten kannten das Ehrenamt des Paten schon zwei Jahrtausende. Mit dem Sakrament der Taufe wurde beispielsweise bei den Katholiken vom Taufpaten oder der Taufpatin dieses Amt übernommen und dieses auch in kirchlichen Büchern wie auch später standesamtlich dokumentiert. Um jedoch ein kirchliches Paten-Amt übernehmen zu können, gibt es bis heute eine ganze Reihe Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. So muss man selbst auch Mitglied einer christlichen Kirche sein. Im Falle von evangelischen Paten sollte auch einer der Taufpaten selber evangelisch wie auch konfirmiert sein. Das Patenamt kann weder zurückgenommen noch abgegeben werden. Tritt der Pate jedoch aus der Kirche aus oder verliert er seine Zulassung zum Abendmahl, so erlischt das Amt.

Im Kern geht es bei der Übernahme eines solchen Ehrenamtes einer Patenschaft darum, die Mitverantwortung dafür mit zu übernehmen, dass das Kind den Glauben, auf den es getauft worden ist, auch erfahren und selbst leben kann. Es ist also vor allem eine geistliche Begleitung und Verantwortung, die ein Pate im religiösen Zusammenhang übernimmt.


Die Paten der modernen Zeit


In unserer säkularisierten Gesellschaft wurde auch das Amt des Paten in gewisser Weise verweltlicht. Aus dem ehemals geistlichen Versprechen wurde bei vielen Menschen ein mehr zwischenmenschlich orientiertes Versprechen, das vor allem zum Ziele hat, sich in der Not um das Patenkind zu kümmern. Vor allem dann, wenn die Eltern früh versterben oder sonstwie in große Not geraten und sich um das Kind selbst nicht mehr ausreichend kümmern können. Im Normalfall des Alltags jedoch - jenseits von Not – geht es bei einer Patenschaft darum, das Kind in seinem Wesen zu fördern und in seiner individuellen menschlichen Entwicklung zu begleiten.

Diese aktive Lebens-Begleitung ist vielen Paten aber oft nicht in der Weise möglich, wie sie diese gerne selbst ausfüllen würden und wie es ihrer eigenen inneren Qualität entspricht. Mal sind es Gründe der örtlichen Entfernung zum Patenkind; aber auch die innere Entfernung, die sich im Leben nach und nach zwischen Paten und Eltern des Patenkindes oder auch zum Patenkind selbst aus diesen oder jenen Gründen einstellen kann, kann eine Rolle spielen. Ebenso natürlich können Krankheiten, Geld, Zeitnot mit beruflicher Dauerüberlastung oder weitere persönliche Gründe eine aktive Patenschaft mit häufigem persönlichem Kontakt verhindern.

All das jedoch heißt nicht, dass sich die Paten früherer Zeiten um ihre Patenkinder generell häufiger oder intensiver kümmerten als die heutigen, häufig gestressten Paten. Denn auch früher waren Menschen durch ihre Lebensweisen oft schon überbelastet. Sie konnten sich neben der eigenen großen Schar von Kindern und der anfallenden harten Tagesarbeit nicht noch zusätzlich mehreren Patenkindern aktiv widmen. Zumindest solange nicht, wie keine äußere Not vorlag. Insofern wurde zumeist nicht die eigentlich angestrebte geistige, seelische oder zwischenmenschliche Förderung in einer Weise gelebt, die so stark war, dass sie auch tatsächlich dann prägende und nachhaltige Wirkung auf das Patenkind hatte.

Dazu kommt, dass ein solches Ansinnen, wie es eigentlich dem Wesen des Amtes entspricht, dennoch nicht immer auch im elterlichen Wunsch beheimatet ist. Denn Paten und Eltern können als Erwachsene durchaus im Laufe des Lebens – oder des Patenamtes – sehr verschiedene geistige Richtungen einschlagen und höchst divergierende Sichtweisen zu "Gott und die Welt" vertreten. Das kann zu Konfliktpotential zwischen Eltern und Paten führen, wenn mit einer allzu starken Wirkung auf die kindliche Seele, die nicht immer gewünscht ist, zu rechnen ist. Insofern ist in so manchen Fällen eine Zurückhaltung der Paten in problemfreien Zeiten nicht immer die schlechteste Form für dieses Amt, bei gleichzeitiger Gewähr, dafür aber in der Not selbstverständlich, schnell, zuverlässig und vor allem auch nachhaltig Hilfe zu leisten, wenn sie gebraucht wird. Für die meisten Eltern dürfte dieser letzte Aspekt wohl der Hauptausschlagpunkt sein, warum man sich bestimmte Familienmitglieder oder Freunde für seine Kinder zum Paten wünscht.


Von der Chance eines Patenamtes


Wann und wie aber aus Paten auch "Taten-Onkel" oder "Taten-Tanten" werden, also Menschen, für die das geistige, geistliche und seelische Kümmern tatsächlich auch eine Sache konkreter Taten sind und nicht allein nur guter Wünsche, hängt von vielen individuellen Gegebenheiten ab.

Es ist unbestritten ein großer Reichtum, der in Familien einfließt, wenn sich Paten, Patenkind und Eltern gleichermaßen lebenslang nicht nur gut verstehen und nicht nur die schönen Feste zusammen feiern, sondern einen geistig-seelischen Verbund bilden, der eine gesunde Basis für das Werden der Persönlichkeit zu bieten hat und auch miteinander aktiv zu leisten versteht. All das gibt es. Aber es ist wohl eher die Ausnahme. Ein Ideal, das sich viele Menschen wünschen, aber meist weder Kraft noch Zeit über die Verpflichtungen mit den eigenen Kindern hinaus dafür aufbringen.

Die Regel ist wohl heute eher so, dass die meisten Paten vor allem zu den großen Feiertagen (Weihnachten,. Geburtstag, besondere Feste) ihre Glück- und Segenswünsche wie zumeist auch ihre Geschenke den Patenkindern zukommen lassen, aber ansonsten dieses Amt nicht sonderlich aktiv mit Leben füllen (können). Stellt sich aber, weil die persönlichen Bedingungen untereinander günstig sind, diese lebendige Form von Nähe und Zutrauen zwischen Patenkind und Paten ein, dann haben beide Seiten gewiss etwas sehr Wertvolles fürs eigene Leben mit hinzu gewonnen. Etwas, das weit über den materiellen Geschenken steht: Nämlich einen vertrauten und lieb gewordenen Menschen nah bei sich zu haben, auf den man sich im Falle einer Not tatsächlich verlassen kann und auch gern möchte.

Dieses Idealbild wird eher selten erreicht. Aber der Umkehrschluss bedeutet keinesfalls, dass in der konkreten Not die bisher mehr inaktiven und mit dem eigenen Leben bereits stark belasteten Paten deshalb schon automatisch auch unzuverlässig wären, was das gegebene Versprechen dieses Ehrenamtes angeht. In prekären Situationen können bisher mehr inaktive Paten dennoch zur Hochleistung für genau jenen Akt auffahren, für den es im Ursprung des elterlichen Wunsches in Bezug aufs Patenamt gedacht war: Da sein, wenn es brennt - und das Beste an Hilfe geben, was möglich ist.

Aktive "Taten"-Paten sind gewiss etwas ganz Besonderes im Leben eines heranwachsenden Kindes. Ihr Sich-Kümmern, ihre gesunden Impulse fürs Leben und ihr echtes Miteinander-Tun ist geeignet, dass die Kinder neben den Eltern dann auch von Paten ein geistiges Rüstzeug und einen seelischen Halt erfahren können. Begabte und willige Paten können zudem auch handfestes Wissen oder Fähigkeiten vermitteln, die die Gaben der Eltern vorteilhaft ergänzen. Mit all dem sind wunderbare Voraussetzungen gegeben, die natürlichen Talente eines Kindes durch ein weiteres Vorbild zu fördern. "Taten"-Paten sind ein Glücktreffer auf Dauer. Und inaktive Paten, die menschlich reif und zuverlässig sind, sind halt die Glücktreffer für die schweren Zäsuren im Leben.