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24. November 2009

Sind Ausreden lebensrettend?

Nachdenken über vermeidbare Dellen in den Beziehungen von Christa Schyboll

Wer von Ihnen noch niemals gelogen hat, möge seinen unschuldigen Geist jetzt lieber gerne einer anderen Tätigkeit als dem Lesen dieser Gedanken widmen. Wer aber bereits in die Niederungen von Ausreden steigen musste, um sein psychisches Überleben zu garantieren, mag voller Mitgefühl und Verständnis sein.

Die Waage zwischen Selbstlügen oder Belogenwerden mag sich bei vielen die Waage halten. Manche haben starke Überhänge nach der einen oder anderen Seite, die nochmals gesondert zu betrachten wäre. Bleiben wir beim Normalfall, der dringend immer wieder Ausreden benutzen muss, die nur noch solche minimalen Spurenelemente von Wahrheit enthalten, dass sie eigentlich doch eher zum Lügenkonto zu buchen wären.

Egal, ob man lügt oder belogen wird: Man ist es in jedem Fall selbst schuld. So oder so hat man sich aus Dummheit oder Ungeschick, mangelnder Voraussicht oder einer anderen Schwäche selbst in diese Lage gebracht. In der Regel hätte man durchaus eine Alternative, sofern man nicht sofort mit dem Tode bedroht wird. Das ist aber im normalen Alltag selten der Fall. Üblicher ist eher ein Widerwille gegen eine Situation oder einen Menschen, ein gewisser innerer Ekel, ein unendliches Gefühl des Müdeseins, des In-Ruhe-gelassen-werden-wollens oder ähnlicher Befindlichkeiten, die uns dazu nötigen, trotz Wahrheitsliebe mal wieder schnell zu lügen oder uns „herauszureden“. Und wenn ein Schöpfergott uns diese gnadenvolle Möglichkeit eingeräumt hat, ist es nicht verwunderlich, wenn man sie hin und wieder nutzt.

Die Gefahr dabei ist jedoch die Sucht. Es kann so wunderbar bequem sein, sich nämlich ständig vor irgendwas oder irgendwem herauszureden oder wegzudrücken, dass es zum Dauermuster wird. Der Unterschied zum eher seltenen Gebrauch ist dann das entsprechende Geschick, wie man immer schneller und raffinierter zu lügen weiß oder jemanden um den Finger wickelt. Vorher tastet man quasi schon ab, was glaubhaft oder weniger glaubhaft wirkt und womit man die besten Chancen hat, durchzukommen. Wer hier mit einem minderen IQ und EQ begabt ist, hat in jedem Fall die schlechteren Karten. Er wird durchschaut, macht sich schnell lächerlich und in jedem Falle aber unglaubwürdig. Fabulierlust und Phantasie steigern jedoch die Erfolgsaussichten. Charme, Witz und ein sympathisches Auftreten lassen selbst Steine erweichen.

Sich selbst tut man damit jedoch nur vermeintlich und spontan einen Gefallen. Er kann als Bumerang mächtig zurückschlagen und nicht nur Dellen im Hirn hinterlassen, sondern vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen, weil man mit seinen Ausreden – wie geschickt sie auch sein mögen – einfach zu kurz gedacht hat.