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02. Mai 2014

Offene Beziehung

Als Produkt der gesellschaftlichen Evolution sieht es Christa Schyboll

Das Modell der klassischen Ehe ist im Wanken, seitdem die Mingles auf dem Vormarsch sind. Mingle, der Begriff, der sich aus "mixed" und "Single" zusammensetzt, liebt die temporäre Beziehung und will seine Freiheit nicht verlieren. Unverbindlichkeit und nicht zuviel an Nähe sind die Kennzeichen einer neuen Form des Zusammenseins, das sie von anderen Paaren unterscheidet.

Der Mingle als Symbol der offenen Beziehung konnte als neues Beziehungsmodell in unserer heutigen Gesellschaft nur deshalb entstehen, weil die alten Formen der Zweisamkeit in vielen Fällen nicht mehr oder nur noch mittelfristig lang im Leben tragen. Die Scheidungszahlen sprechen offen von der traurigen Wirklichkeit des Scheiterns. Die Dauer einer festen Partnerschaft beläuft sich nach den neuesten Statistiken auf 14,8 Jahre. Darin eingerechnet sind auch die bestehenden Alt-Ehen mit ihren oft Jahrzehnte langen Beziehungen. Ohne diese traditionellen Partnerschaften der älteren Generation läge die durchschnittliche Partnerschaftsdauer jüngerer Menschen heute vermutlich bereits jetzt schon unter zehn Jahren. Tendenz weiter sinkend. Das hat Folgen für jede Gesellschaft, die über das rein Private hinausgehen.

Schon seit vielen Jahren geht die Tendenz mehr und mehr zu einer Single-Gesellschaft. Die Wohnungswirtschaft stellt sich mit ihren Neuprojektierungen darauf ein wie auch die Konsumgüterindustrie mit ihren Mengen-Angeboten, die häufig nur noch auf Ein-Personen-Haushalte zugeschnitten sind.

Der Single der Gegenwart ist im Alter zwischen 18 und 80 Jahren. Er ist oftmals nur ein vorübergehender Single, der immer wieder neue Formen von Partnerschaften, Familien-Patchwork und wiederum neuem Single-Dasein im Wechsel ausprobiert. Halt so wie es sich aus seiner Beziehungsqualität heraus ergibt. Oder im Falle der älteren Menschen trägt der natürliche Tod des Partners dazu bei, dass jemand wieder zum Single wird – aber im Gegensatz zu früher auch nicht unbedingt dabei bleibt. Bei all dem werden naturgemäß unterschiedlich gute oder schlechte Erfahrungen gemacht. Eine davon ist für viele Singles die Erkenntnis, dass die Zeiten der Einsamkeit oft schwer lasten.

Aber warum sollte man überhaupt einsam sein? Warum nicht die Alternative mit anderen Singles leben, bei denen es derzeit auch nicht für eine klassische Partnerschaft reicht? Oder man denke an jene Menschen, die aufgrund eines völlig anderen Lebensentwurfes eine Partnerschaft oder Familie nicht mehr anstreben, wie es früher üblich war.


Veränderungen durch alle Lebensaltersstufen


Heute, in Zeiten der Offenheit und Toleranz fast allen Formen gegenüber, braucht man sich nicht mehr unter die Knute der alten Traditionen begeben und kann neue Beziehungsmodelle miteinander ausprobieren. Wie zum Beispiel das Modell des Mingles.

Der Mingle im heutigen Stadium seines eigenen Selbstverständnisses kann diese noch relativ neue Lebensform sowohl als die für sich ideale bis zum Lebensende definieren oder aber er sieht sie als eine Art angenehme Zwischenlösung für das noch Bessere, auf das er vielleicht heimlich hofft. Ob und wie lange er in diesem Zustand verbleiben mag, weiß er wohl selbst noch nicht. Das ist letztlich auch eine Frage des Schicksals.

Auch wenn sich heute noch viele Menschen für die Trauung und das Versprechen auf Lebenspartnerschaft bis zum Tod entscheiden, ahnt fast jeder im Hinterkopf, dass diese frühere Selbstverständlichkeit heute nur noch bei wenigen Paaren tatsächlich bis zum Lebensende funktioniert. Und wenn sie funktioniert, braucht es fast immer ein schweres Stück Arbeit, das zu groß ist, um es schon in seiner Dimension und seinen vielfältigen Prüfungen als junger Mensch voll zu überblicken. Das verliebte Herz jedoch trägt immer noch die gleiche tiefe Sehnsucht in sich wie früher: Mit dem geliebten Partner ein Leben lang zusammenbleiben zu wollen. Aber die Zeiten, die Menschen und ihre Lebensart haben sich grundlegend gewandelt.

Dass die Beziehungsform des Mingles überhaupt erst möglich wurde, hängt unter anderem auch vor allem mit dem gesellschaftlichen Wandel des letzten halben Jahrhunderts nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Da fielen nicht nur Gebäude in Trümmer, sondern nach und nach auch immer mehr gesellschaftliche Normen und Werte, Traditionen oder soziale und gesellschaftliche Übereinkünfte. Sie zerbrachen aus vielen Gründen. Einer der Hauptgründe dürfte wohl sein, dass ihnen keine wirkliche Tragekraft mehr innewohnte, die als Wert für die Menschen ausreichend erlebbar war. Ausgelöst unter anderem auch durch innere und äußere Entwicklungen, die alle möglichen Stufen der Freiheit mit ihren Irrwegen und Möglichkeiten erprobten. Derzeit steckt die Masse der Menschheit in ihrer Entwicklung irgendwo zwischen Egoismus und Individualität. Sie ist nicht Fleisch und nicht Fisch und zudem von vielen Ambivalenzen und Desorientierungen angesichts verschwundener Werte gerüttelt und geschüttelt.


Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg


Einzelne sind in allen Kulturen da schon weiter, haben diese Phasen gesund überwunden, sind gemeinschaftsfähig, ohne auch nur ein Gran ihrer eigenen starken Individualität dabei aufzugeben. Im Gegenteil, diese wird sogar noch verstärkt, wirkt sich aber nicht negativ, sondern konstruktiv für den Gemeinschaftssinn aus. Aber diese Vorbilder sind nicht die Regel, sondern die Protagonisten, die oft in ihrem Tun von der Masse als solche nicht einmal erkannt werden.

Die guten Seiten des Traditionellen wurden oftmals von anderen, negativen Formen der Unfreiheit, Scheinmoral oder ungesunden Konventionen früherer Jahrhunderte erstickt. Das verleitet eine Reihe von Menschen, den Fehler der Undifferenziertheit in ihren Betrachtungen begehen und etwas vorschnell alles Alte entweder abzulehnen oder aber zu romantisieren. Das Negative einer Entwicklung stülpt sich leider immer auch über das Positive des Neuen, was dann schnell wieder mit hinweggefegt werden kann, bevor es seinen ersten Atemzug ins Leben tat.

Die Menschheit dürstet es mehr und mehr nach Freiheit, die aber oft nur eine zügellose Beliebigkeit meint und vor allem egoistischen Bestrebungen Vorschub leistet. Freiheit wird von allzu vielen Leuten heute mit Lust gleichgesetzt und ein Recht darauf eingefordert. Wie sehr eine solche Form von Freiheit längst auch eine Sache gelungener Massenmanipulation geworden ist, durchschauen viele Menschen nicht. Der Durst nach solcher Freiheit wurde mit Salzwasser bedient und zeigt Wirkung: Der Durst wird unerträglich.

Mit dem Aufkommen des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg ging unter anderem auch die besser werdende Ausbildung der Frauen einher. Das war ein Erfolg auch der immer stärker werdenden Emanzipationsbewegung. Dadurch wurden mehr und mehr Frauen nach und nach materiell immer unabhängiger von ihren Männern und konnten mitten im Leben ein Adieu sagen, wenn die Partnerschaft unglücklich verlief oder mit ihren Bedingungen zu sehr lastete. Damit wurden aber auch die Männer freier für die Möglichkeit einer Trennung, wenn das eigene Unglück zum Himmel schrie – oder sich egoistische Wünsche dominant in den Vordergrund drängten und ausgelebt werden wollten.

Durch die sich stärker entwickelnde Toleranz innerhalb der Gesellschaft wurden ebenfalls alte Stigmatisierungen abgebaut, was eine weitere Öffnung zum Schritt der Trennung begünstigte und nun plötzlich Singles in jedem Alter hervorbrachte. Scheidungs-Singles.


Unaufhaltsame Umbrüche


Noch vor 50 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich alte Menschen jenseits der 60 noch scheiden ließen. Nicht nur die Frage von Rentenhöhe, Sozialabsicherung oder Existenzfragen nach dem Krieg ließen diesen Gedanken nicht zu. Es war auch ein Zueinanderstehen in der Not, im Alter, in der Einsamkeit. Es war das, was man menschliche Treue meint, die in ihrem Wert unermesslich sein kann und heute mehr und mehr zerbröselt.

Schon 20 Jahre später begann aber selbst in dieser Generation noch ein umdenken. Plötzlich war nicht nur jungen Menschen die Scheidung zur relativen Normalität geworden, sondern auch ältere Menschen besannen sich und ließen sich scheiden. Die "Älteren" von damals sind heute – wieder eine Generation später – keine Alten mehr, sondern oft Topfit in Sport, Geist, Kultur oder sozialem Engagement. Die Altersfrage verschob sich hinein bis ins Biologische, was ebenso gesellschaftsrelevant ist, wie der private Aspekt.

Flankiert wurde all das durch gesetzliche Regelungen. Es versteht sich heute von selbst, dass die überwiegende Anzahl der Frauen lebenslang wird arbeiten müssen, um auch selbständig und freibestimmt bleiben zu können und eine eigene Rente fürs Alter zu erwirtschaften.

All diese Umbrüche in den letzten Jahrzehnten sind Gründe, warum sich der Typus des Mingles als weitere Form einer gewissen Lebensgestaltung entwickelte. Die Tradition, die vorherrschenden Werte, die Emanzipation, die Freiheitssehnsucht, die Frage der Moral, die Manipulation durch Medien und dahinter stehende Interessen, die Veränderung des Individuums und seine neuen modernen Lebensentwürfe mitsamt allen Wünschen und Süchten, die Geschlechterfrage und ihre Bedeutung für einander, die wirtschaftliche Entwicklung und auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen erschufen gemeinsam ein neues Umfeld, in dem nun die alten Balken einer Gesellschaft nicht mehr tragen.

Wohin führt dies alles? Was sind die Chancen? Wo liegen die Risiken? Und was bedeutet diese scheinbare Privatangelegenheit tatsächlich für eine Gesellschaft?

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.